4. Kumily (Indien)

Letzter Abend am Vembanad Lake; die friedliche Stille wird heute durch laute Musik gestört. Ein paar hundert Meter weiter findet die hinduistische Männerfeier für die morgige Hochzeit statt. Mitbewohnerin Françoise hat uns gerade erzählt, dass sie den Aufbau des Zeltes am Morgen beobachten konnte. Dabei ist sie gleich von der Mutter des Bräutigams zur Hochzeitsfeier eingeladen worden. Es sei eine kleine Hochzeit, meinte die, es werden nur 700 Gäste erwartet. Am Tag nach der Hochzeit kommen dann die Nachbarn, da werden es ungefähr 2000 sein, auch wir könnten einfach dort hingehen. Leider fahren wir und auch Françoise am nächsten Morgen weiter, somit ersparen wir uns den Kauf festlicher Garderobe.

In ganz Indien beläuft sich der Anteil arrangierter Ehen noch immer auf 90 %, in Kerala ist man schon etwas weiter, hier sind es 70 %. Die anderen Paare haben sich meist über den Beruf oder beim Studium kennengelernt, erfahren wir von unserem Gastgeber. Anshad ist Moslem und hat seine und die Hochzeit der Töchter nur im Familienkreis gefeiert. Damit hat er eine Menge Geld gespart. Nach alter Tradition übernehmen die Eltern der Braut die Kosten für die Feier, da kommen bis zu 50.000 € zusammen. Bei den Superreichen geht es natürlich in die Millionen. Doch langsam setzt sich eine partnerschaftliche Teilung der Kosten zwischen beiden Elternpaaren durch. Die indische Hochzeitsbranche macht Umsätze von ca. 130 Milliarden US$ pro Jahr und ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Bis in die Nacht hinein spielt die Musik und erleuchten Laserstrahlen den Himmel. Am nächsten Morgen ist alles ruhig und unser Taxifahrer pünktlich zur Stelle, um uns zum Thekkady Nationalpark zu fahren. Es gibt keine direkte Busverbindung, wir müssten etliche Male umsteigen, das dauert einen ganzen Tag. Mit Gepäck ist uns das viel zu anstrengend. Mit dem Taxi kommen wir auf direktem Weg nach vier Stunden an. Schnell erreichen wir die lange Brücke, die über den Vembanad Lake führt. Sie ist verbunden mit einem Salzwassersperrwerk, das mit 62 Schleusentoren das Wasser aus dem arabischen Meer daran hindert, die tiefer gelegenen Reisfelder zu erreichen. Der nördliche Teil des Sees enthält Brackwasser, der südliche Süßwasser.

Recht schnell kommen wir in höher gelegene Gebiete und damit in ein großes Obstanbaugebiet. Unser Fahrer macht uns auf die verschiedenen Plantagen aufmerksam: zuerst die Gummibäume, dann folgen Kaffee, Kakao, Papaya, Pfeffer, Kardamom, Ananas und Tee. Jede Art gedeiht in der für sie idealen Klimazone. Am schönsten sehen die Teeplantagen aus, dieses leuchtende helle Grün. Je höher wir kommen, umso frischer und kühler wird die Luft. Auf gut 900 Höhenmetern liegt Kumily in einer Region, in der schon die britischen Besatzer aus dem Tiefland gern die heißen Sommermonate verbrachten. Sie erkannten das Potential der Region und wandelten das Waldgebiet in große Plantagen um. Heute ist Kumily als Gewürzhauptstadt bekannt.

Das gebuchte Hotel ist wesentlich größer als gedacht. Wir haben es ausgesucht, weil es so zentral gelegen ist. Die Anlage ist an einem Hang gebaut und hat verschiedene Bungalows und ein Pool. Zum Haupthaus müssen wir etliche Treppen steigen, dann gibt es zum Glück einen Aufzug, der uns in die zweite Etage bringt. In dem schönen großen Zimmer warnt ein Schild davor, die Balkontür geöffnet zu lassen, weil immer wieder Affen auf die Balkone springen. Wir sehen allerdings keinen einzigen, das mag daran liegen, dass gegenüber in einer katholischen Kirche ein dreitägiges Fest gefeiert wird. Es ist alles da, was den Menschen gefällt: Laute Musik, bunte Beleuchtung und ein paar Stände mit allerlei Dingen, die Kinder und Erwachsene erfreuen. Die Kirche ist jedenfalls proppenvoll. Religion ist hier vor allem eins: Fröhlich.

Unser Hotel wird hauptsächlich von Reisegruppen angefahren, am Morgen sind es Isländer, die sich am Frühstücksbuffet begeistert auf die exotischen Früchte stürzen. Auch viele indische Familien verbringen das Wochenende in der angenehmen Luft von Kumily.

Beim Rundgang durch die Stadt staunen wir über die vielen Geschäfte mit Gewürzen. Jedes mal, wenn wir an einem vorbeigehen, steigt uns ein angenehmer Duft in die Nase. Überhaupt reiht sich hier Geschäft an Geschäft. Im Erdgeschoss jedes Hauses ist entweder ein Laden, ein Restaurant, eine Agentur oder eine Bank. Ausnahmen finden sich nur bei Villen oder einzeln stehenden Häusern am Stadtrand.

Am Montag machen wir eine Jeeptour. Unser Fahrer fährt die Hauptstraße entlang und hier gibt es einen Grenzübergang in das Bundesland Tamil Nadu. Sobald wir über die Grenze gefahren sind, schlängelt sich die Straße in engen Kurven auf der anderen Seite der Kardamomberge talwärts. Unser Fahrer zeigt uns verschiedene bedeutende Dinge, das Pallivasal Wasserkraftwerk, das bereits seit den 1940er Jahren die Versorgung der Region mit Strom sicherstellt. Der „Wasserfall“ gleichen Namens ist ein beliebter Picknick-Platz. Auf dem Weg dorthin sehen wir viele Kapokbäume, die unter idealen Bedingungen bis zu 75 Meter hoch werden können. Die gerade reifen Früchte sehen aus wie Gurken, sind jedoch ungenießbar. Sie enthalten glatte weiße Fasern, die sich nicht zum spinnen oder weben eignen. Dafür sind sie wasserabweisend und damit das ideale Füllmaterial für Schwimmwesten und Rettungsringe. Ich kann mich erinnern, dass meine Eltern dreiteilige Kapok-Matratzen hatten, als ich noch ein Kind war.

