Wie wäre es mit Maquech? Erlebnisse in Mérida (Mexiko)

Pünktlich um 12 Uhr fährt unser Bus in Telchac Puerto ab.

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bis zur Abfahrt wartet man in der „gemütlichen“ Cafeteria

Klaus ist mal wieder der einzige, der die Lage im Bus überblicken kann. Alle anderen Fahrgäste, es sind Mayas, reichen mit ihren Köpfen nicht an den Rand der Sitzlehnen. Hier blicken fast alle Männer zu mir auf, auch mal ein schönes Gefühl. Wir fahren wieder durch kleine Ansiedlungen und haben vom Bus aus einen ungetrübten Blick auf die Gärten. Bepflanzte Beete, Spielplätze, Schrottsammlungen, Tierhaltung und auch private Müllhalden sind zu sehen, oft auch Variationen aus diesen Komponenten.

Wir fahren durch Baca. Ob diese Stadt nach dem bekannten polnischen Maler benannt ist?

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Als wir unserem Ziel Mérida näher kommen, fallen die mit bösartig spitzen Glasscherben gespickten Mauerkronen auf. Wahrscheinlich gab es mal eine Aktion: „Trinken für die eigene Sicherheit.“ Auf den Mauern, die nicht „bewaffnet“ sind, sonnen sich Leguane.

Im Busbahnhof fährt der Bus -scheinbar aus Zeitgründen- gleich zur Tanksäule und nicht an den Bussteig.  Leider scheint sie nicht ganz dicht zu sein oder es wird beim Tanken nicht richtig gezielt. Jedenfalls ist der Boden mit einer schmierigen, wie Teer aussehenden Schicht bedeckt. Egal, da müssen wir durch. Unser Taxifahrer fährt einmal am Hotel vorbei, beim zweiten Anlauf klappt es. Dabei findet man sich hier spielend zurecht. Als die Stadt im 16. Jahrhundert von den Spaniern zwischen den Überresten der ehemaligen Mayastadt T´ho gegründet wurde, hat man die Straßen schachbrettartig angelegt und mit Nummern versehen. Ungerade verlaufen von Nord nach Süd, gerade von Ost nach West. Unser Hotel liegt im historischen Zentrum. Wir lassen uns einen Plan geben und laufen erst einmal zum Hauptplatz mit der Kathedrale, die aus den Resten einer Maya-Pyramide gebaut wurde. Gerade ist Messe, wir bleiben an der Tür stehen und betrachten das recht schmucklose Innere.

Als der Priester zu singen beginnt, wähnt man sich in der Oper – was für eine tolle Stimme.

Draußen kann man wieder das pralle Leben beobachten. Freitag gegen Abend sind viele Familien mit Kindern unterwegs und so wittern Clowns, Verkäufer von quietschbunter Zuckerwatte, kleinem Spielzeug und Luftballons ein gutes Geschäft.

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Und die Tauben wissen auch genau, dass die Teile in den Plastiktüten kein Styropor sind sondern Knabberzeug.

Am nächsten Morgen brauchen wir Geld. Vor dem Automaten steht eine verzweifelte ältere Maya. Wieder und wieder versucht sie ihr Glück und bittet uns schließlich durch Gesten um Hilfe. Sie möchte den Betrag von 50 Pesos (2,28 €) abheben und scheitert jedes Mal, weil sie zwei Stellen nach dem Komma mit eingibt und der Automat daraus 5,000 macht. Klaus hilft ihr und sieht, dass ihr ganzer Kontostand vor dem Abheben aus 95 Pesos besteht. Als das Gerät schließlich den Schein herausschiebt, ist sie vor Dankbarkeit den Tränen nahe.

An diesem Samstag ist Slow Food Market in der Avenida Colon. Das klingt verlockend und wir nehmen für den Hinweg ein Taxi. Hier wird der Begriff „Slow Food“ allerdings anders interpretiert; vegan und glutenfrei ist das Motto. Interessant ist es allemal, vor allem da hauptsächlich Expats (hier lebende Ausländer) die Anbieter – unterstützt von mexikanischem Personal – sind und auch unter den Käufern sind Mexikaner eine ganz kleine Minderheit.

