Von Belém nach Recife (Brasilien)

Für Weiterfahrt von Belém nehmen wir einen Nachtbus. Anders geht es bei der veranschlagten Fahrzeit von 18 Stunden auch gar nicht. Der Busbahnhof hier ist beinahe wie ein Bahnhof gestaltet, mit mehreren Plattformen und unterschiedlichen Abfahrtstellen. Wir (Alte, Schwangere usw.) dürfen den Weg geradeaus nehmen, quasi über die Schienen. Alle anderen müssen die Treppen runter und an der richtigen Plattform wieder rauf. Dass Höflichkeit und Rücksichtnahme quasi per Gesetz verordnet werden, lässt man sich gern gefallen.

Der Bus ist mit bequemen Sitzen ausgestattet, warme Sachen haben wir auch dabei. Wird schon gut gehen. Kurz bevor wir um 18.30 Uhr starten, beginnt es wie aus Eimern zu gießen, und im Nu stehen etliche Straßen 10 bis 20 Zentimeter unter Wasser. Für die Rinnsteine ist das nur gut, da wird der stinkende Abfall mal so richtig durch- und weggespült. Die meisten Passagiere richten sich gleich zum Schlafen ein, wir lesen noch ein paar Stunden, bevor wir die Lehnen in Schlafposition stellen und uns mit unseren Badetüchern zudecken. Erstaunlicherweise können wir ein paar Stunden schlafen, obwohl die Straße richtig schlecht ist. Lesend und schlafend vergeht die Zeit, bis es gegen 5 Uhr zu dämmern beginnt. Um diese Zeit sind schon Menschen in Dörfern und Städten auf der Straße, sie sitzen mit einer Tasse Kaffee vor Häusern und Hütten. Um sieben Uhr gibt es einen 30-minütigen Halt, an den Waschbecken machen sich die Menschen frisch für die nächste Runde Schlaf. Der Norden Brasiliens ist sichtbar arm, die hier lebenden Menschen werden noch nicht einmal durch schöne Landschaft entschädigt, hier ist alles flach und eintönig.

Die runden Granitfelsen, an denen wir später vorbeifahren, werden schon als aufregende Abwechslung wahrgenommen.

Eigentlich wollten wir auf der über 1200 Kilometer langen Strecke eine Zwischenübernachtung in Araguana oder Teresina einlegen, doch es mangelte an freien Hotelzimmern. Was für ein Glück, die Städte sehen nicht sehr einladend aus. Nach 21 Stunden und 15 Minuten kommen wir in Parnaiba an. Das 4 Kilometer entfernte Hotel gehört einem Schweizer, obwohl er sich sehr gut integriert hat, stellen wir den europäischen Einfluss fest, z. B. wird hier Müll getrennt.

Ein paar Runden im Pool, danach machen wir uns auf den Weg zum Essen. Etliche der im Internet aufgelisteten Lokale existieren nicht mehr, und auf Hamburger oder Pizza haben wir so gar keinen Appetit. Wir landen bei einem Libanesen, dessen Lokal zwar noch nicht geöffnet ist, der uns aber sofort Tisch und Stühle zurechtrückt und etwas zu trinken bringt. Dann hängt er drei schmiedeeiserne Lampen auf und schraubt an der Überdachung Glühbirnen ein. Jeden Abend nach Geschäftsschluss muss er Glühbirnen und Lampen wieder entfernen, sonst werden sie ihm geklaut. Der Besitzer will uns unbedingt mit seinem Auto zurückfahren, den Weg zurück vorbei an der Markthalle hält er für zu gefährlich. Da aber gerade neue Gäste kommen, ist sein Platz am Herd. Wir müssen ihm versprechen, nur den von ihm beschriebenen Weg zu laufen, damit wir sicher ankommen. Das klappt.

Die Vorstellung, bereits am nächsten Tag wieder stundenlang im Bus zu sitzen, ist nicht gerade verlockend, so bleiben wir einen weiteren Tag in Parnaiba und laufen durch die von Touristen links liegengelassene Stadt. Die 150.000 Einwohner zählende Stadt im Bundesstaat Piaui liegt am gleichnamigen Fluss, der von einer hohen Brücke überspannt wird. Links und rechts der Fahrbahn zwei Fußwege, die von einem gerade hüfthohen Geländer aus Beton begrenzt werden. Irgendwann wurde das durch einen Holzaufbau erhöht, von dem nur noch ein paar kurze Bretter übrig sind, ein Betonelement fehlt ganz. Die Bauüberwachung in Deutschland würde nicht nur Pickel, sondern gleich die Beulenpest bei diesem Anblick bekommen. Die Menschen nehmen das mit stoischer Gelassenheit hin, warum sich über etwas aufregen, was sie sowieso nicht ändern können. Zumindest geht man hier aktiv gegen die Klimaerwärmung vor, aus jedem der offenen Geschäfte trifft uns ein eiskalter Luftstrom aus den Klimaanlagen.

Der Park vor der Kirche wurde vor kurzem neu gestaltet und bietet einer Gänseschar ein Zuhause mit Schwimmbad. Vermutlich hat Gänsebraten in Brasilien keine Tradition, sonst müsste der Bestand doch merklich geringer sein. Wir suchen auf dem Rückweg ein Lokal, aber vergebens. Schließlich landen wir wieder in unserem Hotel und bemühen einen Lieferservice.

Der nächste Bus hat in der ersten Klasse zwölf Liegesitze. Das ist eine angenehme Fahrt durch Brasiliens Zuckerkammer nach Fortaleza, die zehn Stunden gehen schnell vorbei. Ungefähr 100 Kilometer vor der Großstadt wird die Straße besser, wir kommen langsam in wohlhabendere Gegenden. Doch der Rezeptionist unseres Hotels in Fortaleza und der Taxifahrer, der uns hierher gefahren hat, halten die Straßen am Abend für nicht sicher. Die Einheimischen trauen der Sicherheit in ihrem Land nicht, das haben wir bisher in jedem Land zu hören bekommen. Das Restaurant gegenüber sei sehr gut, verspricht man uns im Hotel. Unbehelligt legen wir Hin- und Rückweg über die Straße zurück.

Am Samstag sind alle Lokale in Strandnähe besetzt. In den Straßen wabert der Duft nach gegrilltem Fleisch. Der Strand selbst ist beinahe leer, nur wenige Menschen sitzen hier im Sand oder sind im Wasser. Sonnenschirme und Liegen sind nicht im Angebot. In der Hauptgeschäftsstraße überbieten sich die Läden in der Höhe der Rabatte. Jetzt zu Beginn des Winters wollen alle ihre Lager räumen, obwohl man hier sowieso nur Sommerkleidung braucht (ausgenommen in den Bussen).

Als nächsten Ort haben wir uns Canoa Quebrada ausgesucht, wir fahren bequem um 11 Uhr in Fortaleza ab und sind auf guter Straße vier Stunden später am Ziel. Taxen gibt es hier nicht, also ziehen wir unsere Koffer auf holprigem Pflaster hinter uns her. Ganz schön viele Menschen hier, Sambamusik schallt uns entgegen, Menschen tanzen, die pure Lebensfreude.

Viele Wege führen durch die roten Klippen zum langen Strand, der besonders bei Kitesurfern beliebt ist, aber auch für uns Schwimmer ist es ein toller Platz. Zwar dürften nach unserer Meinung weniger Barracas (auf Stelzen gebaute hölzerne Lokale) am Strand stehen, aber Brasilianer essen nun mal gern und lieben diese Dinger, die den Blick auf die Klippen versperren. Ausgerechnet in der Zwischensaison sind wir hier gelandet. Die Kinder haben drei Wochen Ferien und die gut situierten Menschen aus dem kühlen Süden, machen Badeurlaub. Aber vor allem ist Canoa Quebrada ein beliebtes Wochenendziel für Bewohner der umliegenden Städte. In unserer Pousada (Herberge) sind wir dann auch ab Montag die einzigen Gäste. Jeden Abend ist ein Riesenspektakel, wenn ein großer Vogelschwarm kurz vor Sonnenuntergang kommt, um die Schlafbäume aufzusuchen. Aber zuvor fliegen die Vögel großartige Formationen, ein herrliches Schauspiel.

Abends bummeln wir über den „Broadway“. Die Hauptstraße ist links und rechts von Geschäften und Lokalen gesäumt. Musik tönt aus den Bars, in der Mitte haben die fliegenden Händler ihre Stände aufgebaut und bieten ihre teils selbst gefertigten Waren an. Wir haben gleich am ersten Abend ein Restaurant gefunden, das von einem Holländer vorbildlich geführt wird und köstliche Gerichte anbietet. Es gefällt uns so gut, das wir jeden Abend hier essen.

Fünf Uhr aufstehen, unser nächster Bus geht um 7.30 im 15 Kilometer entfernten Aracati ab, und da müssen wir mit einem Kleinbus erstmal hinkommen. Laut rumpeln unsere Koffer über das Kopfsteinpflaster der gerade erwachenden Stadt. Pünktlich um 7 Uhr sind wir am Rodoviária (Busbahnhof) und stellen uns am Schalter an. Eigentlich müsste der jetzt schon geöffnet haben. Eine viertel Stunde später kommt der zuständige Mann in Dienstuniform mit einem kleinen Becher Kaffee langsam angeschlendert. Noch kann er den Schalter nicht öffnen, erst widmet er sich seinem Kaffee, der in Brasilien heiß, schwarz und süß getrunken wird.

Bevor er den Holzdeckel von seinem Schalter entfernt, legt er erst mal in aller Gemütsruhe den kleinen Teppich mit dem Namen der Busgesellschaft hin, und dann – ganz langsam – beginnt er, Tickets zu verkaufen. Für jeden Kunden braucht er 7 Minuten, gut dass der Bus Verspätung hat.

Gute sechs Stunden fahren wir bis Natal, wechseln in einen normalen Bus, der sich asthmatisch keuchend die kleinen Hügel heraufquält und sind weitere zwei Stunden später in Praia da Pipa. Ivana, die junge Besitzerin der kleinen Pousada holt uns am Busbahnhof mit dem Auto ab. Vier Tage verbringen wir jetzt hier in einem kleinen, geschmackvoll eingerichteten Bungalow mit bequemem Bett und schmiegsamen (endlich mal wieder) Kopfkissen.

Pinselohräffchen besuchen täglich den Garten unserer Pousada. Wir sind entzückt von den niedlichen Tieren, die mir sogar aus der Hand fressen. Wahrscheinlich wissen die kleinen Fellbündel auch, dass es hier ein unglaublich gutes Frühstück gibt.

Zwischen uns und dem Ort bzw. Strand liegen ca. 100 Meter rote Matschstraße, die wir ohne Gummistiefel oder ohne die Schuhe zu ruinieren nicht durchqueren können. Deshalb fahren Ivana oder ihr Mann Patrick uns jedes Mal mit dem Auto.

Auch in der Stadt Pipa ist viel los, aber an den drei riesigen und wunderschönen Stränden ist so viel Platz, dass jeder für sich bleiben kann.

Voll ist es nur am Praia da Centro, dem schmalen Strand, der direkt von der Ortsmitte erreicht wird und auf dem bei Ebbe Tische und Stühle so dicht stehen, dass man kaum durchkommt. Die auflaufende Flut macht dem ein Ende, dann muss alles ganz schnell weggeräumt werden. Hohe Klippen begrenzen die anderen Strände, an denen sich Surfer tummeln, den Delfine lieben und an denen man viele Kilometer weit laufen kann. Abends drängen sich die Menschen auf der Hauptstraße und suchen sich zwischen den unzähligen Geschäften mit Bademoden das richtige Lokal. Wir haben an einem Abend einen Zuschauer.

Ein Opossum klettert rasch einen Balken hinauf und beobachtet von oben anscheinend, was die Gäste auf ihren Tellern haben.

Patrick und Ivana fahren uns am Sonntag nach Goianinha, wo wir in den Bus nach Recife einsteigen. Die Endstation liegt weit außerhalb der Großstadt, hätten wir das gewusst, wären wir eine Station vorher ausgestiegen, so müssen wir über 30 Kilometer mit dem Taxi nach Olinda, einer der ältesten Städte des Landes fahren. Juwel der Barockarchitektur, Weltkulturerbe, Bischofssitz, viele Begriffe werden diesem auf einem Hügel gelegenen alten Teil der Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern zugeordnet.

In Olinda (der Name bedeutet: oh wie hübsch) findet heute ein Volksfest statt. Die Rhythmen des Maracatu dröhnen durch die Stadt. Wir schieben uns durch die Menschenmenge, schauen den Trommlern eine Weile zu, bewundern die ausgestellte Handwerkskunst, steigen im Observatorium die Wendeltreppe hoch, um den Saturn durch ein Teleskop zu betrachten, und suchen uns etwas abseits eine Lokal.

Im Tageslicht sieht man an allen Ecken und Enden den Renovierungsbedarf. Die feuchte, salzhaltige Luft am Atlantik setzt den Fassaden schon nach kurzer Zeit zu. Dem Charme der Stadt tut das allerdings keinen Abbruch. Während wir in einer Galerie stöbern, verkündet die junge Dame, dass der Künstler gleich persönlich erscheinen werde. Fotografieren sei hier leider nicht gestattet, erwidert sie auf meine Frage.

Der Künstler selbst sieht das anders, er stülpt Klaus und sich einen der Tierköpfe aus Pappmaché über, die er für den Karneval in dieser Stadt herstellt, und fordert mich dann auf, Fotos zu machen.

Unten am Strand dümpeln die Fischerboote, und ein paar Familien sitzen in einem Strandrestaurant. Zum baden und schwimmen gibt es jedenfalls bessere Orte, denn die Küsten in und um Recife werden häufig von Haien besucht. Zwischen 1992 und 2007 wurden 50 Angriffe auf Schwimmer und Surfer gemeldet, 19 endeten für die betroffenen Menschen tödlich.

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Wir besuchen das hochmoderne Einkaufszentrum, um noch ein paar Dinge einzukaufen, darunter eine Reisetasche, um alles gut verstauen zu können. Am 31. 7. fliegen wir von Recife direkt zurück nach Frankfurt. Den letzten Abend verbringen wir in einem Restaurant, das eine Überraschung bereit hält. Wir werden nach dem Eintritt zu einem gläsernen Fahrstuhl geleitet, der auf einer schrägen Ebene ca. 10 Meter den Hang hinab gleitet. Erst hier befindet sich der Speisesaal mit einem grandiosen Blick auf das hell erleuchtete Recife.

Was für ein schöner Abschied von unserer Reise durch Mittel- und einen Teil Südamerikas. Wir empfinden ein wenig Wehmut, aber dieses Mal vor allem große Freude. Uns erwartet das Wiedersehen mit der Familie und den Freunden. Doch im Hintergrund steht das Wissen: Wir können jederzeit wieder aufbrechen.

Vielen Dank an alle Follower und Leser unseres Blogs, ihr habt mich immer wieder motiviert und angespornt, weiter zu schreiben.

Amazonas 2 – von Manaus nach Belém (Brasilien)

Am Morgen des 10. Juli steigen wir um 7.30 in ein Taxi. Auf unserem Ticket für die Fahrt auf dem Amazonas mit der Sao Bartolomeu V von Manaus nach Santarém steht 9 Uhr Abfahrtszeit. Nach der letzten Erfahrung haben wir alle Zeit der Welt. Der Taxifahrer fährt zum Pier, wird aber wieder weggeschickt, das Schiff fährt an anderer Stelle ab. Ein Träger wittert sofort ein Geschäft und fragt nach unserem Fahrschein. Er stutzt und erklärt uns dann, dass das Schiff bereits gestern Abend abgelegt hätte, aber wir könnten mit einem anderen fahren, und das legt mittags um 12 Uhr ab. Auf jeder Schulter einen Koffer läuft er zielstrebig zu dem großen Katamaran (mit dem wir nicht fahren wollten), wir hinterher und damit beginnt unsere Pechsträhne. Wieder und wieder schauen wir uns das Ticket an, da steht eindeutig unter Abfahrt 10.9.2019 – 9 Uhr. In dem blau gedruckten Text links davor entdecken wir dann noch eine 9 mit einem Bindestrich. Wir sind wie betäubt, und können noch immer nicht glauben, was wir da gerade erfahren haben.

