Von Belém nach Recife (Brasilien)

Für Weiterfahrt von Belém nehmen wir einen Nachtbus. Anders geht es bei der veranschlagten Fahrzeit von 18 Stunden auch gar nicht. Der Busbahnhof hier ist beinahe wie ein Bahnhof gestaltet, mit mehreren Plattformen und unterschiedlichen Abfahrtstellen. Wir (Alte, Schwangere usw.) dürfen den Weg geradeaus nehmen, quasi über die Schienen. Alle anderen müssen die Treppen runter und an der richtigen Plattform wieder rauf. Dass Höflichkeit und Rücksichtnahme quasi per Gesetz verordnet werden, lässt man sich gern gefallen.

Der Bus ist mit bequemen Sitzen ausgestattet, warme Sachen haben wir auch dabei. Wird schon gut gehen. Kurz bevor wir um 18.30 Uhr starten, beginnt es wie aus Eimern zu gießen, und im Nu stehen etliche Straßen 10 bis 20 Zentimeter unter Wasser. Für die Rinnsteine ist das nur gut, da wird der stinkende Abfall mal so richtig durch- und weggespült. Die meisten Passagiere richten sich gleich zum Schlafen ein, wir lesen noch ein paar Stunden, bevor wir die Lehnen in Schlafposition stellen und uns mit unseren Badetüchern zudecken. Erstaunlicherweise können wir ein paar Stunden schlafen, obwohl die Straße richtig schlecht ist. Lesend und schlafend vergeht die Zeit, bis es gegen 5 Uhr zu dämmern beginnt. Um diese Zeit sind schon Menschen in Dörfern und Städten auf der Straße, sie sitzen mit einer Tasse Kaffee vor Häusern und Hütten. Um sieben Uhr gibt es einen 30-minütigen Halt, an den Waschbecken machen sich die Menschen frisch für die nächste Runde Schlaf. Der Norden Brasiliens ist sichtbar arm, die hier lebenden Menschen werden noch nicht einmal durch schöne Landschaft entschädigt, hier ist alles flach und eintönig.

Die runden Granitfelsen, an denen wir später vorbeifahren, werden schon als aufregende Abwechslung wahrgenommen.

Eigentlich wollten wir auf der über 1200 Kilometer langen Strecke eine Zwischenübernachtung in Araguana oder Teresina einlegen, doch es mangelte an freien Hotelzimmern. Was für ein Glück, die Städte sehen nicht sehr einladend aus. Nach 21 Stunden und 15 Minuten kommen wir in Parnaiba an. Das 4 Kilometer entfernte Hotel gehört einem Schweizer, obwohl er sich sehr gut integriert hat, stellen wir den europäischen Einfluss fest, z. B. wird hier Müll getrennt.

Ein paar Runden im Pool, danach machen wir uns auf den Weg zum Essen. Etliche der im Internet aufgelisteten Lokale existieren nicht mehr, und auf Hamburger oder Pizza haben wir so gar keinen Appetit. Wir landen bei einem Libanesen, dessen Lokal zwar noch nicht geöffnet ist, der uns aber sofort Tisch und Stühle zurechtrückt und etwas zu trinken bringt. Dann hängt er drei schmiedeeiserne Lampen auf und schraubt an der Überdachung Glühbirnen ein. Jeden Abend nach Geschäftsschluss muss er Glühbirnen und Lampen wieder entfernen, sonst werden sie ihm geklaut. Der Besitzer will uns unbedingt mit seinem Auto zurückfahren, den Weg zurück vorbei an der Markthalle hält er für zu gefährlich. Da aber gerade neue Gäste kommen, ist sein Platz am Herd. Wir müssen ihm versprechen, nur den von ihm beschriebenen Weg zu laufen, damit wir sicher ankommen. Das klappt.

Die Vorstellung, bereits am nächsten Tag wieder stundenlang im Bus zu sitzen, ist nicht gerade verlockend, so bleiben wir einen weiteren Tag in Parnaiba und laufen durch die von Touristen links liegengelassene Stadt. Die 150.000 Einwohner zählende Stadt im Bundesstaat Piaui liegt am gleichnamigen Fluss, der von einer hohen Brücke überspannt wird. Links und rechts der Fahrbahn zwei Fußwege, die von einem gerade hüfthohen Geländer aus Beton begrenzt werden. Irgendwann wurde das durch einen Holzaufbau erhöht, von dem nur noch ein paar kurze Bretter übrig sind, ein Betonelement fehlt ganz. Die Bauüberwachung in Deutschland würde nicht nur Pickel, sondern gleich die Beulenpest bei diesem Anblick bekommen. Die Menschen nehmen das mit stoischer Gelassenheit hin, warum sich über etwas aufregen, was sie sowieso nicht ändern können. Zumindest geht man hier aktiv gegen die Klimaerwärmung vor, aus jedem der offenen Geschäfte trifft uns ein eiskalter Luftstrom aus den Klimaanlagen.

Der Park vor der Kirche wurde vor kurzem neu gestaltet und bietet einer Gänseschar ein Zuhause mit Schwimmbad. Vermutlich hat Gänsebraten in Brasilien keine Tradition, sonst müsste der Bestand doch merklich geringer sein. Wir suchen auf dem Rückweg ein Lokal, aber vergebens. Schließlich landen wir wieder in unserem Hotel und bemühen einen Lieferservice.

Der nächste Bus hat in der ersten Klasse zwölf Liegesitze. Das ist eine angenehme Fahrt durch Brasiliens Zuckerkammer nach Fortaleza, die zehn Stunden gehen schnell vorbei. Ungefähr 100 Kilometer vor der Großstadt wird die Straße besser, wir kommen langsam in wohlhabendere Gegenden. Doch der Rezeptionist unseres Hotels in Fortaleza und der Taxifahrer, der uns hierher gefahren hat, halten die Straßen am Abend für nicht sicher. Die Einheimischen trauen der Sicherheit in ihrem Land nicht, das haben wir bisher in jedem Land zu hören bekommen. Das Restaurant gegenüber sei sehr gut, verspricht man uns im Hotel. Unbehelligt legen wir Hin- und Rückweg über die Straße zurück.

Am Samstag sind alle Lokale in Strandnähe besetzt. In den Straßen wabert der Duft nach gegrilltem Fleisch. Der Strand selbst ist beinahe leer, nur wenige Menschen sitzen hier im Sand oder sind im Wasser. Sonnenschirme und Liegen sind nicht im Angebot. In der Hauptgeschäftsstraße überbieten sich die Läden in der Höhe der Rabatte. Jetzt zu Beginn des Winters wollen alle ihre Lager räumen, obwohl man hier sowieso nur Sommerkleidung braucht (ausgenommen in den Bussen).

Als nächsten Ort haben wir uns Canoa Quebrada ausgesucht, wir fahren bequem um 11 Uhr in Fortaleza ab und sind auf guter Straße vier Stunden später am Ziel. Taxen gibt es hier nicht, also ziehen wir unsere Koffer auf holprigem Pflaster hinter uns her. Ganz schön viele Menschen hier, Sambamusik schallt uns entgegen, Menschen tanzen, die pure Lebensfreude.

Viele Wege führen durch die roten Klippen zum langen Strand, der besonders bei Kitesurfern beliebt ist, aber auch für uns Schwimmer ist es ein toller Platz. Zwar dürften nach unserer Meinung weniger Barracas (auf Stelzen gebaute hölzerne Lokale) am Strand stehen, aber Brasilianer essen nun mal gern und lieben diese Dinger, die den Blick auf die Klippen versperren. Ausgerechnet in der Zwischensaison sind wir hier gelandet. Die Kinder haben drei Wochen Ferien und die gut situierten Menschen aus dem kühlen Süden, machen Badeurlaub. Aber vor allem ist Canoa Quebrada ein beliebtes Wochenendziel für Bewohner der umliegenden Städte. In unserer Pousada (Herberge) sind wir dann auch ab Montag die einzigen Gäste. Jeden Abend ist ein Riesenspektakel, wenn ein großer Vogelschwarm kurz vor Sonnenuntergang kommt, um die Schlafbäume aufzusuchen. Aber zuvor fliegen die Vögel großartige Formationen, ein herrliches Schauspiel.

Abends bummeln wir über den „Broadway“. Die Hauptstraße ist links und rechts von Geschäften und Lokalen gesäumt. Musik tönt aus den Bars, in der Mitte haben die fliegenden Händler ihre Stände aufgebaut und bieten ihre teils selbst gefertigten Waren an. Wir haben gleich am ersten Abend ein Restaurant gefunden, das von einem Holländer vorbildlich geführt wird und köstliche Gerichte anbietet. Es gefällt uns so gut, das wir jeden Abend hier essen.