Nachdem wir alles angeschaut und auch einiges probiert haben, laufen wir zurück. Wie gesagt, ein Kinderspiel sich zurecht zu finden.

Einiges ist zu erledigen; beim Optiker die verbogene Brille richten lassen, einen neuen Akku für das Handy und eine gute Tastatur für das Notebook kaufen.

Das klappt alles. Auch Ersatz für das vergessene Nähzeug ist schnell gefunden. Dabei können wir gleich das große Stoffangebot für den bevorstehenden Karneval bewundern, der in Mérida groß gefeiert wird.

Jeden Sonntag um zwölf Uhr gibt es im großen Theater eine Vorstellung. Zwischen den elegant gekleideten Mexikanern fallen ein paar westliche Touristen in zünftiger Outdoor-Kleidung auf. Wir fühlen uns jedenfalls nicht passend angezogen und verzichten auf das Konzert.

Stattdessen gehen wir zur gegenüber liegenden Universität. „Kommen Sie, heute können Sie alles besichtigen und es kostet auch nichts,“ ruft uns ein Mann zu. Wir schauen uns den schönen Innenhof an. Besagter Mann gesellt sich zu uns. Er spricht ein bisschen Deutsch und erzählt uns von der wunderbaren Wirkung der Sisalfasern, die von den Mayas seit langem kunstvoll verarbeitet werden, zu Hängematten zum Beispiel. Er schüttelt sich aus vor Lachen, als er uns erzählt, dass er von einem deutschen Studenten ungläubig gefragt wurde, ob die Mayas wirklich nur in Hängematten schlafen. Ja, das tun sie. Es ist platzsparend, hygienischer als eine Matratze und man kann sie überall hin mitnehmen, außerdem schützt Sisal vor Mücken. Deshalb müssten wir uns unbedingt einen Hipi-Hapa (den typischen Maya-Hut) kaufen. Und den gibt es als Originalarbeit nur in einem bestimmten Laden oder auf dem sonntags stattfindenden Markt in Mérida. Dann lädt er uns noch für den nächsten Abend zu einem Maya-Festival ein und gibt uns einen Zettel mit. „Um 20 Uhr beginnt das Fest,“ trichtert er uns ein. Wir machen uns auf den Weg zum Markt, als der Himmel plötzlich seine Schleusen öffnet. Die Temperatur fällt von angenehmen 26 Grad auf unter 15 und wir hasten durch den Wolkenbruch in unser Hotel.

Erst gegen Abend kann man wieder auf die Straße, die teilweise noch unter Wasser steht. Ich kaufe mir einen Hipi-Hapa. Er ist zwar teuer, aber wenn er gegen Malaria, Zika und Dengue hilft, ist das eine gute Investition. Und wenn nicht, habe ich etwas zum Lebensunterhalt der entsprechenden Familie beigetragen.

Im nächsten Geschäft wird mir etwas ganz besonderes angeboten: Eine Maquech (Makesch gesprochen), eine lebende Käferbrosche.

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In und um Mérida wird diese Brosche aus alter Tradition von Männern und Frauen an der Kleidung getragen. Der 3 bis 4 cm lange holzbohrende Käfer, der nicht fliegen kann, wird mit bunten Glassteinen und einer Kette beklebt, die man dann mit einer Sicherheitsnadel an der Kleidung befestigt. Wenn er nicht als Schmuck getragen wird, darf er sich in einem kleinen Terrarium erholen. Zurück geht diese Tradition auf eine alte Maya-Legende:

Die Lieblingstochter eines Maya-Herrschers war bereits einem Prinzen versprochen. Doch sie verliebte sich in einen ganz gewöhnlichen jungen Mann und der sich in sie. Als ihr Vater von dieser Beziehung erfuhr, wollte er den jungen Mann töten lassen. Die Prinzessin flehte jedoch um Gnade und versprach, ihren Liebhaber nie wieder zu sehen, wenn der Vater ihm das Leben schenken würde. In der Nacht kam ein Schamane zu ihr, der ihr einen Käfer brachte. Dieses sei ihr Geliebter, ließ der Schamane sie wissen. Der Vater habe auf der Verwandlung des Mannes bestanden. Die Prinzessin ließ den Käfer von ihrem Juwelier mit Edelsteinen bedecken und an einem der Beine ein goldenes Kettchen anbringen. Darauf hin befestigte sie das Insekt an ihrer Kleidung, damit es den Schlag ihres Herzens hören und die unendliche Liebe spüren solle.

Als wir am Montag Abend zur Universität laufen erfahren wir, dass das Maya-Festival bereits beendet ist. Entgegen der uns genannten Zeit hat es bereits um 18 Uhr begonnen. Stattdessen gehen wir zur Plaza de la Independencia vor der Kathedrale. Hier findet ab 21 Uhr eine Veranstaltung statt, die von der Tourismusbehörde organisiert wurde. Die Straße ist gesperrt, in einem großen Rechteck sind mehrere Reihen Stühle aufgestellt worden. Wir stehen direkt dahinter und sofort bietet uns das vor uns sitzende ca. 50 Jahre alte Paar seine Plätze an. Wir lehnen das nette Angebot dankbar ab. Im Stehen kann man alles viel besser überblicken. Als die Plätze später frei werden, hechtet eine junge Touristin nach vorne, um sie zu belegen.

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Es wird zuerst eine Maya Hochzeits-Zeremonie gezeigt,

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anschließend folgen typische Tänze zur Live-Musik aus Yucatan.

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Die Frauen tragen die üppig bestickten Kleider, die auch im Straßenbild noch hin und wieder zu sehen sind, die Männer weiße Hemden und Hosen.

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An jedem Abend findet irgendwo in der Altstadt eine Vorführung statt, die immer kostenlos ist, so wie auch die meisten Museen kein Eintrittsgeld verlangen.

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus in die 40 Kilometer entfernte Hafenstadt Progreso.

Die Hauptattraktion ist ein Pier, der 6,5 Kilometer weit ins Meer gebaut wurde. Er gehört damit zu den ängsten der Welt. Der Pier gehört zum Hafenbereich und ist für Fußgänger gesperrt. Stattdessen fahren LKW, um Waren aus und zu Containerschiffen zu befördern. Auch Kreuzfahrtschiffe legen hier an und die Passagiere werden mit Shuttlebussen hin und zurück gefahren. Gerade hat ein Riesenpott der amerikanischen Carnival-Line angelegt und die Passagiere überschwemmen den Strandbereich. Auf diese Touristen hat man sich hier eingestellt, denn in der Nähe des Piers gibt es alles, was das Touristenherz begehrt. Alkohol, Souvenirs und Massagen am Strand – zahlbar in US$. Auch die Einwohner Méridas nutzen die weiten Strände vor ihrer Haustür oft und gern.

Heute wollen wir die Paseo de Montejo in Mérida entlanglaufen. Diese vor über hundert Jahren errichtete Prachtstraße sollte der Mittelpunkt eines neuen Stadtzentrums werden.

Das ist zwar nicht passiert, aber diese Straße ist trotzdem sehenswert, allein der großen Villen wegen, die in verschiedenen Baustilen errichtet wurden.

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Am Ende kommt man zum Monumento a la bandera (Denkmal der Fahne), das in den 1960er Jahren von einem kolumbianischen Künstler geschaffen wurde.

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Es strotzt geradezu vor Symbolik. Auf dem Rückweg auf der anderen Seite der Allee kommen wir zu einer Bilderausstellung, die Fälle häuslicher und sexueller Gewalt in Yucatan thematisiert. Unter jedem Foto steht eine Information zu dem Opfer. Es sind fast alles Frauen, die älteste 35 Jahre alt, das jüngste Opfer ein 13 Monate altes Mädchen, das missbraucht, erwürgt und dann in eine Latrine geworfen wurde. Ich finde keine Worte, um Entsetzen, Wut und Trauer auch nur ansatzweise zu beschreiben.