Direkt hinter der Gangway des Katamaran sitzt der Zahlmeister, bei dem wir ein neues Ticket für 700 Reales (175,00 €) kaufen. Ob es eine Möglichkeit gibt, das Geld oder einen Teil zurückzubekommen? Verneinung von mehreren Seiten. Direkt neben dem Zahlmeister steht ein junger Mann im maritimen T-Shirt (wir halten ihn für ein Mitglied der Mannschaft) und verfolgt interessiert die Unterhaltung. Noch immer etwas benommen folgen wir dem Gepäckträger mit unserem neuen Ticket aufs Oberdeck bis zu unserer Kabine. Für die schwere Arbeit verlangt er 100 Reales, die er auch ohne weiteres Nachdenken unsererseits bekommt. Kurz darauf erscheint der junge Mann (im maritimen T-Shirt) in unserer Kabine und meint, es gäbe noch eine Chance, einen Teil des Geldes zurück zu bekommen, er will das für uns versuchen. Mit dem Ticket und der Chance verschwindet er, wir sehen ihn nie wieder.

Nach unserem letzten Schiff ist dieses Eisenmonstrum ein Kulturschock. Wir bekommen eine Camarote, eine 2 Meter hohe Kabine mit Doppelstockbett, zwei Stühlen, Klimaanlage aber ohne Bad und Fenster.

P1060544 - Kopie - KopieHier gibt es ein Gemeinschaftsbad für sechs Camaroten. . Eine Frau im pinken T-Shirt mit Schiffsemblem kommt und schreibt unsere Essenswünsche auf einen Block. Kurz darauf fragt eine zweite, dann eine dritte, danach höre ich auf zu zählen. Mindestens zehn Frauen – alle im gleichen Shirt – laufen mit ihren Blocks herum und schreiben Bestellungen auf. Wir glauben noch immer, dass sie zur Schiffsbesatzung gehören, bis wir sie unten bei den vielen Garküchen auf dem Ablegesteg herumlaufen sehen. Auf diesem Schiff ist die Verpflegung n i c h t inklusive. Alle erfahrenen Reisenden bestellen sich noch mindestens eine Mahlzeit, das Essen auf dem Schiff ist teurer. Kurze Zeit später schleppen die Frauen das bestellte Essen in großen Taschen herbei und kassieren ab.

Auf dem Schiff, das bestimmt viermal so viele Passagiere fasst, wie das letzte, ist ein unglaubliches Gedränge. Bei den Hängematten geht es drunter und drüber. Die hängen so dicht, dass die Menschen Hüfte an Hüfte liegen. Ich muss an diese in Reihe hängenden Kugeln denken, bei denen man die erste anstößt, und die letzte dann ausschwingt. So stelle ich mir hier das Schlafen vor.

Die Zeit, bis das Schiff ablegt, stehen wir an der Reling und schauen zu, was unten passiert. Da werden noch alle möglichen Waren eingeladen, um das Schiff tauchen immer wieder Delfine auf, und um 12 Uhr werden die ersten Leinen gelöst. Rufend und winkend kommt ein Mann angelaufen. Ein Auto – ein großer Pick-up soll noch mit. Zwei Bretter werden heraus geschoben, aber dann muss im Laderaum erstmal Platz geschaffen werden. Die Insassen – ein Paar um die sechzig – unterhält sich temperamentvoll neben dem Auto.

Plötzlich dreht sich die Frau um und stapft energisch davon. Das Auto wird aufs Schiff gefahren, der Mann läuft auf und ab, noch immer ist die Frau nicht zurück, und nun hilft alles nichts: Das Auto ist auf dem Schiff, die Frau weg. Dem Mann ist die Zerrissenheit deutlich anzusehen. Zweimal wurde schon die Sirene betätigt, dann geht der Mann zögernd an Bord. Das Auto hat den Sieg davongetragen. Wir alle warten gespannt, ob noch ein schnelles Boot hinterher kommt und die Frau zum Schiff bringt – nein, sie hat sich für Manaus entschieden.

Die Fahrt auf dem Amazonas, diesem unfassbar großen breiten Wasserweg hat etwas meditatives. Wir stehen an Deck und schauen, sehen Ufer, Inseln und andere Schiffe an uns vorbeigleiten, gehen aufs Oberdeck, wo uns der Fahrtwind um die Ohren weht und schlafen in dieser Nacht tief und fest, obwohl es überall knirscht, quietscht, klopft und dröhnt.

Wir lernen Friederike kennen, außer uns die einzige Deutsche an Bord. Sie lebt schon seit 7 Jahren in Liberia und arbeitet in der Entwicklungshilfe. Eine bemerkenswerte junge Frau, deren Erzählungen wir nur zu gerne lauschen. Von ihr erfahren wir, dass dieses Schiff weiterfährt nach Belém, wo wir ja auch hinwollen. Wir versuchen gleich, unser Ticket aufzustocken, werden aber von dem einzigen englisch sprechenden Mitarbeiter an Bord vertröstet bis nach unserer Ankunft in Santarém.

Bei einem Halt am nächsten Vormittag ein herrliches Schauspiel, eine Gruppe Männer und Frauen „bewaffnet“ mit mehrere Meter langen Stöcken und großen Taschen stürmt auf den Anlegesteg. Sie bringen Verpflegung, dürfen aber das Schiff nicht betreten. Rufe schallen hin und her, dann wird ein Beutel an die Stange gehängt und damit das Essen nach oben gereicht. Das Geld kommt in die abgeschnitten Plastikflasche, die oben auf der Stange steckt. Auf demselben Weg kommt das Wechselgeld zurück. An die hundert Portionen landen so bei den Passagieren.

P1060337 - Kopie - Kopie - Kopie - Kopie - KopieAbends erreichen wir Santarém und hier verlassen die meisten Passagiere das Schiff. Am Ufer warten bereits Polizisten und kontrollieren deren Gepäck. Gegenüber liegt bereits die Sao Bartolomeu V, die aber nicht bis Belém weiterfährt, sondern von hier aus wieder zurück nach Manaus. Wir warten noch immer auf die Auskunft, ob wir weiterfahren können. Zuerst will der Zahlmeister den vollen Betrag für die nächste Etappe, lässt sich dann aber um 200 auf 500 Reales herunterhandeln. Das Schiff bleibt über Nacht hier liegen, und wir gehen in eine Hafenkneipe, um etwas zu essen. Bei der Rückkehr müssen wir einem Wachmann unser Ticket zeigen. Nur in Manaus kann Hinz und Kunz aufs Schiff, alle anderen Häfen werden genau kontrolliert.

Die Passagiere vom Oberdeck, die jetzt noch an Bord sind, kennen wir inzwischen vom Sehen, und einige versuchen auch, mit uns in Kontakt zu kommen.

P1060542 - Kopie - KopieEine von denen  ist Aglai (gesprochen mit 3 i am Ende), eine runde, stets lachende und redende Brasilianerin. Mit Gesten und ein paar Brocken englisch unterhalten wir uns. Wir sind uns sympathisch, ohne groß miteinander reden zu können.

Als es gerade hell wird, sehe ich von der Reling aus, wie Bananenstauden von zwei LKW in den Bauch der Sao Bartolomeu wandern. Kaum sind die verstaut, kommen zwei mit Kästen voller Orangen beladene. Die Wassermelonen vom nächsten Wagen werden stückweise von Mann zu Mann geworfen.

Auch für unser Schiff stehen Waren bereit, etliche große Styropor-Kästen voller Fische auf Eis müssen an Bord. Die beiden Männer müssen unglaublich schleppen, ein dritter steht dabei und passt auf, dass sie auch alles richtig machen. Ab 10 Uhr kommt ein neuer Schwung Passagiere aufs Schiff und die Lücken zwischen den Hängematten sind schnell wieder geschlossen.

P1000986Nachmittags um 15 Uhr legen wir in Monte Alegre  an. Hier steht eine lange und breite Mauer aus Obstkisten, die alle in den Laderaum sollen. Zwei Stunden soll das hier dauern, aber nach 3 Stunden werden noch immer neue Kisten herangekarrt. Wir machen gemeinsam mit Friederike einen Landgang und kaufen Obst und Wasser ein. Erst um 20 Uhr legen wir wieder ab.

Nach einem Halt am nächsten Morgen verfolgt uns ein schnelles kleines Boot. Die Passagiere – drei junge Männer – haben wohl nicht erwartet, dass die 30 Minuten Anlegedauer wirklich eingehalten werden und mussten fassungslos mit ansehen, wie der Katamaran mit ihrem ganzen Gepäck sich bereits in voller Fahrt mitten im Fluss befand. Ein paar Stunden später biegt das Schiff in einen Seitenarm ein. Sofort setzten sich am Ufer kleine Boote in Bewegung und paddeln auf uns zu.

Kinder sitzen in den Booten, mal allein, mal mit einem Erwachsenen und unsere Passagiere werfen Plastiktüten mit Leckereien über Bord, die von den Insassen der kleinen Boote eingesammelt werden. „Das machen die nicht, weil sie arm sind,“ erklärt uns ein Brasilianer, „das ist Kinderbelustigung.“ Den Menschen hier geht es finanziell gut, sie leben vom Verkauf der Acai-Beeren und vom Fischfang.

Einer kommt mit seinem Motorboot, macht hinten an unserem Schiff fest und verkauft Shrimps, roh oder bereits gekocht.

Auch der nächste Ort macht einen wohlhabenden Eindruck, auf mehreren Plätzen lagern große Stapel Tropenholz und warten auf die Verschiffung. Stege sind zwischen den einzelnen Häusern angelegt und mehrere Hausbesitzer haben sich noch luftige Freisitze über dem Wasser gebaut.

Früh am Sonntag Morgen erreichen wir Belém.

P1060543 - Kopie - KopieEnde unserer Amazonas-Reise, die so schön begonnen hat und zwischenzeitlich getrübt wurde. Aber trotz allem, es war ein wunderbares Erlebnis, das möchten wir am liebsten gleich noch einmal machen.

Belém gefällt uns schon auf den ersten Blick so viel besser, als Manaus. Vermutlich liegt es daran, dass die Straßen von riesigen Mangobäumen eingerahmt sind. Obwohl die letzten Früchte noch an den Bäumen hängen, stehen sie schon wieder in voller Blüte.

Unser kleines Hotel hat einen verständnisvollen Mitarbeiter. Wir bekommen ein Frühstück serviert und dürfen auch sofort in unser Zimmer, ein wenig Schlaf nachholen. Nachmittags wollen wir ins Goeldi-Museum. Es liegt in einem von Mauern umgebenen Parkt und kann dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiern.

Der Eintritt ist frei, aber das Museum ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Im Park – einer Kombination aus botanischem und zoologischen Garten – lässt sich die Hitze gut ertragen. Wir sehen die großblättrigen Seerosen, die einen Menschen tragen können, einen Riesenotter, zwei Jaguare, zwei Tapire, Schildkröten, Krokodile, Vögel und viele freilaufende Agutis. Die Manatis und Anacondas wurden für die Dauer der Renovierung ausquartiert.

Am Montag sind Museen und das Fort geschlossen, so bummeln wir durch die Altstadt, laufen am Ufer zwischen unzähligen Verkaufsständen über den Ver-o-Peso- Markt. Der Name bedeutet: nach Gewicht, denn danach wurden früher die Steuern berechnet, die an die portugiesische Krone zu entrichten waren. Hier gibt es alle Arten von Lebensmitteln. Zusätzlich zur bunten Zuckerwatte macht Popcorn in allen Farben des Regenbogens diese farbenfrohe Welt noch ein wenig bunter. Wir kaufen eine Tüte mit frischen geschälten Paranüssen, die hier so kurz nach der Ernte noch im Geschmack der Kokosnuss ähneln. Ob Die Nüsse nach dem Bundesstaat Para heißen, oder ob es umgekehrt ist, kann mir niemand sagen. In der von vier Türmchen geschmückten alten Markthalle wird der Fang des Tages verkauft, und direkt dahinter dümpeln jetzt die Fischerboote.

Kathedrale, Hafen
Theater, Fort

Am anderen Ende des Hafens liegen Unmengen von Beeren zwischen dem Kopfsteinpflaster. Es sind Acai-Beeren, die vermutlich beim Verladen aus undichten Säcken gefallen sind.

Der Hafen hat Belém zu einer wohlhabenden Stadt gemacht. Sämtliche Waren aus der Amazonas-Region gehen von hier in alle Welt. Erst langsam entsinnt man sich hier offenbar der schönen Gebäude, von denen die meisten bis jetzt dem Verfall preisgegeben sind. Es würde schon helfen, wenn die Sprayer statt Schmierereien Street-Art auf die vielen gammeligen Mauern zaubern könnten. Doch es gibt dazwischen immer wieder Geschäfte, deren Angebot den besten Läden in Europa oder Nordamerika in nichts nachsteht. Der eigentlich hübsche Park am Hafen mit trocken gefallenen Teichen und Wasserläufen verrottet und ist mittlerweile zu einem Schlaf- und Aufenthaltsplatz für Obdachlose geworden. Nur bei Tag trauen sich die Einwohner von Belém noch hierher.

P1060695 Bürgersteige bieten eine wilde Mischung aus Marmorpflaster, Sand- und Betonflächen und metertiefen Löchern, dazwischen verwest schon mal eine Ratte. Doch die Menschen sind fröhlich, hilfsbereit und überaus gastfreundlich und das ist schließlich für Besucher das Wichtigste.

Amazonas 1- von Tabatinga nach Manaus (Brasilien)

Obwohl Leticia (Kolumbien) und Tabatinga (Brasilien) zusammen eine 100.000 Einwohner starke Stadt bilden, muss man im brasilianischen Teil die Uhr eine Stunde vorstellen. Pünktlich um 9 Uhr sollen wir am Hafen sein, also müssen wir um 7.30 in Leticia abfahren. Wir haben es immer noch nicht gelernt, Zeitangaben sind nur die Möglichkeitsform. Natürlich sind wir die ersten Passagiere und es vergeht fast eine Stunde, bis nach und nach weitere Mitreisende eintreffen.

Unser Gepäck stellen wir nach Anweisung akkurat auf einen der gelben Streifen im gekennzeichneten Wartebereich für Alte (über 60), Behinderte, Schwangere und Mütter mit Kleinkindern (dieses Schild wird uns noch oft begegnen, an Supermarktkassen, an Busbahnhöfen – die Gnade der frühen Geburt). Am Schalter bekommen wir ein Armband umgeklebt, an der Farbe ist für die Schiffsbesatzung erkennbar, wie weit wir fahren. Später kommt die Erfassung im Polizeibüro, dann dürfen wir mit der ersten Gruppe gegen 11 Uhr zum Schiff. Doch davor haben etliche Polizisten Stellung bezogen und kontrollieren jedes Gepäckstück. Wir müssen die Koffer öffnen, die Rucksäcke werden ausgepackt, die Gitarre aus ihrer Hülle geholt, dann erst ist der Weg für uns frei. Gepäckträger stehen bereit, um die Waren ins Schiff zu bringen. Obwohl die Tarife auf einer Tafel stehen, versucht der Träger, von uns das Doppelte zu bekommen. Die Zahlmeisterin des Schiffes entscheidet: „20 Reales sind genug.“

Wir haben uns für eine Kabine entschieden, uns beiden tut schon nach zwei Stunden in der Hängematte das Kreuz weh, außerdem haben wir gern eine eigene Toilette. Die Stewardess begleitet uns zu unserer „Suite“ und stellt uns unsere persönliche Betreuerin vor. Den Luxus hatten wir nicht erwartet, erst kommen wir in einen Vorraum, in dem wir unser Gepäck aufbewahren können, ein Kühlschrank steht im Raum. Die Kabine hat ein bequemes Doppelbett, eine Klimaanlage, umlaufende Regale mit genügend Steckdosen. Rechts ist das Duschbad und geradeaus geht es auf unseren eigenen Balkon mit Tisch und Stühlen.