Fünf Uhr aufstehen, unser nächster Bus geht um 7.30 im 15 Kilometer entfernten Aracati ab, und da müssen wir mit einem Kleinbus erstmal hinkommen. Laut rumpeln unsere Koffer über das Kopfsteinpflaster der gerade erwachenden Stadt. Pünktlich um 7 Uhr sind wir am Rodoviária (Busbahnhof) und stellen uns am Schalter an. Eigentlich müsste der jetzt schon geöffnet haben. Eine viertel Stunde später kommt der zuständige Mann in Dienstuniform mit einem kleinen Becher Kaffee langsam angeschlendert. Noch kann er den Schalter nicht öffnen, erst widmet er sich seinem Kaffee, der in Brasilien heiß, schwarz und süß getrunken wird.

Bevor er den Holzdeckel von seinem Schalter entfernt, legt er erst mal in aller Gemütsruhe den kleinen Teppich mit dem Namen der Busgesellschaft hin, und dann – ganz langsam – beginnt er, Tickets zu verkaufen. Für jeden Kunden braucht er 7 Minuten, gut dass der Bus Verspätung hat.

Gute sechs Stunden fahren wir bis Natal, wechseln in einen normalen Bus, der sich asthmatisch keuchend die kleinen Hügel heraufquält und sind weitere zwei Stunden später in Praia da Pipa. Ivana, die junge Besitzerin der kleinen Pousada holt uns am Busbahnhof mit dem Auto ab. Vier Tage verbringen wir jetzt hier in einem kleinen, geschmackvoll eingerichteten Bungalow mit bequemem Bett und schmiegsamen (endlich mal wieder) Kopfkissen.

Pinselohräffchen besuchen täglich den Garten unserer Pousada. Wir sind entzückt von den niedlichen Tieren, die mir sogar aus der Hand fressen. Wahrscheinlich wissen die kleinen Fellbündel auch, dass es hier ein unglaublich gutes Frühstück gibt.

Zwischen uns und dem Ort bzw. Strand liegen ca. 100 Meter rote Matschstraße, die wir ohne Gummistiefel oder ohne die Schuhe zu ruinieren nicht durchqueren können. Deshalb fahren Ivana oder ihr Mann Patrick uns jedes Mal mit dem Auto.

Auch in der Stadt Pipa ist viel los, aber an den drei riesigen und wunderschönen Stränden ist so viel Platz, dass jeder für sich bleiben kann.

Voll ist es nur am Praia da Centro, dem schmalen Strand, der direkt von der Ortsmitte erreicht wird und auf dem bei Ebbe Tische und Stühle so dicht stehen, dass man kaum durchkommt. Die auflaufende Flut macht dem ein Ende, dann muss alles ganz schnell weggeräumt werden. Hohe Klippen begrenzen die anderen Strände, an denen sich Surfer tummeln, den Delfine lieben und an denen man viele Kilometer weit laufen kann. Abends drängen sich die Menschen auf der Hauptstraße und suchen sich zwischen den unzähligen Geschäften mit Bademoden das richtige Lokal. Wir haben an einem Abend einen Zuschauer.

Ein Opossum klettert rasch einen Balken hinauf und beobachtet von oben anscheinend, was die Gäste auf ihren Tellern haben.

Patrick und Ivana fahren uns am Sonntag nach Goianinha, wo wir in den Bus nach Recife einsteigen. Die Endstation liegt weit außerhalb der Großstadt, hätten wir das gewusst, wären wir eine Station vorher ausgestiegen, so müssen wir über 30 Kilometer mit dem Taxi nach Olinda, einer der ältesten Städte des Landes fahren. Juwel der Barockarchitektur, Weltkulturerbe, Bischofssitz, viele Begriffe werden diesem auf einem Hügel gelegenen alten Teil der Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern zugeordnet.

In Olinda (der Name bedeutet: oh wie hübsch) findet heute ein Volksfest statt. Die Rhythmen des Maracatu dröhnen durch die Stadt. Wir schieben uns durch die Menschenmenge, schauen den Trommlern eine Weile zu, bewundern die ausgestellte Handwerkskunst, steigen im Observatorium die Wendeltreppe hoch, um den Saturn durch ein Teleskop zu betrachten, und suchen uns etwas abseits eine Lokal.

Im Tageslicht sieht man an allen Ecken und Enden den Renovierungsbedarf. Die feuchte, salzhaltige Luft am Atlantik setzt den Fassaden schon nach kurzer Zeit zu. Dem Charme der Stadt tut das allerdings keinen Abbruch. Während wir in einer Galerie stöbern, verkündet die junge Dame, dass der Künstler gleich persönlich erscheinen werde. Fotografieren sei hier leider nicht gestattet, erwidert sie auf meine Frage.

Der Künstler selbst sieht das anders, er stülpt Klaus und sich einen der Tierköpfe aus Pappmaché über, die er für den Karneval in dieser Stadt herstellt, und fordert mich dann auf, Fotos zu machen.

Unten am Strand dümpeln die Fischerboote, und ein paar Familien sitzen in einem Strandrestaurant. Zum baden und schwimmen gibt es jedenfalls bessere Orte, denn die Küsten in und um Recife werden häufig von Haien besucht. Zwischen 1992 und 2007 wurden 50 Angriffe auf Schwimmer und Surfer gemeldet, 19 endeten für die betroffenen Menschen tödlich.

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Wir besuchen das hochmoderne Einkaufszentrum, um noch ein paar Dinge einzukaufen, darunter eine Reisetasche, um alles gut verstauen zu können. Am 31. 7. fliegen wir von Recife direkt zurück nach Frankfurt. Den letzten Abend verbringen wir in einem Restaurant, das eine Überraschung bereit hält. Wir werden nach dem Eintritt zu einem gläsernen Fahrstuhl geleitet, der auf einer schrägen Ebene ca. 10 Meter den Hang hinab gleitet. Erst hier befindet sich der Speisesaal mit einem grandiosen Blick auf das hell erleuchtete Recife.

Was für ein schöner Abschied von unserer Reise durch Mittel- und einen Teil Südamerikas. Wir empfinden ein wenig Wehmut, aber dieses Mal vor allem große Freude. Uns erwartet das Wiedersehen mit der Familie und den Freunden. Doch im Hintergrund steht das Wissen: Wir können jederzeit wieder aufbrechen.

Vielen Dank an alle Follower und Leser unseres Blogs, ihr habt mich immer wieder motiviert und angespornt, weiter zu schreiben.

Amazonas 2 – von Manaus nach Belém (Brasilien)

Am Morgen des 10. Juli steigen wir um 7.30 in ein Taxi. Auf unserem Ticket für die Fahrt auf dem Amazonas mit der Sao Bartolomeu V von Manaus nach Santarém steht 9 Uhr Abfahrtszeit. Nach der letzten Erfahrung haben wir alle Zeit der Welt. Der Taxifahrer fährt zum Pier, wird aber wieder weggeschickt, das Schiff fährt an anderer Stelle ab. Ein Träger wittert sofort ein Geschäft und fragt nach unserem Fahrschein. Er stutzt und erklärt uns dann, dass das Schiff bereits gestern Abend abgelegt hätte, aber wir könnten mit einem anderen fahren, und das legt mittags um 12 Uhr ab. Auf jeder Schulter einen Koffer läuft er zielstrebig zu dem großen Katamaran (mit dem wir nicht fahren wollten), wir hinterher und damit beginnt unsere Pechsträhne. Wieder und wieder schauen wir uns das Ticket an, da steht eindeutig unter Abfahrt 10.9.2019 – 9 Uhr. In dem blau gedruckten Text links davor entdecken wir dann noch eine 9 mit einem Bindestrich. Wir sind wie betäubt, und können noch immer nicht glauben, was wir da gerade erfahren haben.

Direkt hinter der Gangway des Katamaran sitzt der Zahlmeister, bei dem wir ein neues Ticket für 700 Reales (175,00 €) kaufen. Ob es eine Möglichkeit gibt, das Geld oder einen Teil zurückzubekommen? Verneinung von mehreren Seiten. Direkt neben dem Zahlmeister steht ein junger Mann im maritimen T-Shirt (wir halten ihn für ein Mitglied der Mannschaft) und verfolgt interessiert die Unterhaltung. Noch immer etwas benommen folgen wir dem Gepäckträger mit unserem neuen Ticket aufs Oberdeck bis zu unserer Kabine. Für die schwere Arbeit verlangt er 100 Reales, die er auch ohne weiteres Nachdenken unsererseits bekommt. Kurz darauf erscheint der junge Mann (im maritimen T-Shirt) in unserer Kabine und meint, es gäbe noch eine Chance, einen Teil des Geldes zurück zu bekommen, er will das für uns versuchen. Mit dem Ticket und der Chance verschwindet er, wir sehen ihn nie wieder.

