Ko Samet 

Die Hilfsbereitschaft der Menschen macht das Reisen hier so angenehm. Immer ist jemand da, der mit dem Gepäck hilft oder eine Hand reicht.

So auch, als wir ins Boot steigen. Wir müssen Rettungswesten anlegen, das Boot wird angelassen, es gibt einen Knall und dann nichts mehr. Ein anderes Schiff wird herbeigerufen, alle klettern von einem schwankenden Boot in das andere und mit Verspätung geht es los. Als wir nach einer halben Stunde den Hafen sehen, streikt auch dieses Boot.

Nach mehreren Versuchen ist der Motor dann doch bereit, uns holpernd bis an den Pier zu bringen, wo eine große Statue die Reisenden grimmig anschaut. Sie sieht aus, als hätte ihr jemand das Handy in dem Moment geklaut, als sie ein Selfie machen wollte. Nachdem jeder 200 Baht Eintritt für den hiesigen Nationalpark gezahlt hat, bringt uns ein Sammeltaxi zu unserer Unterkunft auf der Ostseite der Insel mit den schneeweißen Stränden,  

Unser Ressort ist den Hügel hinauf gebaut. Wir müssen über viele Stufen, um zu unserem Bungalow zu kommen. Jemand hat sorgfältig darauf geachtet, dass keine der 49 Stufen dieselbe Höhe hat. Das wird jetzt unser tägliches Training. Ein weiteres absolvieren wir in unserem Bungalow. Die Bodenplatte neigt sich um 10 Zentimeter von vorn nach hinten. Wann immer wir aus dem Bett aufstehen, erfasst uns leichter Schwindel. Und wer in die Dusche läuft, hat das Gefühl abbremsen zu müssen.

Das Meer hat eine wunderbare Temperatur, der Strand ist samtweich, keine Kiesel oder Muscheln trüben das Barfußlaufen. Hier werden wir uns zwei Wochen lang entspannen, bis wir uns langweilen.

Für ein paar Euro mieten wir zwei Liegen, Tisch und Sonnenschirm, ohne Schatten ist es hier nicht auszuhalten. Immer wieder laufen vermummte Strandverkäufer vorbei, um entweder Massagen, Tücher oder Essbares anzubieten. Wie anstrengend, in der Hitze mit Grill oder Kühltaschen herumzulaufen.  

Ein schweißtreibender Spaziergang bringt uns auf die Westseite der Insel zum Sunset-Point. Die Ressorts auf dieser Seite sind schöner und teurer, allerdings kann der Strand es nicht mit dem auf der anderen Seite aufnehmen, er ist nicht strahlend weiß und voller Kieselsteine. Eine Wolkenbank verhindert den perfekten Sonnenuntergang.

Dafür entschädigt die geschmackvolle Beleuchtung der Ressorts. Im Dunklen laufen wir zurück auf die andere Seite, wo es bunter, schriller und lauter zugeht. Wir finden ein Lokal am Strand, wo keine Musik dröhnt und laufen am Meer zurück bis zu unserer Unterkunft.  

Wir können am Strand entlang und über die Felsen mit der Meerjungfrauen-Statue bis nach Ban Na Dan “Samet-City” laufen. Neben der Riesin am Pier und dem Flötenspieler auf dem Kreisel davor, gehört auch die Meerjungfrau mit dem kleinen Jungen zu den Plastiken, die zu Ehren von Thailands berühmtesten Dichter Sunthorn Phu errichtet worden sind.

1821 hat er begonnen, eine 30.000 Zeilen lange Abenteuergeschichte zu schreiben, in der es um einen in Ungnade gefallenen Prinzen, verwunschene Prinzessinnen und die Reise durch fantastische Welten geht.

Direkt hinter dem Denkmal beginnt der Hauptstrand, an dem ein Lokal neben dem anderen liegt.

Abends übertrumpfen sie sich gegenseitig mit den fantasievollsten Beleuchtungen, der Lautstärke der Musik und der Länge der Strohhalme in den Cocktails. Doch jetzt am Tag und an einem Wochentag ist wenig los. Mehrere schwimmende Piers bewegen sich schlangenförmig auf den Wellen, da müssen wir einfach mal bis zum Ende laufen. Wie volltrunken taumeln wir kichernd über den Steg.

Im kleinen Ort laufen wir auf einer Nebenstraße und sind erstaunt über den großen Tempel. Direkt daneben eine Ansammlung armseliger Hütten, halb versteckt hinter Bergen von Müll. Die Bewohner verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln und Sortieren von Müll.  

Ko Samet, der Name geht zurück auf die anspruchslosen Cajeput Bäume (auf Thai Samet), ist knapp 7 Kilometer lang, bis zu 2,5 Kilometer breit und zum größten Teil Nationalpark. Sie gilt als Inselperle, für uns eine, die nur noch an einzelnen Stellen glänzt. Obwohl die Insel laut Reiseführer hauptsächlich von Reisenden aus Bangkok besucht wird, sehen wir sehr viele westliche Touristen. Auch viele Paare Thai/Farang – mehr oder weniger miteinander vertraut – verbringen hier Zeit. “Du wieder Dummkopf,” mosert ein 200 Kilo-Mann seine zierliche Begleiterin an. Die nickt und ich hoffe, sie denkt dasselbe wie ich. 

Jetzt, zum Ende der Regenzeit, verlieren die Teakbäume ihre riesigen ledrigen Blätter. Die Mitarbeiter unseres Ressorts haben alle Hände voll zu tun, die Wege freizuhalten. Erst zu Beginn der nächsten Regenzeit in drei bis 5 Monaten schlagen sie wieder aus. Wir hören ständig Vogelstimmen, die wir dank einer App bestimmen können. Den Indischen Koel, einen Flaggendrongo, den Grünrücken-Nektarvogel und den Gelbbrauen-Laubsänger haben wir schon identifiziert. Leider lassen sich die Verursacher der Töne selten oder gar nicht blicken.   

Vollmond, bei Flut schrumpft der Strand auf ein Drittel seiner sonstigen Breite. Weil das Wochenende bevorsteht, werden vor den Restaurants lange Tischreihen für die zu erwartende Gäste aufgebaut, die letzten Tischbeine stehen bereits im Wasser. Abends bei Ebbe sieht das natürlich anders aus. Wir gönnen uns eine Massage in einem kleinen Salon im Hauptort. Eine Stunde walken, kneten und biegen die beiden zierlichen Frauen an uns herum, manchmal bis an die Schmerzgrenze. Das Gefühl danach ist umso besser.

Viele Touristen mieten sich Mopeds, um die Insel zu erkunden. Erstaunlich, dass sie hier alle Sicherheitsbedenken für sich und ihre Kinder über Bord werfen. Während sie die Kleinen zuhause keinen Meter auf dem Laufrad ohne Helm zurücklegen lassen und vor dem Kauf eines Kindersitzes alle Testberichte ausgiebig studieren, scheinen sie hier plötzlich ihrem Schutzengel zu vertrauen. Vater, Mutter und Kind sitzen in leichter Kleidung ohne Helm auf Rollern oder Mopeds. Und hier im Urlaubsparadies darf der Kleine während der Fahrt auch mal auf Papas Schoß sitzen und den Lenker halten.  

Mit einem Sammeltaxi fahren wir an die Südspitze, die die Form eines Fischschwanzes hat. Je eine Seite für Sonnenauf- und -untergang. Über Plattformen und Holzstege kann man von einer zur anderen Seite gelangen. Nach ein paar Fotos laufen wir zurück zum Eingang. Da kein Fahrzeug zu sehen ist, machen wir uns zu Fuß auf den Rückweg. Am Straßenrand ein Hinweisschild zu einem Ressort. Wir folgen dem Weg und bestellen uns etwas zu essen. Als mein Papayasalat: “Not spicy” kommt, habe ich das Gefühl, meine Zungenränder werden weggeätzt. Ob “not” auf Thai extra heißt, und der hilflose junge Kellner mir einen Gefallen tun wollte? Jedenfalls wundert er sich nicht, dass er den vollen Teller wieder abräumen kann.

Es soll nach der Landkarte einen Fußweg geben, aber wir finden ihn nicht und laufen auf der befestigten Straße. Mehrere 11- bis 16-prozentige Steigungen sind zu bewältigen. Als uns der Wachmann vor dem nächsten Ressort dringend abrät, den Waldweg zu laufen, nehmen wir das nächstbeste Taxi. Noch zwei Tage später sind unsere Knie beleidigt. 