Während wir von dort aus beobachten, wie weitere Passagiere an Bord gehen und Waren verladen werden, bekommen wir bereits ein gehaltvolles Mittagessen serviert. Halb zwei legt das Schiff unter lauten Signaltönen ab, 1,5 Stunden nach der geplanten Abfahrtszeit. Für die Manöver steht ein kleines, stark motorisiertes Boot zur Verfügung, das das Schiff in die passende Richtung schiebt und drückt, wird es nicht gebraucht, wird es an der Schiffswand hochgezogen. Wir nennen den Winzling „Helferlein“.

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Im Unter- und Zwischendeck befestigen die Passagiere, die sich für die einfache Überfahrt entschieden haben, ihre Hängematten an den massiven Stahlrohren. Für sie gibt es große Dusch- und Waschräume und Toiletten. Überwiegend sind Einheimische unterwegs, Touristen bilden eine kleine Minderheit.

Unser Schiff fährt auf dem Rio Solimões – so heißt der Amazonas von hier bis Manaus-, der die Farbe von Tee mit Milch hat, stromabwärts mit 20 bis 23 Stundenkilometern. Wir befinden uns nicht auf einem Vergnügungsschiff (obwohl es für uns sehr vergnüglich ist), die Wasserstraße ist die einzige Verbindung zwischen den kleinen und großen Urwalddörfern und -städten.



An jedem Haltepunkt werden Waren verladen und steigen Menschen aus und ein. Das passiert auch um Mitternacht oder 4 Uhr morgens. Und jedesmal geht es laut zu, das Schiffshorn tutet, die Gangway rasselt, laute Kommandos werden gerufen, für uns eine spannende Unterhaltung. Wir stürzen immer auf unseren Balkon und sehen dem Gewusel zu. Manches Mal düst auch nur das Helferlein los, um ein oder zwei Passagiere ans Ufer zu bringen oder dort abzuholen.

Die Landschaft gleitet an uns vorüber und wir schauen uns an, wie die Menschen an diesem größten Flusssystem der Erde leben. Sehen die auf Stelzen oder Schwimmkörpern gebauten Häuser, beobachten wie kleine Boote hin- und herflitzen, blicken auf Kinder, die am Ufer spielen und ab und zu auf weidende Rinder. Dann wieder kilometerweit nichts als Urwald. Jeden Abend und jeden Morgen überqueren Papageien den Fluss. Sie sind wirklich die geschwätzigsten Vögel im Tierreich, sie können anscheinend keinen Meter fliegen, ohne sich zu unterhalten. Selbst wenn nur ein Pärchen das Schiff überquert, hört man sie laut plappern. Nach und nach gehen am Ufer die Lichter an. Es gibt in den meisten Orten Generatoren, denn ohne Strom funktionieren die riesigen Satellitenschüsseln neben vielen Häusern nicht.

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Die Zahlmeisterin schließt uns den Salon auf, ein großer Raum auf dem Oberdeck vorne im Schiff mit einem umlaufenden Balkon. Als wir das nächste Mal hineingehen wollen, ist er abgeschlossen. Sofort kommt die Dame und schließt wieder für uns auf. In unserer Abwesenheit war eine Mutter mit zwei Kindern aus der „dritten“ Klasse hier hereingekommen, erklärt sie uns. Die Kinder hopsten mit Schuhen auf den Polstermöbeln herum und rissen alle Schubladen auf. Das war bestimmt ein Riesenspaß für die Beiden.

Das Essen schmeckt, zwar gibt es kaum Gemüse, aber das Fleisch ist immer gut gewürzt, die Beilagen (Reis und Nudeln) dagegen salzlos. Am Freitag Morgen werden zwei große Fische aufs Schiff gebracht, mittags liegen Stücke davon zart und saftig ohne eine einzige Gräte auf unseren Tellern. So gut hat mir ein Süßwasserfisch noch nie geschmeckt.

Der Blick auf den Sternenhimmel ist in diesem dünn besiedelten Teil der Erde unglaublich schön, und wir sitzen so lange draußen, bis uns fast die Augen zufallen. Das Schiff fährt Tag und Nacht, in der Dunkelheit wird ein Suchscheinwerfer eingeschaltet.

Drei Tage und Nächte sind wir unterwegs, bevor wir nach Manaus kommen. Die Stadt liegt am Rio Negro, kurz vorher überfahren wir eine Stelle, wo er mit dem Rio Solimões zusammenfließt, ab hier heißt er dann Amazonas. Die Farben der beiden Gewässer – hier wie starker Kaffee, dort wie Tee mit Milch, verlaufen 11 Kilometer wie dem Lineal gezogen nebeneinander, bevor sie sich vermischen.

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Wir gleiten am langgezogenen Industriehafen mit Treibstofflagern vorbei, als vor uns einer der rosa Flussdelfine auftaucht. Es ist ein Jungtier, der Rücken noch grau, die Flosse bereits rosa. Eine Stunde später haben wir den Hafen erreicht und legen an.

Ein unglaubliches Gewimmel setzt ein, jeder kann an Bord des Schiffes kommen, sofern er es schafft, sich an den aussteigenden Passagieren vorbei zu quetschen. Unsere Stewardess will sich um einen Gepäckträger für uns kümmern, wir sollen nicht auf einen Abzocker hereinfallen.

Während ich noch mit Packen beschäftigt bin, verlässt Klaus mit irgendeinem Mann das Schiff, um Karten für die Weiterfahrt und eine SIM-Card zu besorgen. Eine Stunde später – alle Passagiere sind von Bord gegangen – beginne ich mich, zu sorgen. Nach einer weiteren halben Stunde hat sich mein Magen in einen Stein verwandelt und noch eine viertel Stunde später bin ich so außer mir, dass eine Horrorvision die andere ablöst: Im Urwald ausgesetzt, nachdem er unser Konto leeren musste, k.o. geschlagen und ausgeraubt, zu einem Paket verschnürt und in den Rio Negro geworfen (ich lese wohl zu viele Krimis). Als zwei Frauen der Besatzung kommen und das Wort „Esposo“ (= Ehemann) sagen, breche ich in Tränen aus. Sie umarmen mich, sprechen tröstend auf mich ein, holen mir was zu trinken und dann drückt mir die eine ihr Handy ans Ohr; am anderen Ende ist Klaus, er ist mit ihrem Mann unterwegs.  Ich lache und weine zugleich und bin unendlich erleichtert, dass alles in Ordnung ist. Als er endlich zurückkommt, gibt Klaus mir stolz das Ticket für unsere Weiterfahrt auf dem Amazonas. Der große unserem Schiff gegenüberliegende eiserne Katamaran hat ihm nicht gefallen, wir fahren mit einem kleineren Schiff. Bevor wir unser Schiff verlassen, müssen wir unbedingt noch mit der Mannschaft essen. Als Spezialität gibt es ein dunkel-lila Mus von Acai-Beeren, das sollen wir unbedingt probieren, erstens gibt es Kraft und ist natürlich noch potenzsteigernd. In Deutschland gehört es zum sogenannten Super-Food. Anschließend werden wir sogar noch zu unserer Ferienwohnung gefahren. Wir sollen uns in Brasilien willkommen fühlen, ist die Antwort auf unsere Frage nach dem Trinkgeld.

Auf den ersten Blick sieht das Haus nicht gerade einladend aus, im Flur liegen Zementsäcke, stehen Backsteine und der Fahrstuhl sieht aus, als wäre er mindestens 50 Jahre alt. Aber die Wohnung in der 7. Etage ist geschmackvoll eingerichtet und komfortabel. Wir wohnen direkt in der Altstadt, ein paar hundert Meter vom eindrucksvollen Opernhaus entfernt. Manaus, das ist eine merkwürdige Mischung aus alter Pracht, modernen Gebäuden, Verfall und Zweckmäßigkeit. Bis zur Weiterfahrt auf dem nächsten Schiff haben wir vier Tage Zeit, um diese Stadt kennenzulernen. Erst am nächsten Tag sehen wir, dass gestern eine Vorstellung mit Wiener Künstlern in der Oper war, die haben wir leider verpasst.

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Gegenüber von unserer Wohnung ist im schönsten Gebäude der Straße eine Filiale von C&A. Hier hat das Geschäft ein ganz anderes Image. Billige Kleidung kauft man an den Ständen in den umliegenden Straßen. Besonders amüsiert mich stützende Unterwäsche, die Aussparungen für die Pobacken hat. Brasilianerinnen lieben es gesäßbetont. Kein Slip, kein Bikinihöschen oder Badeanzug, der die kugelige Rückseite nicht un- oder halbbedeckt zur Schau stellt.

Die Markthalle am Flussufer ist durch ein paar Pavillons in Eisenkonstruktion ergänzt, entworfen von Gustave Eiffel. Alles aus der Zeit, als Manaus durch den Export von Kautschuk zu unglaublichem Reichtum gelangte. Diese Zeiten liegen über hundert Jahre zurück und die aus dieser Zeit stammenden Gebäude rotten mehrheitlich vor sich hin. Kaputte Bürgersteige mit Abwassergräben davor, aus denen es bei diesen Temperaturen erbärmlich riecht, bis der nächste Tropenregen den größten Dreck hinwegschwemmt.

Sonntag, da tut man es den vielen Einheimischen gleich und fährt in das modernste Einkaufszentrum der Stadt. Gebaut um ein Reststück Urwald, das man durch die Glaswände betrachten kann. Schöne Geschäfte, viele bei uns unbekannte Marken, die sehr farbenfrohe Kleidung anbieten. Eine Weile stehen wir gemeinsam mit stolzen Frauchen und Herrchen vor einem Hunde-Schönheitssalon und schauen zu, wie aus begossenen Pudeln duftende, plüschige Schönheiten werden.

In der Ebene mit den Restaurants landen wir am Abend in einer Bierstube, hier drängen sich die Menschen, es wird das Endspiel des Südamerika-Cup übertragen. Als Brasilien das Spiel gewinnt, ist der Jubel unbeschreiblich.

In den nächsten Tagen laufen wir in den Regenpausen durch die Stadt, am Mittwoch geht unsere Reise auf dem Amazonas weiter.

Übrigens: Unser Paket aus Costa Rica ist vor ein paar Wochen heil und vollständig zuhause angekommen.

Bogota (Kolumbien

Seit wir unterwegs sind, nutzen wir zur Planung die hilfreiche App Rome2rio. So auch dieses Mal, wo wir von Guatapé nach Bogota fahren wollen. Wir bekommen die Information, dass wir mit einem Taxi 30 Kilometer bis Granada fahren müssen, ein Bus fährt von dort in 4,5 Stunden nach Bogota. Am Fahrkartenschalter der Bushaltestelle in Guatapé erstauntes Kopfschütteln, von Granada nach Bogota, unmöglich. Wir müssen zurück nach Medellin (2 bis 4,5 Stunden) und von dort mit mehreren Bussen (angegebene Zeit 7 bis 11 Stunden + Zugabe) nach Bogota. Das macht in diesem Land niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat. Die meisten Menschen fliegen. Immer noch nicht überzeugt schreibe ich an die Busgesellschaft und erfahre, dass man uns am Busbahnhof die richtige Auskunft gegeben hat. Von Granada im Departement Meta fährt der Bus nach Bogota, aber nicht von Granada in Antioquia, wo wir uns gerade befinden. Wir entschließen uns ebenfalls zu fliegen. VivaAir ist auf den erste Blick der günstigste Anbieter. Knapp 25 € kostet das Ticket pro Person, allerdings ohne Gepäck, das kostet extra.

Am nächsten Morgen geht es per Bus Richtung Medellin, wir sollen in Guarne aussteigen und per Taxi bis zum Flughafen fahren, das sei die kürzeste und preisgünstigste Lösung. Allein der Busfahrer macht keine Anstalten anzuhalten. Erst nach lauten Rufen fährt er an die Seite und gibt auch unsere Koffer heraus. Ein Taxi ist weit und breit nicht zu sehen. Nach hundert Metern kommen wir an einem Hotel vorbei und entschließen uns, hier nach einem Taxi zu fragen. Die junge Dame an der Rezeption bittet uns sofort herein und bietet uns frischen Kaffee und kalte Getränke an, während wir auf das bestellte Taxi warten. Zum Abschied werde ich herzlich umarmt und sie versichert uns, es sei eine Freude für sie gewesen, uns helfen zu dürfen.

Zwanzig Minuten später sind wir am Flughafen. In der Abflughalle stehen Automaten für den Check-In bereit. Jede Gesellschaft ist hier zu finden, nur nicht VivaAir. Am Schalter erklärt uns die unfreundliche Bodenstewardess, dass wir für den Ausdruck der Bordkarte 10 € pro Person zu bezahlen haben. Wir ärgern uns grün, 20 € für zwei lappige Papierstreifen. Dann will sie allen Ernstes noch Gebühren für die kleine Gitarre, die Klaus seit Bali an seinem Rucksack trägt, und die mit uns kostenlos schon um die halbe Welt geflogen ist. Dieses Mal weigern wir uns, und auch noch ein zweites Mal beim Boarding, wo eine Kollegin von ihr noch einmal jedes Gepäckstück der Reisenden in Augenschein nimmt. Eins steht fest: „Niemals mehr VivaAir!“

Kaum haben wir die Flughöhe erreicht, beginnt auch schon der Sinkflug und wir landen pünktlich in Bogota. Unsere Mitreisenden ziehen noch im Flugzeug Winterjacken an. Bogota liegt noch einmal 1150 Meter höher als Medellin (1500 m), und die Temperatur ist etliche Grad kälter. Da sind wir doch weniger kälteempfindlich und trauen uns bei 17 Grad im T-Shirt nach draußen.

Unser gebuchtes Hotel liegt im Altstadtviertel Candelaria, im Südosten der 9 Millionen-Stadt. Die numerischen Straßenbezeichnungen sind so wenig eindeutig, das der Taxifahrer den Weg erst findet, als Klaus ihn per Handy durch die Straßen navigiert.

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Candelaria ist schon bergig, aber direkt dahinter ragen die Felsen des Cerro de Monserrate bis auf 3.153 Meter steil in die Höhe.

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Auf dem Gipfel steht ein Kloster, das man per Seil- oder Standseilbahn – sportliche oder pilgernde Menschen laufen bergauf – erreichen kann. Das würde mir nicht im Traum einfallen, aber die Seilbahn ist schon ein Überlegung wert, vor allem weil man von oben einen Blick auf die unglaublich steile Standseilbahn Schweizer Bauart mit einer Steigung zwischen 39 und 80,5 % hat. Doch zuerst bleiben wir mal auf dem Boden.

Am nächsten Tag machen wir einen Besuch im Goldmuseum. In vielen Ländern gibt es Museen, die dem Edelmetall gewidmet sind, doch das von Bogota soll mit 55.000 Ausstellungsstücken die umfangreichste Sammlung haben. Deshalb haben wir in San José/Costa Rica auch auf den Besuch des dortigen Goldmuseums verzichtet.

Das Mueso del Oro wurde 1939 von der kolumbianischen Staatsbank gegründet, um das archäologische Erbe des Staates zu schützen. Der Eintrittspreis ist mit 8.000 COP (2,15 €) ausgesprochen niedrig. Wir leihen uns noch zwei Audioguides, die in englischer Sprache Erläuterungen zu den verschiedenen Objekten geben. Gezeigt werden auch Stücke aus Silber, Kupfer und Platin und nichtmetallische Gegenstände. Außerdem erfährt man etwas über die Herstellung der ausgestellten Stücke

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Wir sehen aus Gold gearbeitete winzig kleine und ziemlich große Gegenstände. Hals-, Kopf- und Ohrschmuck, Ziernadeln, Brustplatten und Armreifen, fantastische Masken und Gegenstände, die Schamanen für rituelle Zeremonien verwendet haben, z.B. Behälter für Rauschmittel. Das Prunkstück der Ausstellung ist ein kleines filigran gearbeitetes Floß mit Figuren. Wenn man darüber nachdenkt, dass die spanischen Eroberer tonnenweise Goldschätze geraubt und sie später in ihrer Heimat eingeschmolzen haben, könnte man weinen.