Nach unserem letzten Schiff ist dieses Eisenmonstrum ein Kulturschock. Wir bekommen eine Camarote, eine 2 Meter hohe Kabine mit Doppelstockbett, zwei Stühlen, Klimaanlage aber ohne Bad und Fenster.

P1060544 - Kopie - KopieHier gibt es ein Gemeinschaftsbad für sechs Camaroten. . Eine Frau im pinken T-Shirt mit Schiffsemblem kommt und schreibt unsere Essenswünsche auf einen Block. Kurz darauf fragt eine zweite, dann eine dritte, danach höre ich auf zu zählen. Mindestens zehn Frauen – alle im gleichen Shirt – laufen mit ihren Blocks herum und schreiben Bestellungen auf. Wir glauben noch immer, dass sie zur Schiffsbesatzung gehören, bis wir sie unten bei den vielen Garküchen auf dem Ablegesteg herumlaufen sehen. Auf diesem Schiff ist die Verpflegung n i c h t inklusive. Alle erfahrenen Reisenden bestellen sich noch mindestens eine Mahlzeit, das Essen auf dem Schiff ist teurer. Kurze Zeit später schleppen die Frauen das bestellte Essen in großen Taschen herbei und kassieren ab.

Auf dem Schiff, das bestimmt viermal so viele Passagiere fasst, wie das letzte, ist ein unglaubliches Gedränge. Bei den Hängematten geht es drunter und drüber. Die hängen so dicht, dass die Menschen Hüfte an Hüfte liegen. Ich muss an diese in Reihe hängenden Kugeln denken, bei denen man die erste anstößt, und die letzte dann ausschwingt. So stelle ich mir hier das Schlafen vor.

Die Zeit, bis das Schiff ablegt, stehen wir an der Reling und schauen zu, was unten passiert. Da werden noch alle möglichen Waren eingeladen, um das Schiff tauchen immer wieder Delfine auf, und um 12 Uhr werden die ersten Leinen gelöst. Rufend und winkend kommt ein Mann angelaufen. Ein Auto – ein großer Pick-up soll noch mit. Zwei Bretter werden heraus geschoben, aber dann muss im Laderaum erstmal Platz geschaffen werden. Die Insassen – ein Paar um die sechzig – unterhält sich temperamentvoll neben dem Auto.

Plötzlich dreht sich die Frau um und stapft energisch davon. Das Auto wird aufs Schiff gefahren, der Mann läuft auf und ab, noch immer ist die Frau nicht zurück, und nun hilft alles nichts: Das Auto ist auf dem Schiff, die Frau weg. Dem Mann ist die Zerrissenheit deutlich anzusehen. Zweimal wurde schon die Sirene betätigt, dann geht der Mann zögernd an Bord. Das Auto hat den Sieg davongetragen. Wir alle warten gespannt, ob noch ein schnelles Boot hinterher kommt und die Frau zum Schiff bringt – nein, sie hat sich für Manaus entschieden.

Die Fahrt auf dem Amazonas, diesem unfassbar großen breiten Wasserweg hat etwas meditatives. Wir stehen an Deck und schauen, sehen Ufer, Inseln und andere Schiffe an uns vorbeigleiten, gehen aufs Oberdeck, wo uns der Fahrtwind um die Ohren weht und schlafen in dieser Nacht tief und fest, obwohl es überall knirscht, quietscht, klopft und dröhnt.

Wir lernen Friederike kennen, außer uns die einzige Deutsche an Bord. Sie lebt schon seit 7 Jahren in Liberia und arbeitet in der Entwicklungshilfe. Eine bemerkenswerte junge Frau, deren Erzählungen wir nur zu gerne lauschen. Von ihr erfahren wir, dass dieses Schiff weiterfährt nach Belém, wo wir ja auch hinwollen. Wir versuchen gleich, unser Ticket aufzustocken, werden aber von dem einzigen englisch sprechenden Mitarbeiter an Bord vertröstet bis nach unserer Ankunft in Santarém.

Bei einem Halt am nächsten Vormittag ein herrliches Schauspiel, eine Gruppe Männer und Frauen „bewaffnet“ mit mehrere Meter langen Stöcken und großen Taschen stürmt auf den Anlegesteg. Sie bringen Verpflegung, dürfen aber das Schiff nicht betreten. Rufe schallen hin und her, dann wird ein Beutel an die Stange gehängt und damit das Essen nach oben gereicht. Das Geld kommt in die abgeschnitten Plastikflasche, die oben auf der Stange steckt. Auf demselben Weg kommt das Wechselgeld zurück. An die hundert Portionen landen so bei den Passagieren.

P1060337 - Kopie - Kopie - Kopie - Kopie - KopieAbends erreichen wir Santarém und hier verlassen die meisten Passagiere das Schiff. Am Ufer warten bereits Polizisten und kontrollieren deren Gepäck. Gegenüber liegt bereits die Sao Bartolomeu V, die aber nicht bis Belém weiterfährt, sondern von hier aus wieder zurück nach Manaus. Wir warten noch immer auf die Auskunft, ob wir weiterfahren können. Zuerst will der Zahlmeister den vollen Betrag für die nächste Etappe, lässt sich dann aber um 200 auf 500 Reales herunterhandeln. Das Schiff bleibt über Nacht hier liegen, und wir gehen in eine Hafenkneipe, um etwas zu essen. Bei der Rückkehr müssen wir einem Wachmann unser Ticket zeigen. Nur in Manaus kann Hinz und Kunz aufs Schiff, alle anderen Häfen werden genau kontrolliert.

Die Passagiere vom Oberdeck, die jetzt noch an Bord sind, kennen wir inzwischen vom Sehen, und einige versuchen auch, mit uns in Kontakt zu kommen.

P1060542 - Kopie - KopieEine von denen  ist Aglai (gesprochen mit 3 i am Ende), eine runde, stets lachende und redende Brasilianerin. Mit Gesten und ein paar Brocken englisch unterhalten wir uns. Wir sind uns sympathisch, ohne groß miteinander reden zu können.

Als es gerade hell wird, sehe ich von der Reling aus, wie Bananenstauden von zwei LKW in den Bauch der Sao Bartolomeu wandern. Kaum sind die verstaut, kommen zwei mit Kästen voller Orangen beladene. Die Wassermelonen vom nächsten Wagen werden stückweise von Mann zu Mann geworfen.

Auch für unser Schiff stehen Waren bereit, etliche große Styropor-Kästen voller Fische auf Eis müssen an Bord. Die beiden Männer müssen unglaublich schleppen, ein dritter steht dabei und passt auf, dass sie auch alles richtig machen. Ab 10 Uhr kommt ein neuer Schwung Passagiere aufs Schiff und die Lücken zwischen den Hängematten sind schnell wieder geschlossen.

P1000986Nachmittags um 15 Uhr legen wir in Monte Alegre  an. Hier steht eine lange und breite Mauer aus Obstkisten, die alle in den Laderaum sollen. Zwei Stunden soll das hier dauern, aber nach 3 Stunden werden noch immer neue Kisten herangekarrt. Wir machen gemeinsam mit Friederike einen Landgang und kaufen Obst und Wasser ein. Erst um 20 Uhr legen wir wieder ab.

Nach einem Halt am nächsten Morgen verfolgt uns ein schnelles kleines Boot. Die Passagiere – drei junge Männer – haben wohl nicht erwartet, dass die 30 Minuten Anlegedauer wirklich eingehalten werden und mussten fassungslos mit ansehen, wie der Katamaran mit ihrem ganzen Gepäck sich bereits in voller Fahrt mitten im Fluss befand. Ein paar Stunden später biegt das Schiff in einen Seitenarm ein. Sofort setzten sich am Ufer kleine Boote in Bewegung und paddeln auf uns zu.

Kinder sitzen in den Booten, mal allein, mal mit einem Erwachsenen und unsere Passagiere werfen Plastiktüten mit Leckereien über Bord, die von den Insassen der kleinen Boote eingesammelt werden. „Das machen die nicht, weil sie arm sind,“ erklärt uns ein Brasilianer, „das ist Kinderbelustigung.“ Den Menschen hier geht es finanziell gut, sie leben vom Verkauf der Acai-Beeren und vom Fischfang.

Einer kommt mit seinem Motorboot, macht hinten an unserem Schiff fest und verkauft Shrimps, roh oder bereits gekocht.

Auch der nächste Ort macht einen wohlhabenden Eindruck, auf mehreren Plätzen lagern große Stapel Tropenholz und warten auf die Verschiffung. Stege sind zwischen den einzelnen Häusern angelegt und mehrere Hausbesitzer haben sich noch luftige Freisitze über dem Wasser gebaut.

Früh am Sonntag Morgen erreichen wir Belém.