Ayutthaya 

Die Fahrt nach Ko Samet lief wie am Schnürchen. Kaum kamen wir irgendwo an, ging es spätestens nach 15 Minuten weiter. Bei der Rückfahrt ist es anders. Die Fähre kommt erst in 1,5 Stunden, ebenso der Bus, der zum Mo Chit Terminal im Norden Bangkoks fährt. Dort angekommen – es ist inzwischen 17.30 Uhr – müssen wir unsere Koffer über eine hohe Fußgängerbrücke auf die andere Straßenseite wuchten, um einen Bus nach Ayutthaya zu finden. Das zumindest klappt und zwei Stunden später setzt uns der Fahrer in der 80 Kilometer nördlich von Bangkok gelegenen Stadt am Straßenrand ab. Jetzt nur noch ein Taxi bestellen und uns zu unserer Unterkunft bringen lassen. Leichter gesagt als getan. Der erste Fahrer findet uns nicht, obwohl wir ihm mitteilen, dass wir vor der Ayutthaya City Municipality auf ihn warten. Wir bestellen das nächste Taxi, ein junges Paar hält an und bietet uns an, uns wohin auch immer zu fahren. Aber der Taxifahrer soll in 5 Minuten kommen und so lehnen wir das freundliche Angebot ab. Leider, denn auch dieser Fahrer findet uns nicht. Eine Frau auf einem Moped hält an und schlägt vor, doch einfach mit in ihr Hotel in der nächsten Querstraße zu kommen. Auch das müssen wir ablehnen, unsere Unterkunft ist gebucht und bezahlt. Doch plötzlich kommt von gegenüber ein Tuk Tuk angefahren, wir werden uns schnell einig und kommen doch noch zu unserem Guesthouse, wo wir schon sehnlichst erwartet werden. Umgehend steigen wir noch einmal in ein Auto, dieses Mal in das unseres Gastgebers. Er bringt uns zum Nachtmarkt, damit wir noch etwas zu essen bekommen. Gestärkt mit einer köstlichen Suppe mit Glasnudeln und verschiedenen Fleischeinlagen und in der Hand eine Tüte mit geschälten Mini-Ananas laufen wir den Weg zurück. Schließlich haben wir heute lange genug gesessen. 

Wir gehen an der Mauer entlang, die verschiedene Bereiche des historischen Geschichtsparks (UNESCO Welterbe) umschließt und freuen uns über die beleuchteten Ruinen dahinter. Ein paar Fotos später und zwei Kilometer weiter sind wir wieder zurück bei unseren Gastgebern und sitzen noch ein Weilchen in der milden Abendluft vor unserem Zimmer. 

In der Nacht werde ich wach, weil es draußen heftig stürmt. Die Plane über der Terrasse bläht sich auf und knattert laut. Irgendwo klappert ein Stuhl gegen das Balkongeländer. Am Morgen ist die Plane weg, der Sturm hat sich abgeschwächt und wir sind nach dem Frühstück bereit, den Geschichtspark zu erkunden.  

Von 1350 bis 1767 war Ayutthaya die Hauptstadt des damals Siam genannten Königreiches. Die von Flüssen umgebene Stadt liegt wie auf einer Insel, doch diese natürliche Barriere reichte nicht aus, um die ganze Pracht vor Angreifern zu schützen. Um den Stadtkern wurde noch eine 20 Meter hohe und 5 Meter breite Stadtmauer errichtet.

Die nächste Überschwemmung kann kommen

Das Land rundherum wurde regelmäßig von den Flüssen überschwemmt, was einerseits ideal für den Reisanbau war und andererseits eine Eroberung erschwerte. Innerhalb der Mauern gab es mehre prunkvolle Paläste und über 400 Tempel. Der Ruf über Schönheit und Reichtum reichte weit über die Grenzen des Königreiches und zog Menschen aus vielen Ländern an. Es entstanden eigene Stadtteile für Bewohner aus England, Frankreich, Holland, Portugal und Japan. In der Mitte des 18. Jahrhunderts lebte über eine Million Menschen hier, doch 1767 gelang es birmesischen Truppen, die Stadt nach mehrmonatiger Belagerung einzunehmen.

Leider taten sie das, was Sieger gern tun, sie zerstörten die meisten der herrlichen Bauwerke, die doch erst ihre Begehrlichkeit geweckt hatten. Später bedienten sich viele an den herumliegenden Resten der Kunst- und Bauwerke. Ein großer Teil wurde verwendet, um die neue Königsstadt Bangkok aufzubauen. Was jetzt noch erhalten ist, liegt in einem großen Park mit vielen Teichen. Alles recht gepflegt, nur im Wasser liegt jede Menge Müll, Plastikflaschen, Tüten und Styroporverpackungen. Zu schade. 

An einem Tag erkunden wir das 15 km² große Gelände zu Fuß, am zweiten leihen wir uns in unserer Unterkunft Fahrräder aus. In einzelnen Bereichen – hier müssen die Fahrräder draußen bleiben – zahlen wir Eintritt 50 Baht pro Person, rund 1,40 €. Kleine Beträge, in Europa würde es ein Vielfaches kosten. Je nach Sonnenstand bieten die Chedis, Statuen und Ruinen interessante Fotomotive.  

Sonntagabend auf dem Nachtmarkt sind wir regelrecht überwältigt. Am Vorabend sind wir gleich nach links auf den kleinen Markt abgebogen, doch jetzt laufen wir geradeaus, vorbei an Matratzen, Polstergarnituren und Möbeln aus Massivholz – so massiv, dass man sie nicht mal anheben kann. Und dann kommt der Teil mit Lebensmitteln und Garküchen aller Art, es riecht köstlich, doch nirgends gibt es Plätze, um das Essen zu verzehren. Wir lassen uns mit der Masse treiben und können kaum glauben, wie riesig dieser Markt ist. Es gibt Karussells, Hüpfburgen, aufblasbare Rutschen und alles quietschbunt beleuchtet. Dabei hatte ich doch gelesen, dass der Markt eher klein sei. Aus dem großen Angebot suchen wir uns Sushi, Obst und eine halbe Ente aus und lassen uns mit dem Tuk Tuk zurück zum Hotel fahren. “Heute ist Winterfest”, informiert uns unser Gastgeber, als er uns Teller und Besteck für unser Essen bringt, “deshalb die vielen Stände.” Und tatsächlich ist am Montag nur noch der kleine Markt aufgebaut, keine bunten Lichter, keine Fahrgeschäfte, nur die tonnenschweren Möbel stehen noch da.  

Modell Adler

Am Dienstag verabschieden wir uns und fahren mit einem der hier üblichen Tuk Tuks mit dem “Vogelschnabel” zur Busstation. Noch vor 5 Jahren waren wir fast immer die einzigen in unserer Altersgruppe, doch das hat sich geändert. Zwei weitere Senioren-Paare warten bereits, und nach uns kommen zwei Frauen – auch in unserem Alter – und müssen unver-richteter Dinge wieder fahren. Der Bus ist ausgebucht. Wir haben am Vortag über unseren Vermieter die Tickets reservieren lassen. 

Vientiane (Laos) 

Das Hotel liegt neben der Neuen Seidenstraße-Eisenbahnstrecke, die in naher Zukunft China mit Singapur verbinden soll. Die Einrichtung des Hotels ist dem Thema angepasst, Schwellen, Sitzplätze mit Gepäckhaltern, gegenüberliegende Bänke.

Wir fragen an der Rezeption nach einem Bus an die thailändisch-laotische Grenze. Die beiden jungen Männer überschlagen sich vor Eifer, kommen aber nicht recht weiter. Doch dann betritt der Hotelmanager die Bühne und weiß über alles Bescheid. Er spricht ein sehr gut verständliches Englisch und begleitet uns zum Frühstück, um sich weiter mit uns unterhalten zu können. Eine junge Frau fährt das Taxi zum Busterminal und bleibt bei uns, bis sie sicher ist, dass wir Tickets nach Udon Thani haben und dort auch in den Bus zur Grenzstadt Nong Khiaw umsteigen können. Doch zuerst müssen wir die 120.000 Einwohner zählende Großstadt Khon Kaen im Isan-Staat durchfahren, die sich auf ca. 50 km² ausbreitet. Immer wieder hält der kleine Bus und die Fahrgäste müssen zusammenrücken. Es sind hauptsächlich Schüler und Studenten, die zusteigen. Die Stadt hat mehrere weiterbildende Schulen und wichtige Universitäten, die von 40.000 Studenten besucht werden.  

Auch nachdem wir die Stadt hinter uns gelassen haben, herrscht dichter Verkehr. In dieser Region werden Reis und Zuckerrohr angebaut, für letzteres ist gerade Erntezeit. Ständig überholen wir voll beladene LKW. Nach drei Stunden erreichen wir Udon Thani, auch eine Großstadt, die uns aber schon beim Durchfahren besser als Khon Kaen gefällt. Sie ist grüner und lieblicher. Aus unserer geplanten Pause mit Mittagessen wird nichts, kaum hält unser Bus schnappen sich zwei Männer unsere Koffer und hieven sie in davorstehenden Bus, und fünf Minuten später fährt der bereits los. Zuerst geht es zum Flughafen, ein Paar aus Belgien will nach Chiang Mai. Die Zufahrt zum Gelände wird streng kontrolliert, Polizisten mit Maschinenpistolen und entschlossener Mine halten jedes Fahrzeug an und schauen sich die Insassen genau an. Anschließend wird der Fahrzeugboden mit fahrbaren Spiegeln untersucht. Kannte ich bisher nur von der innerdeutschen Grenze. Nach einer Stunde werden wir in der Grenzstadt Nong Khai herausgelassen und hier lauern die Schlepper, die uns für nur 40 € über die Grenze begleiten und 20 Kilometer weit in die laotische Hauptstadt bringen wollen. Wir winken ab und lassen uns erstmal den Ausreisestempel in den Pass setzen. Für die Fahrt mit einem Shuttlebus über den Mekong auf der Brücke der Freundschaft bezahlen wir zusammen 1,90 €. Bevor wir Laos betreten dürfen, müssen wir ein Visum haben. An verschiedenen Grenzübergängen kann man das bei der Einreise erledigen. Wir bekommen Formulare zum Ausfüllen, reichen die zusammen mit je einem Passbild und 40 US$ der Grenzbeamtin und können uns 30 Tage im Land aufhalten.