Im Museums-Café wird nur Kaffee von einer einzigen Farm angeboten. Man wählt aus verschiedenen Röststufen aus und die Zeremonie beginnt auf dem Tisch mit einer speziellen Kanne. Eindrucksvoll, aber das Ergebnis sieht nach Blümchenkaffee aus. Total überrascht stellen wir fest, dass man von der Farbe nicht auf den Geschmack schließen darf.

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Direkt gegenüber vom Museum steht die von außen unscheinbare Kirche, Iglesia de San Francisco, die zwischen 1557 und 1621 erbaut wurde. Die Überraschung wartet im Inneren. Der Altarraum ist so überreich mit Gold ausgestaltet, dass das Goldmuseum dagegen verblasst. Fotografieren ist leider verboten.

In der Fußgängerzone gibt es immer was zu sehen, Musiker, Verkäufer, Geschäfte, man weiß überhaupt nicht, wohin man zuerst schauen soll. Unter all dem Schauen erreichen wir die riesige Plaza de Bolivar, das Herz Candelarias mit dem Standbild des Nationalhelden Simon de Bolivar.

Taubenschwärme laufen hier herum und erheben sich nur widerwillig in die Luft, wenn man zwischen ihnen hindurch läuft. Alle machen einen gut genährten Eindruck und die Einheimischen kaufen auch fleißig Futter, damit es den Tierchen an nichts mangelt. Rund um den Platz liegen die Kathedrale, der  Justiz-Palast, das Nationalkapitol und das Rathaus. Ein Serie von Aufstellbildern zeigt, wie sich Bogota in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Mit der Transmillenio, einer Buslinie deren Fahrzeuge auf einer eigenen Spur fahren, gibt es schon ein fortschrittliches Transportmittel für die Allgemeinheit, das auch sehr stark frequentiert wird. Es soll aber noch eine Metro nach dem Vorbild Medellins hinzukommen. Das Verkehrsaufkommen in dieser Stadt ist auch wirklich unglaublich. Obwohl die lange Nord-Süd-Verbindung 10-spurig ist, reicht es nicht aus, um fließenden Verkehr zu gewährleisten. Allein die Anzahl der Taxen in der Stadt. Die gelben Autos – oft gasbetrieben – fallen überall auf. Die überwiegende Mehrzahl der Pkws ist japanischer, koreanischer oder amerikanischer Herkunft. Renault ist die einzige europäische Marke, die stark vertreten ist. Hauptsächlich sieht man die Modelle, die bei uns unter der Marke Dacia vertrieben werden. Diese Fahrzeuge werden in Kolumbien gefertigt. Aber auch uns unbekannte Modelle aus China und Indien rollen über die Straßen.

Jeden Morgen erfreuen wir uns an den Bildern im Treppenhaus unseres Hotels, die die heimische Tierwelt zeigen. Einige sind erst mit Bleistift auf der weißen Wand skizziert, und als wir sehen, dass das Faultier gestern fertiggestellt wurde, ist unsere Freude groß. Wir fragen nach dem Künstler und erfahren, dass er auch für viele Bilder an den Fassaden der Altstadt verantwortlich ist.

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So eingestimmt, wollen wir heute noch einmal Botero einen Besuch abstatten. In der Altstadt steht das Botero-Museum, in dem vom Künstler gestiftete Gemälde ausgestellt sind.

Wir entdecken außer seinen eigenen Bildern auch viele Werke bekannter europäischer Maler, Picasso, Pissaro, Renoir, Matisse, Nolde und Kokoschka, um nur einige zu nennen. Im begrünten Innenhof wachsen neben den vielen exotischen Pflanzen sogar Vergissmeinnicht.

Auf Empfehlung einer reiselustigen Bekannten besuchen wir noch das Museo Colonial. Eine Ausstellung mit Bildern und Skulpturen aus der Zeit der spanischen Eroberung in einem schönen Gebäude.

In der Calima Shopping Mall ist am Sonntag ein unglaublicher Betrieb. Wir können kaum glauben, dass vor den meisten Restaurants lange Menschenschlangen stehen, die geduldig warten, dass ein Tisch frei wird und sie irgendwann auch essen können. Das kann doch kein normaler Sonntag sein. Erst später lesen wir, dass heute Vatertag ist. Offenbar ziehen hier die Männer nicht mit alkoholischen Getränken los, sondern führen an dem Tag ihre Familie aus. Leider gibt es hier kein Restaurant der Crepes & Waffles Guppe. Wir haben schon öfter in einer der Filialen sehr gut gegessen. Das ist eine kolumbianische Erfolgsgeschichte. Zwei Studenten eröffneten 1980 in Bogota ein winziges Lokal im Stil einer französischen Creperie. Sie verwendeten von Anfang an nur erstklassige Zutaten. Das Konzept ging auf und heute existieren über 100 Filialen, davon 84 in Kolumbien. Die Kokos- und die Limetten-Minz-Limonaden haben Suchtpotential. Doch selbst wenn es hier ein Restaurant gäbe, kämen wir bei dem Andrang heute bestimmt nicht hinein. An einer kleinen Imbissbude bekommen wir etwas zu essen, ohne anstehen zu müssen. Eine Etage unter uns sitzen Menschen auf Sitzsäcken und Stühlen und verfolgen auf einer Großleinwand ein Fußballspiel.

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Viele Frauen in Kolumbien mögen ihre Kleidung hauteng. Jeans und Leggins müssen schon stabil gearbeitet sein, um jede Bewegung gefahrlos mitzumachen. Die knappen Oberteile entblößen mehr, als sie verhüllen, und als Kleid trägt Frau gern eine Art Körperstrumpf, gerade den Po bedeckend und bevorzugt in leuchtenden Farben. Eins wird uns dabei klar, sollte Botero vom Schaffensdrang übermannt werden, an Modellen herrscht kein Mangel.

Mit einem Besuch des Klosters auf dem Monserat wird es nun doch nichts mehr, aber vielleicht kommen wir ja irgendwann noch einmal hierher.

Stadtansichten

Popayán und Salento (Kolumbien)

Die Tickets für die Weiterfahrt nach Popayán kaufen wir in einer Agentur auf der Hauptstraße. Für die 136 Kilometer Entfernung werden 4 Stunden veranschlagt, kaum vorstellbar. Bis zur Abfahrt haben wir noch eine halbe Stunde Zeit und gehen frühstücken. Als wir zurückkommen, lädt der Inhaber der Agentur unser Gepäck in seinen PKW und fährt uns ein paar Kilometer aus der Stadt heraus bis zu einer Straßengabelung. An dem steilen Berghang gegenüber wächst Kaffee. Der Hang ist so steil und so hoch, dass die Weinberge an der Mosel dagegen was für Anfänger sind.

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Unser Fahrer wartet gemeinsam mit uns auf den Bus, der aus Pitalito kommend nach Popayán fährt. Erst als er sicher ist, dass wir im richtigen Bus sitzen, fährt er zurück. Die Straße ist sehr kurvenreich und ich bin wieder unglaublich dankbar, dass Klaus und ich keine Reiseübelkeit kennen. Leider trifft das nicht auf alle Mitreisenden in unserem kleinen Bus zu. Die Spucktüten werden ausgiebig genutzt. Wenn man bei dem ständigen hin- und herschaukeln glaubt, es könne nicht schlimmer kommen, ist das ein Irrtum. Nach zwanzig Kilometern ist den Straßenbauern der Asphalt ausgegangen, und jetzt sucht der Fahrer im strömenden Regen seinen Weg zwischen Schlaglöchern, in denen sich ein Elefant bequem schlafen legen könnte. Dabei ist das hier die Hauptverbindung.

Der Bus durchquert den Puracé Nationalpark, der nach dem sehr aktiven 4.750 Meter hohen Schichtvulkan benannt ist. Die Vegetation ist äußerst abwechslungsreich und streckenweise so dicht, dass sie für Menschen undurchdringlich ist. Irgendwann muss der Bus anhalten. Mehrere Dutzend Motorräder stehen schon kreuz und quer auf der Straße, hier findet eine Polizeikontrolle statt. Alle Männer müssen mit ihrem Gepäck den Bus verlassen und werden draußen kontrolliert. Im Bus lassen sich Polizisten das restliche Handgepäck zeigen und öffnen bei den Einheimischen jede Tasche, jeden Rucksack. Meiner wird halbherzig von außen abgetastet. Drogen sind auch nach dem Tode Escobars ein allgegenwärtiges Thema, zu groß die Gewinne, als das man auf dieses einträgliche Geschäft verzichtet.

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die Werkstatt seines Vertrauens

Plötzlich ein Knall, der Fahrer stoppt und schaut nach: Ein Reifen ist geplatzt. Da der Bus über Doppelbereifung verfügt, können wir die Fahrt bis zur nächsten Werkstatt fortsetzen. Einige Kilometer vor Popayán erreichen wir dann wieder eine befestigte Straße und 5,5 Stunden nach Fahrtantritt auch das Ziel.

Die Außenbezirke und die Neustadt der 250.000 Einwohner-Stadt sind ziemlich uninteressant. Die große Altstadt – auch die weiße Stadt genannt – mit ihrer kolonialen Architektur ist unser Ziel.

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Als wir am Abend auf der Suche nach einem Restaurant durch die Straßen laufen, macht die Altstadt den Eindruck, sich auf eine Belagerung vorzubereiten. Zwar beleuchten die eckigen Laternen an den Häusern die Straßen einigermaßen, aber wo wir auch hinkommen, die massiven dunklen Holztüren sind verschlossen und die eisernen Gitter davor ebenfalls. Kein Lichtschein dringt aus den Häusern. Eine junge Frau, die gerade ihre Mutter abholt, fährt uns zu dem vermutlich einzigen offenen Lokal und rettet uns vor dem Hungertod. Nochmals herzlichen Dank Maria.

In der Kathedrale
Theater unten ‚Demonstratiönchen‘
Baum mit Louisiana Moos
Juristische Fakultät

Heute – am Montag, dem 24. Juni – ist Fronleichnam und somit Nationalfeiertag, erklärt uns der Hotelbesitzer später, deshalb ist alles geschlossen. Und wirklich ist die Stadt am nächsten Morgen nicht wiederzuerkennen. Die jetzt geöffneten Türen führen in Geschäfte und Lokale aller Art. Verkaufsstände stehen rund um den Platz vor der Kirche und in den nahe gelegenen Straßen. Dazu duftet es überall nach Ananas. Die bereits geschälten goldgelben Früchte schmecken köstlich, und wo kommen auf einmal die vielen Menschen her? Auch am Abend sind noch etliche Türen geöffnet und wir bekommen in einem Restaurant, aus dem es verlockend duftet, das bisher beste Stück Fleisch während unserer Kolumbienreise.

Die Weiterreise geht zunächst nach Cali, der drittgrößten Stadt in Kolumbien. Die Einfallstraße hat einen 15 bis 20 Meter breiten Grünstreifen in der Mitte, der demnächst wohl einer Buslinie nach dem Vorbild Bogotas zum Opfer fallen wird.

Der zweistöckige Busbahnhof bietet Geschäfte, Restaurants, Frisör, Schönheitssalon und eine Bankfiliale. Wir kaufen die Fahrscheine für die Weiterfahrt und sehen, dass wir bis zur Abfahrt noch gut zwei Stunden Aufenthalt haben. Zeit genug, etwas zu essen und gemütlich zum Wartebereich zu schlendern. Ein Blick auf seinen Rucksack lässt Klaus wie von der Tarantel gestochen hochfahren. Die kleine Reisegitarre fehlt, sie ist im Gepäckfach des letzten Busses liegengeblieben. Und plötzlich verfliegt die Zeit nur so, die Abfahrtszeit des Anschlussbusses rückt näher, gerade noch rechtzeitig kommt mein Mann strahlend mit seiner Gitarre zurück. Der Bus war noch da, Fahrer brauchen schließlich auch eine Mittagspause.

Eine halbe Stunde, nachdem der Bus Cali verlassen hat, werden wir erneut von einer Polizeikontrolle gestoppt. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter: „Amigo,“ sagt er „das passt mir jetzt überhaupt nicht, ich bin sowieso schon spät dran.“ Und der Polizist winkt ihn weiter. Gute drei Stunden braucht der Bus bis Armenia, dort steigen wir um und fahren mit dem öffentlichen Bus im Feierabendverkehr noch knapp 30 Kilometer bergauf nach Salento. Die kleine Ortschaft liegt in der Kaffeeanbauregion auf 1900 Meter Höhe. Gleich nach der Ankunft folgen wir der Empfehlung einer Hostelmitarbeiterin und kehren im 50 Meter entfernten Lokal ein. Spezialität ist in den hiesigen Restaurants Forelle aus den nahen Gebirgsbächen. Wir entscheiden uns für die gegrillte Version, die auf Patacones (frittierte und plattierte Kochbananen) serviert wird, und zu der es eine fruchtige Ananas-Salsa gibt. Und dazu einen der hier immer köstlichen Fruchtsäfte. Wie werden wir in Deutschland Lulo, Guruba oder Guanabana vermissen. Wir sind so begeistert, dass wir auch in den nächsten Tagen zum essen in das Lokal gehen. Auch hier hat der Wirt alte Autoreifen verwendet, und zwar als Sitzmöbel. Drei farbig lackierte liegen übereinander, der obere hat ein geknüpftes Netz als Sitzfläche. Die Luxusversion ist mit Rückenlehne, ebenfalls ein Reifen, der mit zwei Latten an den unteren befestigt ist.

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Am nächsten Morgen sehen wir erst, in welch wunderschöner Gegend wir gelandet sind. Die Andengipfel ragen bis zu 4.750 Meter in die Höhe, mal sind sie von Wolken verhüllt, dann wieder sieht man sie vor blauem Himmel. Der Ort selbst ist ein beliebtes Ausflugsziel und hat im Zentrum noch die schönen bunten Häuser der Kaffeebauern. Heute sind sie fast alle zu Andenkenläden und Restaurants umgebaut worden, doch ihren Charme hat der Ort dadurch nicht verloren. Von hier aus gelangt man auch in den Parque Nacional Natural los Nevados (Nationalpark Los Nevados), zu dem die drei großen Vulkane Nevado de Santa Isabel (4.950 m), Nevado del Tolima (5.215 m) und Nevado del Ruiz (5.311 m) gehören. Gerade der letzte ist uns durch seinen spektakulären Ausbruch 1985 noch im Gedächtnis, als in der 47 Kilometer entfernten Stadt Armero über 22.000 Menschen durch eine Schlammlavine ums Leben kamen. Noch immer habe ich das Bild des 12-jährigen Mädchens vor Augen, das im Schlamm feststeckte und dem die Welt beim Ersticken zusah. Obwohl die Vulkane in der Nähe des Äquators liegen, sind ihre Gipfel ganzjährig schneebedeckt.

Klaus ist stark erkältet und so müssen wir die geplanten Ausflüge verschieben. Zu unserer Freude ist Amira, unsere liebenswerte Reisebekanntschaft aus El Salvador, gerade in Salento. Natürlich treffen wir uns und erzählen uns beim Mittagessen unter viel Gelächter unsere bisherigen Reiseerlebnisse.