Das kleine Museo de Arte Popular de Yucatan (Museum der Volkskunst) besuchen wir auf dem Rückweg.

Es befasst sich mit der handwerklichen Vielfalt Mexikos und Yucatans im besonderen. Stickereien, Werke aus Ton, Sisal, Metall und Holz werden liebevoll präsentiert. In einem separaten Raum läuft ein Film, der die Herstellung einzelner Kunstwerke noch genauer zeigt.

Zum letzten Mal laufen wir zur Plaza de la Independencia.

Die heutige Abendveranstaltung findet vor der Casa de Montejo statt, dem Haus des Gründers  von Mérida  Francisco de Montejo  im 16.Jahrhundert, das bis vor kurzer Zeit noch im Familienbesitz war. Inzwischen gehört es der Stadt und dient tagsüber als Museum (Eintritt frei) und zeigt noch Original-Einrichtungsgegenstände. Heute Abend bildet die Fassade den Hintergrund für eine großartige Lasershow die die Symbolik der Skulpturen und Friese auf der Fassade hervorhebt und erläutert. Die anschließende Theateraufführung thematisiert die Auseinandersetzung zwischen einem Maya Fürsten und Francisco de Montejo. Auf spanisch, aber mit auf die Nachbar- Fassade projizierten englischen Untertiteln.

Hasta pronto, Mérida. Schön war es; wir haben uns in dieser bunten quirligen Stadt sehr wohl und sicher gefühlt.

Viva Mexiko – Cancún und Telchac Puerto

Wir haben es nochmal getan. Am 16. 1. 2019 sind wir in ein Flugzeug gestiegen, um unsere unterbrochene Reise fortzusetzen.

Unser Überraschungsbesuch bei der Hochzeit von Klaus Sohn Ende August und die Freudentränen der Enkelin waren die Unterbrechung auf jeden Fall wert. Dass der Wasserrohrbruch in unserem Haus genau in die Zeit der Rückkehr fiel, war ebenfalls Glück im Unglück. So konnten wir alle erforderlichen Maßnahmen selbst organisieren. Der Hausbau von Tochter und Schwiegersohn braucht noch ein paar Monate, ideale Voraussetzungen für uns, um noch einmal auf Reisen zu gehen.

Fürsorglich liefert uns Freund Max am Flughafen ab. Wir erwarten lange Schlangen und Verzögerungen wegen des gestrigen Streiks. Aber alles läuft normal. Pünktlich startet die A330 nach Cancún. Ein paar Stunden später – ich verlasse gerade die Toilette – drängt sich eine der Stewardessen an mir vorbei in die kleine Kabine. Und kurz darauf folgt eine Durchsage, die auf das absolute Rauchverbot im Flugzeug und den Toiletten hinweist und bei Zuwiderhandeln drakonische Strafen – bis hin zur Zwischenlandung auf dem nächsten Flughafen – androht. Ich bin mir jedenfalls keiner Schuld bewusst, schließlich rauche ich seit 40 Jahren nicht mehr.

Nach deutscher Zeit ist es bald Mitternacht, und noch immer fliegen wir im Hellen. Kurz nach der Landung gegen 21 Uhr Ortszeit in Cancún werden alle Passagiere aufgefordert, sich wieder hinzusetzen, weil gleich die mexikanische Polizei die identifizierten Raucher abholen wird. Und kurz darauf verlassen die Polizisten mit den Übeltätern die Maschine.

Nach den Einreiseformalitäten suchen wir einen Taxistand. Die geforderten überhöhten Preise wollen wir keinesfalls bezahlen und nehmen deshalb den Bus in die Innenstadt. Wir fahren durch hell erleuchtete Straßen mit Bars und Restaurants. Bei dröhnender Musik genießen Urlauber Essen, Cocktails und anderes. Die Fahrt endet am Busbahnhof, von dort ist es nur noch eine kurze Taxifahrt zum Hotel.