Nach und nach fahren wir verschiedene Plantagen an. Wir sehen mehrere Sorten Bananen, die roten sollen dem Körper Wärme entziehen. Die grünen halten wir für unreif, doch sie schmecken viel besser als manche reife Bananen, die wir aus Deutschland kennen. Weltweit gibt es mehr als 100 Sorten. Eine ausgewachsene Bananenpflanze entwickelt eine bis zu 30 cm lange lila Blüte, die nach unten hängt. Unter jedem Blütenblatt entwickelt sich eine Bananenhand, mit zwölf bis zwanzig Fingern. Das ergibt die Staude, die bis zu 50 kg schwer werden kann. Hat die Pflanze Früchte getragen, stirbt sie ab. Doch aus dem Wurzelstock treibt bereits ein neuer Schössling.

Für Weintrauben gibt es eine raffinierte Anbaumethode, die Stämme der Weinstöcke wachsen ca. 1,80 Meter hoch, ein Drahtgeflecht wird an Betonstempeln in derselben Höhe befestigt und die Ranken klammern sich daran fest. Die gerade reifen Trauben hängen alle nach unten, gut geschützt vor gefräßigen Vögeln, die von oben nur eine grüne Fläche sehen. Unter jedem Traubenacker hat es sich ein Wächter oder eine Wächterin gemütlich gemacht. Diese hat sogar eine elektrische Waage dabei und wir kaufen ihr ein paar Trauben ab, die an Ort und Stelle für uns gewaschen werden, bevor sie sie in eine kleine Plastiktüte packt. Wein wird aus diesen Trauben nicht gekeltert, sie werden gleich gegessen oder enden als Rosinen, die in der indischen Küche eine wichtige Rolle spielen.

Dieselbe Anbaumethode wird bei Passionsfrüchten, Guaven und Peechinga (Flügelgurke) angewandt. Auf einem Feld stehen gerade Tagetes in voller Blüte, rechts orangefarbene, links gelbe. Wegen ihres starken Eigengeruchs brauchen sie hier keinen Schutz. Zurück in Kerala halten wir an einem Aussichtspunkt, bevor wir einen Kräutergarten besuchen. Die hier wachsenden Pflanzen werden entweder zu Medizin verarbeitet oder es sind Gewürze.

Besonders beeindruckend finde ich die Muskatnuss, bei der man sich durch verschiedene Hüllen arbeiten muss, um endlich an die Nuss zu kommen. Zuerst die birnenförmige weiche gelbe Frucht öffnen, dann den leuchtend roten Samenmantel (Macis) entfernen, die braune Schale aufknacken und da ist sie die Muskatnuss. Wir kaufen ein Massageöl und eins zum Inhalieren und später in der Stadt noch ein paar Gewürze.

Am Nachmittag sind dann plötzlich die Affen da. Es sind so schöne Tiere mit glänzendem schwarzen Fell und heller Kopfbehaarung. Die seltenen und vom Aussterben bedrohten Nigiri-Languren fressen nur Blätter. Mit ihren langen Gliedmaßen springen sie geschickt von Baum zu Baum und balancieren an langen schwankenden Stämmen. Obwohl sie nicht in die Hotelzimmer eindringen oder den Touristen etwas vom Balkon stehlen, sind sie hier nicht gern gesehen, mit Platzpatronen und langen Stangen werden sie vom Hotelpersonal verscheucht. Leider verschwindet als erstes der Nigiri-Marder, der blitzschnell im Baum vor unserem Zimmer über die Äste flitzt. Die Affen kennen das alles schon und wissen, dass ihnen nichts passiert, nur unwillig verlassen sie den Garten.

Die Makaken, die am nächsten Morgen über die Balkongeländer turnen sind durch das Geknalle ebenfalls nicht zu beeindrucken.

Von Kumily aus fahren spezielle Busse in den Thekkady oder Periyar Nationalpark. Im fast 1000 km² großen Schutzgebiet in den Kardamombergen leben Elefanten und Tiger. Mitten im Nationalpark liegt der große Periyar-Stausee. Besucher können Wanderungen oder Bootstouren im weitverzweigten Gewässer machen. Wir wollten schon am Sonntag Eintrittskarten kaufen, aber der Andrang war groß, so dass wir zwei Tage später einen neuen Versuch starten. Es sind zwar weniger Besuche vor Ort, aber erst im dritten Bus bekommen wir einen Platz. Mit dem Kauf der Fahrkarte für das Boot erfahren wir den Namen des Schiffs und unsere Platznummern, die leider in der Mitte zu finden sind. Auf jedem Sitzplatz liegt eine Rettungsweste, die jeder anziehen muss. Das Boot hat schon abgelegt, da kommt ein Mann von der Besatzung und verlangt noch einmal unsere Fahrkarten zu sehen. Er schüttelt den Kopf und winkt uns, ihm zu folgen. Auf dem Oberdeck bekommen wir direkt an der Außenseite die neuen Plätze zugewiesen. „Da unten sehen sie doch gar nichts,“ meint er. Das stimmt natürlich. Später lässt er sich immer wieder meine Kamera geben, um Tiere zu fotografieren, die ich noch gar nicht gesehen habe.

Gemächlich gleitet das Boot über den See. Elefanten und Tiger sehen nicht, aber Sambarhirsche, Gaur und verschiedene Vögel. Die abgestorbenen Bäume im Wasser sehen im Licht der Nachmittagssonne wie Skulpturen aus.

3. Mararikulam und Allapuzha (Indien)

In der Umgebung der Klinik befindet sich kein einziges Uber-Fahrzeug, während wir noch beratschlagen, hält eine Rikscha (Tuk Tuk) vor dem Eingang. Das Fahrzeug hat sogar einen Kofferraum, in dem unser Gepäck Platz findet. Tuckernd schlängelt sich der Fahrer durch den Verkehr und wir bedauern nur, dass auf dem Tischchen vor unserer Bank jetzt kein nettes Getränk steht. Bisher sind wir nirgends durch unbewohnte Gegenden gekommen, aber die 1,4 Mrd. Menschen in Indien brauchen schließlich Platz. Auf der linken Straßenseite großes Remmi-Demmi, hier sehen wir mal ein christliches Fest. Vor der großen Kirche sind dicht an dicht Buden aufgebaut, wo man all das kaufen kann, was es bei uns auch auf einer Kirmes gibt, nur dem hiesigen Geschmack angepasst.