Am Wochenende wird es voll. Die Besucher bummeln durch die Hauptstraße und stöbern in den vielen Geschäften. Rund um die Plaza de  Bolivar vor der Kirche drängen sich die fliegenden Händler. Besonders gut gefällt uns die „Kinderbelustigung“, mehrere kleine Autos stehen in Reihe vor der Kirche. Die Kinder wollen unbedingt damit fahren und 2.000 COP (0,50 €) scheint ein angemessener Preis zu sein. Sobald das Kind hinter dem Lenkrad sitzt, schieben die Eltern es wie einen Kinderwagen mehrmals um den Platz.

Umweltfreundlich ist das auf jeden Fall, nur Muskelkraft und Ausdauer sind erforderlich.

Der Aufstieg zum Aussichtspunkt ist ganz schön anstrengend, 6 Treppen mit jeweils 34 Stufen führen nach oben, wo man auf der einen Seite einen schönen Blick auf die Stadt und auf der anderen in die Berge mit Kaffeeplantagen hat. Am Abend spielt Kolumbien im Viertelfinale gegen Peru und verliert im Elfmeter-Schießen. Das Tragen der Fußballtrikots hat nicht geholfen.

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Am Sonntag fühlt sich Klaus dann soweit gut, dass wir ins Cocoratal fahren können. Wir wissen, dass es nicht die beste Wahl ist, aber dass es so voll ist haben wir nicht erwartet. Alte Jeeps fahren die Besucher zum 11 Kilometer entfernten Parkeingang. Normalerweise werden jeweils acht Personen mit einem Fahrzeug befördert, bei dem heutigen Andrang müssen sich zwölf den knappen Platz teilen, wobei zwei hinten auf der Plattform stehen. Mit uns fahren Maria und Freddy aus Medellin, mit denen wir in der Warteschlange ins Gespräch gekommen sind. Beide sprechen gut englisch, eine Seltenheit hier. Die Jeeps fahren im Abstand von wenigen Minuten los. Schnell lassen wir den Ort hinter uns und fahren auf schmaler Straße durch die Berge. Außer Kaffee werden auch Avocados hier angebaut.

Der Eintritt ins Valle de Cocora ist frei, wer allerdings den Weg zum Mirador wählt, muss 4.000 COP
(1,08 €) bezahlen. Wir laufen einen anderen Weg – nicht wegen des Eintrittspreises – der Aufstieg ist uns zu steil. Maria erzählt mir, dass diese Region für ihren Kinderreichtum bekannt ist. Pro Familie sind 15 bis 20 Kinder normal, 24 soll es auch schon gegeben haben. Die Männer haben nicht etwa mehrere Frauen, die eine, die einzige Ehefrau hat sie alle zu Welt gebracht. Auf meine Frage nach der Kindersterblichkeit lächelt Maria: „Nein, die überleben alle.“

Das Cocoratal ist wegen seiner landschaftlichen Schönheit und seiner Wachspalmen bekannt. In einer Gegend, die der Schweiz nicht unähnlich ist, wo Rinderherden auf grünen Hängen weiden, ragen schlanke Palmen 50 bis 60 Meter in die Höhe, ein surreales Bild. Auf dem staubigen Weg werden wir immer wieder von Pferden überholt, die hier zu hunderten vermietet werden. An einem Bach ist für die Fußgänger erstmal Schluss, die Reiter haben es da besser, bei ihnen bleiben die Füße trocken. Ein schmaler Weg führt rechts in den Wald und bald erreichen wir eine Brücke über den Bach. Danach wird der Weg matschig und rutschig. Noch einmal geht es auf einem Baumstamm über den Bach und danach auf Felsen steil bergauf. Für die Pferde ist hier der Endpunkt erreicht, ab hier geht es nur auf den eigenen Füßen weiter. Die meisten Ausflügler sind längst zurückgeblieben. Wir suchen uns einen Platz für unser Picknick und gehen denselben Weg zurück. An der ersten Brücke kommt uns eine Gruppe in eleganter Kleidung entgegen. Eine der Frauen trägt ein Kleid aus aprikotfarbener Spitze und zierliche goldfarbene Pumps. Ohne unsere helfenden Hände kommt sie nicht von der schrägen Brücke herunter. Wie das wohl weitergeht?

Am Morgen waren schon viele Menschen unterwegs, jetzt hat sich die Anzahl nochmals vervielfacht, nichts wie weg ist unser Motto und wir steigen in den nächsten Jeep.

Um halb acht fahren wir am Montag Morgen zur Busstation und weiter nach Armenia. Busse nach Bogota sollen von hier im Stundentakt abfahren. Das ist eindeutig falsch. Die Buslinie, auf die wir gesetzt haben, fährt erst abends um 19.30 ab. Die zweite Gesellschaft um 14 Uhr, die dritte überhaupt nicht bis Bogota. Bei der vierten landen wir einen Treffer. Der Bus soll um 9.30 Uhr abfahren, den schaffen wir gerade noch. Die Dauer der Fahrzeit ist nur kurz rätselhaft. Der Bus schraubt sich hinter der Stadt zielstrebig die Berge hoch, bald sind wir in den Wolken und erreichen nach einigen Stunden eine Höhe von über 3.500 Metern.

Die unvollendete….

Vor Jahren hat man damit begonnen, diese Region durch Brücken und Tunnel leichter erreichbar zu machen, vollendet wurde dieses ehrgeizige Projekt jedoch bis heute nicht. Auf den halbfertigen Brücken wachsen inzwischen wieder Büsche und Sträucher. Nach wie vor müssen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus dieser Region auf der kurvenreichen Straße in die Hauptstadt befördert werden.

Der Taxifahrer – ein Mann von Mitte vierzig – der uns zum Hotel fährt, trägt eine Zahnspange. Keine Seltenheit in diesem Land, hier scheint man mit der Zahnkorrektur erst im Erwachsenenalter anzufangen.

Am letzten Abend in Bogota finden wir ein kleines verstecktes Lokal. Der Besitzer ist außer sich vor Freude über die deutschen Touristen. Wir bestellen nach seiner Empfehlung. Immer wieder kommt er an unseren Tisch und sucht das Gespräch, bringt ein Getränk auf Kosten des Hauses, aber in der gut einsehbaren Küche tut sich nichts. Nach einer Stunde plötzlich lautes Gepolter, ein Mann wuchtet eine Gasflasche herein und im Handumdrehen zischt es in der Pfanne, brodelt es in den Töpfen und eineinhalb Stunden nach der Bestellung bekommen wir auch unser Essen.

Am Morgen fliegen wir nach Leticia. Diese Stadt im Südosten Kolumbiens ist nur auf dem Luft- oder Wasserweg erreichbar, ringsherum nichts als Urwald. Am Flughafen nochmal eine Irritation, dieses Mal nimmt die Dame an der Gepäckaufgabe Anstoß an den großen Rädern an unseren Koffern. Da hilft kein Protest, wir müssen zu einem Extra Schalter für übergroßes Gepäck. Sie deutet mit der Hand in etwa die Richtung an und wendet sich dem nächsten Fluggast zu. Wir irren durch die Abflughalle, nirgends ein Hinweis, wo dieser Schalter zu finden ist. Erst nach mehrmaligem Fragen finden wir ihn. Dort versteht man nicht, warum wir hier sind, aber schließlich nimmt man uns die Koffer doch ab.

Schwüle Hitze in Leticia. Kleidung, die in Bogota für 17 Grad richtig ist, klebt hier unangenehm am Körper. Wir holen uns im Imigrationsbüro gleich die Ausreisestempel aus Kolumbien, denn lange wollen wir uns hier nicht mehr aufhalten. Im Hostel unter die Dusche und luftige Kleidung anziehen, dann lassen wir uns zum Hafen in Tabatinga fahren. Tabatinga liegt bereits in Brasilien, beide Städte gehen ohne deutlich sichtbare Grenze ineinander über, kein Schlagbaum, keine Kontrollen.

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Leticia hat allerdings die schöneren Geschäfte und wirkt gepflegter. Von hier aus wollen wir mit einem Schiff auf dem Amazonas bis zur Atlantikküste fahren. Ein Schiff geht bereits am nächsten Tag. Die Fahrkarten kann man allerdings nur bar bezahlen, eine Bankfiliale sei ganz in der Nähe. In der Banco do Brasil stehen 10 Geldautomaten. Beim ersten wird eine Höchstgrenze von 600 Real (150 €) angezeigt, der nächste bietet 300 und der dritte 150 an. Ausgezahlt wird allerdings gar nichts. Geld bekommen wir erst bei der dritten Bank, die anderen sind nicht auf ausländische Kreditkarten eingerichtet. Jetzt brauchen wir noch den Einreisestempel für Brasilien, den gibt es in der Polizeistation auf der Hauptstraße. Danach holen wir erleichtert unsere Fahrkarten ab, morgen sind wir in Brasilien.

Die Tatacoa-Wüste und San Agustin (Kolumbien)

Vom Busbahnhof, der größer als mancher Flughafen ist, fahren wir Richtung Süden. Erst nach 1,5 Stunden haben wir die Stadtgrenze von Bogota erreicht. Danach kommen wir an unzähligen Gärtnereien vorbei, bevor die Straße in eine Art grünen Tunnel mündet. Die Bäume links und rechts der Straße haben so weit ausladende Kronen, dass sie sich in der Mitte berühren und den Blick auf den Himmel versperren. Langsam kommen wir in die Berge, und die Straße windet sich durch die zerklüftete Landschaft. Nach acht Stunden haben wir die quirlige Stadt Neiva erreicht, wo wir übernachten, um nicht in der Dunkelheit weiterfahren zu müssen.

Am nächsten Morgen geht es gleich wieder zum Busbahnhof. Neiva hat nichts, was uns noch zum Bleiben animieren könnte.

Für die Weiterfahrt landen wir in einem Pickup, auf dessen Ladefläche Sitzbänke montiert sind. Wir dürfen auf die Rückbank, bleiben da aber nicht lang allein. Eine Frau mit Sack, Karton und Handtasche quetscht sich neben uns, den Beifahrersitz erobert sich ein 150 kg-Mann. Nach und nach füllen sich die hinteren Bänke, und immer noch hält der Fahrer an mehreren Stellen an, um Waren mitzunehmen oder für den Beifahrer Proviant zu kaufen. Der kann die 40 km lange Strecke ohne Nahrung offenbar nicht überstehen. Auf den durchgesessenen Sitzen schlafen uns nach und nach verschiedene Körperteile ein, so dass sich das Aussteigen in Villavieja nicht ganz einfach gestaltet. Die 11 km lange Weiterfahrt im Tuctuc könnte man fast als Erholung bezeichnen.

Nach so vielen Ur- und Regenwäldern hat Klaus sich schon mehrmals nach einer Wüste gesehnt, und jetzt sind wir mitten drin in der merkwürdigen Tatacoa-Wüste, die ringsum von üppigem Grün umgeben ist. Das 330 km² große Gebiet ist durch eine geografische Besonderheit entstanden. Zwei Gebirgszüge lassen die in Äquatornähe nicht gerade seltenen Regenwolken ringsherum abregnen. Soviel Wasser kommt hier herunter, dass sogar Reis angebaut werden kann. In dem Gebiet innerhalb der Berge verdunstet bei Temperaturen von bis zu 50 Grad mehr Wasser, als dem Gelände zugeführt wird. Trotzdem wächst noch einiges in der Wüste, vor allem Kakteen. Es gibt einen roten und einen grauen Teil, unsere Unterkunft befindet sich zwischen den beiden. Wir wohnen in einem Haus aus Plastikflaschen, das ist konsequent durchgeführtes Recycling.

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Die innen weiß gefärbten Flaschen sind reihenweise aufgefädelt und bilden die Wände. Von innen hängt ein licht- und luftdurchlässiges Gewebe davor, das einerseits vor unerwünschten Einblicken schützt und andererseits dem Wind gestattet, für ein angenehmes Klima zu sorgen. Im ebenfalls durch eine Flaschenwand abgeteilten Badezimmer ruht das Waschbecken auf drei gelb lackierten Autoreifen. Die überaus herzlichen Besitzer haben vielfältige Verwendungsmöglichkeiten für abgenutzte Reifen gefunden.

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In ihrem sandigen Garten befindet sich ein kleiner Zoo aus bunt angemalten Reifentieren. Zebra, Giraffe, Käfer, Schlangen, Fische und Vögel erfreuen die kleinen Besucher und bringen die großen zum schmunzeln.

Am späten Nachmittag machen wir einen ersten Erkundungsgang durch die graue Wüste. Manolito, der Hund der Hotelbesitzer, begleitet uns, obwohl er hinkt. Damit zeigt er wohl seine Dankbarkeit, weil ich mein Mittagessen mit ihm geteilt habe.

Kurz bevor die Sonne untergeht, laufen wir zum 10 Minuten entfernten Observatorium. In dieser Wüste gibt es sogar zwei, weil die Luft hier dünn ist und es kaum „Lichtverschmutzung“ gibt. Schon eine halbe Stunde vor Beginn sind wir auf dem Parkplatz und unterhalten uns eine Weile mit dem Assistenten von Javier Fernando Rua Restrepo, der dieses privat finanzierte Observatorium leitet. Nach und nach fahren Autos auf den Parkplatz und insgesamt warten schließlich an die 30 Personen in der Dunkelheit darauf, dass sie um 19 Uhr eingelassen werden. Leider sind Wolken am Himmel, aber am unbedeckten Teil ist deutlich das Kreuz des Südens zu sehen. Señor Rua Restrepo hält seinen Vortrag auf spanisch. Ich verstehe nur die Namen der meisten genannten Planeten und Sternbilder, aber hier in der milden Luft auf dem Kunstrasen zu sitzen – manche liegen auch auf dem Rücken – und in den Himmel zu schauen, ist ein großartiges Erlebnis. Die fünf Teleskope sind auf verschiedene Himmelskörper ausgerichtet und wir können nacheinander den Jupiter mit seinen Ringen und Monden, Omega, Alpha Centauri, den Sternenhaufen im Sternbild Carina und später den gerade aufgehenden Vollmond sehen. Nach 1,5 Stunden ist die Veranstaltung zu Ende. Der helle Mond hilft uns, den Rückweg auf der unbeleuchteten Straße zu bewältigen ohne zu stolpern.

Am nächsten Tag machen wir eine Wanderung durch die rote Wüste. Es gibt einen markierten Rundweg, der uns nach 4 Kilometern wieder zurück zur Straße bringt. Zum Glück ist der Himmel heute total bewölkt, so dass die Temperatur 30 Grad nicht überschreitet. Die Formationen aus einer Art gebackenem Sand sind fantastisch. Bei manchen Anblicken stellen wir uns vor, dass hier jemand Teile aus amerikanischen Nationalparks geschrumpft hat. Die Wegmarkierungen sind nicht immer vorhanden, aber wirklich verirren kann man sich hier nicht. In der karg bewachsenen Wüste sind Fuchs, Gürteltier und viele Vogelarten zuhause. Ein paar Familien halten sich Ziegen, die hier offensichtlich bestens zurechtkommen. Aus der Ziegenmilch wird Yoghurt und Käse hergestellt und zusammen mit Rohrzucker spezielle Süßigkeiten auf Karamellbasis.

Einen Tag später haben wir wieder 34 Grad, so dass wir erst am späten Nachmittag in die Wüste gehen. Den Tag verbringen wir auf der schattigen Terrasse des Hauses, beobachten die Papageien, die beinahe täglich kommen, um sich Sonnenblumenkerne zu holen und genießen herrlich kühle selbstgemachte Orangenlimonade.

Auf dem Weg zu unserer nächsten Stadt müssen wir mehrmals umsteigen. Vom Tuctuc aus der Wüste kommend in Villavieja in den Minibus, in Neiva in einen Kleinbus, in Pitalito auf einen Pick-up (dieses Mal mit sechs weiteren Personen auf der engen Ladefläche) und in San Agustin, unserem Zielort nehmen wir in der Dunkelheit schließlich noch ein Taxi zu unserem Hotel. Für die 270 Kilometer lange Strecke haben wir 11 Stunden gebraucht. Und jetzt müssen wir uns noch daran gewöhnen, dass die Temperatur nur noch halb so hoch ist.