P1060543 - Kopie - KopieEnde unserer Amazonas-Reise, die so schön begonnen hat und zwischenzeitlich getrübt wurde. Aber trotz allem, es war ein wunderbares Erlebnis, das möchten wir am liebsten gleich noch einmal machen.

Belém gefällt uns schon auf den ersten Blick so viel besser, als Manaus. Vermutlich liegt es daran, dass die Straßen von riesigen Mangobäumen eingerahmt sind. Obwohl die letzten Früchte noch an den Bäumen hängen, stehen sie schon wieder in voller Blüte.

Unser kleines Hotel hat einen verständnisvollen Mitarbeiter. Wir bekommen ein Frühstück serviert und dürfen auch sofort in unser Zimmer, ein wenig Schlaf nachholen. Nachmittags wollen wir ins Goeldi-Museum. Es liegt in einem von Mauern umgebenen Parkt und kann dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiern.

Der Eintritt ist frei, aber das Museum ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Im Park – einer Kombination aus botanischem und zoologischen Garten – lässt sich die Hitze gut ertragen. Wir sehen die großblättrigen Seerosen, die einen Menschen tragen können, einen Riesenotter, zwei Jaguare, zwei Tapire, Schildkröten, Krokodile, Vögel und viele freilaufende Agutis. Die Manatis und Anacondas wurden für die Dauer der Renovierung ausquartiert.

Am Montag sind Museen und das Fort geschlossen, so bummeln wir durch die Altstadt, laufen am Ufer zwischen unzähligen Verkaufsständen über den Ver-o-Peso- Markt. Der Name bedeutet: nach Gewicht, denn danach wurden früher die Steuern berechnet, die an die portugiesische Krone zu entrichten waren. Hier gibt es alle Arten von Lebensmitteln. Zusätzlich zur bunten Zuckerwatte macht Popcorn in allen Farben des Regenbogens diese farbenfrohe Welt noch ein wenig bunter. Wir kaufen eine Tüte mit frischen geschälten Paranüssen, die hier so kurz nach der Ernte noch im Geschmack der Kokosnuss ähneln. Ob Die Nüsse nach dem Bundesstaat Para heißen, oder ob es umgekehrt ist, kann mir niemand sagen. In der von vier Türmchen geschmückten alten Markthalle wird der Fang des Tages verkauft, und direkt dahinter dümpeln jetzt die Fischerboote.

Kathedrale, Hafen
Theater, Fort

Am anderen Ende des Hafens liegen Unmengen von Beeren zwischen dem Kopfsteinpflaster. Es sind Acai-Beeren, die vermutlich beim Verladen aus undichten Säcken gefallen sind.

Der Hafen hat Belém zu einer wohlhabenden Stadt gemacht. Sämtliche Waren aus der Amazonas-Region gehen von hier in alle Welt. Erst langsam entsinnt man sich hier offenbar der schönen Gebäude, von denen die meisten bis jetzt dem Verfall preisgegeben sind. Es würde schon helfen, wenn die Sprayer statt Schmierereien Street-Art auf die vielen gammeligen Mauern zaubern könnten. Doch es gibt dazwischen immer wieder Geschäfte, deren Angebot den besten Läden in Europa oder Nordamerika in nichts nachsteht. Der eigentlich hübsche Park am Hafen mit trocken gefallenen Teichen und Wasserläufen verrottet und ist mittlerweile zu einem Schlaf- und Aufenthaltsplatz für Obdachlose geworden. Nur bei Tag trauen sich die Einwohner von Belém noch hierher.

P1060695 Bürgersteige bieten eine wilde Mischung aus Marmorpflaster, Sand- und Betonflächen und metertiefen Löchern, dazwischen verwest schon mal eine Ratte. Doch die Menschen sind fröhlich, hilfsbereit und überaus gastfreundlich und das ist schließlich für Besucher das Wichtigste.

Amazonas 1- von Tabatinga nach Manaus (Brasilien)

Obwohl Leticia (Kolumbien) und Tabatinga (Brasilien) zusammen eine 100.000 Einwohner starke Stadt bilden, muss man im brasilianischen Teil die Uhr eine Stunde vorstellen. Pünktlich um 9 Uhr sollen wir am Hafen sein, also müssen wir um 7.30 in Leticia abfahren. Wir haben es immer noch nicht gelernt, Zeitangaben sind nur die Möglichkeitsform. Natürlich sind wir die ersten Passagiere und es vergeht fast eine Stunde, bis nach und nach weitere Mitreisende eintreffen.

Unser Gepäck stellen wir nach Anweisung akkurat auf einen der gelben Streifen im gekennzeichneten Wartebereich für Alte (über 60), Behinderte, Schwangere und Mütter mit Kleinkindern (dieses Schild wird uns noch oft begegnen, an Supermarktkassen, an Busbahnhöfen – die Gnade der frühen Geburt). Am Schalter bekommen wir ein Armband umgeklebt, an der Farbe ist für die Schiffsbesatzung erkennbar, wie weit wir fahren. Später kommt die Erfassung im Polizeibüro, dann dürfen wir mit der ersten Gruppe gegen 11 Uhr zum Schiff. Doch davor haben etliche Polizisten Stellung bezogen und kontrollieren jedes Gepäckstück. Wir müssen die Koffer öffnen, die Rucksäcke werden ausgepackt, die Gitarre aus ihrer Hülle geholt, dann erst ist der Weg für uns frei. Gepäckträger stehen bereit, um die Waren ins Schiff zu bringen. Obwohl die Tarife auf einer Tafel stehen, versucht der Träger, von uns das Doppelte zu bekommen. Die Zahlmeisterin des Schiffes entscheidet: „20 Reales sind genug.“

Wir haben uns für eine Kabine entschieden, uns beiden tut schon nach zwei Stunden in der Hängematte das Kreuz weh, außerdem haben wir gern eine eigene Toilette. Die Stewardess begleitet uns zu unserer „Suite“ und stellt uns unsere persönliche Betreuerin vor. Den Luxus hatten wir nicht erwartet, erst kommen wir in einen Vorraum, in dem wir unser Gepäck aufbewahren können, ein Kühlschrank steht im Raum. Die Kabine hat ein bequemes Doppelbett, eine Klimaanlage, umlaufende Regale mit genügend Steckdosen. Rechts ist das Duschbad und geradeaus geht es auf unseren eigenen Balkon mit Tisch und Stühlen.

Während wir von dort aus beobachten, wie weitere Passagiere an Bord gehen und Waren verladen werden, bekommen wir bereits ein gehaltvolles Mittagessen serviert. Halb zwei legt das Schiff unter lauten Signaltönen ab, 1,5 Stunden nach der geplanten Abfahrtszeit. Für die Manöver steht ein kleines, stark motorisiertes Boot zur Verfügung, das das Schiff in die passende Richtung schiebt und drückt, wird es nicht gebraucht, wird es an der Schiffswand hochgezogen. Wir nennen den Winzling „Helferlein“.

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Im Unter- und Zwischendeck befestigen die Passagiere, die sich für die einfache Überfahrt entschieden haben, ihre Hängematten an den massiven Stahlrohren. Für sie gibt es große Dusch- und Waschräume und Toiletten. Überwiegend sind Einheimische unterwegs, Touristen bilden eine kleine Minderheit.

Unser Schiff fährt auf dem Rio Solimões – so heißt der Amazonas von hier bis Manaus-, der die Farbe von Tee mit Milch hat, stromabwärts mit 20 bis 23 Stundenkilometern. Wir befinden uns nicht auf einem Vergnügungsschiff (obwohl es für uns sehr vergnüglich ist), die Wasserstraße ist die einzige Verbindung zwischen den kleinen und großen Urwalddörfern und -städten.



An jedem Haltepunkt werden Waren verladen und steigen Menschen aus und ein. Das passiert auch um Mitternacht oder 4 Uhr morgens. Und jedesmal geht es laut zu, das Schiffshorn tutet, die Gangway rasselt, laute Kommandos werden gerufen, für uns eine spannende Unterhaltung. Wir stürzen immer auf unseren Balkon und sehen dem Gewusel zu. Manches Mal düst auch nur das Helferlein los, um ein oder zwei Passagiere ans Ufer zu bringen oder dort abzuholen.

Die Landschaft gleitet an uns vorüber und wir schauen uns an, wie die Menschen an diesem größten Flusssystem der Erde leben. Sehen die auf Stelzen oder Schwimmkörpern gebauten Häuser, beobachten wie kleine Boote hin- und herflitzen, blicken auf Kinder, die am Ufer spielen und ab und zu auf weidende Rinder. Dann wieder kilometerweit nichts als Urwald. Jeden Abend und jeden Morgen überqueren Papageien den Fluss. Sie sind wirklich die geschwätzigsten Vögel im Tierreich, sie können anscheinend keinen Meter fliegen, ohne sich zu unterhalten. Selbst wenn nur ein Pärchen das Schiff überquert, hört man sie laut plappern. Nach und nach gehen am Ufer die Lichter an. Es gibt in den meisten Orten Generatoren, denn ohne Strom funktionieren die riesigen Satellitenschüsseln neben vielen Häusern nicht.