Am nächsten Morgen laufen wir bei angenehmen 24 Grad zum nächsten Geschäft, um zwei mexikanische SIM-Karten für unsere Handys zu besorgen. Anschließend wollen wir unsere Weiterreise organisieren. Dazu müssen wir wieder zum Busbahnhof. „Der Bus fährt morgens um 10 Uhr, aber Sie müssen um 9 Uhr hier sein,“ erklärt uns die Angestellte in spanischem Englisch oder englischem Spanisch und mit Händen und Augenrollen. Leider wird nur Barzahlung akzeptiert. Die Geldautomaten im Busterminal sind außer Betrieb, so müssen wir erst einmal eine Bank suchen. Aber dann können wir die 500 Pesos bezahlen und werden noch einmal ermahnt, pünktlich zu sein.

Jetzt ist ein Mittagsschlaf nötig. Unsanft werde ich durch einen Schrei geweckt. Klaus ist aufgestanden und steht im Wasser. Die Toilettenspülung ist undicht und hat schon das halbe Zimmer unter Wasser gesetzt. Leider sind auch ein paar Kleidungsstücke nass geworden. Zwei Frauen und ein Mann vom Hotelpersonal beheben den Schaden routiniert und nehmen auch die Sachen zum Trocknen mit.

In einem schönen Restaurant mit herrlichem Innenhof lassen wir den Tag ausklingen. Der Rückweg führt über den Nachtmarkt und bringt uns zu einer großen Eisbahn, die gerade abgetaut wird. Kinder springen jauchzend in den Pfützen herum. Mehrere Wochen lang konnte sich hier Groß und Klein auf Schlittschuhen tummeln. In der Natur haben sie so etwas in Mexiko bestimmt noch nie gesehen.

Viertel vor neun steigen wir am nächsten Morgen in unser Taxi und lassen uns zum Busbahnhof bringen. Ein Kontrolleur winkt uns zu sich, zeigt nach rechts, wo uns schon ein anderer Mann entgegenkommt. Im Eilschritt läuft er vor uns her, zeigt auf einen Bus. Unsere Koffer werden verstaut, und wir in den Bus gescheucht. Vorwurfsvolle Blicke mustern uns. Wir sitzen noch nicht richtig, da steuert der Fahrer um 2 Minuten nach neun aus der Parklücke. Puh, das war knapp.

Auf einer achtspurigen Straße verlassen wir im Regen die ca. 800.000 Einwohner zählende Stadt Cancún Richtung Westen. Vom Bus aus sind interessante Transportmittel beobachten. Der deutsche TÜV könnte sie gar nicht so schnell aus dem Verkehr ziehen, wie findige Tüftler wieder neue bauen.

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In Valladolid biegt der Bus nach Norden ab, um dann in Tizimin weiter nach Westen zu fahren. Dabei verlässt er immer wieder die Bundesstraße 176, um in jede einzelne Ortschaft abzubiegen. Unterwegs kommen wir an einem großen eingezäunten Platz vorbei.

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Blätter der Sisal-Agaven
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Sisal-Agaven
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Sisalfasern

An dem mehrere Meter hohen Zaun sind dicht an dicht lange, lanzenartige grüne Blätter befestigt. Erst als wir ein Stück weiter über Stäben hängende strohfarbene Fasern sehen wir mir klar, dass es sich um Sisal handelt. Diese aus einer Agavenart gewonnene Naturfaser wurde schon von den Mayas kultiviert und hat diesem Teil Yucatans Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts Reichtum und Wohlstand gebracht. Benannt ist die Faser – aus der bis heute Seile, Taue, Teppiche und ganz wichtig: Dartscheiben hergestellt werden – nach der westlich von Merida gelegenen Hafenstadt in Yucatan. Von dort wurde sie in alle Welt verschifft. Heute werden viele dieser Artikel aus Kunstfasern hergestellt, so dass neue Verwendungsmöglichkeiten für Sisal gesucht werden.