Wie in allen Städten, die wir bisher besucht haben, gibt es auch in San Agustin vor der Kirche einen großen begrünten Platz, auf dem immer einige Menschen auf Bänken sitzen. Heute ist er jedoch gerammelt voll.

In der Stadt findet an jedem Samstag im Juni ein Sportereignis statt. Das Karree vor dem Platz wird für den Autoverkehr gesperrt, die Polizei sichert die vier Straßenecken und dann geht es los. Eine Gruppe von ungefähr 50 Reiterinnen und Reitern trippeltrabt (ich weiß nicht, wie man diese Gangart nennt, gesehen habe ich die noch nie) 3 Stunden lang über die abgesperrte Strecke. Wirklich ernsthaft wird hier nicht geritten, immer wieder halten die Reiter(innen) an, um mit jemandem am Straßenrand ein Schwätzchen zu halten. Die männlichen Reiter lassen dabei auch gern eine Flasche mit hochprozentigem Inhalt kreisen. Die armen Pferde müssen ganz schön was aushalten, gerade vor dem Zelt mit der Band halten die Reiter gern an und hören der flotten Musik zu. Das laute Schlagzeug und die daneben abgebrannte Feuerwerksraketen erschrecken die Tiere in schöner Regelmäßigkeit. Was es mit dieser Reiterei auf sich hat, kann uns niemand erklären und diejenigen, die es wissen müssten, können wir wegen Verständigungsschwierigkeiten nicht fragen. Aber vielleicht gewinnt derjenige, der sich zum Schluss noch auf seinem Pferd halten kann. Nach dem alles vorbei ist, könnte man direkt Rosen pflanzen, so viele Pferdeäpfel liegen auf der Straße. Doch oh Wunder, am nächsten Morgen ist davon nichts mehr zu sehen.

San Agustin hat in der Umgebung etliche Sehenswürdigkeiten, darunter einen 400 Meter hohen Wasserfall, und eine Felsenpassage am beeindruckenden Rio Magdalena, bei der die Wassermassen durch eine 1,70 Meter breite Engstelle strömen.

Aber die größte und wichtigste ist der Parque Arqueológico, der Archäologiepark. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden bei Ausgrabungen im Umkreis von mysteriöse Steinfiguren vor Dolmengräbern gefunden. Wer genau auf diese Weise bestattet wurde, weiß man nicht. Vermutlich waren es Stammesfürsten eines inzwischen ausgestorbenen Volksstammes, der in vorspanischer Zeit hier lebte. Über 500 der aus Vulkangestein gefertigten Statuen in einer Größe von 20 Zentimeter bis 7 Meter wurden bisher ausgegraben.

In diesem riesigen Gelände sind 130 von ihnen ausgestellt. Der Eintritt von 50.000 COP (13,50 €) ist für hiesige Verhältnisse nicht gerade günstig, aber der Park ist schön angelegt, die Wege gepflegt und das kleine Museum am Eingang informativ. Außerdem kann man am nächsten Tag noch zwei weitere Parks mit Steinfiguren besuchen.

In der überwiegenden Mehrheit sind Kolumbianer hier unterwegs und viele von ihnen tragen gelbe Fußballtrikots. Erst später dämmert uns, dass gerade der Südamerika-Cup stattfindet. Außer zehn südamerikanischen Ländern nehmen noch Japan und Katar an dieser Meisterschaft teil. Die kolumbianische Mannschaft hat es gerade ins Viertelfinale geschafft.

Am Abend gehen wir in ein vegetarisches israelisches Restaurant. So begeistert wir von Kolumbien sind, die Küche hat uns nicht überzeugt. Vom Frühstück bis zum Abendessen gibt es Arepas, aus weißem Mais hergestellte Fladen, die nicht mehr Geschmack haben, als ein Bierdeckel. Fleisch wird zur Sicherheit noch einmal totgebraten, wahrscheinlich damit es wegen der lieblosen Zubereitung nicht noch flüchten kann. Das Ergebnis ist bei Hühnchen zäh, bei Rind und Schwein sehr zäh. Es gibt vermutlich auch keine Regel, wie ein Tier zerlegt wird. Positiv ist, dass man dem Geflügel nicht mit einem Hackbeil zu Leibe rückt, wie in einigen asiatischen Ländern, wo man immer Knochenteile im Essen findet. Apropos Knochen, bei unserem Abendessen in einem Steakhaus hatte mein zähes Ribeye-Steak nicht weniger als drei fingerdicke Knochen. Beilagen sind Arepas plus Reis oder Pommes frites, wenig Gemüse oder etwas Salat ohne Dressing. Zum Glück lungern immer hungrige Hunde und Katzen herum, denen man mit diesen lederartigen Fleischstücken noch einen Gefallen tut. Der einzige Ausweg: Restaurants mit ausländischer Küche, oder die schon beschriebene Kette Crepes & Waffles aufsuchen.

Zuverlässig gut sind die Cafés mit meist quietschbunten Torten, aber auch Croissants usw. Klaus hat sich als Tester für tiefdunkle Schokoladentorten betätigt und konnte mehrmals die Höchstnote vergeben.

Aber dieses Lokal enttäuscht uns nicht, leckere knusprig gebratene Falaffel und ein Auberginen-Eintopf zum niederknien werden uns serviert.

Medellin und Guatapé (Kolumbien)

Der Flughafen in Santa Marta hat die schönste Lage, die man sich vorstellen kann. Das Meer ist gerade mal 10 Meter entfernt. Während wir vor den bodentiefen Glasfenstern im Restaurantbereich sitzen, fliegen zwei Pelikangeschwader ganz dicht vorbei.

Der Direktflug ist teurer, als der mit Zwischenlandung in Bogota, also landen wir zwischen. Wir wundern uns, in beiden Maschinen sitzen wir in der letzten Reihe – ohne Fenster. Als wir um 18.30 Uhr in Medellin landen ist es bereits dunkel. Busse stehen bereit, um die Reisenden in die 30 Kilometer entfernte und 600 Meter tiefer liegende Stadt zu bringen. Eine Stunde dauert die Fahrt über die kurvenreiche Strecke. Der Tunnel mit anschließender Schnellstraße, der die Fahrzeit auf 20 Minuten verkürzen soll, wird erst im Juli eröffnet. Da haben wir ja richtig Glück, die immer neuen Ausblicke auf die hell erleuchtete Stadt unter uns sind unglaublich schön.
Während unserer Reise haben wir viele der gelben rautenförmigen Warnschilder mit Tiersilhouetten gesehen. In Kolumbien waren das bisher Ameisenbären, Eidechsen und Schildkröten hier kommt ein Jaguar hinzu. Aber leider zeigt sich keiner.
Medellin, zweitgrößte Stadt Kolumbiens, liegt in einem Tal der Anden auf gut 1500 Metern Höhe. Die mittlerweile 2,5 Millionen Einwohner brauchen Platz, und so wächst die Stadt in die Breite, zu beiden Längsseiten die Berghänge hinauf. Unser Hotel liegt im beliebten Viertel Poblado am Rande der Zona Rosa. Nein, das ist nichts unanständiges, die Zona Rosa ist das Ausgehviertel mit unzähligen Bars, Restaurants und Musikkneipen. Zu meinem Leidwesen geht es hier aber ständig bergauf und bergab, ganz schön anstrengend.
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Taxi zu einem Einkaufszentrum und können die Stadt nun auch bei Tageslicht sehen. Medellin ist besonders in den Randbezirken unglaublich grün, es sieht aus, als würde jeweils nur soviel von dem dichten Wald gerodet, wie für die Grundfläche des neuen Hauses nötig ist. Terrassen werden einfach um Bäume herum gebaut. Die Häuser sind eher hoch als breit, und fast jedes ist außen ganz oder teilweise aus roten Ziegelsteinen. Für uns ein ungewohnter Anblick in so einer großen Stadt.
Es gibt Probleme mit der SIM-Karte fürs Handy. Man muss sich in einem offiziellen Büro der Telefongesellschaft registrieren lassen, um die Karte online aufladen zu können. Das Service-Center des Anbieters Claro ist perfekt organisiert. Am Eingang erklärt man der netten Empfangsdame um was es geht, wird in eine Liste eingetragen und bekommt eine Nummer. Auf großen Bildschirmen kann man verfolgen, wann man an der Reihe ist und zu welchem der 35 Schalter man gehen soll. Nach einer halben Stunde ist das erledigt und wir können uns schöneren Dingen zuwenden. Kultur steht auf unserem Programm.

Auf der Plazoleta de las Esculturas stehen 23 Bronzeskulpturen des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero. 1932 wurde er in dieser Stadt geboren, und Medellin bietet seinen Werken einen würdigen Rahmen. Seine Figuren haben eines gemeinsam: sie sind füllig, sehr füllig. Auf mich macht es den Eindruck, als ob er bei der Erschaffung ständig geschmunzelt hat. Aber damit nicht genug, im Museo de Antioquia – einem großen Gebäude im Art Deco Stil – sind seine Gemälde und die vieler weiterer Künstler ausgestellt.

Botero malt Stilleben, Tiere und besonders häufig Menschen. Familien, Prostituierte, bekannte Figuren der älteren und neueren Geschichte. Pablo Escobar – den Drogenbaron – zeigt er, wie er auf den Dächern der Stadt erschossen wird. Seine Abneigung gegen den Stierkampf ist in seinen Werken unschwer zu erkennen. Wir laufen Stunden lang durch die großzügigen Ausstellungsräume und setzen unseren Besichtigungsdrang nach einer Pause im Museumscafé im Palacio de la Cultura gegenüber fort.

Dieses auffällige Gebäude im flämisch gotischen Stil wurde 1925 nach dem Entwurf eines belgischen Architekten begonnen und ist Nationaldenkmal. Im Inneren gibt es wechselnde Ausstellungen, der Eintritt ist frei. Wir betrachten Bilder des jungen Künstlers Luis Pala, der gerade im Raum gegenüber ein Fernsehinterview gibt.

Da wir noch ein paar Kleinigkeiten brauchen, laufen wir weiter bis zur von Läden gesäumten Fußgängerzone. Links und rechts stehen in zweiter Reihe Verkaufsbuden mit allen möglichen Waren. Das auffällige Gebäude, auf das wir zulaufen, heißt Nationalpalast und ist ein Kaufhaus, und zwar ein besonders schönes. Der Architekt ist derselbe, der auch den Kulturpalast entworfen hat. Im Gegensatz zu seiner Schönheit findet man hier keine Luxusboutiquen, in den meisten der über 400 Läden stehen Schuhe zum Verkauf, genauso wie in der Fußgängerzone. Der Bestand dürfte reichen, um alle Bewohner Medellins mit Schuhen zu versorgen.

Rund um die Kirche Ermita de la Veracruz ist jede Menge los. Die Damen des ältesten Gewerbes der Welt warten gelangweilt auf Kundschaft. Bis jemand kommt, können sie dem Verkäufer mit seinem Wundermittel lauschen. Vor ihm liegt ein Haufen bräunlicher Knollen und er erzählt von der unglaublichen Heilkraft, die sich in den unscheinbaren Gebilden verbirgt. Er schneidet eines dieser Gewächse auf. Aus der bernsteinfarbigen gallertartigen Masse in den Knollen wird eine Tinktur hergestellt, die gegen wirklich alles hilft, von Appetitlosigkeit über Fettleibigkeit, Haarausfall, Erektionsstörungen, Fußpilz, Unfruchtbarkeit wird einfach alles, was in einem medizinischen Lexikon zu finden ist, geheilt. Zusätzlich wirkt das Mittel auch noch verjüngend. Die Flaschen finden reißenden Absatz. Nur gegen Dummheit wirkt das Mittel nicht, aber dagegen ist sowieso kein Kraut gewachsen.

Wir kommen zum Parque de la Luz mit seinen über 300 Lichtsäulen. Abends soll er besonders eindrucksvoll aber auch gefährlich sein. Hierher kommen bei Dunkelheit die gestrandeten Existenzen, die vermutlich einst voller Hoffnung in die große Stadt kamen und nun weder Arbeit noch Wohnung haben. Schon am Tage sieht man sie mitten auf den Bürgersteigen oder Grünstreifen der Fahrbahnen liegen, schlafend oder vor sich hin starrend. Selbst zum betteln fehlt ihnen die Energie. Einige durchstöbern jeden Mülleimer und tragen das, was sie verwenden können, davon. Die Kolumbianer sind offensichtlich an den Anblick gewöhnt und schauen gar nicht mehr hin.
Zurück fahren wir mit der Metro, Medellin hat die einzige in Kolumbien. Auch das ist ein Erlebnis. Obwohl alle 4 Minuten ein Zug kommt, sind die Wagen unglaublich voll. Wer aussteigen will, muss Gewalt anwenden, die Masse der Wartenden drängt ohne Rücksicht ins Innere, sobald sich die Türen öffnen. Im Inneren kleben die Menschen aneinander wie Froschlaich. Verlassen einige todesmutig die Bahn, schließt sich die Lücke sofort wieder und bildet einen neuen Klumpen. Die Strecke folgt streckenweise dem Lauf des Rio Medellin, In mehreren Abwasserrohren, die in den Fluss münden, hocken Menschen und waschen dort sich und ihre Kleidung.
Als wir abends im Restaurant sitzen, kommt ein Mann mit dem schon in Cartagena gesehenen Ameisenschild an unseren Tisch. Er dreht das Schild um. Die englische Beschriftung auf der Rückseite lüftet das Geheimnis. Die „fette Hintern Ameisen“ sind geröstet und in kleine Tüten verpackt. Sie werden als Nascherei verkauft. Dass der Genuß die Potenz steigern soll, steigert vermutlich auch den Umsatz. Als ich mich vor Ekel schüttele, zieht er grinsend weiter.

In Medellin gibt es drei Seilbahnlinien, die die Armenviertel an den Berghängen mit der Innenstadt verbinden. Von der Metro Endstation San Javier steigen wir direkt in eine der ständig ankommenden Gondeln. Jede bietet sechs bis acht Personen Platz und dann schweben wir bergauf bis zu einer Kuppe, wieder bergab und erneut bis zur Endstation bergauf, insgesamt 2,7 Kilometer. Dabei können wir die unter uns liegenden Favelas (Armensiedlungen) betrachten. Einige der Wellblechdächer sind bemalt. Auf anderen wird gerade Wäsche getrocknet. Hier wird gekocht, dort gebaut. Die Seilbahn, deren Benutzung im Ticketpreis von 5.100 COP (1,35 €) enthalten ist, bietet der armen Bevölkerung ganz neue Möglichkeiten, eine Beschäftigung zu finden. Vorher hatten sie eine stundenlange Anfahrt in die Innenstadt, heute ist das dank der guten Verbindung in 30 Minuten möglich.

Der Ausblick vom Endpunkt der Seilbahn in La Aurora auf die Stadt ist unglaublich. An den Zwischenhaltestellen soll man besser nicht aussteigen, der Weg zwischen den teilweise elenden Hütten hinunter gilt als gefährlich.
Nachdem wir wieder unten am Bahnhof der Metro angekommen sind, laufen wir in die entgegengesetzte Richtung. Die Comuna 13, einst das gefährlichste Stadtviertel Kolumbiens, ist heute ein Besuchermagnet. Hier rekrutierte Pablo Escobar seine Helfer und Auftragskiller. Für jeden getöteten Polizisten gab es ein Kopfgeld von 1.000 US$. Obwohl die Liste seiner getöteten Feinde und Gegner ellenlang ist, genießt der 1993 auf dem Dach seines Hauses getötete Drogenkönig noch heute eine gewisse Verehrung. Seine guten Taten – Bau von Schulen und Krankenhäusern, finanzielle Unterstützung für die Hinterbliebenen seiner getötete Mitarbeiter – sind bis heute unvergessen.