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Die Zahlmeisterin schließt uns den Salon auf, ein großer Raum auf dem Oberdeck vorne im Schiff mit einem umlaufenden Balkon. Als wir das nächste Mal hineingehen wollen, ist er abgeschlossen. Sofort kommt die Dame und schließt wieder für uns auf. In unserer Abwesenheit war eine Mutter mit zwei Kindern aus der „dritten“ Klasse hier hereingekommen, erklärt sie uns. Die Kinder hopsten mit Schuhen auf den Polstermöbeln herum und rissen alle Schubladen auf. Das war bestimmt ein Riesenspaß für die Beiden.

Das Essen schmeckt, zwar gibt es kaum Gemüse, aber das Fleisch ist immer gut gewürzt, die Beilagen (Reis und Nudeln) dagegen salzlos. Am Freitag Morgen werden zwei große Fische aufs Schiff gebracht, mittags liegen Stücke davon zart und saftig ohne eine einzige Gräte auf unseren Tellern. So gut hat mir ein Süßwasserfisch noch nie geschmeckt.

Der Blick auf den Sternenhimmel ist in diesem dünn besiedelten Teil der Erde unglaublich schön, und wir sitzen so lange draußen, bis uns fast die Augen zufallen. Das Schiff fährt Tag und Nacht, in der Dunkelheit wird ein Suchscheinwerfer eingeschaltet.

Drei Tage und Nächte sind wir unterwegs, bevor wir nach Manaus kommen. Die Stadt liegt am Rio Negro, kurz vorher überfahren wir eine Stelle, wo er mit dem Rio Solimões zusammenfließt, ab hier heißt er dann Amazonas. Die Farben der beiden Gewässer – hier wie starker Kaffee, dort wie Tee mit Milch, verlaufen 11 Kilometer wie dem Lineal gezogen nebeneinander, bevor sie sich vermischen.

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Wir gleiten am langgezogenen Industriehafen mit Treibstofflagern vorbei, als vor uns einer der rosa Flussdelfine auftaucht. Es ist ein Jungtier, der Rücken noch grau, die Flosse bereits rosa. Eine Stunde später haben wir den Hafen erreicht und legen an.

Ein unglaubliches Gewimmel setzt ein, jeder kann an Bord des Schiffes kommen, sofern er es schafft, sich an den aussteigenden Passagieren vorbei zu quetschen. Unsere Stewardess will sich um einen Gepäckträger für uns kümmern, wir sollen nicht auf einen Abzocker hereinfallen.

Während ich noch mit Packen beschäftigt bin, verlässt Klaus mit irgendeinem Mann das Schiff, um Karten für die Weiterfahrt und eine SIM-Card zu besorgen. Eine Stunde später – alle Passagiere sind von Bord gegangen – beginne ich mich, zu sorgen. Nach einer weiteren halben Stunde hat sich mein Magen in einen Stein verwandelt und noch eine viertel Stunde später bin ich so außer mir, dass eine Horrorvision die andere ablöst: Im Urwald ausgesetzt, nachdem er unser Konto leeren musste, k.o. geschlagen und ausgeraubt, zu einem Paket verschnürt und in den Rio Negro geworfen (ich lese wohl zu viele Krimis). Als zwei Frauen der Besatzung kommen und das Wort „Esposo“ (= Ehemann) sagen, breche ich in Tränen aus. Sie umarmen mich, sprechen tröstend auf mich ein, holen mir was zu trinken und dann drückt mir die eine ihr Handy ans Ohr; am anderen Ende ist Klaus, er ist mit ihrem Mann unterwegs.  Ich lache und weine zugleich und bin unendlich erleichtert, dass alles in Ordnung ist. Als er endlich zurückkommt, gibt Klaus mir stolz das Ticket für unsere Weiterfahrt auf dem Amazonas. Der große unserem Schiff gegenüberliegende eiserne Katamaran hat ihm nicht gefallen, wir fahren mit einem kleineren Schiff. Bevor wir unser Schiff verlassen, müssen wir unbedingt noch mit der Mannschaft essen. Als Spezialität gibt es ein dunkel-lila Mus von Acai-Beeren, das sollen wir unbedingt probieren, erstens gibt es Kraft und ist natürlich noch potenzsteigernd. In Deutschland gehört es zum sogenannten Super-Food. Anschließend werden wir sogar noch zu unserer Ferienwohnung gefahren. Wir sollen uns in Brasilien willkommen fühlen, ist die Antwort auf unsere Frage nach dem Trinkgeld.

Auf den ersten Blick sieht das Haus nicht gerade einladend aus, im Flur liegen Zementsäcke, stehen Backsteine und der Fahrstuhl sieht aus, als wäre er mindestens 50 Jahre alt. Aber die Wohnung in der 7. Etage ist geschmackvoll eingerichtet und komfortabel. Wir wohnen direkt in der Altstadt, ein paar hundert Meter vom eindrucksvollen Opernhaus entfernt. Manaus, das ist eine merkwürdige Mischung aus alter Pracht, modernen Gebäuden, Verfall und Zweckmäßigkeit. Bis zur Weiterfahrt auf dem nächsten Schiff haben wir vier Tage Zeit, um diese Stadt kennenzulernen. Erst am nächsten Tag sehen wir, dass gestern eine Vorstellung mit Wiener Künstlern in der Oper war, die haben wir leider verpasst.

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Gegenüber von unserer Wohnung ist im schönsten Gebäude der Straße eine Filiale von C&A. Hier hat das Geschäft ein ganz anderes Image. Billige Kleidung kauft man an den Ständen in den umliegenden Straßen. Besonders amüsiert mich stützende Unterwäsche, die Aussparungen für die Pobacken hat. Brasilianerinnen lieben es gesäßbetont. Kein Slip, kein Bikinihöschen oder Badeanzug, der die kugelige Rückseite nicht un- oder halbbedeckt zur Schau stellt.

Die Markthalle am Flussufer ist durch ein paar Pavillons in Eisenkonstruktion ergänzt, entworfen von Gustave Eiffel. Alles aus der Zeit, als Manaus durch den Export von Kautschuk zu unglaublichem Reichtum gelangte. Diese Zeiten liegen über hundert Jahre zurück und die aus dieser Zeit stammenden Gebäude rotten mehrheitlich vor sich hin. Kaputte Bürgersteige mit Abwassergräben davor, aus denen es bei diesen Temperaturen erbärmlich riecht, bis der nächste Tropenregen den größten Dreck hinwegschwemmt.

Sonntag, da tut man es den vielen Einheimischen gleich und fährt in das modernste Einkaufszentrum der Stadt. Gebaut um ein Reststück Urwald, das man durch die Glaswände betrachten kann. Schöne Geschäfte, viele bei uns unbekannte Marken, die sehr farbenfrohe Kleidung anbieten. Eine Weile stehen wir gemeinsam mit stolzen Frauchen und Herrchen vor einem Hunde-Schönheitssalon und schauen zu, wie aus begossenen Pudeln duftende, plüschige Schönheiten werden.

In der Ebene mit den Restaurants landen wir am Abend in einer Bierstube, hier drängen sich die Menschen, es wird das Endspiel des Südamerika-Cup übertragen. Als Brasilien das Spiel gewinnt, ist der Jubel unbeschreiblich.

In den nächsten Tagen laufen wir in den Regenpausen durch die Stadt, am Mittwoch geht unsere Reise auf dem Amazonas weiter.

Übrigens: Unser Paket aus Costa Rica ist vor ein paar Wochen heil und vollständig zuhause angekommen.

Bogota (Kolumbien

Seit wir unterwegs sind, nutzen wir zur Planung die hilfreiche App Rome2rio. So auch dieses Mal, wo wir von Guatapé nach Bogota fahren wollen. Wir bekommen die Information, dass wir mit einem Taxi 30 Kilometer bis Granada fahren müssen, ein Bus fährt von dort in 4,5 Stunden nach Bogota. Am Fahrkartenschalter der Bushaltestelle in Guatapé erstauntes Kopfschütteln, von Granada nach Bogota, unmöglich. Wir müssen zurück nach Medellin (2 bis 4,5 Stunden) und von dort mit mehreren Bussen (angegebene Zeit 7 bis 11 Stunden + Zugabe) nach Bogota. Das macht in diesem Land niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat. Die meisten Menschen fliegen. Immer noch nicht überzeugt schreibe ich an die Busgesellschaft und erfahre, dass man uns am Busbahnhof die richtige Auskunft gegeben hat. Von Granada im Departement Meta fährt der Bus nach Bogota, aber nicht von Granada in Antioquia, wo wir uns gerade befinden. Wir entschließen uns ebenfalls zu fliegen. VivaAir ist auf den erste Blick der günstigste Anbieter. Knapp 25 € kostet das Ticket pro Person, allerdings ohne Gepäck, das kostet extra.