Auf einer engen Straße erreichen wir den Zugang zu unserer Unterkunft, gut 50 Meter müssen wir noch durch tiefen Sand laufen. Doch Habib, unser Host, erwartet uns schon und kümmert sich um die Koffer. Vor unserem Zimmer im ersten Stock liegt ein großer Balkon, von dem wir Meeresblick haben. Da hält es uns nicht lange im Zimmer. Kurze Zeit später sind wir am Strand, der hauptsächlich von Fischern genutzt wird. Jetzt am Nachmittag sind alle Boote an Land. Trotz des Seegangs laufe ich in das herrlich warme Wasser und werde von der nächsten Welle in den Schleudergang genommen. Mit Sand paniert und triefnassen Haaren rette ich mich mit Klaus Hilfe ans Ufer. Vier Jugendliche amüsieren sich köstlich.

Als wir zurück zu unserer Unterkunft kommen, zeigt uns Mery, die Mutter der Besitzer, die Außendusche und spült mit einem Eimer Wasser unsere Füße ab. So schleppen wir wenigstens nicht den ganzen Sand ins Zimmer, doch beim Duschen fällt immer noch genug aus der Badekleidung.

Morgens werden wir wach, weil anscheinend jemand auf dem Dach herumturnt, doch es sind nur die Glanzkrähen, die es hier in großen Schwärmen gibt. Sie rennen auf dem Blechdach über dem Balkon herum und schauen immer wieder nach, ob es schon Frühstück gibt. Man kann einen gedeckten Tisch keine Sekunde verlassen, die cleveren Vögel nutzen jede sich bietende Gelegenheit, etwas zu stehlen. Ob sie auch die Möwen von hier vertrieben haben? Wir sehen keine einzige. Stattdessen können wir am Strand beobachten, wie die Krähen am Spülsaum des Meeres nach Muscheln stochern und es gelingt ihnen immer wieder, sich eine zu schnappen. Vermutlich orientieren sie sich an den aufsteigenden Luftblasen, wenn das Wasser zurückgeht.

„Amballa ok,“ sagt Habib eifrig am nächsten Morgen. Kurzes rätseln, ach er meint, dass er den Umbrella (Sonnenschirm) am Strand für uns aufgespannt hat. Jetzt können wir dort bequem vom Sessel aus die Rückkehr der Fischer beobachten. Ein Schwarm Krähen kreist über den Booten, und über ihnen beobachtet ein etwas kleinerer Schwarm Brahminenweihen (eine Habichtart) das Geschehen. Mit vereinten Kräften ziehen die Fischer die ca. 8 Meter langen Holzboote an den Strand und dann beginnt noch eine zeitraubende Arbeit für die Besatzung. Das Netz wird Stück für Stück kontrolliert, entwirrt und falls nötig repariert. Dann ordentlich zusammengelegt und wegen der zersetzenden UV-Strahlung sofort mit einer Plane abgedeckt. Danach wird der Fang geteilt, jeder bekommt eine Plastiktüte mit vielleicht 2 – 3 kg der sardinengroßen Fische. So wenig Ertrag für diese anstrengende Arbeit. Zum Schluss kommt eine weitere Plane über das ganze Schiff, dann verlassen die Fischer den Strand. Darauf haben die streunenden Hunde gewartet, im Schatten der Boote haben sie bis zum Abend einen angenehmen Ruheplatz. Nie sind sie Menschen gegenüber aggressiv, nur nachts hört man sie ihre Kämpfe untereinander austragen.

Nach vier Tagen in diesem Homestay, wo wir richtig verwöhnt worden sind und dem gelegentlichem Baden im Meer, reisen wir weiter. Schon nach einer halben Stunde erreichen wir die nächste Unterkunft, idyllisch gelegen am Vembanad Lake, mit 96,5 km der längste See Indiens, und einem Kanal der den einprägsamen Namen Puthanangadi South Pulikkalchira River trägt. See und Kanal gehören zu den Backwaters, einer Wasserlandschaft aus 900 km miteinander verbundenen Flüssen, Seen und Kanälen parallel zur Küste am Arabischen Meer. Die Backwaters sind Wasserstraßen, Fischgründe, Vogelparadies und eine Attraktion für Touristen. Fähren und Hausboote befahren den See und die breiteren Kanäle. Die schlanken Fischerboote sind überall unterwegs, und mit einem Kajak kommt man bis in die letzten Winkel. Vom überdachten Essplatz aus können wir beobachten, wie die kleinen Fischerboote durch den dichten Teppich der Wasserhyazinthen zum See und zurück in den Kanal fahren.

Am Samstag verkündet Anshad, unser Gastgeber, dass heute Tempelfest sei, und wir uns das unbedingt ansehen müssen. Jedes Tempelfest wird einmal im Jahr an dem Tag gefeiert, an dem der Bau geweiht worden ist. Wir sind immer noch unsicher, was Nichtgläubige im Hinduismus dürfen und was nicht. Doch die strikte Ausgrenzung scheint nur für die Tempel der höchsten Kategorie zu gelten. Um 16.00 Uhr holt uns ein Fahrer mit einer „Magic Iris“, einem putzigen kleinen Auto von Tata ab, nur um kurz darauf wieder umzukehren und noch zwei Gäste aus unserem Homestay mitzunehmen. Ein paar Kilometer weiter steht der Tempel und andere Gebäude auf einem großen sandigen Platz. Ein mit goldenem Nettipattam (Stirnschmuck) geschmückter Elefant in Ketten wartet vor dem blumengeschmückten Tempel darauf, dass ein Priester oder Würdenträger aufsteigt und das blumengeschmückte Schild übernimmt.

Danach wird er von seinem Mahut (Elefantenpfleger) an seinen Platz unter einem von Säulen getragenen Dach geführt. Im Sand vor der Säulenhalle sitzen die Gläubigen in festlicher Kleidung und verfolgen die Zeremonie. Und schon kommt der nächste Elefant und alles wiederholt sich. Der dritte Elefant vergreift sich blitzschnell am Blumenschmuck, aber genauso schnell hat sein Mahut die Blumenkette wieder aus seinem Maul geholt. Noch zwei weitere Tiere kommen dazu, dann stehen sie alle in einer Reihe und ihre Reiter tragen außer den Schilden noch goldene Schirme.