Die Comuna 13 ist heute ein buntes Viertel mit vielen Wandgemälden. Besonders, seitdem die an den Berg geklebten Hütten und Häuschen über sechs Rolltreppen – die eine Höhe von 28 Stockwerken überwinden – bequem erreicht werden können, lassen sich Touristen gerne durch die verwinkelten Gassen führen. Aber auch hier sollte man abends besser in sein „sicheres“ Gebiet zurückkehren.

Am Sonntag bummeln wir durch Poblado. Ein langgestreckter Park führt durch das Viertel, viele kleine Lokale stehen inmitten des Grüns. Auf den Bürgersteigen der Straßen die wir überqueren bieten Händler selbstgebastelte Schmuck- und Dekorationsgegenstände an. Sonntag ist in Kolumbien Familientag. Großeltern, Eltern und Kinder sind gemeinsam unterwegs, bummeln durch die Einkaufszentren, schlecken Eis, sitzen im Park und essen zusammen im Restaurant.
Am nächsten Tag geht es weiter. Wir fahren mit einem Kleinbus nach Guatapé, 85 Kilometer entfernt. Am Busbahnhof geht es professionell zu. Bevor man zu den Bussteigen kommt, wird Gepäck und Passagier kontrolliert und durchleuchtet. Die Tickets sind nummeriert – wir haben unsere im Internet bestellt und bekommen sie am Schalter ausgedruckt. Unsere Plätze sind allerdings bereits besetzt. Der Fahrer bietet uns den Doppelsitz neben sich an. Auch gut, die Rucksäcke dürfen vorne auf das Armaturenbrett und dann fahren wir los. Als wir die Schranke des Terminals durchfahren, bekreuzigt sich der Fahrer und küsst den am Rückspiegel hängenden Rosenkranz. „Er bittet um eine sichere Fahrt“, denke ich noch, als der Bus 100 Meter weiter auch schon stoppt. Hier stehen ein paar Menschen mit Gepäck – undurchleuchtet natürlich – die zum Schnäppchenpreis mitfahren wollen, einer davon zwischen dem Fahrer und uns. Können sie auch, das Fahrgeld landet in der Hemdentasche unseres Fahrers. Die eigentlich zweistündige Fahrt dehnt sich auf 4,5 Stunden aus. Schuld daran sind die Fahrgäste, die einen Weg von 50 Metern scheuen, um gemeinsam mit den schon dort Wartenden einzusteigen, und natürlich auch der Busfahrer, der die 50 Meter bis zum nächsten Fahrgast fährt, und auch diesem die Tür öffnet. Zum Ende der Fahrt hin stehen mindestens 15 Personen dichtgedrängt im schmalen Gang und die Nähte der Hemdentasche des Fahrers werden durch den Inhalt fast gesprengt. Ich bin mir fast sicher, er hat nicht um Sicherheit sondern um viele zusätzliche Fahrgäste gebeten, die sein mageres Monatsgehalt aufbessern.
In allen Ländern, die wir bisher bereist haben, wird das Gehalt halbmonatlich ausgezahlt, damit die Menschen mit ihrem Verdienst besser über die Runden kommen. Dabei fällt mir der Fensterputzer ein, den eine Freundin während ihres mehrjährigen Aufenthaltes in Rio de Janeiro beschäftigte. Alle sechs Wochen sollte er kommen, um die Fenster zu reinigen. Er kam immer dann, wenn er Geld brauchte, mal nach vier Monaten, mal am übernächsten Tag.
P1040608 - KopieIn der Stadt zeigen Jongleure von sechs bis achtzig Jahren mit Bällen, Keulen, Reifen oder allen drei Gegenständen ihr Können vor roten Ampeln. Irgendjemand reicht immer ein Trinkgeld durch die heruntergelassene Scheibe.
Die Fahrt führt durch ein wunderschönes Gebiet, hügelig, grün und mit Blumen, sowohl im Freien wie auch in Gewächshäusern gedeihend. An den Hängen überwuchert die schwarzäugige Susanne alles, was darunter wächst. Kolumbien ist der zweitgrößte Blumenexporteur der Welt, und seine Lage in unterschiedlichen Höhen in der Nähe des Äquators bietet die besten Bedingungen. Am Straßenrand bieten Schreiner eigenwillige Möbel an. Sie sehen aus, wie aus dem kompletten Stamm gearbeitet und Betten, Tische und Kommoden tragen noch einen Teil der Baumrinde. Vielleicht leben Hobbits in der Nähe, in deren Häuser würden die Stücke perfekt passen.

Riesenhibiskus

Guatapè ist ein zauberhaftes Städtchen mit bunt gestrichenen Häusern. Eine Besonderheit sind die Sockel der Häuser, die mit plastischen Motiven – Zocales genannt – geschmückt sind. Eigentlich sind wir wegen des 200 Meter hohen Monolithen Piedra del Peñol hergekommen, den man über 659 Stufen erklimmen kann, um von dort einen Ausblick auf den 1970 entstandenen Stausee mit seinen vielen kleinen Inseln und Schluchten zu haben. Ein Virus vermiest mir die Tour. Einen Tag lang kann ich das Zimmer nicht verlassen, danach fühle ich mich zu schwach für den Aufstieg. Doch in unserer Nähe gibt es einen Mirador (Aussichtspunkt), der wenigstens einen schönen Blick auf den Felsen bietet. Als wir dann noch ein Motmot-Pärchen vor die Kamera bekommen, bin ich versöhnt.

Blauscheitel Motmot

Cartagena, Karibikstrand und Minca (Kolumbien)

Am internationalen Flughafen Panama müssen Passagiere selbst tätig werden, Bord-Karte und Kofferband druckt man sich selber aus und geht damit zum Schalter. Nur eine gute Stunde dauert der Flug von Panama in die Hafenstadt Cartagena in Kolumbien. Das erste Mal seit Jahren erleben wir wieder, wie sich die Anspannung der Passagiere nach der Landung in lautem Klatschen löst. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen, ein Hoch auf den Piloten.

Dieser Flughafen ist noch nicht voll automatisiert, Gangway und Bus statt Rüssel. Bei der Einreisekontrolle wird zwischen Kolumbianern und Ausländern unterschieden. „Kolumbianer?“ „Nein.“ „Dann bitte dort entlang.“ Doch hier kassieren wir einen Rüffel. Streng werden wir gemustert und angeherrscht,dass wir uns falsch angestellt hätten. Widerspruch zwecklos. Wir bekommen trotzdem unseren Einreisestempel von dem mürrischen Grenzbeamten.

Das Gepäck kreiselt schon auf dem Laufband und ruck-zuck sind wir draußen und sitzen im Taxi.

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Wir fahren am Meer entlang, wo sich heute am Sonntag viele Menschen am karibischen Strand aufhalten. Hier gibt es kleine U-förmige Stoffhütten statt Sonnenschirmen.

Das Taxi kann uns nicht direkt zum Hotel bringen, weil sonntags das Viertel Getsemani, das direkt an das historische Viertel grenzt, für Autos gesperrt ist. Der Fahrer deutet wage in eine Richtung und wir ziehen los und biegen um die nächste Ecke.

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Hier wäre er auch garantiert nicht durchgekommen. Mitten auf der Straße haben die Anwohner ein quadratisches Planschbecken aufgestellt. Frauen liegen bequem im Wasser, während die Kinder um sie herumwuseln und sich gegenseitig nass spritzen, die Mütter bleiben dabei völlig gelassen.

Die Häuser zeigen nach außen ihre abweisende Seite. Sie grenzen direkt an den Bürgersteig und sind in verschieden Farben gestrichen, viele sind auch mit bunten Bildern geschmückt oder blühenden Bougainvilleen berankt. Die Fenster sind zur Straße mit Holzgittern gesichert. Als wir die hohe massive Holztür zu unserem Hotel öffnen, sehen wir sofort den schönen begrünten Innenhof.

Die interessantesten Ecken der Millionenstadt können wir zu Fuß erreichen. Im Land des Kaffees müssen wir natürlich sofort ein Café aufsuchen und bekommen wirklich einen sehr aromatischen starken Kaffee vorgesetzt.

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Der nächste Geldautomat ist in der Nähe des Castillo San Felipe zu finden. Die mächtige Festung thront auf einem Hügel und wurde kurz nach der Stadtgründung 1533 errichtet. In Cartagena lagerten große Mengen Gold und Silber, die alle möglichen Menschen in ihren Besitz zu bringen versuchten. Die Festung hat ein ausgeklügeltes Tunnelsystem, das den Bewohnern Rückzugsmöglichkeiten und Verstecke bot und für Eindringlinge ein gefährliches Labyrinth war, in dem sich nicht wenige verirrten. Die Festung schützte die mit einer imposanten Mauer umgebene Stadt Jahrhunderte lang vor Eindringlingen.

Die Statue in der Nähe des Eingangs zeigt Admiral Blas de Leo, dem es 1741 gelang, mit 3.000 Mann und 6 Schiffen einen Angriff der Engländer mit 23.000 Mann und 186 Schiffen abzuwehren. Das allein ist schon beeindruckend, denn Blas de Leo war quasi ein halber Mann: einäugig, einbeinig und einhändig!

Die Altstadt innerhalb der 13 Kilometer langen und über 400 Jahre alten Mauer gehört zu den schönsten Kolonialstädten Südamerikas und ist UNESCO Weltkulturerbe. Die an manchen Stellen 30 Meter breite Mauer besitzt fenstergroße Nischen an der Außenseite, in denen tagsüber die Liebespärchen turteln und nachts die Obdachlosen schlafen. Auch Spaziergänge auf der Mauerkrone sind beliebt.

Das Haus von Gabriel Garcia Marques, dem größten Schriftsteller des Landes, ist auch innerhalb der Mauer zu finden. Natürlich erkunden auch wir die Altstadt und ja, sie ist schön und nein, richtig wohlgefühlt haben wir uns hier nicht. Was schön ist, zieht Touristenmassen an und damit beginnt auch schon der Teufelskreis. Pferdekutschen, Taxis und Lieferfahrzeuge quetschen sich durch die engen Straßen. Wenn ein Kreuzfahrtschiff anlegt, fluten tausende zusätzliche Touristen die engen Gassen.

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Am Hafen erscheinen wie aus dem Hut gezaubert als Sklaven verkleidete Menschen mit Ketten an den Beinen und Frauen in karibischer Tracht, um sich gegen Geld fotografieren zu lassen. Dazwischen laufen immer wieder Männer herum, die ein gelbes Plakat mit einer riesigen Ameise (?) herumtragen. Unzählige Verkäufer bieten Sonnenbrillen, Sonnenhüte, Kleidung, Uhren, Schmuck etc. an. Wir finden es nervig, kaum ist der erste Hutverkäufer erfolglos abgezogen, steht schon der nächste vor uns. Das zieht sich durch die gesamte Altstadt. Wir sind so mit abwimmeln beschäftigt, dass es unsere Besichtigungsfreude trübt. Man kann nicht vor einem Schaufenster stehenbleiben und sich die elegante Kleidung, Kunstgewerbe oder Smaragdschmuck anschauen, ohne dass man fast am Arm in den Laden gezogen wird. Unmöglich an einem Lokal vorbei zu kommen, ohne dass man eine Speisekarte vor die Nase gehalten bekommt.

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Und es dauert lange, bis es gelingt, die Statue der ruhenden Dame von Botero zu fotografieren, ohne das jemand mit der Hand auf ihrem Busen – wie originell – darauf wartet, abgelichtet zu werden.

Eine Stadtrundfahrt bringt uns auch in weiter entfernte Viertel, Boccagrande zum Beispiel, die Halbinsel mit den modernen Hotels. In einem von ihnen hat sogar mal US-Präsident Clinton genächtigt, darauf ist man hier sehr stolz. Der Stadtteil Manga ist der bevorzugte Wohnort der Reichen und Wichtigen von Cartagena und in San Francisco leben die Armen, die mit allen möglichen Verkäufen oder mit Betteleien ihren Lebensunterhalt verdienen.

Wir sind auf der Suche nach einer Landkarte von Kolumbien. Im Einkaufszentrum nahe der Festung gibt es eine Buchhandlung, aber Landkarten werden dort nicht verkauft. Die Verkäuferin und alle, die wir sonst noch fragen, haben auch keine Ahnung, wo es so etwas geben kann. In Boccagrande steht das größte und modernste Einkaufzentrum der Stadt. Hier gibt es nicht mal eine Buchhandlung. Wir werden auf den Centenario Park verwiesen, in dem Antiquariate dicht an dicht stehen, prall gefüllt mit alten Büchern.

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Aber auch hier bekommen wir das Gewünschte nicht. Offenbar wird in Kolumbien nicht viel gelesen, und wer braucht schon Landkarten.

Getsemani gefällt uns unglaublich gut. Das quirlige Viertel wirkt authentisch, denn hier leben noch viele Einheimische. Überall gibt es Street-Art zu bewundern und jeden Abend versammeln sich Bewohner des Viertels und Touristen auf dem halbrunden Platz vor der Holy-Trinity-Kirche und genießen kostenlose Musik- und Tanzdarbietungen.

Regelmäßig finden sich auch Händler ein und bieten Obst, Schmuck, Textilien und die unvermeidlichen Hüte an.

Wir wollen eine Woche am karibischen Meer östlich von Cartagena ausspannen und nehmen einem Shuttlebus der über Barranquila und Sant Marta dorthin fährt. Hinter der großen Hafenstadt Barranquilla (Geburtsstadt der Sängerin Shakira) führt die Straße über eine Nehrung. Zur Seeseite hin gedeihen unzählige imposante Kakteen, doch der Blick zur Lagune hin zeigt inmitten von Müllbergen die erbärmlichsten Elendsquartiere, die wir bisher auf dieser Reise gesehen haben.

Kilometerlange Bananenplantagen sind links und rechts der Straße zu sehen. Unser Ressort, das zu Beginn der Regenzeit mit dem unschlagbaren von Argument 79 % Rabatt überzeugt,  liegt östlich vom Tayrona Nationalpark am Strand, 1,5 Kilometer von der Hauptstraße entfernt. Verstreut auf einem riesigen Grundstück stehen einige Bungalows, etliche Kokospalmen, Bäume und blühende Sträucher. Eine Woche lang nur faulenzen, schwimmen, spazieren gehen und lesen.

Aus dem Schaukelstuhl und der Hängematte auf der Terrasse können wir Tiere beobachten. Kolibris holen Nektar aus den Blüten, Geier rasten in den Palmen, Eichhörnchen jagen sich, Schildkröten spazieren gemächlich über den Sand und abends hüpfen große Kröten über die Wege. Hunde und Katzen leben auch auf dem Grundstück und sitzen bei den Mahlzeiten neben uns, in der Hoffnung auf milde Gaben.

Während dieser Woche treffen wir andere Langzeitreisende. Das ist immer eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen, z.B. zum Thema Ansichtskarten. Nicht nur wir haben vergeblich danach gesucht. Emma aus Frankreich weiß auch die Erklärung, das Porto ist so hoch, dass kein Mensch welche verschickt. Ihre Freundin aus Paris wollte dem zurückgebliebenen Freund dann wenigstens einen Brief senden. Das Porto in Höhe von 80 US$ brachte ihren ganzen Monatsetat durcheinander.   

Außer Text zu schreiben, kann ich nicht am Blog arbeiten, das Internet ist grottenschlecht, von den Stromausfällen ganz zu schweigen.

Ein kratzendes Geräusch bei unseren Koffern alarmiert uns eines Abends. Klaus vermutet ein großes Insekt, ich etwas viel Größeres. Respektvoll nähern wir uns der Stelle, ziehen vorsichtig einen Koffer an die Seite und sehen uns einer großen blauen Landkrabbe mit wehrhaft erhobener Schere gegenüber.

Mit Hilfe des Regenschirms, der zu jedem Bungalow gehört, scheucht Klaus sie durch den aus Koffern und Rucksäcken gebildeten Gang nach draußen.

Diese Krabben leben zu Hunderten in der dunklen Erde um das Grundstück, aber auch auf dem Sandboden läuft hin und wieder eine vorbei.