Am nächsten Morgen geht es per Bus Richtung Medellin, wir sollen in Guarne aussteigen und per Taxi bis zum Flughafen fahren, das sei die kürzeste und preisgünstigste Lösung. Allein der Busfahrer macht keine Anstalten anzuhalten. Erst nach lauten Rufen fährt er an die Seite und gibt auch unsere Koffer heraus. Ein Taxi ist weit und breit nicht zu sehen. Nach hundert Metern kommen wir an einem Hotel vorbei und entschließen uns, hier nach einem Taxi zu fragen. Die junge Dame an der Rezeption bittet uns sofort herein und bietet uns frischen Kaffee und kalte Getränke an, während wir auf das bestellte Taxi warten. Zum Abschied werde ich herzlich umarmt und sie versichert uns, es sei eine Freude für sie gewesen, uns helfen zu dürfen.

Zwanzig Minuten später sind wir am Flughafen. In der Abflughalle stehen Automaten für den Check-In bereit. Jede Gesellschaft ist hier zu finden, nur nicht VivaAir. Am Schalter erklärt uns die unfreundliche Bodenstewardess, dass wir für den Ausdruck der Bordkarte 10 € pro Person zu bezahlen haben. Wir ärgern uns grün, 20 € für zwei lappige Papierstreifen. Dann will sie allen Ernstes noch Gebühren für die kleine Gitarre, die Klaus seit Bali an seinem Rucksack trägt, und die mit uns kostenlos schon um die halbe Welt geflogen ist. Dieses Mal weigern wir uns, und auch noch ein zweites Mal beim Boarding, wo eine Kollegin von ihr noch einmal jedes Gepäckstück der Reisenden in Augenschein nimmt. Eins steht fest: „Niemals mehr VivaAir!“

Kaum haben wir die Flughöhe erreicht, beginnt auch schon der Sinkflug und wir landen pünktlich in Bogota. Unsere Mitreisenden ziehen noch im Flugzeug Winterjacken an. Bogota liegt noch einmal 1150 Meter höher als Medellin (1500 m), und die Temperatur ist etliche Grad kälter. Da sind wir doch weniger kälteempfindlich und trauen uns bei 17 Grad im T-Shirt nach draußen.

Unser gebuchtes Hotel liegt im Altstadtviertel Candelaria, im Südosten der 9 Millionen-Stadt. Die numerischen Straßenbezeichnungen sind so wenig eindeutig, das der Taxifahrer den Weg erst findet, als Klaus ihn per Handy durch die Straßen navigiert.

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Candelaria ist schon bergig, aber direkt dahinter ragen die Felsen des Cerro de Monserrate bis auf 3.153 Meter steil in die Höhe.

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Auf dem Gipfel steht ein Kloster, das man per Seil- oder Standseilbahn – sportliche oder pilgernde Menschen laufen bergauf – erreichen kann. Das würde mir nicht im Traum einfallen, aber die Seilbahn ist schon ein Überlegung wert, vor allem weil man von oben einen Blick auf die unglaublich steile Standseilbahn Schweizer Bauart mit einer Steigung zwischen 39 und 80,5 % hat. Doch zuerst bleiben wir mal auf dem Boden.

Am nächsten Tag machen wir einen Besuch im Goldmuseum. In vielen Ländern gibt es Museen, die dem Edelmetall gewidmet sind, doch das von Bogota soll mit 55.000 Ausstellungsstücken die umfangreichste Sammlung haben. Deshalb haben wir in San José/Costa Rica auch auf den Besuch des dortigen Goldmuseums verzichtet.

Das Mueso del Oro wurde 1939 von der kolumbianischen Staatsbank gegründet, um das archäologische Erbe des Staates zu schützen. Der Eintrittspreis ist mit 8.000 COP (2,15 €) ausgesprochen niedrig. Wir leihen uns noch zwei Audioguides, die in englischer Sprache Erläuterungen zu den verschiedenen Objekten geben. Gezeigt werden auch Stücke aus Silber, Kupfer und Platin und nichtmetallische Gegenstände. Außerdem erfährt man etwas über die Herstellung der ausgestellten Stücke

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Wir sehen aus Gold gearbeitete winzig kleine und ziemlich große Gegenstände. Hals-, Kopf- und Ohrschmuck, Ziernadeln, Brustplatten und Armreifen, fantastische Masken und Gegenstände, die Schamanen für rituelle Zeremonien verwendet haben, z.B. Behälter für Rauschmittel. Das Prunkstück der Ausstellung ist ein kleines filigran gearbeitetes Floß mit Figuren. Wenn man darüber nachdenkt, dass die spanischen Eroberer tonnenweise Goldschätze geraubt und sie später in ihrer Heimat eingeschmolzen haben, könnte man weinen.

Im Museums-Café wird nur Kaffee von einer einzigen Farm angeboten. Man wählt aus verschiedenen Röststufen aus und die Zeremonie beginnt auf dem Tisch mit einer speziellen Kanne. Eindrucksvoll, aber das Ergebnis sieht nach Blümchenkaffee aus. Total überrascht stellen wir fest, dass man von der Farbe nicht auf den Geschmack schließen darf.

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Direkt gegenüber vom Museum steht die von außen unscheinbare Kirche, Iglesia de San Francisco, die zwischen 1557 und 1621 erbaut wurde. Die Überraschung wartet im Inneren. Der Altarraum ist so überreich mit Gold ausgestaltet, dass das Goldmuseum dagegen verblasst. Fotografieren ist leider verboten.

In der Fußgängerzone gibt es immer was zu sehen, Musiker, Verkäufer, Geschäfte, man weiß überhaupt nicht, wohin man zuerst schauen soll. Unter all dem Schauen erreichen wir die riesige Plaza de Bolivar, das Herz Candelarias mit dem Standbild des Nationalhelden Simon de Bolivar.

Taubenschwärme laufen hier herum und erheben sich nur widerwillig in die Luft, wenn man zwischen ihnen hindurch läuft. Alle machen einen gut genährten Eindruck und die Einheimischen kaufen auch fleißig Futter, damit es den Tierchen an nichts mangelt. Rund um den Platz liegen die Kathedrale, der  Justiz-Palast, das Nationalkapitol und das Rathaus. Ein Serie von Aufstellbildern zeigt, wie sich Bogota in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Mit der Transmillenio, einer Buslinie deren Fahrzeuge auf einer eigenen Spur fahren, gibt es schon ein fortschrittliches Transportmittel für die Allgemeinheit, das auch sehr stark frequentiert wird. Es soll aber noch eine Metro nach dem Vorbild Medellins hinzukommen. Das Verkehrsaufkommen in dieser Stadt ist auch wirklich unglaublich. Obwohl die lange Nord-Süd-Verbindung 10-spurig ist, reicht es nicht aus, um fließenden Verkehr zu gewährleisten. Allein die Anzahl der Taxen in der Stadt. Die gelben Autos – oft gasbetrieben – fallen überall auf. Die überwiegende Mehrzahl der Pkws ist japanischer, koreanischer oder amerikanischer Herkunft. Renault ist die einzige europäische Marke, die stark vertreten ist. Hauptsächlich sieht man die Modelle, die bei uns unter der Marke Dacia vertrieben werden. Diese Fahrzeuge werden in Kolumbien gefertigt. Aber auch uns unbekannte Modelle aus China und Indien rollen über die Straßen.

Jeden Morgen erfreuen wir uns an den Bildern im Treppenhaus unseres Hotels, die die heimische Tierwelt zeigen. Einige sind erst mit Bleistift auf der weißen Wand skizziert, und als wir sehen, dass das Faultier gestern fertiggestellt wurde, ist unsere Freude groß. Wir fragen nach dem Künstler und erfahren, dass er auch für viele Bilder an den Fassaden der Altstadt verantwortlich ist.

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So eingestimmt, wollen wir heute noch einmal Botero einen Besuch abstatten. In der Altstadt steht das Botero-Museum, in dem vom Künstler gestiftete Gemälde ausgestellt sind.

Wir entdecken außer seinen eigenen Bildern auch viele Werke bekannter europäischer Maler, Picasso, Pissaro, Renoir, Matisse, Nolde und Kokoschka, um nur einige zu nennen. Im begrünten Innenhof wachsen neben den vielen exotischen Pflanzen sogar Vergissmeinnicht.

Auf Empfehlung einer reiselustigen Bekannten besuchen wir noch das Museo Colonial. Eine Ausstellung mit Bildern und Skulpturen aus der Zeit der spanischen Eroberung in einem schönen Gebäude.