Während der ganzen Zeit spielen vier Musiker auf Chenda (Trommel) und Schalmeien, durch Verstärker um ein Vielfaches zu einem infernalischen Lärm gesteigert. Ich schwanke zwischen Abscheu und Faszination, mir tun die Elefanten unsagbar leid. Unentwegt wird ihnen Futter vor die Füße gelegt, um sie ruhig zu halten, ein Mann ist pausenlos damit beschäftigt, für sie die Blätter von langen Bambusstangen zu schneiden. Die Mahuts tragen lange Stangen mit Metallspitzen, um unruhige Tiere im Notfall unter Kontrolle zu bringen.

Später lese ich, dass vor einem Jahr bei einem solchen Fest neun Elefanten fünf Menschen getötet und viele verletzt haben. Die Tierschutzorganisation PETA bietet für religiöse Veranstaltungen Elefantenroboter an. Ich hoffe nur, dass sich das sehr schnell durchsetzt.
(Foto von PETA)

Der Tempel ist mit unzähligen Blumen geschmückt. Weiße, gelbe und orangefarbene Tagetes sind zu Ketten aufgefädelt worden, selbst das Dach ist dicht an dicht mit Blumen bedeckt. Wie viele Hände und Arbeitsstunden dafür wohl nötig waren? Interessant, dass es die gleichen Blumen sind wie im Buddhismus.

An der Außenwand sind kleine Gefäße angebracht, die später mit Öl gefüllt und angezündet werden. Am Rand des Platzes stehen Buden, in vielen wird jetzt mit der Essensvorbereitung begonnen, in anderen werden fertige Leckereien und Spielzeug angeboten. Wir quetschen uns zu viert in eine Rikscha und lassen uns zurückfahren. Noch lange rauscht es in den Ohren.

Es ist Sonntag, da wird nicht gefischt. Die Boote transportieren heute nur Menschen, die zu dem Tempel wollen , der unserem Homestay gegenüber steht. Drei Männer steigen nacheinander in den Kanal und begießen ihre Köpfe mit dem Wasser. Es dient der spirituellen Reinigung oder dem Abwaschen von Sünden. Ich bin skeptisch, ob das mit diesem dreckigen Wasser funktioniert.

Wir beschließen nachmittags, am Kanal entlang in den Ort Puthanagadi zu laufen. Am Ufer liegen bergeweise Muschelschalen, die Muscheln werden aus dem See geerntet und gegessen. Etwas erstaunt stellen wir fest, dass die Geschäfte geschlossen sind, aber wir wollen nur Geld am Automaten holen. Ein Mann deutet die Hauptstraße hoch, das Navi sagt etwas anderes. Wir fragen einen anderen Mann, der gerade mit einer großen Tasche aus seinem Haus kommt. Er nickt, steigt auf sein Moped und bedeutet Klaus, sich hinter ihn zu setzen. Ich muss auf die Tasche aufpassen und schon sind beide um die Ecke verschwunden. Nach kurzer Zeit sind sie zurück, Klaus mit dicker Brieftasche (100 Rupien sind 0,91 €). Ein Trinkgeld lehnt der freundliche Mann ab.

Ein anderer Spaziergang in den Ort führt an luxuriösen Häusern vorbei und bringt uns zu einem großen öffentlichen Wasserbecken. Es dient gleichermaßen den Körperpflege, wie zum Wäschewaschen. „Ihr könnt dort schwimmen gehen,“ sagt Anshad „es ist sauber“. Wir verzichten aber lieber.

Heute steht ein Bootsausflug auf dem Programm. Um 15 Uhr werden wir von einem schlanken Holzboot, das mit bequemen Sesseln und einem Dach ausgestattet ist, abgeholt. An vielen chinesischen Fischernetzen geht es zunächst zu einer kleinen Insel, die als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Doch beim Spaziergang über die Insel sehen und hören wir keinen einzigen Vogel, da ist an unserer Unterkunft am Kanal wesentlich mehr zu sehen. Eisvögel, Kormorane, indische Teichreiher, Heckenkuckuck, Dschungelkrähe und Schwarzhaubenpirol haben wir schon bestimmen können. Wir laufen auf die andere Seite der Insel, hier gibt es einen vernachlässigten Kinderspielplatz und es wird an einer überdachten Bühne gebaut. Auf dem Rückweg huscht ein kleiner Waran vor uns über den Weg. Nachdem wir im Schatten noch zwei Kokosnüsse verzehrt haben, geht es zurück aufs Boot. Vorbei an schwimmenden Inseln aus Wasserhyazinthen erreichen wir das andere Ufer und neben einem luxuriösen Ressort biegt der Bootsführer in einen breiten Kanal ein. Am Ufer stehen hübsche Häuser, allerdings werden sie nach und nach ärmlicher, je weiter wir in den Kanal vordringen. Jetzt sehen wir Menschen, die am Ufer angeln, waschen oder Wasser holen. Erstaunlich ist die Menge an Haus- und Ausflugsbooten, die hier festgemacht haben. In den ganzen Backwaters muss es tausende solcher Boote geben. Als wir kurz vor unserer Unterkunft sind, malt die untergehende Sonne einen Streifen auf das Wasser des Sees.

Auf unseren bisherigen Reisen waren wir aufgrund unseres Alters fast Exoten. Die meisten Reisenden, die wir getroffen haben, waren junge Backpacker. In Indien ist das ganz anders, hier gehen wir in der grauen Masse der reisenden Rentner – hauptsächlich Briten – förmlich unter. Aber was für interessante Menschen sind hier unterwegs: Ein Ehepaar, das zum 18. Mal in Indien ist und insgesamt auf über 5 Jahre Reisezeit kommt; mehrere Paare, die in einem Hilfsprojekt für Kinder ehrenamtlich tätig sind; ein Niederländer, der indische Flöte spielen lernt; eine Deutsche, die seit 5 Jahren ohne Wohnsitz in der Welt unterwegs ist …

2. Alleppey (Indien)

Schon Wochen vor unserer Abreise spukt mir ein Wort im Kopf herum: AYURVEDA. Noch zuhause recherchiere ich zu der mehrere 1000 Jahre alten „Wissenschaft vom Leben“ und lese, dass Menschen mit Arthrose durchaus Schmerzlinderung erfahren. In Fort Kochi gehen wir in eine Ayurveda-Sprechstunde und erhalten ein Angebot für eine ambulante Behandlung; wir sind unentschlossen und sprechen mit unserem Gastgeber über das Thema. Er empfiehlt uns eine Klinik, gut 20 km von Fort Kochi entfernt, kompetent und preiswert. Klaus nimmt schriftlich Kontakt auf und wir bekommen die Zusage, dass wir direkt im Anschluss an unseren Aufenthalt in Fort Kochi dort unterkommen können.