Der Geldautomat an der Grenze ist geizig, mehr als eine Million KIP rückt er nicht raus. Wir müssen sicher in der Stadt bald Nachschub holen, denn mit 54 € werden wir nicht allzu weit kommen. Eine halbe Stunde später setzt uns der Taxifahrer für 16 € vor unserem Hotel in der Hauptstadt ab. Wir bringen die Koffer in unser Zimmer und stürzen umgehend ins hoteleigene Restaurant. Gestern kein Abendessen, heute nichts zu Mittag. Wir sind richtig ausgehungert. Am heutigen Heiligen Abend sind wir die einzigen Gäste und nachdem wir Fish and Chips verzehrt haben, gehen wir auf Entdeckungstour. 

Das Hotel liegt nahe der Xang-Prachtstraße, wo schon die erste Sehenswürdigkeit auf uns wartet, der Triumphbogen (Patuxai), der 20 Jahre nach der Unabhängigkeit von Frankreich (1949) errichtet worden ist. Er ist 49 Meter hoch und jetzt am Abend von allen Seiten angestrahlt. Links und rechts der Straße weihnachtliche Beleuchtung in allen Variationen. Wir kommen am von Soldaten bewachten Präsidentenpalast vorbei. Netterweise erklärt uns einer den Weg zum Nachtmarkt am Ufer des Mekong. Und hier ist wirklich viel Volk unterwegs. Die mobilen Stände – hauptsächlich mit Kleidung, Taschen, Schuhen und Handyhüllen stehen auf der einen Seite unterhalb der Straße, die festen mit ihren Garküchen auf der anderen, dem Fluss zugewandt. An diesem Abend ist die Straße gesperrt und die Fußgänger können ungefährdet kreuz und quer laufen. Klaus möchte für sein Handy eine neue Hülle, doch egal wo wir fragen, die Antwort lautet immer: “Don,t have!” Erstaunlich, das Angebot umfasst mehrere hundert oder tausend Artikel, und die Verkäufer wissen bei der Typenbezeichnung gleich Bescheid, ob sie das haben oder nicht.

Wir wechseln in den Essbereich und bestellen uns noch zwei von den köstlichen Fruchtshakes und Klaus kann den gebratenen Shrimps nicht widerstehen. Am Nebentisch wird gerade ein Hotpot serviert, Brühe in einem Topf über einer Gasflamme und auf kleinen Tellern Zutaten, die darin gegart werden. Gestärkt steigen wir in ein Tuk Tuk und lassen uns durch das Ausgehviertel zurückfahren. Elegant gekleidete Menschen steigen aus Luxusautos und schreiten in die festlich geschmückten Restaurants. Die weniger Eleganten schieben sich durch die vollen Straßen. 

Am ersten Weihnachtstag bummeln wir mit vielen anderen durch mehrere Einkaufscenter. Obwohl nur 1,5 % der Bevölkerung Christen sind, wird daran gearbeitet, das westliche Konsumverhalten mit allem Drum und Dran zu etablieren. Was in Deutschland mit Halloween geklappt hat, könnte auch hier möglich sein. Die Kinder tragen rot-weiße Kleidung mit weihnachtlichen Motiven, amerikanische Weihnachtsmusik dröhnt aus allen Lautsprechern.  

Am nächsten Tag lassen wir uns ins privat geführte Textilmuseum bringen. In schönen Holzhäusern werden wir über den Herstellungsprozess von Seide, ihre Verarbeitung und Färbung mit Pflanzen informiert. Eine kleine Gruppe nimmt gerade an einem Workshop teil und färbt weiße Seide mit Bindebatik in einem Bottich mit übelriechender Flüssigkeit indigoblau. Im kleinen Shop können die Erzeugnisse gekauft werden, dafür müssen jedoch viele Dollarscheine auf den Tisch gelegt werden; die Produkte sind es sicherlich wert. Am Abend essen wir Hotpot und suchen uns aus dem Angebot Fleisch, Fisch und Nudeln aus. Kräuter kommen sowieso dazu. Die in der Brühe gegarten Zutaten werden vor dem Verzehr in Erdnusssoße gestippt. Wir sind begeistert und ergänzen die 86.000 KIP großzügig auf 5,40 €. 

Vor fünf Jahren waren wir von der weiter nördlich liegenden Stadt Luang Prabang entzückt. Vientiane kann da nicht mithalten. Für eine Hauptstadt gibt es noch viel zu tun. Müll überall fehlende Pflastersteine auf den Bürgersteigen, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die Regierung müsste entsprechende Vorgaben machen und auch Anreize schaffen. Die Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, haben keinen Sinn für Ästhetik. Eigeninitiative scheint auch nicht gefördert zu werden. Das merkt man an vielen Kleinigkeiten, in unserem Hotel gibt es morgens zweimal keine Butter “don,t have”, lautet die Antwort auf unsere Nachfrage, mal fehlt Toilettenpapier (nein, das liegt nicht an Corona), mal wird der Kühlschrank nicht aufgefüllt. Natürlich sind es Kleinigkeiten, aber das zieht sich durch alle Bereiche. Natürlich gibt es auch schöne Bereiche, aber leider überwiegen die anderen.

Pakse (Laos) 

Tagelang haben wir überlegt, geplant, verworfen. Für die knapp 700 Kilometer lange Strecke von Vientiane nach Pakse im Süden werden per Bus 15 Stunden veranschlagt, 3 weitere kann man getrost dazurechnen. Das ist einfach zu lang, Zwischenübernachtungen sind schwierig, also werden wir fliegen. Um 6 Uhr steigen wir ins Tuk Tuk und sind 10 Minuten später am gemütlichen Flughafen. Auch bei der Sicherheitskontrolle geht es entspannt zu, nichts muss ausgepackt werden und niemand schert sich um gefüllte Wasserflaschen. Wir frühstücken, und beobachten die ankommenden Menschen. Der Wartebereich füllt sich, und kurz danach auch die Maschine. Gut 90 % der Passagiere sind Einheimische die auch eine schnelle Anreise bevorzugen. Kaum hat die Maschine abgehoben, wird schon ein Frühstück serviert – und das bei einer Stunde Flugzeit. Wir fliegen immer den Mekong entlang, der die Grenze zwischen Laos und Thailand bildet.

Um 10 Uhr sind wir bereits im Hotel im Süden der drittgrößten Stadt des Landes, wo wir gleich unser Zimmer beziehen können. Abends um 19 Uhr fährt der hoteleigene Bus die Gäste ins Zentrum und holt sie 2 Stunden später wieder ab. Wir landen in einem italienischen Restaurant und essen Pizza, die sich vor dem italienischen Original nicht zu verstecken braucht. Der Gastwirt stammt aus der Toskana und freut sich, mit Klaus italienisch sprechen zu können.  

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen bummeln wir durch unser Viertel und landen auf dem Morgenmarkt, dem ursprünglichsten und rudimentärsten auf dem wir je waren. Viele Waren werden einfach auf einer Plane auf dem Boden angeboten, darunter viele Mekong-Fische, zum Teil noch lebendig, Frösche in großen Schüsseln, alles vom Schwein und vom Huhn aber auch Obst, Gemüse und Baguette, eine Reminiszenz an die französische Kolonialisierung.

Hinter dem Lebensmittelbereich beginnt es zu glitzern, Stand reiht sich an Stand und alle bieten goldenen Schmuck an. Danach kommt der Kleidermarkt mit Stapeln von Sarongs, der klassischen Kleidung der laotischen Frau. Auch westliche Anziehsachen sowie Taschen und Schuhe sind im Überfluss vorhanden.  

Abends haben wir nach dem Essen auf der Dachterrasse eines Hotels noch Zeit, bis wir abgeholt werden und entdecken den Nachtmarkt, der längst nicht so umfangreich ist. Von oben habe ich einen Tempel gesehen, der interessant zu sein scheint. Dahin laufen wir und beschließen, morgen bei Tageslicht einen weiteren Besuch zu machen. Gleich nach dem Frühstück gehen wir los, zuerst zur Mekong-Brücke, auf der man den hier 1,3 Kilometer breiten Fluss überqueren kann. Am Ufer haben sich Menschen Hütten gebaut und kleine Gärten angelegt, ihre Boote für den Fischfang liegen vertäut im Wasser. Das geht gut, solange der Fluss kein Hochwasser hat. Hoch an der Böschung liegende Baumstämme lassen erahnen, wie instabil diese Lebenssituation ist.  

Nach einiger Zeit erreichen wir den Stadtkern mit Einkaufszentrum, hier finde ich Ersatz für meine kaputte Sonnenbrille. Und nach ein paar hundert Metern stehen wir vor dem Tempel Wat Luang Pakse. Er ist erst knapp 90 Jahre alt, jedoch der größte der Stadt. Zum Gelände am Ufer des Xedon gehören eine Klosterschule und eine ganze Reihe Grabstupas. Die Treppen zum Haupttempel sind von Drachen bewacht, Besucher oder die Mönche füttern sie mit Reisbällchen, um sie milde zu stimmen. 