In der Calima Shopping Mall ist am Sonntag ein unglaublicher Betrieb. Wir können kaum glauben, dass vor den meisten Restaurants lange Menschenschlangen stehen, die geduldig warten, dass ein Tisch frei wird und sie irgendwann auch essen können. Das kann doch kein normaler Sonntag sein. Erst später lesen wir, dass heute Vatertag ist. Offenbar ziehen hier die Männer nicht mit alkoholischen Getränken los, sondern führen an dem Tag ihre Familie aus. Leider gibt es hier kein Restaurant der Crepes & Waffles Guppe. Wir haben schon öfter in einer der Filialen sehr gut gegessen. Das ist eine kolumbianische Erfolgsgeschichte. Zwei Studenten eröffneten 1980 in Bogota ein winziges Lokal im Stil einer französischen Creperie. Sie verwendeten von Anfang an nur erstklassige Zutaten. Das Konzept ging auf und heute existieren über 100 Filialen, davon 84 in Kolumbien. Die Kokos- und die Limetten-Minz-Limonaden haben Suchtpotential. Doch selbst wenn es hier ein Restaurant gäbe, kämen wir bei dem Andrang heute bestimmt nicht hinein. An einer kleinen Imbissbude bekommen wir etwas zu essen, ohne anstehen zu müssen. Eine Etage unter uns sitzen Menschen auf Sitzsäcken und Stühlen und verfolgen auf einer Großleinwand ein Fußballspiel.

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Viele Frauen in Kolumbien mögen ihre Kleidung hauteng. Jeans und Leggins müssen schon stabil gearbeitet sein, um jede Bewegung gefahrlos mitzumachen. Die knappen Oberteile entblößen mehr, als sie verhüllen, und als Kleid trägt Frau gern eine Art Körperstrumpf, gerade den Po bedeckend und bevorzugt in leuchtenden Farben. Eins wird uns dabei klar, sollte Botero vom Schaffensdrang übermannt werden, an Modellen herrscht kein Mangel.

Mit einem Besuch des Klosters auf dem Monserat wird es nun doch nichts mehr, aber vielleicht kommen wir ja irgendwann noch einmal hierher.

Stadtansichten

Popayán und Salento (Kolumbien)

Die Tickets für die Weiterfahrt nach Popayán kaufen wir in einer Agentur auf der Hauptstraße. Für die 136 Kilometer Entfernung werden 4 Stunden veranschlagt, kaum vorstellbar. Bis zur Abfahrt haben wir noch eine halbe Stunde Zeit und gehen frühstücken. Als wir zurückkommen, lädt der Inhaber der Agentur unser Gepäck in seinen PKW und fährt uns ein paar Kilometer aus der Stadt heraus bis zu einer Straßengabelung. An dem steilen Berghang gegenüber wächst Kaffee. Der Hang ist so steil und so hoch, dass die Weinberge an der Mosel dagegen was für Anfänger sind.

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Unser Fahrer wartet gemeinsam mit uns auf den Bus, der aus Pitalito kommend nach Popayán fährt. Erst als er sicher ist, dass wir im richtigen Bus sitzen, fährt er zurück. Die Straße ist sehr kurvenreich und ich bin wieder unglaublich dankbar, dass Klaus und ich keine Reiseübelkeit kennen. Leider trifft das nicht auf alle Mitreisenden in unserem kleinen Bus zu. Die Spucktüten werden ausgiebig genutzt. Wenn man bei dem ständigen hin- und herschaukeln glaubt, es könne nicht schlimmer kommen, ist das ein Irrtum. Nach zwanzig Kilometern ist den Straßenbauern der Asphalt ausgegangen, und jetzt sucht der Fahrer im strömenden Regen seinen Weg zwischen Schlaglöchern, in denen sich ein Elefant bequem schlafen legen könnte. Dabei ist das hier die Hauptverbindung.

Der Bus durchquert den Puracé Nationalpark, der nach dem sehr aktiven 4.750 Meter hohen Schichtvulkan benannt ist. Die Vegetation ist äußerst abwechslungsreich und streckenweise so dicht, dass sie für Menschen undurchdringlich ist. Irgendwann muss der Bus anhalten. Mehrere Dutzend Motorräder stehen schon kreuz und quer auf der Straße, hier findet eine Polizeikontrolle statt. Alle Männer müssen mit ihrem Gepäck den Bus verlassen und werden draußen kontrolliert. Im Bus lassen sich Polizisten das restliche Handgepäck zeigen und öffnen bei den Einheimischen jede Tasche, jeden Rucksack. Meiner wird halbherzig von außen abgetastet. Drogen sind auch nach dem Tode Escobars ein allgegenwärtiges Thema, zu groß die Gewinne, als das man auf dieses einträgliche Geschäft verzichtet.

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die Werkstatt seines Vertrauens

Plötzlich ein Knall, der Fahrer stoppt und schaut nach: Ein Reifen ist geplatzt. Da der Bus über Doppelbereifung verfügt, können wir die Fahrt bis zur nächsten Werkstatt fortsetzen. Einige Kilometer vor Popayán erreichen wir dann wieder eine befestigte Straße und 5,5 Stunden nach Fahrtantritt auch das Ziel.

Die Außenbezirke und die Neustadt der 250.000 Einwohner-Stadt sind ziemlich uninteressant. Die große Altstadt – auch die weiße Stadt genannt – mit ihrer kolonialen Architektur ist unser Ziel.

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Als wir am Abend auf der Suche nach einem Restaurant durch die Straßen laufen, macht die Altstadt den Eindruck, sich auf eine Belagerung vorzubereiten. Zwar beleuchten die eckigen Laternen an den Häusern die Straßen einigermaßen, aber wo wir auch hinkommen, die massiven dunklen Holztüren sind verschlossen und die eisernen Gitter davor ebenfalls. Kein Lichtschein dringt aus den Häusern. Eine junge Frau, die gerade ihre Mutter abholt, fährt uns zu dem vermutlich einzigen offenen Lokal und rettet uns vor dem Hungertod. Nochmals herzlichen Dank Maria.

In der Kathedrale
Theater unten ‚Demonstratiönchen‘
Baum mit Louisiana Moos
Juristische Fakultät

Heute – am Montag, dem 24. Juni – ist Fronleichnam und somit Nationalfeiertag, erklärt uns der Hotelbesitzer später, deshalb ist alles geschlossen. Und wirklich ist die Stadt am nächsten Morgen nicht wiederzuerkennen. Die jetzt geöffneten Türen führen in Geschäfte und Lokale aller Art. Verkaufsstände stehen rund um den Platz vor der Kirche und in den nahe gelegenen Straßen. Dazu duftet es überall nach Ananas. Die bereits geschälten goldgelben Früchte schmecken köstlich, und wo kommen auf einmal die vielen Menschen her? Auch am Abend sind noch etliche Türen geöffnet und wir bekommen in einem Restaurant, aus dem es verlockend duftet, das bisher beste Stück Fleisch während unserer Kolumbienreise.

Die Weiterreise geht zunächst nach Cali, der drittgrößten Stadt in Kolumbien. Die Einfallstraße hat einen 15 bis 20 Meter breiten Grünstreifen in der Mitte, der demnächst wohl einer Buslinie nach dem Vorbild Bogotas zum Opfer fallen wird.

Der zweistöckige Busbahnhof bietet Geschäfte, Restaurants, Frisör, Schönheitssalon und eine Bankfiliale. Wir kaufen die Fahrscheine für die Weiterfahrt und sehen, dass wir bis zur Abfahrt noch gut zwei Stunden Aufenthalt haben. Zeit genug, etwas zu essen und gemütlich zum Wartebereich zu schlendern. Ein Blick auf seinen Rucksack lässt Klaus wie von der Tarantel gestochen hochfahren. Die kleine Reisegitarre fehlt, sie ist im Gepäckfach des letzten Busses liegengeblieben. Und plötzlich verfliegt die Zeit nur so, die Abfahrtszeit des Anschlussbusses rückt näher, gerade noch rechtzeitig kommt mein Mann strahlend mit seiner Gitarre zurück. Der Bus war noch da, Fahrer brauchen schließlich auch eine Mittagspause.