Ein Krokodil wohnt in dem Bach vor dem Grundstück. Hotelgäste zeigen uns ein Foto davon. Leider haben wir kein Glück, trotz mehrfacher Besuche zeigt es sich uns nicht.

Vom Meer aus fahren wir in die Berge. Den Tayrona Nationalpark, der wunderschöne Strände hat, und den wir eigentlich besuchen wollten, haben wir nicht betreten. Warum viereinhalb Kilometer durch den Urwald laufen, wenn wir hier den Strand vor der Haustür haben.

Der Ort Minca liegt auf 600 Metern Höhe, 15 Kilometer südlich der Küstenstadt Santa Marta. Andreas, den wir in San José trafen, hat uns von der Natur vorgeschwärmt. Minca liegt auch wirklich wunderschön, ist aber längst kein Geheimtipp mehr.

Der Fluss, der über dicke Felsen plätschert, lockt uns nicht zum baden. Wir haben verschiedene Gräben gesehen, die hineinfließen, und die nicht gerade gut riechen. Auf einem Spaziergang in die Berge treffen wir Borris und Anna aus Hamburg, denen es hier so gut gefällt, dass sie ein Haus gemietet haben und zum Hostel ausbauen. Viele Reisende haben vor ihnen auch nach Möglichkeiten gesucht, sich hier etwas aufzubauen. Deshalb gibt es inzwischen Yogaschulen, Handarbeitskurse und kleine vegane oder vegetarische Lokale.

Nachdem es gestern den ganzen Tag geregnet hat, wollen wir heute eine Wanderung zu den Kaskaden machen. Der Weg ist noch richtig schlammig, hier ist nur die Hauptstraße betoniert. Merkwürdigerweise kommen nach 1000 Metern Matschweg 50 Meter perfekt gepflasterte Strecke. Danach geht es mit Pfützen weiter.

Wir bestaunen den ca. 30 Meter hohen Bambus. Ich habe Bambus immer nur mit Asien in Verbindung gebracht. Dass er auch in Mittel- und Südamerika so häufig anzutreffen ist, überrascht mich. Leider müssen wir nach gut zwei Kilometern abbrechen, die Steigung bringt mich bei über 30 Grad völlig außer Puste. Aber auf der Terrasse unseres Hostels ist es auch schön. Rundherum ist alles üppig grün. Direkt gegenüber stehen einige der unzähligen riesigen Mangobäume. Sie hängen so voller Früchte, dass man komplette Markthallen mit Mangos beliefern könnte, wenn sich nur alle ernten ließen.

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der ist noch jung (der Baum)

Die Bäume können 35 Meter hoch werden und 300 Jahre lang Früchte tragen. Auf unserer Reise haben wir tausende Mangobäume gesehen. Wenn sie voller Früchte sind, die an ca. 30 cm langen Stilen hängen, denkt man an mit Ostereiern geschmückte Bäume. Unreif sind sie grün, später gelb, orange oder rot. Neben dem Weg liegen die herunter gefallenen Früchte bergeweise herum und gammeln vor sich hin.

Und nun steht die Weiterreise nach Medellin an. Eigentlich wollen wir unterwegs nur per Bus, Bahn oder Schiff reisen, aber uns wurde erzählt, dass die Fahrt statt der genannten 15 Stunden um einiges länger ist. Ganze 25 Stunden waren Reisende unterwegs. Das würden wir niemals ohne Zwischenübernachtung machen. Die Kosten für Bus und Übernachtung sind genauso hoch, wie die für den Flug. Im Stundentakt heben die Maschinen nach Bogota oder Medellin in Santa Marta ab. Das ist wesentlich angenehmer, als zwei Tage lang im Bus zu sitzen und weitere zwei Tage mit schmerzenden Knien herumzulaufen, weil die Sitzabstände im Bus enger als in jedem Flieger sind.

Panama Stadt und Land

Der Taxifahrer bringt bis zur Grenze in Costa Rica. Kaum sind wir ausgestiegen, kommt ein Mann auf uns zu und bietet seine Hilfe an. Es sei seine Aufgabe, Touristen beim Grenzübergang behilflich zu sein, behauptet er. Auf sein Angebot, unsere Koffer zu ziehen, gehen wir gar nicht erst ein. Vor dem Ausreiseschalter stehen drei Personen, er führt uns zu einem Nebenschalter, wo wir direkt an die Reihe kommen. Danach zeigt er uns den Einreiseschalter in Panama und danach den Bus nach David. Dort fordert er plötzlich 20 US$ für seine Hilfe. So haben wir nicht gewettet, all das hätten wir auch ohne seine Hilfe geschafft. Er bekommt ein kleines Trinkgeld und zieht schimpfend davon.

David ist nicht schön aber groß, die drittgrößte Stadt in Panama. Vor der Fahrt nach Panama City wollen wir noch einmal übernachten. Unser Zimmer hat schon bessere Zeiten gesehen, dafür schmeckt das Essen im nahe gelegenen Restaurant so richtig gut.

Wir erwischen den 10 Uhr Bus nach Panama Stadt so gerade noch. Die Zeit ist zu knapp, eine Fahrkarte zu kaufen, wir bekommen aber zwei Platzkarten ausgehändigt und bezahlen einfach später während der Fahrt. Unsere Mitreisenden haben große Taschen dabei, obwohl die Staufächer unter dem Fahrgastraum liegen. Reiseprofis, wie sich herausstellt. Sie haben Mützen, Schals, Steppjacken und Wolldecken dabei. Draußen haben wir 30 Grad, aber die Temperatur im Bus bewegt sich zwischen 14 und 16 Grad. Die Klimaanlage pustet unerbittlich kalte Luft auf uns. Wir Optimisten sind in Shorts und kurzärmligen T-Shirts unterwegs. Wenigstens haben wir jeder noch ein Handtuch im Rucksack, das wir uns über die Knie legen können.

Ungefähr auf der Hälfte der 450 Kilometer langen Strecke auf der Panamerikana gibt es eine Pause zum Essen und sich draußen wieder aufzuwärmen. Die Straße führt teils durch Wald – 45 % des Landes sind davon bedeckt – und teils durch landwirtschaftlich genutzte Gebiete. Bananen, Ananas, Mais und Reis werden großflächig angebaut. Auch in Panama gibt es Nationalparks 15 insgesamt, die zusammen 34 % der Fläche des Landes einnehmen. Während unserer Fahrt in die Hauptstadt kommen wir an keinem der Nationalparks vorbei.

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Dafür fahren wir auf der Amerika-Brücke über den Panamakanal und sehen die riesigen Krananlagen.

Der Busbahnhof liegt direkt am größten Einkaufszentrum der Stadt, vielleicht ist es auch umgekehrt. Während wir darauf warten, dass unsere Koffer ausgeladen werden, sehen wir staunend zu, wie sich vor einer der Mitreisenden ein immer größer werdender Berg Gepäck auftürmt. Koffer, Taschen, Säcke und Kartons. Es sieht aus, als hätte sie sich den Umzugswagen gespart.

Das Hotel erweist sich als Glücksgriff. Es liegt im modernen Zentrum nahe der Universität, hat acht Zimmer und wir genießen in den nächsten Tagen den schönen, ungewöhnlich großen Raum und die Dusche mit heißem Wasser.

Vier Tage bleiben uns, die reichste Stadt Mittelamerikas kennenzulernen. Die Hochhäuser unterschiedlichen Alters zeigen deutlich den wachsenden Wohlstand. Die älteren sind schlicht und grau, die neuen – teils noch im Bau befindlichen – überstrahlen mit ihren verspiegelten, teils goldenen Fassaden alles. Doch so ganz stimmig ist das Stadtbild nicht. In den Nebenstraßen kaputte Bürgersteige, geschlossene Läden, heruntergekommene Häuser und demgegenüber die glitzernde Pracht der Wolkenkratzer.

Panama Stadt hat seit 2014 eine Metro. Man kauft am Automaten für 2 $ eine Magnetkarte, lädt sie mit einem beliebigen Betrag auf und kann für 0,25 $Cent beliebig viele von insgesamt 14 Stationen fahren. Ein- und Ausgänge sind mit Schranken gesichert und öffnen sich nur nach Auflegen der Magnetkarte. So eine Karte kann auch von mehreren Personen genutzt werden und sie gilt auch für die Busse. Wir fahren bis zum Busterminal/Einkaufszentrum und steigen dann in einen Bus zur Miraflores-Schleuse am Panamakanal. Vorn beim Fahrer befindet sich ein Drehkreuz, erst wenn die Magnetkarte vor das Erfassungsgerät gehalten wird, löst sich die Sperre. Wir haben bereits die halbe Strecke zurück gelegt als ich feststelle, dass der Fotoapparat noch zum Aufladen am Kabel im Hotelzimmer liegt. Ärgerlich, jetzt müssen die Handys einspringen.

Der Panamakanal ist ein technisches Meisterwerk, die Idee dahinter schon ein paar hundert Jahre alt. Erst 1880 begannen französische Fachleute, die Idee in die Tat umzusetzen, es gab gute Erfahrungen mit dem Suezkanal. Eine Wasserstraße quer durch Panama – das noch zu Kolumbien gehörte – würde die Umrundung des gefährlichen Kap Horn überflüssig machen, eine Ersparnis von 15.000 Kilometern. Allerdings hatte man wohl den Unterschied zwischen Wüste und Regenwald nicht hinreichend bedacht. Ungeahnte Probleme durch die geologischen Gegebenheiten und der Tod von über 20.000 Arbeitern durch Malaria und Gelbfieber ließen die Franzosen aufgeben. Das war die Stunde der Amerikaner. Panama erklärte 1903 die Unabhängigkeit von Kolumbien und schloss einen Vertrag mit der USA zu unfassbar günstigen Bedingungen. Die Amerikaner bekämpften zuerst das Gelbfieber, bevor sie die Bauarbeiten weiterführten. 1914 konnte das erste Schiff den Kanal mit seinen drei ausgeklügelten Schleusensystemen passieren. Bis 1999 war der Kanal mit einer 5 Meilen Schutzzone und einem Militärstützpunkt Eigentum der USA.

Danach ging es mit der Wirtschaft des Landes aufwärts. Für die Durchfahrt werden sechsstellige Beträge fällig. Die Erweiterung des Kanals war durch die immer größer werdenden Containerschiffe nötig und ist seit 2016 fertiggestellt. Dadurch konnten die Einnahmen noch einmal erhöht werden. Weitere Gelder fließen durch die Zulassung von Schiffen in die Staatskasse, weltweit fährt jedes 5. Schiff unter panamaischer Flagge.

Die Miraflores-Schleuse am alten Kanal hat ein Besucherzentrum mit Museum. Während der Mittagspause haben wir ausreichend Zeit, den Informationsfilm und die Ausstellung zu besuchen. Vormittags fahren die Schiffe zum Atlantik, nachmittags zum Pazifik. Von der Besucherterrasse kann man genau beobachten, wie die Schiffe in die Schleuse gezogen werden. Sobald sie die Kammer erreichen übernehmen Treidellokomotiven links und rechts die Aufgabe. Wir sind so nah dran, dass man den Menschen auf dem Schiff in die Augen blicken kann. Sehr eindrucksvoll.

Während wir auf den Bus zurück in die Innenstadt warten, beginnt es leicht zu regnen, so dass wir mit feuchter Kleidung am Busterminal ankommen. Ausgehungert laufen wir ins große Einkaufszentrum, wo auch alle möglichen Lokale zu finden sind. Die Temperatur ist auf lauschige 15 Grad eingestellt. Wir müssen wählen zwischen verhungern und erfrieren. Wir entscheiden uns für verhungern, nehmen die Metro bis zu unserem Hotel und genießen eine heiße Dusche, bevor wir uns ein Restaurant in der Nähe suchen.

Panama Stadt hat zwei Altstadtviertel, Panama la Vieja eine Ruinenstadt, die 1671 von englischen Piraten zerstört und Casco Viejo, das danach 18 Kilometer weiter südwestlich auf einer Landzunge neu errichtet wurde. Seit Ende des vergangenen Jahrhunderts ist Casco Viejo Weltkulturerbe und der Spaziergang durch Gassen und Straßen beschert immer wieder neue schöne Eindrücke. Zum Glück ist es nicht nur touristisch, es leben auch noch „normale Menschen“ hier. Die meisten Gebäude sind wunderschön restauriert, in bunten Farben gestaltet und geben Restaurants und Geschäften den passenden Rahmen. Wir essen in einer Brauereigaststätte und trinken ein herrlich fruchtiges Mango-Weizenbier.

Die Rückfahrt führt uns dann durch ein heruntergekommenes Viertel. Selbst im Taxi fühlt man sich hier nicht wohl, ich mag mir das Elend bei Tageslicht kaum vorstellen.

Am letzten Tag in der Hauptstadt fahren wir mit der Metro bis zur Station 5 de Mayo. Ganz in der Nähe ist der Fischmarkt. Als wir aussteigen ist die Sonne verschwunden und es regnet heftig. Das Gedränge in der U-Bahn-Station ist so groß, dass wir 100 Meter weiterlaufen bis zu einem überdachten Platz unterhalb der auf Stelzen gebauten Hochstraße. Jedes Mal, wenn oben ein Bus oder ein LKW durch die Pfützen fahren, ergießt sich ein Wasservorhang auf die Straße darunter. Meistens auf die Autos, ab und zu auf ein paar eilige Fußgänger, die es danach noch eiliger haben. Obwohl in Panama und auch Costa Rica eine große Anzahl von Luxuskarossen unterwegs sind, haben wir nicht ein einziges Cabrio gesehen.

Wir fragen mehrere Menschen nach dem Weg zum Fischmarkt und bekommen genauso viele unterschiedliche Auskünfte. Google Maps zeigt uns einen Weg, der eine 2 Kilometer-Schleife macht, um dann das 300 Meter Luftlinie entfernte Ziel anzuzeigen. Endlich erbarmt sich eine Frau, sie will auch zum Fischmarkt, wir sollen ihr nur folgen. Unter der Hochstraße laufen wir entlang, überqueren eine Straße und sind da. Das Angebot ist nicht so überwältigend, wie wir es schon in anderen Städten gesehen haben. Erstaunlich, dass Fisch der ohne Pflege im Meer lebt und sich selbst ernährt, teurer ist als das beste Fleisch. Rund um den Fischmarkt haben sich ca. 30 Lokale angesiedelt, die den Tagesfang in verschiedenen Zubereitungsarten anbieten. Ceviche steht bei allen auf der Karte. Gar nicht so einfach, sich hier durchzuarbeiten, ausnahmslos alle wollen uns in ihrem Lokal haben.

Am Ende stoßen wir auf eine Meeresbucht, in der die Fischerboote angelegt haben. Die Eingänge zur Großmarkthalle direkt daneben sind von Wachleuten blockiert. Nachdem wir dort mit einem Mann ins Gespräch gekommen sind, folgen wir ihm zu seinem Lokal. Das Essen ist gut, der Fisch definitiv super frisch, aber doch recht teuer.

Den Rückweg laufen wir über die 4 Kilometer lange Promenade in die Innenstadt. Natürlich öffnet der Himmel wieder seine Schleusen und wir flüchten tropfend in ein Einkaufszentrum, das wir genauso schnell auf der anderen Seite wieder verlassen. Wir beginnen jämmerlich zu frieren und sind froh, draußen ein überdachtes Café zu finden, wo wir bei einer Tasse Kaffee aufhören zu zittern.

Am nächsten Tag lassen wir uns zum Flughafen fahren, um Panama auf dem Luftweg zu verlassen. Kolumbien ist auf dem Landweg nicht zu erreichen, undurchdringlicher Dschungel liegt auf beiden Seite der Grenze zwischen beiden Ländern.

Panama ist schön, aber eins muss ich feststellen: „Janosch hat gelogen, das Land riecht nicht nach Banane, nirgends.“