Am Abend gehen wir noch einmal ins italienische Restaurant, man kann den Silvesterabend schlechter verbringen als mit einer guten Pizza. Als wir um kurz nach 21 Uhr wieder im Hotel sind, wird ringsherum schon heftig geböllert und immer wieder hört man das Zischen der Raketen. Doch jedes Mal, wenn ich vor die Tür gehe, ist nichts mehr zu sehen. Doch um Mitternacht gibt es wirklich ein prächtiges Feuerwerk. Wir stehen mit einem eiskalten Glas Wasser auf dem Balkon und heißen das Neue Jahr willkommen.  

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ist es Zeit, weiter zu reisen. Durch die abendlichen Fahrten sind wir mit anderen Gästen ins Gespräch gekommen und so verabschieden wir uns von unseren holländischen, französischen und Schweizer Mitbewohnern und dem liebenswerten Hotelpersonal. 

Ban Khiet Ngong (Laos) 

Um 11.30 Uhr lässt uns der Fahrer am Terminal Süd – einem Busbahnhof mit angeschlossenem Markt, oder umgekehrt – aus seinem Tuk Tuk aussteigen. Kaum sind die Koffer ausgeladen, sind sie schon auf dem Dach des danebenstehenden Songthaeo (alte Lastwagen für den Personentransport umgebaut). “Don Det”, fragt der Fahrer proforma, doch als wir den Kopf schütteln, müssen die Koffer wieder runter.

Während Klaus die im Auge behält, gehe ich zum Ticket-Schalter, um Fahrkarten zu besorgen. Doch den Ort, den ich nenne, kennt der Mann nicht. Ich zeige ihn auf der Landkarte in meinem Handy, er kennt ihn immer noch nicht. Zumindest verlässt er dann seinen Glaskasten, geht zuerst zur gegenüberliegenden Polizeistation, doch der Wachhabende ist auch überfragt. Wer jetzt glaubt, damit sei die Sache für ihn erledigt, irrt. Er läuft auf den großen Platz, wo Fahrzeuge aller Art stehen, und fragt sich durch. Vor einem dreckigen, ungepflegten Songthaeo bleibt er stehen, deutet darauf und verschwindet.

Der Fahrer nickt, als ich ihm den Namen unseres Hotels nenne und sofort kommt eine Frau mit Umhängetasche und kassiert 160.000 KIP. Das Einladen der Koffer unterbricht kurz die Mahlzeit von drei Personen.

Die Koffer werden über den in der Mitte liegenden Benzinkanister, der als Tisch dient, gehoben und sofort wird weiter geschmaust. Der Transporter soll um 13 Uhr abfahren. Wir haben noch jede Menge Zeit, setzen uns aber lieber schon auf die an der Längswand angebrachten Bretter, weil wir nicht wissen, wie voll es wird. Die Sorge jedenfalls war unnötig. Als der Fahrer sich um 14 Uhr hinters Steuer klemmt, sitzen außer uns nur noch seine Frau und ein Paar mit kleiner Tochter auf den schmalen Brettern. Bevor es losgeht, dreht der Fahrer erstmal eine Runde über den Markt. Ein paar übelriechende Eimer müssen unbedingt noch mit und die junge Frau kauft vom Auto aus ihrem Mann noch schnell ein T-Shirt. Aber jetzt geht es wirklich auf der asphaltierten Straße Richtung Süden. In einer Stunde sollten die 50 Kilometer gut zu schaffen sein. Fehlanzeige, wer konnte schon ahnen, dass wir noch zwei weitere Märkte ansteuern, auf denen sowohl eingekauft wird als auch leere Töpfe und Eimer mitgenommen werden müssen. Leider kann ich nicht fragen, warum zumindest der Einkauf nicht auf dem Markt in Pakse erledigt werden konnte. Auch der Esstisch-Kanister muss noch mit 25 Liter Benzin gefüllt werden. Danach wird immer mal angehalten und die auf den Märkten gefüllten Tüten wechseln den Besitzer. In Ban Nongsim steigt das Paar mit Kind aus und wir biegen auf eine unbefestigte Straße ein.

Der rote Staub liegt auf allem, was links und rechts der Straße zu sehen ist. Die Bäume sehen aus, als würden sie bald ihr Laub abwerfen, Fahrzeuge sind nur durch ihre Beleuchtung zu erkennen. Hustend und mit tränenden Augen steigen wir vor unserer Unterkunft aus dem Auto. Die geschäftstüchtige Frau verlangt schnell noch 20.000 KIP zusätzlich, schließlich haben wir ja 2 Koffer dabei, die wohl vorher niemandem aufgefallen sind.  

Aber nun sind wir angekommen in den Wetlands, wo ein Investor mit staatlicher Unterstützung ein wunderschönes Resort gebaut hat. Rund 20 Stelzenbungalows sind in großzügigem Abstand zueinander errichtet worden. Über Holzstege, die an beiden Seiten beleuchtet sind, gelangt man zu den einzelnen Häusern. Alle haben in Richtung der Wasserfläche eine große Terrasse und eine Glasfront, richtig schön.  

Leider sind wir die einzigen Gäste, das so hoffnungsvoll begonnene Projekt scheint ums Überleben zu kämpfen. Durch Corona gab es zwei Jahre lang kaum Gäste, dadurch wurde schon das Elefanten-Camp in der Nähe aufgegeben.

Aber wir genießen jetzt erstmal unsere schöne Unterkunft, den Ausblick, den Pool und die Aufmerksamkeit des Personals. Nachts ist es hier richtig kühl, wir befinden uns auf 800 Metern über Meereshöhe, und vom nördlich gelegenen 1200 Meter hohen Bolaven-Plateau wehen die kalten Winde herunter. Für den dort angebauten Kaffee ideale Bedingungen. 

Das Wasser steht jetzt in den Wetlands Knie- bis Brusthoch und bietet einerseits vielen Vögeln Lebensraum und den im Dorf lebenden Menschen Nahrung. Tag und Nacht sind Fischer und Schneckensammler unterwegs.

Vormittags staken oder schieben jeweils mehrere Kinder einen Einbaum durch das vordere flache Wasser und sammeln die erstaunlich großen Schnecken ein. Jetzt erkennen wir auch die Eimer wieder, deren Gestank uns auf der Fahrt ständig in die Nase wehte. Die Schnecken und während der entsprechenden Saison auch Frösche werden bis auf den Markt nach Pakse transportiert und dort verkauft. Im tieferen Wasser wird stehend oder vom Boot aus gefischt. 

Wir leihen uns Fahrräder, um eine Tour in die Umgebung zu machen. Gerade werden Maniok-Wurzeln geerntet. Grob gehäckselt trocknen sie auf großen Planen in der Sonne, um dann teils für die eigene Ernährung eingelagert, teils in Fabriken transportiert zu werden.

Hier werden sie zu Mehl verarbeitet, das für Brot und Gebäck verwendet wird. Im jetzigen Zustand riecht das Wolfsmilchgewächs nicht gerade appetitlich. Ich sitze das erste Mal auf einem Mountain-Bike, und das ist kein Vergnügen. Für die hiesigen Wege sind die Räder mit ihren groben Stollenreifen ideal, aber nach zwei Stunden weiß ich nicht mehr, wie ich auf diesem Foltersattel sitzen soll und beende den Ausflug. Am nächsten Tag machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Es ist 10 Uhr, aber die Sonne brennt schon unerbittlich vom Himmel.

Der Weg führt durch das Dorf, an der Schule vorbei und hinauf zum Plateau, auf dem eine archäologische Stätte aus dem 10. – 11. Jahrhundert zu besichtigen ist. Zu welchem Zweck die flachen dunklen Steine zu Säulen aufeinandergeschichtet worden sind, ist unbekannt. In der Zeit vor Corona konnte man sich vom Camp aus wie ein Maharadscha von Elefanten zu dieser Stätte bringen lassen, jetzt gibt es diesen Luxus nicht mehr. Dafür haben wir den Vorteil, die Einzigen auf dem gesamten Areal zu sein. 

Don Khone / 4000 Inseln (Laos) 

Dieses Mal fahren wir die Staubstraße in einem geschlossenen Fahrzeug. Der Fahrer muss neue Gäste für das Resort am Flughafen Pakse abholen und nimmt uns bis Ban Nongsim mit. An der Rezeption unseres Resorts haben wir ein Blatt mit dem Namen unseres Fahrziels in laotischer Schrift mitbekommen. Jetzt warten wir an der Straßenkreuzung mit ein paar Einheimischen, bis ein Songthaeo kommt, der nach Süden fährt. Immer wieder halte ich das Blatt hoch und nach einer dreiviertel Stunde hält das ersehnte Fahrzeug.