Der Uber-Fahrer hat sich einen DIY-Gepäckträger mit Reling aufs Dach montieren lassen und darauf kommt mein mit einer Gummispinne gesicherter Koffer. Der andere findet im Kofferraum Platz.

Die Fahrt führt fast fast die ganze Zeit am Meer entlang, auf der anderen Seite riesige Wasserflächen, unterteilt durch kleine Dämme. Es sind abgeerntete Reisfelder, Fische und Garnelen (Tigerprawns) haben die ca. 10 cm tiefe Wasserfläche bis zur Neuanpflanzung jetzt ganz für sich. Sehr zur Freude der verschiedenen Reiherarten, die hier massenhaft im Wasser stehen und auf Beute lauern. Früher wurde das Wasser nach der Reisernte abgelassen, doch die Wasserknappheit hat die Bauern gezwungen, auf kombinierte Fisch-Reiszucht umzustellen. Ein doppelter Gewinn: Die Tiere vertilgen Unkraut und Schädlinge im Wasser, ihre Ausscheidungen düngen wiederum die Reispflanzen und der Verkauf bringt zusätzlichen Gewinn. Im Bundesstaat Kerala wird diese Methode intensiv genutzt.

Wir staunen über die vielen Kirchen, die wir während der knapp einstündigen Fahrt sehen, Der Süden Keralas ist stark christlich geprägt, doch auch der Hinduismus hat seinen Platz, das ist an Dekorationen an und über den Straßen schnell zu erkennen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht durch laute Musik auf irgendein religiöses Fest hingewiesen werden.

Im Ayurvedahospital – das übrigens von einem Deutschen mitgegründet wurde – wird Klaus schon namentlich mit einem Zettel an der Anschlagtafel begrüßt. Das Hauptgebäude könnte einen neuen Anstrich vertragen, aber bei der Lage in der Nähe des Ozeans würde der nicht lange halten. Wir beziehen ein Zimmer mit Bad im neueren der beiden Gebäude. Es hat ein großes Doppelbett, Schrank, Tisch und Stuhl und eine kleine Couch. Trinkwasser bekommen wir aus einem großen Wasserspender. Außerdem haben wir einen großen Balkon, der rundherum mit Fliegengitter umschlossen ist. Ob man sich mit Klimaanlage oder Ventilator abkühlt, bleibt jedem selbst überlassen.

Anschließend haben wir einen Termin mit der Oberärztin, sie hört sich unsere Beschwerden an, fragt nach den Medikamenten misst Blutdruck und Gewicht und gibt nach der Pulsdiagnose ihre Einschätzung bekannt. Sie empfiehlt uns mindestens 14 Tage zu bleiben, doch wir haben uns schon vorher auf eine Woche festgelegt. Während sie einen Therapieplan erstellt, wartet die erste Massage bereits auf uns. Frauen bekommen zuvor ein Kleid, in dem sie zur Massage gehen, Männer einen Sarong.

Ich liege nackt auf einem Holztisch, werde mit Öl begossen und eine ¾ Stunde vierhändig sanft massiert, danach in einem anderen Raum von zwei Therapeutinnen mit heißen Beuteln genauso lange am ganzen Körper gestempelt. Die pampelmusengroßen Beutel sind hier mit Linsen, Kräutern und Steinsalz gefüllt und werden immer wieder in heißem Kräutersud getränkt. Jetzt verstehe ich auch, warum beim Mittagessen fast alle Frauen die gleichen Kleider getragen haben. Nach der Massage ist der Körper ölig und würde die eigene Kleidung verschmutzen. Alle 3 Tage werden die Kleider eingesammelt und gewaschen, man kann aber auch zwischendurch nach einem neuen fragen.

Während ich mich mindestens 10 kg leichter fühle und zu unserem Zimmer schwebe, um zu duschen und mich auszuruhen, kommt Klaus stöhnend zurück, er ist von seinen beiden Therapeuten mit Füßen traktiert und in der zweiten Hälfte mit warmem Kräutersud begossen worden. Meine Annahme, dass Männer härter rangenommen werden, erweist sich als falsch. Schon am nächsten Tag bekomme ich das am eigenen Leib zu spüren. Dieses Mal liege ich auf einer Matte auf dem Fußboden. In Türhöhe sind zwei starke Seile längs durch das Zimmer gespannt. Meine beiden kleinen und zierlichen Therapeutinnen reichen mit ausgestreckten Armen nicht bis an die Seile, sie werfen einen Sarong darüber, schlingen sich beide Enden um die Hände und dann werde ich mit den Füßen massiert. Bei der anstrengenden Massage wechseln sich beide ab. Manchmal fühlt es sich an, als schlittere sie über meinen Körper. Immer wenn die Fersen eingesetzt werden, wird es wirklich unangenehm. Wo kommen bloß die schmerzhaften Knoten an verschiedenen Stellen meines Körpers her?

Nach einer Behandlung sind wir immer total erschöpft und fallen in Tiefschlaf, aber was sollen da die Therapeuten sagen, die ständig mit voller Körperkraft im Einsatz sind. Während einer Massage frage ich meine Therapeutin nach ihrer Arbeitszeit. Sie kommt morgens um 8 Uhr und arbeitet mit einer Mittagspause in der Klinik bis 17 Uhr, und das an 7 Tagen in der Woche. Urlaub hat sie an ein paar religiösen Feiertagen. Da erübrigt sich jede Frage nach ihrer Work-Life-Balance.

Wir haben inzwischen von einer Assistenzärztin unseren Therapieplan bekommen. Außer den täglichen Massagen muss Klaus 3 Tage lange Reisporridge essen und Ingwerwasser trinken, morgens reicht ihm die Ärztin vor dem Frühstück ein Becherchen warmes Ghee. Ich komme mit verschiedenen Medikamenten und drei Einläufen davon. Dreimal am Tag gibt es vegetarisches Essen, schwach gewürzt, mit frisch gepressten Säften (morgens) und immer leckerem Salat (mittags).

An einem Nachmittag laufen wir durch den Ort, jemand hatte uns von einem idyllischen Spazierweg erzählt, doch den finden wir nicht. Nur einen Kanal, ein Sägewerk, einen hübschen kleinen Hindutempel, schöne Häuser und viel zu viel Verkehr auf der Hauptstraße. So macht Laufen keinen Spaß.