In den kleinen Orten fallen die frisch gestrichenen Mauern auf. Ob verputzt, gemauert oder lose aus Steinen aufgeschichtet, alles erstrahlt blütenweiß. Auch der Bürgersteig und vorwitzig heraus schauende Pflanzen wurden nicht verschont.

Schon nach fünfeinhalb Stunden (wir haben 300 km zurückgelegt) erreichen wir die Stadt Motul. Als wir auf dem Marktplatz in ein Taxi steigen bin ich kurz verunsichert und vermute uns in der falschen Stadt. In bunten meterhohen Buchstaben steht dort JUTOM. Doch dann wird mir klar, dass ich den Namen der Stadt von der Rückseite her sehe. Nach 25 Kilometern sind wir am Ziel und können unsere Unterkunft direkt am Meer beziehen.

Luzma, die uns schon erwartet, fährt mit uns zum Einkaufen und setzt uns dann vor einem Lokal ab. Frisch gestärkt laufen wir zur unserem Domizil. Jetzt haben wir eine Woche Zeit, um uns ganz entspannt auf das erneute Nomadenleben vorzubereiten.

Nach einem zwölfstündigen Schlaf sind wir bereit, Telchac Puerto näher kennen zu lernen. Klaus macht mutig einen Ganzkörper-Wassertemperatur-Test. Ich muss verzichten, der Niedrigtemperaturmodus im Flugzeug ist mir nicht bekommen.

Die Einwohner des Ortes lebten auch von der Sisalverschiffung und bis heute vom Fischfang. Der kleine Ort wirkt widersprüchlich. Einerseits wunderschöne neue Villen, andererseits verlassene und verfallene Häuser. Nur die Hauptstraße ist asphaltiert, alle anderen bestehen aus weißem Sand. Am Wochenende ist Telchac Puerto ein beliebter Ausflugsort für die Einwohner aus Mérida, der Hauptstadt Yucatans. Nur so ist die große Anzahl von 15 Restaurants bei knapp 2000 Einwohnern zu erklären. In allen werden Fisch und Meeresfrüchte serviert, die meisten schließen um 19 Uhr.

Als wir nach dem Essen zurückgehen, läuft ein Aguti (mit dem Stachelschwein verwandt) vor uns über den Weg. Wir warten noch auf unsere neuen Nachbarn. Kathy kommt mit ihren drei jugendlichen Kindern aus Nevada, um ein Jahr in Mexiko zu leben. Sie ist nicht die einzige, die aus den USA ausreist. Viele ihrer Landsleute haben sich in Mexiko angesiedelt. Ich frage mich langsam, ob die von Trump geplante Mauer in Wirklichkeit eine Ausreise der Amerikaner verhindern soll. So etwas hat es doch schon mal gegeben.

Im Laufe der Woche gehen wir viel spazieren oder sitzen am Meer und beobachten die Pelikane. Ein Ausflug mit dem Mototaxi (ein auf Mopedbasis gebautes Transportmittel) zur Lagune in San Crisanto ist nicht erfolgreich.

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Wir wollten dort Flamingos sehen, aber hierher kommen sie nur im Oktober. Aber wir haben noch andere Möglichkeiten solche zu sehen.

Für den Tag unserer Abreise haben wir für halb zwölf ein Mototaxi bestellt. Für den Fall, dass der Fahrer uns nicht findet, rollen wir unsere Koffer durch den tiefen Sand bis zur Hauptstraße, aber nichts passiert. Wir sind schon zehn Minuten auf der Straße unterwegs, als es hinter uns knattert. Ein älterer Mann auf seinem selbst gezimmerten und geschweißten Mototaxi rollt vorbei. Unser heftiges Winken lässt ihn dann doch anhalten. So kommen wir mal wieder auf abenteuerliche Weise zu unserem Ziel, in diesem Fall zum Busbahnhof.

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