Es scheint auf den ersten Blick voll besetzt zu sein, doch so etwas gibt es in Südostasien nicht. Wo sich 20 Personen im Laderaum drängen, finden auch noch vier weitere Platz. Die Koffer werden aufs Dach gehoben, beim Einsteigen müssen wir über ein auf der hinteren Plattform festgebundenes Moped klettern, hier ein wenig schieben, dort etwas auf den Schoß nehmen, schon haben wir Platz. Und auf dem Moped kann auch noch jemand sitzen. Wenigstens haben wir dieses Mal keine stinkende Fracht dabei. Bei jedem Halt stürmen Frauen auf das Fahrzeug zu, in der Hand Spieße mit Hühnerfleisch oder sogar ganzen Hühnern.  Die Reisenden können zu so einem Angebot offenbar nicht nein sagen, und so wandern die erst jetzt in Tüten verpackten Brathühner in den Fahrgastraum. Manch einer kann es gar nicht abwarten, in der einen Hand den Hühnerspieß, in der anderen ein Päckchen Klebereis wird während der schwankenden Fahrt gegessen. Klebereis ist als Proviant prima, der hält bombenfest, nicht ein Körnchen fällt herunter. Obwohl die Strecke doppelt so lang ist, wie die von Pakse nach Ban Nongsim, brauchen wir weniger Zeit bis zur Endstation in Nakasang am Ufer des Mekong.

Kurze Zeit später kommt schon das lange flache Boot, das die Reisenden entweder nach Don Det oder Don Khone bringt, zwei von den berühmten 4000 Inseln im Fluss. Diese beiden durch eine Brücke verbundenen Inseln werden am häufigsten besucht. Die jungen, feierfreudigen Touristen bevorzugen Don Det, Don Khone ist mehr für die ruheliebenden. Der Mekong strömt breit und mächtig um Inseln und Sandbänke herum. Eine Herausforderung für die Bootsfahrer, denn unter der Oberfläche liegen viele Felsen. Nach 45 Minuten legen wir an und sind bereits am Ziel. Unser Hotel liegt direkt neben dem Bootsanleger, bequemer geht es nicht.  

Am Freitag, dem Tag nach unserer Ankunft frage ich nach einem Arzt, mein rechtes Auge und mein linkes Ohr sind entzündet, und oh Wunder, es gibt ein Hospital auf der Insel, keine 5 Minuten von unserer Unterkunft entfernt. Das Hospital hat keine Glasfenster, die Öffnungen werden mit Fensterläden geschlossen. Die Tür steht offen, wir sind gleich im Wartezimmer, in dem eine Holzbank und zwei Bettgestelle stehen. Daneben ein zusammengenagelter Infusionsständer. Auf dem einen Bett wartet eine schwangere Frau, sie wird doch wohl nicht hier niederkommen. Kurze Zeit später knattert draußen ein Moped, eine zierliche junge Frau kommt herein, in jeder Hand einen Stoffbeutel, gefüllt mit Schnellheftern. Sie mustert uns erstaunt, schlüpft in ein weißes Jäckchen und nimmt die Schwangere mit in den Untersuchungsraum nebenan; die Tür bleibt offen. Kurze Zeit später kommen auch Ehemann, Mutter und Schwester der Patientin und gehen ohne Zögern in den Untersuchungsraum, entweder um sich zu informieren oder gute Ratschläge zu geben. Ich drücke der jungen Frau die Daumen, dass die Geburt ohne Komplikationen verläuft, denn das nächste Krankenhaus ist 100 Kilometer weit entfernt in der Stadt Pakse. Dann bin ich dran, mit Fotos, Gesten und dem Übersetzungsprogramm trage ich meine Beschwerden vor. Aus einem anderen Zimmer holt die junge Ärztin drei Streifen Tabletten, zeigt wie und wann ich sie nehmen soll, misst meinen Blutdruck, wiegt mich und stellt ihre Rechnung. Für Untersuchung und Medikamente berechnet sie 1,91 € (35.000 KIP) und nach einem Selfie mit mir und Klaus schickt sie uns noch in die Apotheke, weil sie die Augensalbe leider nicht vorrätig hat. Das bedeutet eine Bootsfahrt nach Nakasang, denn eine Apotheke gibt es auf Don Khone nicht. Irgendein Verwandter unseres Gastgebers bringt uns mit dem Boot hin und zurück. Hoffentlich helfen die Medikamente. 

Am nächsten Tag mieten wir Fahrräder (1,08 €/Tag für 2) und beginnen die kleine Insel zu erkunden. Erst seit kurzer Zeit machen zwei betonierte Straßen das Radfahren zum Vergnügen. Uns zieht es zu den Wasserfällen auf der Westseite der Insel. Das Naturschutzgebiet kann gegen einen geringfügigen Betrag besucht werden. Wir stellen die Räder ab, abschließen ist unnötig, alle Mieträder haben eine Markierung und niemand würde sich trauen, eines davon zu stehlen. Auch zerstören oder im Fluss versenken ist undenkbar, Vandalismus gibt es anscheinend bei großer Armut nicht. Die Wege sind sauber, Papierkörbe sind aufgehängt, der Bambus ist gestutzt. Ein schöner Weg führt zum Ufer, an dem eine Herde Wasserbüffel weidet.

Von verschiedenen Aussichtspunkten aus bekommt man eine Ahnung von den gewaltigen Dimensionen. Die Mekong-Wasserfälle sind die breitesten auf dem ganzen Erdball. Im Bereich der vielen Inseln dehnt sich der Mekong über eine Länge von 50 Kilometer auf bis zu 14 Kilometer Breite aus und strömt an diesem Punkt gewaltig zwischen den Felsen hindurch. In der Trockenzeit entstehen Strände mit Badestellen. Einige Bäume sind mit Treppen und Plattformen umbaut. Vor der Corona-Pandemie konnten mutige Menschen per Zipline über die Wasserfälle zur nächsten Insel sausen. Mit angehaltenem Atem beobachten wir Fischer, die auf den gegenüberliegenden Felsen herumklettern, um Netze oder Angeln ins Wasser zu halten. Und genau jetzt gibt meine Kamera den Geist auf und geht weder vor- noch rückwärts.  

Wieder auf den Rädern biegen wir ein Stück weiter südlich an einem Hinweisschild ab. Die seltenen Irrawaddy-Delfine sollen sich ab und zu an diesem Ufer zeigen. Hier ist der Weg natürlich nicht betoniert, und wir rumpeln über Steine und durch Schlaglöcher bergab bis zu einem Restaurant, besser einer Hütte ohne Strom aber mit Kochmöglichkeit, am Ufer. Ein paar Baumstämme tragen ein Wellblechdach, auf dem betonierten Sockel einige Tisch mit unvollständigen Tischdecken und jeweils 4 Stühle. Hier wird gewohnt und auf Gäste gehofft. Wir können gerade eine Stärkung gebrauchen und bestellen gebratene Nudeln mit Gemüse und etwas zu trinken. Während wir warten, stapft plötzlich ein großer schwarzer Mann mit Koffer und Rucksack durch die Dünen auf das Lokal zu. Er stammt aus Nigeria erfahren wir und will irgendwie von hier aufs Festland. Für 4 US$ bringt ihn einer der Männer auf seinem Moped zum Bootsanleger. Zwischen Kambodscha und Laos sollen über den zurzeit leicht zu überquerenden Wasserlauf illegale Einreise und Schmuggel Hochkonjunktur haben. Wer wollte auch die lange Grenze kontrollieren. Plötzlich beginnt es zu regnen und wir beenden den Ausflug. 

Neuer Anlauf am nächsten Tag, die betonierte Strecke führt am Ostufer entlang bis zur Südspitze. Wir sehen kleine Siedlungen, trockene Reisfelder und ein Waldstück. Im Bereich der Häuser müssen wir immer wieder Kühen oder Hunden ausweichen. Die Kinder spielen auf der Straße und überall wuseln Hühner mit ihren Küken herum. Ab und zu begegnen uns Mopedfahrer und bis auf ein paar schreckhafte Hähne sind alle total entspannt. An der Südspitze halten wir auf der Aussichtsplattform und lassen den Blick über den Fluss schweifen. Eine verrostete Lokomotive steht hier mit einigen Informationstafeln, das Gegenstück im Norden der Insel. Nachdem alle Versuche, den 21 Meter hohen Wasserfall zu überwinden, gescheitert waren, entschloss sich die französische Kolonialmacht 1893, Güter auf dem Landweg zu transportieren und ließ Schienen verlegen. Das Jahr 1949 bedeutete das Ende der Eisenbahnromantik und seit kurzem ist die ehemalige fünf Kilometer lange Bahntrasse durch eine schmalen Betonstraße ersetzt worden, sehr zur Freude der Einheimischen Mopedfahrer und der Touristen, die sich in beinahe jedem Gästehaus Fahrräder mieten können.

Bauarbeiten auf Don Det

Bei einer Tour auf der Nachbarinsel stellen wir fest, Don Det muss noch nachziehen, hier ist nur ein kleiner Teil der Straßen betoniert, der Rest ist Staub- bzw. Matschstraße. In diesem Jahr gibt es in der Trockenzeit ab und zu heftige Regenschauer. Giovanni und Paola, ein reizendes italienisches Paar, das wir beim Abendessen kennenlernen, war um diese Jahreszeit schon öfter hier und hat immer nur strahlend blauen Himmel erlebt.  

Am Sonntagmorgen erzählt unser Gastwirt aufgeregt von einem Festival auf einer weiter nördlich gelegenen Insel. Zusammen mit seiner Frau und den beiden mittleren seiner vier Kinder fahren wir mit dem Boot nach Koh Som. Hier herrscht Festtagsstimmung, Trampoline und eine Hüpfburg sind auf der einzig betonierten Fläche um den Tempel aufgebaut, Imbissstände reihen sich aneinander, ein Luftballonverkäufer lockt die Kinder an und aus großen Lautsprechern neben dem Zelt der Wettkampf-Jury dröhnt Musik, bis der Sprecher mit sich überschlagender Stimme den Höhepunkt ankündigt, das Bootsrennen.