Nach und nach kommen wir mit den anderen Patientinnen (ca. 85%) und Patienten ins Gespräch. Außer uns, einem schwedischen Paar, einer Finnin und einer Brasilianerin sind anfangs alle aus Frankreich. Vor gut 15 Jahren hat eine Französin über ihren hiesigen dreiwöchigen Aufenthalt auf Youtube berichtet und damit viele Geschlechtsgenossinnen inspiriert, es ihr gleich zu tun. Alle, mit denen wir ins Gespräch kommen, sind zum wiederholten Male hier. Valerie hat immer wieder mit ihrem Gewicht zu kämpfen und kehrt nach den 3 Wochen leichter und voller Energie zurück. Marii ist zum 5. mal hier, sie hat im April nach einem Trümmerbruch ein künstliches Schultergelenk bekommen. Künstliche Gelenke sind ein Problem für die Therapeuten, denn an Titan oder Keramik kann man nichts verändern, aber sie hofft auf Schmerzlinderung an Arm und Rücken. Nach ein paar Tagen kommen vier Deutsche. Es ist schön, sich mal wieder unterhalten zu können, ohne nach Worten suchen zu müssen. Melanie ist total überrascht, anhand der Pulsdiagnose hat die Ärztin eine vor kurzem überstandene schwere und langwierige Infektion festgestellt. Brigitte hat einen Bandscheibenvorfall und nur mit starken Schmerzmitteln den Flug überstanden. Schon am 2. Tag ist sie nach einer fast nicht auszuhaltenden Behandlung nahezu schmerzfrei. Sie und ihr Mann Manfred sind auch schon zum wiederholten Male hier. „Man spürt, wie man Tag für Tag ein bisschen heilt,“ sagt er.

Viele Gespräche drehen sich um das Thema, was macht man nach der Kur. Einige fliegen gleich wieder zurück, andere wollen noch eine Woche an den Strand oder eines der vielen Sehenswürdigkeiten besuchen. Nur Louise hat einen anderen Plan: „Essen,“ sagt sie und lacht.

Ayurveda ist bei uns in erster Linie Wellness. Ganz anders in Indien, hier ist es ein staatlich anerkanntes Medizinstudium unter Einbeziehung westlicher Schulmedizin. Das Gundstudium dauert 5,5 Jahre. Weitere kommen für Masterstudiengänge hinzu. In Deutschland laufen an einigen Universitäten Studien zur Wirksamkeit von Ayurveda.

Wir haben in den 7 Tagen beide an Gewicht verloren, meine Haut sieht glatter aus und die Stellen, an denen es immer wieder gezwickt hat, machen weniger Ärger.

Kurz vor unserer Abreise am letzten Tag kommt ein holländisches Paar an, beide in den 80ern. Mit Umarmungen und Willkommensrufen werden sie begrüßt. Es ist ihr 8. Besuch in der Klinik, das sagt doch alles.

1. Fort Kochi (Indien)

Etliche Wochen später als geplant fliegen wir am 11.1.26 mit Saudia Airlines nach Indien. In Frankfurt ist es winterlich kalt und der Himmel dicht bewölkt. Die Maschine ist nicht voll besetzt und ein Stuart bringt den Herrn auf dem 3. Sitz neben uns zu einem anderen Platz. “Jetzt haben Sie es bequemer,” sagt er lächelnd zu uns. Kaum hat die startende Maschine die Wolkendecke durchstoßen, gibt es nur noch blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Es folgt ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, der die Wolkendecke in ein flauschiges rosa Gebilde verwandelt. Als wir über Ägypten fliegen, ist es bereits dunkel, nur die Ansiedlungen an beiden Ufern des Nil leuchten hell. Etliche westlich gekleidete Männer verschwinden nacheinander in den Toiletten und kommen in zwei weiße Frotteetücher gewickelt wieder heraus. Wir überfliegen das rote Meer und als wir auf der Höhe von Mekka sind, werden die Passagiere aufgefordert, jetzt ihre Gebete zu sprechen. Kurz darauf erreichen wir Dschidda. Ich glaube, das Wort Lichtverschmutzung ist hier erfunden worden. Unter uns ein Lichtermeer, mehrspurige Autobahnen, Schnellstraßen, alle Straßen und Wege sind hell erleuchtet. Die Landebahnen werden von roten, grünen, blauen und gelben Lichtbändern eingerahmt. Energie hat man hier im Überfluss. 

Der König-Abdal-Aziz-Flughafen – 1980 von einer deutschen Firma erbaut – ist flächenmäßig einer der größten der Welt und bietet Pilgermaschinen viel Stellplatz. Das neue Terminal wurde 2018 eröffnet und hat im Zentrum ein gigantisches Pendel.

Alles ist großzügig, hell und um 23.00 Uhr Ortszeit sind Massen von Menschen unterwegs. Alle Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, Servicepersonal ist unentwegt mit Reinigungsarbeiten beschäftigt, der Betrieb wird nicht weniger, als wir zu unserm Weiterflug um 2.00 Uhr über mehrere Laufbänder zum Gate gelangen.  

Dieses Mal haben wir es nicht so bequem, die alte Maschine mit unbequemen Plastiksitzen und ohne Bildschirme ist voll besetzt. Es sind in der Hauptsache Inder, die in ihre Heimat fliegen. Viele von ihnen arbeiten in den Ölstaaten.  

Mit halbstündiger Verspätung landen wir um 10.30 Uhr in Kochi, der größten Stadt im Bundesstaat Kerala. Das Hotel hat uns ein Taxi geschickt, doch bevor wir den Fahrer treffen können, stehen uns die Einreiseformalitäten bevor. In Sachen Bürokratie kann Deutschland einiges von Indien lernen. Die Beantragung der eVisa hat uns schon Zeit und Nerven gekostet, und jetzt wird jeder Buchstabe, jede Zahl noch einmal überprüft. Immerhin dürfen wir in Polstersesseln mit Schondeckchen Platz nehmen. Um 12.00 Uhr treffen wir dann endlich den Fahrer, der ein Schild mit meinem Namen hochhält. 