Bis zu 30 junge Männer sitzen in zwei Langbooten und paddeln um die Wette. Da nur vier Mannschaften antreten, ist der Wettkampf schnell beendet und die Menschen wenden sich wieder dem Essen und Trinken zu.  

Abends laufen wir am Hospital vorbei, obwohl niemand da ist, steht die Eingangstür wie immer weit offen. Kurz darauf begegnen wir wieder dem netten italienischen Paar und verabreden uns für den nächsten Abend zum Essen. Wir haben uns so viel zu erzählen, dass wir jeden Abend gemeinsam in verschiedenen Restaurants verbringen. Am letzten Abend kocht Paola sogar in der Küche eines Restaurants leckere Pasta für uns, ein schöner Abschluss nach dieser Woche. 

Kratie (Kambodscha) 

In dieser Nacht prasselt der Regen unentwegt auf das Blechdach. Am Morgen gleicht die Straße zum Frühstückslokal einem Bach. Es ist kurz vor 8 Uhr, und die Besitzer machen schnell die Liegestellen, auf denen sie die Nächte verbringen, bereit für die Gäste. Das nach drei Seiten offene Lokal ist alles für sie, Arbeitsstelle, Schlaf- und Wohnraum in einem.  

Unser Gastwirt kommt mit der 14 Monate alten Tochter auf dem Arm zur Anlegestelle, um uns zu verabschieden. Das Mädchen trägt ein pinkfarbenes Kleid und passende Sandalen mit Glitzer. Kaum stellt er es auf den Boden, schleudert die Kleine mit empörter Mine die Schuhe von den Füssen. Barfußlaufen ist trotz Steinen und Matsch offenbar angenehmer. Überhaupt Schuhe, die Menschen tragen fast nie welche in der richtigen Größe, entweder sichtbar zu groß oder zu klein.  

Kurz vor 9 Uhr hört es auf zu regnen, und zusammen mit anderen deutschen Touristen klettern wir aufs Boot, alle wollen nach Kambodscha. In Narkasang erklimmen wir das schlammige Ufer, 100 Meter weiter steigen wir in einen der beiden wartenden Minibusse. Während der kurzen Fahrt zur Grenze kommen wir mit Christine und Axel ins Gespräch, die ebenfalls nach Kratie unterwegs sind. Sie machen begeistert entbehrungsreiche Trekkingtouren und sind sehr am ursprünglichen Leben der Einheimischen interessiert.  

An der Grenzstation in Laos geben wir den Pass und das Ausreiseformular ab, zahlen 2 US$ Stempelgebühr und laufen 500 Meter weiter zur kambodschanischen Seite. Für das Visa on Arrival müssen wir wieder Formulare ausfüllen, 38 US$ bezahlen und dann warten wir nach Gepäckkontrolle auf unseren Minibus. Anscheinend ist das Fahrzeug ein Biertransport von Beerlao mit der Möglichkeit, Personen mitzunehmen. Die Kartons bedecken den ganzen Boden, nur vor den Sitzen sind schmale Abstände, damit man nicht auf die Kartons treten muss. In Stung Trenk halten wir für eine Mittagspause.

Das Lokal liegt malerisch am Ufer des Sekong, der ein Stück weiter in den Mekong mündet. Wir bekommen unser Essen als letzte, Reis mit Metzelhuhn. Ich habe nicht mehr daran gedacht, dass hier jedes gebratene Stück Fleisch ohne Anatomiekenntnisse mit einem großen Hackmesser zerteilt wird, und Knochensplitter im Essen verderben mir den Appetit.  

Bevor wir weiterfahren, bestimmt der Fahrer eine neue Sitzordnung. Das französische Ehepaar, das bisher neben ihm in der ersten Reihe saß, muss die Plätze mit den beiden eigenen Kindern tauschen, die vorher hinter uns saßen. Niemand kapiert das, bis an der Ecke ein junger Kambodschaner zusteigt und sich zwischen die Kinder quetscht. Die Mutter schäumt vor Wut, aber in diesem Fall verhindert die Sprachbarriere eine Auseinandersetzung. Die 13jährige und ihr 11jähriger Bruder bleiben total gelassen. Die Eltern wollen ihnen die Welt zeigen, doch die beiden sind nicht an der Welt, sondern an der Lösung eines Computerspiels interessiert. Gebannt verfolgen sie auf ihrem Smartphone Videos, die zeigen, wie man Kriege gegen Monster gewinnt. Nicht einen einzigen Blick gönnen sie dem Land, durch das wir während der nächsten drei Stunden fahren.  

Kambodscha, obwohl noch ärmer als Laos, wirkt hier aufgeräumter; weniger Müll liegt herum, vor den Häusern wird gefegt, das Zusammengekehrte landet mit allem, was nicht verbrannt werden sollte (Plastik und Getränkedosen) in der privaten Müllverbrennung an der Straße.  

Als wir Kratie (ca. 60.000 Einwohner) erreichen, fahren wir nicht durch einen religiös verzierten Torbogen, sondern dieser ist mit einem monströsen Baustellenfahrzeug der Marke John Deere geschmückt. Die breite vierspurige Hauptstraße ist asphaltiert, die Markt- und Imbissstände an den Rändern stehen auf Sandboden. Unser Hotel liegt am Ufer des Mekong, direkt gegenüber der Insel Koh Trong. Wir sind von vielfältigen Geräuschen umgeben. Vor unserem Zimmer findet sich täglich ein großer Schwarm zwitschernder Weißbart-Seeschwalben ein, im Mekong wird nonstop Sand gebaggert und auf der Promenade trifft sich abends eine ca. 100 Personen starke Gruppe, die zu dröhnender Technomusik eine Stunde lang Gymnastik nach Ansage eines Vorturners macht. 

Fünf Minuten vom Hotel entfernt haben wir ein Restaurant gefunden, das von einem jungen Australier geführt wird, Gerichte aus der westlichen und der Khmer-Küche, stehen auf der Karte. Alles wird selbst gemacht, Chutneys, Mayonnaise, Dressings, Nussbutter und alles schmeckt köstlich. Die Küche, die man auf dem Weg zur Toilette durchqueren muss, ist so aufgeräumt, wie wir es noch nirgends gesehen haben. Das hier reichlich fließende Trinkgeld landet in einem Sozialprojekt, das arme Familien mit Lebensmitteln versorgt. Schon am nächsten Morgen sind wir wieder hier zum Frühstücken. Wir müssen ein Weilchen warten, bis die Mitarbeiterin vom Markt zurückkommt, die Eier sind alle. In der Zwischenzeit genießen wir den Kaffee aus der Presskanne und schauen hinaus in den Platzregen. Regen im Januar, so etwas hat es in den elf Jahren, die dieser junge Unternehmer hier lebt, noch nie gegeben.  

Wir brauchen Geld, am Automaten kann man zwischen US$ und kambodschanischen Riel wählen, 1 Dollar entspricht 4.000 Riel. Bezahlen ist mit beiden Währungen möglich, Wechselgeld gibt es meistens in Riel. Anschließend laufen zum Busbahnhof, um in einem der umliegenden Geschäfte SIM-Karten zu kaufen. Während wir uns mit dem einen jungen Mann mehr schlecht als recht verständigen, repariert der andere neben ihm mit unendlicher Geduld ein zerstörtes Handy. Diese Hingabe macht mir Hoffnung, dass meine Kamera noch zu retten ist.  

Der gegenüberliegende große Tempel wird gerade restauriert und ist nur von der anderen Straßenseite zu betreten. Im Hof steht noch ein kleiner Tempel, den die Gläubigen währenddessen nutzen können. Den besuchen wir nachmittags und treffen im Hof auf eine Gruppe von 10 bis 12 Männern, die Fußfederball (Da Cau) spielen. Diese Geschicklichkeit, diese Treffsicherheit, die kleine federgeschmückte Scheibe wird mit der Schuhsohle oder –seite zurückgeschlagen. Sie fliegt zwischen den Spielern hin und her, ohne den Boden zu berühren, nur ganz selten wird eine Faust eingesetzt. Wir klatschen Beifall, das freut wiederum die Spieler.  

Auf dem Weg zur Markthalle fallen die vielen Gebäude aus der französischen Kolonialzeit auf. Natürlich alle renovierungsbedürftig, aber noch immer mit einer gewissen Eleganz. Auch die Markthalle stammt aus dieser Zeit, aber sie ist von außen kaum zu erkennen, so zugewuchert ist sie mit kleinen Ständen mit allem, was nicht essbar ist. Jetzt gegen 19 Uhr werden die gerade zugemacht. Nur der Lebensmittelmarkt um die Halle herum ist noch geöffnet und die Männer und Frauen hoffen darauf, Fische und Gemüse noch loszuwerden. Zehn bis zwölf Kinder rennen herum, und als sie uns entdecken, wollen sich alle mit uns abklatschen. “High five”, sagt Klaus und begeistert sprechen sie die neuen Worte immer wieder aus. Die drei- bis achtjährigen werden nicht müde, dieses Spiel mit uns zu spielen und folgen uns ein ganzes Stück. 

Abends treffen wir Christine und Axel im Restaurant des Australiers und verbringen ein paar Stunden mit gutem Essen und angeregter Unterhaltung. Sie zeigen uns Bilder von der letzten Reise nach Kirgisistan und Usbekistan. Was die beiden auf Reisen auf sich nehmen, beeindruckt uns sehr. Wir tauschen Telefonnummern aus, vielleicht laufen wir uns ja wieder über den Weg. 

Phnom Penh (Kambodscha) 

Bereits um 5.45 Uhr stehen wir mit unserem Gepäck auf der Straße und warten auf den Bus. Als unsere Koffer hinten eingeladen werden, liegen dort bereits ein paar Säcke mit Reis. Das bleibt nicht das Einzige, was außer den Passagieren in die Hauptstadt transportiert wird. Der Fahrer sammelt Menschen und ihre Lasten (Holzkohle, Gemüse, Kartons, Reis, Zuckerrohr) während einer Runde durch Kratie ein und biegt dann auf die Hauptstraße ein. Bald geht die Sonne über den Reisfeldern auf und beleuchtet das frische Grün. Alle möglichen Fahrzeuge fahren in dieselbe Richtung wie wir, beladen mit Melonen und anderen Ernteerzeugnissen. Manche Mopeds haben einen geschweißten Beiwagen, an dessen Gestänge unzählige Tüten mit Essen hängen.

Nach zwei Stunden gibt es eine Frühstückspause, und gegen 11 Uhr kommt Phnom Penh (2,3 Mill. Ew.) in Sicht. Auf den ersten Blick kennen wir die Stadt, in der wir vor fünf Jahren schon einmal waren, nicht wieder. Was hier alles neu entstanden ist, kann man kaum glauben. Großzügig angelegte Wohnanlagen, Hochhäuser, breite Straßen, ein völlig neues Stadtviertel im am Westufer des Mekong entstanden. Mit aus dem Mekong gebaggerten Sand sind die Feuchtgebiete zugeschüttet worden, um neuen Baugrund zu erschließen. Die Menschen, die vorher am und vom Wasser gelebt haben, indem sie Wasserspinat geerntet und Fische gefangen haben, sind vertrieben worden. Das Geld für diesen gigantischen Umbau kommt aus China. 

Erst als der Bus am Ziel ankommt, das direkt neben der Art-Deco Markthalle liegt, kennen wir uns wieder aus. Wir wohnen nur ein paar hundert Meter entfernt, stellen unsere Koffer ins Zimmer und laufen direkt wieder los zum Fotogeschäft. Das hat am heutigen Sonntag bis 13 Uhr geöffnet und wir können noch die Kamera abgeben. Schon am Nachmittag wird uns per SMS mitgeteilt, dass eine Reparatur erfolgversprechend ist, 45 $ kostet und am nächsten Nachmittag beendet sein wird. 

Abends gehen wir in ein chinesisches Lokal. Bei so vielen Gerichten auf der Speisekarte fällt uns die Entscheidung schwer. Während wir unschlüssig blättern, bekommen wir Tee, geröstete Erdnüsse und Porzellangeschirr hingestellt. Die Gerichte kosten ab 5 US$, das ist mindestens doppelt so teuer wie in Laos, aber wir sind überaus zufrieden. Ähnlichkeiten mit chinesischen Restaurants in Deutschland sind vermutlich nicht beabsichtigt. 

Am Montag laufen wir durch eine gepflegte Grünanlage vorbei an neuen Hochhäusern, der amerikanischen Botschaft und schönen Hotels zum Wat Phnom, einem Stupa auf künstlichem Hügel. Um den Hügel herum liegt ein Park. Wir sitzen eine Weile auf einer Bank im Schatten und beobachten die Menschen. Viele laufen in gebückter Haltung an uns vorbei (Ehrfurcht vor dem Alter) und kaum ein Kind geht an uns vorbei, ohne zu grüßen oder zu winken. Dann laufen wir die von siebenköpfigen Kobras bewachten Treppen hinauf zum Tempel. Die hölzernen Wände sind mit Szenen aus Buddhas Leben kunstvoll bemalt und vermitteln das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ständig bringen Gläubige neue Opfergaben. Wat Phnom ist der wichtigste Tempel der Stadt.  

Wir laufen weiter zum Tonle Sap, dem Fluss, der den gleichnamigen See speist und der sich hier mit dem Mekong vereint. Das Hotel am Ende der Landzunge zwischen beiden Wasserläufen war bei unserem letzten Besuch noch im Bau.

Die Schiffe, die flussaufwärts fahren, kommen kaum von der Stelle und auch diejenigen, die in anderer Richtung unterwegs sind, haben Schwierigkeiten den Kurs in der starken Strömung zu halten. Auf der Promenade gibt es wenig Schatten, trotzdem sind viele Menschen unterwegs. Diejenigen die Zeit haben sitzen auf den Bänken, die anderen versuchen, ihnen etwas zu verkaufen. 

In einer Grünanlage ist schon alles für das chinesische Neujahrsfest vorbereitet. Rote Seidenlampions bilden Kegel und mehrere gigantische goldene Hasen stehen und sitzen bereit, um das Neue Jahr, das unter ihrer Obhut steht, willkommen zu heißen.  

Wir sind pünktlich am Fotogeschäft, aber die Kamera ist doch noch nicht fertig. Im Inneren ist mehr Staub, als es vorher den Anschein hatte. Den Mitarbeitern ist das unsagbar peinlich, aber ich hatte mich sowieso auf mehrere Tage eingestellt und versichere mehrfach, dass es kein Problem sei. Schon am nächsten Morgen kommt die Nachricht, dass die Reparatur erfolgreich ausgeführt worden ist. Wir machen uns gleich auf den Weg, kürzen die Strecke durch die Markthalle ab und sehen gerade, wie Stangeneis angeliefert wird. Eine Metallschiene führt vom Lieferwagen auf den Boden der Halle, der ein Stück weit von einer Plane bedeckt ist. Mit Schwung glitschen die ca. 1,20 Meter langen Eisstangen über Plane und nackten Boden bis zu einem Stand, wo sie mit einer Säge zerteilt und weiter zerkleinert werden, bevor sie in mehrere Gefriertruhen landen. Hoffentlich sollen sie nicht irgendwelche Getränke kühlen.  

Die Kamera ist fertig, ich mache gleich im Geschäft ein paar Bilder und bin sehr froh, dass alles funktioniert 

Mit der Kamera in der Hand geht es gleich weiter, Richtung Königspalast. Es ist eine große Anlage, ein Teil des Palastes kann besichtigt werden, der andere bleibt unzugänglich, seine Majestät legt verständlicherweise Wert auf Privatsphäre. König Sihamoni ist ein Feingeist, der seine Schulbildung in Europa erworben hat. Er hat Ballett getanzt und während der Zeit als sein Land von einem mordenden Diktator beherrscht worden ist als Lehrer in Paris gearbeitet. Seit 2004 ist er wieder als König eingesetzt.  Das vordere Gebäude ist schon festlich geschmückt, eine elektrische Wunderkerze gaukelt Funken vor. Die blitzsaubere Straße ist abgesperrt, und die Menschen sitzen auf den Bürgersteigen und schauen sich das Gebäude von außen an. Der Eintrittspreis von 10 US$ ist für die meisten wohl unerschwinglich. 

Auf dem Rückweg landen wir im Rotlichtviertel, wo die Frauen beisammensitzen und auf Kundschaft warten. Unbehelligt laufen wir durch die Straße. Ein Stück weiter setzen wir uns in ein Lokal und werden mit überschwänglicher Höflichkeit bedient. Der Tintenfisch mit frischem Kampotpfeffer ist schmeckt unglaublich gut.  

Vor einigen Läden wird jetzt abends noch der Bürgersteig geschrubbt, das Ladenschild poliert, aufgeräumt und alles mit roten Lampions und Bändern dekoriert. Alles für das kommende Neue Jahr.

Kampot (Kambodscha) 

Als wir aus unserem Hotel auschecken, will ich Klaus noch auf einem der geschnitzten Prunksessel fotografieren. Aber oh Schreck, auf dem Display erscheint alles rotgestreift. Eigentlich müssten wir sofort wieder zum Fotogeschäft laufen, aber die Busfahrkarten sind gekauft und das nächste Hotel ist auch bereits gebucht. Pünktlich um 9.15 Uhr sind wir am Busbahnhof, wo wir schon von einem Tuk Tuk und einem anderen Fahrgast erwartet werden. Das verspricht spannend zu werden, aber solche Dinge bringen hier niemanden aus der Ruhe. Das Tuk Tuk hat einen Dachgepäckträger, auf den kommen die Koffer, die Rucksäcke verschwinden hinter der Rückbank, Klaus und der andere Tourist sitzen auf der Rückbank und ich habe den Vorzug, direkt neben dem Fahrer zu sitzen. Zwar nur 5 Minuten lang, dann sind wir beim Minibus angelangt, aber das wollte ich schon längst mal ausprobieren. Nachdem alle Fahrgäste eingetrudelt sind, geht es Richtung Südwesten los. Es dauert, bis wir aus der Hauptstadt heraus sind, aber dann läuft es. Unterwegs finde ich heraus, dass auch in Sihanoukville ein Fotogeschäft mit Reparaturservice ist, eine Erleichterung.  Vier Stunden später erreichen wir  Kampot. Auch in dieser Stadt sind wir auf unserer ersten Reise schon gewesen und ich bin gespannt, ob wir noch etwas wiedererkennen. Der Kreisel mit der riesigen Durianfrucht in der Mitte ist zumindest unverändert.  