Die Koffer kommen auf den Vordersitz, weil sich im Kofferraum ein großer Gastank befindet, und dann verlassen wir das gepflegte Flughafenareal durch eine Schranke und landen im quirligen Großstadtverkehr mit aller Art von Fahrzeugen. Im Stadtbild wechseln sich modernste Hochhäuser mit einstöckigen Shops, Werkstätten und Lokalen ab. Wir sind zwar keine Neulinge in Asien, aber hier ist alles nochmal bunter, chaotischer und verrückter. Man weiß überhaupt nicht, wohin man schauen soll. Die Stadt Kochi hat ca. 700.000 Einwohner, aber die Metropolregion 3,5 Millionen. Die Stadtteile gehen ineinander über und liegen zum Teil auf Inseln und Halbinseln. 

aus Reise Know-How „Indien der Süden“

Ruhiger wird es erst, als wir über mehrere Brücken unseren von den Portugiesen 1503 gegründeten Stadtteil Fort Kochi erreichen. Über 40 Kilometer haben wir zurückgelegt, als wir nach zwei Stunden vor unserem Homestay ankommen.

Vier Zimmer werden in diesem Haus vermietet, wir wohnen in 107! – sehr einfach, aber mit eigenem Bad und Klimaanlage. Für eine Woche inklusive Frühstück zahlen wir 160 €. 

Wieder müssen wir die Pässe vorzeigen und sogar unsere eVisa. Und jetzt beginnt die übliche Anfangsprozedur, Geld am Automaten holen – es klappt erst am dritten – und SIM-Karten für die Handys kaufen. Das dauert nochmal genauso lange, wie die Einreise. der Reisepass wird fotografiert und dann alles nochmal von Hand eingegeben, wir werden fotografiert vor einem schmuddelig weißen Rollo, das der junge Mann mit der linken Hand hinter unsere Köpfe hält. Erst nach unzähligen Versuchen akzeptiert das Programm das Foto.   

Abends landen wir in einem kleinen Restaurant, im Hof drei Tische. Der Besitzer-Kellner-Koch empfiehlt eine Vorspeise und danach Fisch. Wir trinken einen Mojito, natürlich ohne Alkohol. Die Vorspeise heißt Cutlet und besteht aus Frikadellen, einmal Huhn und einmal Rind. Da die Fische sehr klein sind, bekommen wir jeder zwei, einmal gebraten mit Salat und einmal in einer würzigen Soße aus Kokosmilch, grünen Chilis, Ingwer und Knoblauch. Wirklich gut. 

Am nächsten Morgen lernen wir indisches Frühstück kennen. Es gibt drei Crepes für jeden und dazu eine Schale Dal (gelbe Linsen), Papaya und Tee oder Kaffee. In den nächsten Tagen bekommen wir jeden Morgen etwas anderes serviert. Der Gastgeber legt Wert auf Abwechslung. 

Mit einem Tuk Tuk, das hier Rikscha heißt, zum größten Teil von der italienischen Firma Piaggio in Indien produziert wird und in unzähliger Menge auf den Straßen herumfährt, lassen wir uns zum Vasco da Gama Platz bringen. Hier stehen schon viele Kollegen unseres Fahrers und warten auf Kundschaft, denn die meisten Touristen wollen das wichtigste Gebäude in Fort Kochi, die St. Francis Church besuchen.

Sie ist die erste Kirche, die von portugiesischen Mönchen auf indischem Boden errichtet worden ist. Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckte, wurde 1524 hier beigesetzt, 14 Jahre später fanden seine Gebeine in Portugal ihre letzte Ruhe. Auch in einer christlichen Kirche müssen Besucher die Schuhe ausziehen. Filmen ist in der recht schmucklosen Kirche verboten, fotografieren nicht.  

In Kochi findet gerade die Bienale statt, Indiens größte internationale Kunstausstellung. Alle zwei Jahre wird zeitgenössische Kunst im Bereich Malerei, Skulptur und Installationen in verschiedenen Gebäuden im alten Stadtteil ausgestellt. Gegenüber der Kirche können wir in einem ehemaligen Country Club einen winzigen Teil der Ausstellung besichtigen.  

Kurze Zeit später sind wir an der Promenade. Dicht an dicht stehen hier Verkaufsstände und alle bieten Eis an. Die Promenade – gesäumt von Verkaufsständen – erstreckt sich im weitem Bogen nach Osten. Hier herrscht ein unglaublicher Betrieb in beide Richtungen, aber man wird nicht belästigt. Zwei rostige Dampfkessel, die früher für die Hafenkräne gebraucht wurden, sind heute ein beliebtes Fotomotiv. Die Inder sind äußerst rücksichtsvoll, sobald jemand fotografiert, bleiben sie stehen und warten oder laufen um den Menschen mit Kamera herum.  

Müllsammler sind am Strand unterwegs, die sind auch bitter nötig, der Strand ist unglaublich verschmutzt. Das hindert ein paar Fischer jedoch nicht daran, mit ihren Wurfnetzen ins Wasser zu gehen. Besser haben es diejenigen, die eins der rund ein Dutzend chinesischen Netze besitzen. Das ist eine massive Holzkonstruktion mit breiter Plattform, ein großes quadratisches Netz wird kurz ins Wasser gelassen und nach ein paar Minuten von drei bis sechs Männern wieder herausgezogen. Die darin gefangenen Fische und Krebse werden direkt am Steg oder an der Promenade verkauft. Damit kann man in ein nahe gelegenes Restaurant marschieren und sich den frischen Fisch nach Wunsch zubereiten lassen. Das Netz wird gleich wieder heruntergelassen, dank einer raffinierten Konstruktion mit großen Steinen genügt dazu ein einzelner Mann. Sobald das Netz wieder nach oben gezogen wird, stürzt sich eine Schar weißer Reiher auf den Fang. Solange es sich nur um kleine Fische handelt, lassen die Fischer sie gewähren.  

Zwischen den chinesischen Netzkonstruktionen liegt die Station der Water Metro, die in 20 Minuten nach Ernakulam, den modernen Teil von Kochi fährt. Rund um die Station hat sich ein großer Markt mit Kleidung, Spielzeug und sonstigen Kinkerlitzchen angesiedelt.  

An einer bemalten Mauer vorbei, von denen es viele in Fort Kochi gibt, gehen wir in ein Café, gleichermaßen beliebt bei Touristen und Einheimischen. Entsprechend sind die Preise, wobei wir bei 3,50€ für ein Sandwich mit Thunfisch- bzw. Hühnersalat wirklich nicht meckern können. Abends entdecken wir ein weiteres Café in der Nähe unserer Unterkunft, das Mahé ist in einer über 100 Jahre alten gepflegten Villa mit viel Grün rundherum eingerichtet. Die Kolonialherren haben es sich wirklich gutgehen lassen. 