Nachdem wir uns eingerichtet haben, packen wir unsere Schmutzwäsche zusammen und laufen zum Zentrum. Die Promenade, die ich in so angenehmer Erinnerung habe, ist von einem Bauzaun versperrt, sie wird neu gepflastert. Auf dem Bürgersteig ist mal wieder alles mit Garküchen und Autos oder Mopeds zugestellt, bleibt für uns nur die Straße. Und hier findet sich ein Stück weiter ein merkwürdiges Hindernis. Ein weißes Zelt – umgeben von Edelstahlgeländern – nimmt die Hälfte der Straße ein, hier wird später eine Hochzeit gefeiert. Während der Fahrt sind wir an einigen dieser Zelte vorbeigekommen. Und was machen die Autofahrer? Nichts! Geduldig passieren sie die Engstelle in beide Richtungen, nicht einmal wird die Hupe eingesetzt.  

Im Zentrum mit den französischen Häuserzeilen kommt mir keins der Lokale oder Geschäfte bekannt vor. Bestimmt mussten viele wegen der umsatzarmen Zeit in der Coronapandemie aufgeben und jetzt versuchen andere hier ihr Glück. Diese Stadt ist schon seit Jahren ein beliebter Wohnort für Menschen aus Europa oder Australien, deren Rente in der Heimat nicht zum Leben reicht. Während wir beim letzten Mal ausschließlich Männer gesehen haben, begegnen uns jetzt auch mehrere Paare. Sie nicken uns freundlich zu, ob sie in uns neue Gemeindemitglieder vermuten? In dieser bei Touristen aller Altersgruppen beliebten Stadt am Preaek Thom River, der nach 5 Kilometern in den Golf von Siam mündet, gibt es Restaurants mit Gerichten aus vielen Teilen der Welt. Eine schöne Abwechslung nach vielen Wochen mit asiatischem Essen. Ein Käsebrötchen zum Frühstück kann glücklich machen.  

Mit einem „Roemork“ – ein Moped mit Anhänger in Kutschenform- lassen wir uns zu einer 25 Kilometer entfernten Pfefferfarm bringen. In der Region wurde bis zur Machtergreifung durch die Roten Khmer 1975 in großem Stil Pfeffer angebaut. Pol Pot ließ nahezu eine Million Pflanzen vernichten, weil das Land entsprechend seiner Vision vom Bauernstaat für den Anbau von Reis und Gemüse gebraucht wurde. Der Pfeffer verschwand vom Weltmarkt. Erst im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts begannen Bauern wieder mit dem Anbau der Pflanzen. Heute hat sich der hier angebaute Pfeffer bei Köchen und Liebhabern guter Gewürze seinen Platz zurückerobert. Beim Rundgang über die Farm sehen wir, dass Pfeffer wie Hopfen an Stäben in die Höhe wächst. Jetzt in der Trockenzeit muss alle 3 Tage gewässert werden. Der Einsatz von chemischem Dünger oder Insektenschutz ist nach den strengen Regeln der KPPA (Kampot Pepper Promotion Association) verboten, beides muss aus natürlichen Materialien hergestellt werden. Geerntet wird zweimal im Jahr, und eine Pflanze kann 30 Jahre lang Früchte tragen. Wir verkosten alle vier Pfefferarten, grün, rot, weiß und schwarz. Erstaunlich, dass ein und dieselbe Frucht je nach Reifegrad so unterschiedlich schmeckt. Auf der Plantage wachsen außerdem Durianbäume. Sie brauchen allerdings noch eine Weile, bis die Früchte geerntet werden können. Noch hängen sie in kirschgroßen Büscheln an den Bäumen.  

Kleine Pfefferkunde:
Grün =        unreif, frisch bis zu drei Tage haltbar, leicht zitronig im Geschmack. Sonst wird er eingelegt oder gefriergetrocknet
Schwarz = unreif geerntet, kurz bevor er gelb wird. Auf Bambusmatten in der Sonne getrocknet hält er sich mehrere Jahre
Weiß =        reifer, geschälter Pfeffer. Die roten Pfefferbeeren werden eingeweicht, bis die rote Schale abfällt, danach mehrere Tage in der Sonne getrocknet
Rot =           reif, ungeschält. Muss geerntet werden, kurz bevor die Beeren zu faulen beginnen. In der Sonne getrocknet und handverlesen
Köche aus aller Welt sind wieder auf Kampot-Pfeffer aufmerksam geworden. Gleiches gilt für das Salz aus den umliegenden Salinen
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An Silvester laufen wir über den Marktplatz, verschiedene Fahrgeschäfte sind aufgebaut, einige werden noch mit Farbe ausgebessert und verschönert. In den umliegenden Geschäften nimmt die Anzahl der roten Kleidungsstücke wegen der Feierlichkeiten zu. Und um Mitternacht knallt es heftig, es ist kein Feuerwerkt mit Raketen wie bei uns, nur Böller werden begeistert gezündet, damit die bösen Geister gar nicht erst auf die Idee kommen, mit ins neue Jahr zu kommen. Und sollten es doch welche schaffen, muss der Hase mit ihnen fertig werden. 

Sihanoukville (Kambodscha) 

Am Neujahrstag fahren wir weiter nach Sihanoukville. Erst geht es flott voran, doch auf ca. 30 Kilometern ist die Asphaltdecke abgetragen worden, dadurch brauchen wir mehr als drei Stunden für die 100 Kilometer lange Strecke. Der Bus fährt zum Fähranleger, denn die meisten Leute wollen direkt weiter auf eine der vorgelagerten Inseln. Doch wir haben einen Zwangsaufenthalt wegen meiner Kamera. Drei Tage haben wir in dieser merkwürdigen Stadt eingeplant. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft lassen wir den Fahrer gleich am Fotogeschäft halten. Doch hier erfahren wir, Reparaturen werden nur in der Hauptstadt durchgeführt. Ich bin sehr enttäuscht, aber da kann man nichts machen.  

Die Strecke zu unserem Hotel im Stadtteil Otres führt auf guter Straße mit breiten Bürgersteigen vorbei an unzähligen Hochhäusern in allen baulichen Zuständen, fertig, neu begonnen, begonnen und niemals fertiggestellt. An den vielen Hotels und Casinos chinesische Schriftzeichen und rote Seidenlampions, doch dazwischen auch immer wieder kleine ärmliche Hütten mit Wellblechdach. Der Fahrer biegt auf die Straße ein, die am Meer entlangführt. Und hier ist kein Durchkommen mehr, die Menschen treffen sich in großen Gruppen am Strand, um den Neujahrstag zu feiern. Sie sitzen auf Decken mitten auf der Promenade und machen Picknick. Etliche stehen an den Garküchen an oder kaufen sich bei einem der fahrbaren Geschäfte Kleidung. Für uns geht es im Schneckentempo vorwärts, bis wir von der Strandstraße nach links abbiegen können. Einen knappen Kilometer vom Otres-Strand befindet sich unser Hotel. Eine neue betonierte Straße führt bis vor den Garten. Auch hier ist ehemaliges Sumpfgebiet zugeschüttet worden, nur ein hinter dem Hotel entlangfließende Flussarm ist verschont geblieben.  

Badefreuden

Der Hotelbesitzer ist Italiener und hat ein paar 100 Meter weiter ein zweites Hotel übernommen, hier treffen sich die Gäste abends, um bei Cocktails, Pasta, Pizza und Bier den Abend ausklingen zu lassen. Immer beobachtet von einem Halsbandsittich, der eine zweifelhafte Freiheit genießt. Seine Käfigtür steht immer offen, aber seine Flügel sind gestutzt worden. 

Klaus will den Fotoapparat auseinandernehmen und versuchen, ihn zu reparieren. Vorher macht er noch ein paar Probeaufnahmen und – oh Wunder, plötzlich geht er wieder. Weg sind die roten Streifen, die Aufnahmen sind klar und deutlich, welches Glück und welch eine Freude!  

Jetzt haben wir noch zwei Tage in der Stadt, die während der französischen Kolonialzeit den hier lebenden Besatzern die Cote d’Azur ersetzten sollte. Zwischenzeitlich von den Roten Khmer Kampong Saom genannt, bekam sie 1997 den Namen des verehrten König Sihanouk zurück und ist heute mit weit über 200.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Die kleinen Gästehäuser und Lokale an den eigentlich schönen Stränden mussten weichen, um Platz für den offenbar planlosen Städtebau mit gigantischen und teils unbewohnten Hochhäusern zu schaffen. Unsere Nachbarn, ein reizendes (geflüchtetes) russisches Ehepaar mit kleinem Sohn erzählen vom total zugemüllten Strand. Da müssen wir also nicht hin. Wir sitzen auf dem Balkon mit Blick ins Grüne, gehen Tickets für die Fähre am übernächsten Tag kaufen und besorgen uns am Geldautomaten genügend Bargeld für zwei Wochen auf Koh Rong.