Am Mittwoch machen wir eine Stadtrundfahrt in einer Rikscha. Unser Fahrer zeigt uns den beliebten Sunset-Point westlich von den chinesischen Netzen und fährt durch den trubeligen Markt zur Santa Cruz Basilika. Sie gilt als eine der schönsten Kirchen des Landes und hat auch eine spannende Vergangenheit. 1505 erbaut von den Portugiesen, 1558 zur Kathedrale ernannt, von niederländischen Eroberern ausnahmsweise nicht abgerissen, was mit vielen katholischen Kirchen passierte. Den Abriss haben dann 1795 die Briten übernommen. Hundert Jahre später wurde ein Neubau in Auftrag gegeben und zehn Jahre später fertiggestellt. Pabst Johannes Paul II. hat die Kirche 1984 zur Basilika erhoben, dafür gibt es auch ein päpstliches Symbol über der Mitteltür.  

Der niederländische Friedhof zeigt noch viele verwitterte Grabsteine, aus der Besatzungszeit 17. – 18. Jahrhundert. Betreten kann man ihn nicht, das Tor ist verschlossen.  

Dhobi Khana ist die nächste Station, diese öffentliche Gemeinschaftswäscherei wurde bereits von den Niederländern gegründet. Die Dhobis, eine südindische tamilische Gemeinschaft musste für die Armee der Besatzer die Uniformen waschen. Noch heute existiert die ausschließlich von muslimischen Männern betriebene Wäscherei, wo alles reine Handarbeit ist. Zahlreiche Nischen haben aus Beton geformte Wasch- und Spülbecken. Auf einer Wiese sind Leinen gespannt, wo die Wäsche ohne Klammern befestigt wird, es gibt auch einen Bleichplatz. Und in der Halle vor den Becken wird gebügelt. Fertige Wäsche wird in nummerierten Verschlägen aufbewahrt. Hotels und Privathaushalte nutzen diesen Service heutzutage. Noch knapp 50 Familien soll diese Arbeit ernähren; ihre Wohnhäuser befinden sich direkt gegenüber in einer kleinen Gasse. 

Nächster Halt ist am Thirumala Devaswom Tempel, ein sehr bedeutender und wichtiger Bau, der bereits 1599 vollendet worden ist. Nur Hindus der höheren Ordnung dürfen diesen Ort besuchen. Wenigstens ist das gegenüber im Tempelteich stehende Häuschen mit dem Kupferdach ein schönes Fotomotiv. Die beiden Tempel für die Gottheiten Kuh und Löwe in der Nähe sind dagegen für alle Hindus zugänglich. Direkt nach diesem Foto verweigert meine Kamera ihren Dienst, die Batterie ist schlagartig leer.  

Sosehr wir uns auch wehren, unser Fahrer hält vor zwei Geschäften und bittet uns, wenigstens einmal hineinzuschauen, dafür erhält er Punkte. Gutmütig erfüllen wir ihm den Wunsch. Der holländische Palast, der von außen so gar nichts hermacht, bleibt unbesucht. Das Knie will heute keine Treppen steigen, deshalb fahren wir gleich weiter ins jüdische Viertel. 

Juden leben hier vermutlich nicht mehr, lt. Wikipedia sollen Anfang dieses Jahrhunderts nur noch ca. 20 ältere Juden hier gelebt haben. Ursprünglich waren es drei verschiedene Gruppen, bei denen sich auch eine Art Kastensystem entwickelt hat, je nach Herkunft und Hautfarbe waren sie mehr oder weniger angesehen. Die meisten sind irgendwann nach Israel emigriert. Heute befindet sich im jüdischen Viertel eine Ansammlung von Geschäften, die alles bieten, was einen Touristen zum Kaufen verführen könnte. In einer alten Synagoge gibt es eine Kunstausstellung, im Hof vermutlich den letzten Friedhof. 

Interessant sind die Gewürzläden. Diese Vielfalt, die der Grund für die europäischen Eroberer war, einen Seeweg nach Indien zu finden, begeistert auch heutzutage noch. Wie das schon riecht, wenn man einen solchen Laden betritt. Zimt, Nelken, Pfeffer, Kardamom, Muskat und mehr, und dann gibt es Dinge, die wir bisher weder gesehen noch von ihnen gehört haben. 

Abends gehen wir in ein vegetarisches Restaurant. Was in der indischen Küche aus Gemüse entsteht, ist einfach großartig. Kein Fleisch bedeutet hier keinesfalls Verzicht. Wir kommen in den nächsten Tagen öfter an diesem Lokal vorbei, und nur einmal gelingt es uns, noch einen Platz zu ergattern. 

Die Kamera lässt sich nicht wieder aufladen, wir fragen nach einem Fachgeschäft und müssen dafür nach Ernakulam. Mit der Water Metro fährt man für 0,50 € mit dem Boot in 20 Minuten zum Festland. Mit uns steigt eine Gruppe Nonnen ein, wir kommen mit zweien ins Gespräch. Sie sind vom Heiliges Kreuz Orden, und eine erzählt stolz, dass sie schon einmal in der Niederlassung Altötting war. 

Angekommen in Ernakulam fahren wir mit einer Rikscha zum Fotogeschäft, gleich mehrere Mitarbeiter bemühen sich um uns, rufen extra ihren Techniker an, der nach 10 Minuten da ist, und eine Ladevorrichtung für die Batterie konstruiert. Nach über einer Stunde ist sie so weit geladen, dass ich wieder Bilder machen kann. Da dieser Typ Kamera nie in Indien verkauft worden ist, gibt es auch keine Ersatzbatterien. 

Noch ein Abstecher in ein Einkaufszentrum, wo wir etwas essen. Im Erdgeschoss fährt zur Freude der Kinder ein englischer Doppeldeckerbus durch die Gänge und alle wollen mitfahren.

Wir laufen zur Promenade und dort über die Rainbowbridge, die einen stinkenden Kanal überspannt. Trotzdem sind die Menschen begeistert von der Brücke und machen eifrig Fotos. So viele unterschiedliche Typen sind hier unterwegs, die Frauen fast immer traditionell gekleidet, mit Hose und Kaftan oder auch im Sari, aber auch westliche Kleidung sieht man an Inderinnen. Im Terminal müssen wir lange warten, bis die richtige Fähre anlegt, aber alles läuft stressfrei ab, die Warteschlange rückt kontinuierlich voran. Als wir Fort Kochi erreichen, beleuchtet die untergehende Sonne die chinesischen Fischernetze.