Eine halbe Stunde, nachdem der Bus Cali verlassen hat, werden wir erneut von einer Polizeikontrolle gestoppt. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter: „Amigo,“ sagt er „das passt mir jetzt überhaupt nicht, ich bin sowieso schon spät dran.“ Und der Polizist winkt ihn weiter. Gute drei Stunden braucht der Bus bis Armenia, dort steigen wir um und fahren mit dem öffentlichen Bus im Feierabendverkehr noch knapp 30 Kilometer bergauf nach Salento. Die kleine Ortschaft liegt in der Kaffeeanbauregion auf 1900 Meter Höhe. Gleich nach der Ankunft folgen wir der Empfehlung einer Hostelmitarbeiterin und kehren im 50 Meter entfernten Lokal ein. Spezialität ist in den hiesigen Restaurants Forelle aus den nahen Gebirgsbächen. Wir entscheiden uns für die gegrillte Version, die auf Patacones (frittierte und plattierte Kochbananen) serviert wird, und zu der es eine fruchtige Ananas-Salsa gibt. Und dazu einen der hier immer köstlichen Fruchtsäfte. Wie werden wir in Deutschland Lulo, Guruba oder Guanabana vermissen. Wir sind so begeistert, dass wir auch in den nächsten Tagen zum essen in das Lokal gehen. Auch hier hat der Wirt alte Autoreifen verwendet, und zwar als Sitzmöbel. Drei farbig lackierte liegen übereinander, der obere hat ein geknüpftes Netz als Sitzfläche. Die Luxusversion ist mit Rückenlehne, ebenfalls ein Reifen, der mit zwei Latten an den unteren befestigt ist.

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Am nächsten Morgen sehen wir erst, in welch wunderschöner Gegend wir gelandet sind. Die Andengipfel ragen bis zu 4.750 Meter in die Höhe, mal sind sie von Wolken verhüllt, dann wieder sieht man sie vor blauem Himmel. Der Ort selbst ist ein beliebtes Ausflugsziel und hat im Zentrum noch die schönen bunten Häuser der Kaffeebauern. Heute sind sie fast alle zu Andenkenläden und Restaurants umgebaut worden, doch ihren Charme hat der Ort dadurch nicht verloren. Von hier aus gelangt man auch in den Parque Nacional Natural los Nevados (Nationalpark Los Nevados), zu dem die drei großen Vulkane Nevado de Santa Isabel (4.950 m), Nevado del Tolima (5.215 m) und Nevado del Ruiz (5.311 m) gehören. Gerade der letzte ist uns durch seinen spektakulären Ausbruch 1985 noch im Gedächtnis, als in der 47 Kilometer entfernten Stadt Armero über 22.000 Menschen durch eine Schlammlavine ums Leben kamen. Noch immer habe ich das Bild des 12-jährigen Mädchens vor Augen, das im Schlamm feststeckte und dem die Welt beim Ersticken zusah. Obwohl die Vulkane in der Nähe des Äquators liegen, sind ihre Gipfel ganzjährig schneebedeckt.

Klaus ist stark erkältet und so müssen wir die geplanten Ausflüge verschieben. Zu unserer Freude ist Amira, unsere liebenswerte Reisebekanntschaft aus El Salvador, gerade in Salento. Natürlich treffen wir uns und erzählen uns beim Mittagessen unter viel Gelächter unsere bisherigen Reiseerlebnisse.

Am Wochenende wird es voll. Die Besucher bummeln durch die Hauptstraße und stöbern in den vielen Geschäften. Rund um die Plaza de  Bolivar vor der Kirche drängen sich die fliegenden Händler. Besonders gut gefällt uns die „Kinderbelustigung“, mehrere kleine Autos stehen in Reihe vor der Kirche. Die Kinder wollen unbedingt damit fahren und 2.000 COP (0,50 €) scheint ein angemessener Preis zu sein. Sobald das Kind hinter dem Lenkrad sitzt, schieben die Eltern es wie einen Kinderwagen mehrmals um den Platz.

Umweltfreundlich ist das auf jeden Fall, nur Muskelkraft und Ausdauer sind erforderlich.

Der Aufstieg zum Aussichtspunkt ist ganz schön anstrengend, 6 Treppen mit jeweils 34 Stufen führen nach oben, wo man auf der einen Seite einen schönen Blick auf die Stadt und auf der anderen in die Berge mit Kaffeeplantagen hat. Am Abend spielt Kolumbien im Viertelfinale gegen Peru und verliert im Elfmeter-Schießen. Das Tragen der Fußballtrikots hat nicht geholfen.

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Am Sonntag fühlt sich Klaus dann soweit gut, dass wir ins Cocoratal fahren können. Wir wissen, dass es nicht die beste Wahl ist, aber dass es so voll ist haben wir nicht erwartet. Alte Jeeps fahren die Besucher zum 11 Kilometer entfernten Parkeingang. Normalerweise werden jeweils acht Personen mit einem Fahrzeug befördert, bei dem heutigen Andrang müssen sich zwölf den knappen Platz teilen, wobei zwei hinten auf der Plattform stehen. Mit uns fahren Maria und Freddy aus Medellin, mit denen wir in der Warteschlange ins Gespräch gekommen sind. Beide sprechen gut englisch, eine Seltenheit hier. Die Jeeps fahren im Abstand von wenigen Minuten los. Schnell lassen wir den Ort hinter uns und fahren auf schmaler Straße durch die Berge. Außer Kaffee werden auch Avocados hier angebaut.

Der Eintritt ins Valle de Cocora ist frei, wer allerdings den Weg zum Mirador wählt, muss 4.000 COP
(1,08 €) bezahlen. Wir laufen einen anderen Weg – nicht wegen des Eintrittspreises – der Aufstieg ist uns zu steil. Maria erzählt mir, dass diese Region für ihren Kinderreichtum bekannt ist. Pro Familie sind 15 bis 20 Kinder normal, 24 soll es auch schon gegeben haben. Die Männer haben nicht etwa mehrere Frauen, die eine, die einzige Ehefrau hat sie alle zu Welt gebracht. Auf meine Frage nach der Kindersterblichkeit lächelt Maria: „Nein, die überleben alle.“

Das Cocoratal ist wegen seiner landschaftlichen Schönheit und seiner Wachspalmen bekannt. In einer Gegend, die der Schweiz nicht unähnlich ist, wo Rinderherden auf grünen Hängen weiden, ragen schlanke Palmen 50 bis 60 Meter in die Höhe, ein surreales Bild. Auf dem staubigen Weg werden wir immer wieder von Pferden überholt, die hier zu hunderten vermietet werden. An einem Bach ist für die Fußgänger erstmal Schluss, die Reiter haben es da besser, bei ihnen bleiben die Füße trocken. Ein schmaler Weg führt rechts in den Wald und bald erreichen wir eine Brücke über den Bach. Danach wird der Weg matschig und rutschig. Noch einmal geht es auf einem Baumstamm über den Bach und danach auf Felsen steil bergauf. Für die Pferde ist hier der Endpunkt erreicht, ab hier geht es nur auf den eigenen Füßen weiter. Die meisten Ausflügler sind längst zurückgeblieben. Wir suchen uns einen Platz für unser Picknick und gehen denselben Weg zurück. An der ersten Brücke kommt uns eine Gruppe in eleganter Kleidung entgegen. Eine der Frauen trägt ein Kleid aus aprikotfarbener Spitze und zierliche goldfarbene Pumps. Ohne unsere helfenden Hände kommt sie nicht von der schrägen Brücke herunter. Wie das wohl weitergeht?

Am Morgen waren schon viele Menschen unterwegs, jetzt hat sich die Anzahl nochmals vervielfacht, nichts wie weg ist unser Motto und wir steigen in den nächsten Jeep.

Um halb acht fahren wir am Montag Morgen zur Busstation und weiter nach Armenia. Busse nach Bogota sollen von hier im Stundentakt abfahren. Das ist eindeutig falsch. Die Buslinie, auf die wir gesetzt haben, fährt erst abends um 19.30 ab. Die zweite Gesellschaft um 14 Uhr, die dritte überhaupt nicht bis Bogota. Bei der vierten landen wir einen Treffer. Der Bus soll um 9.30 Uhr abfahren, den schaffen wir gerade noch. Die Dauer der Fahrzeit ist nur kurz rätselhaft. Der Bus schraubt sich hinter der Stadt zielstrebig die Berge hoch, bald sind wir in den Wolken und erreichen nach einigen Stunden eine Höhe von über 3.500 Metern.

Die unvollendete….

Vor Jahren hat man damit begonnen, diese Region durch Brücken und Tunnel leichter erreichbar zu machen, vollendet wurde dieses ehrgeizige Projekt jedoch bis heute nicht. Auf den halbfertigen Brücken wachsen inzwischen wieder Büsche und Sträucher. Nach wie vor müssen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus dieser Region auf der kurvenreichen Straße in die Hauptstadt befördert werden.

Der Taxifahrer – ein Mann von Mitte vierzig – der uns zum Hotel fährt, trägt eine Zahnspange. Keine Seltenheit in diesem Land, hier scheint man mit der Zahnkorrektur erst im Erwachsenenalter anzufangen.

Am letzten Abend in Bogota finden wir ein kleines verstecktes Lokal. Der Besitzer ist außer sich vor Freude über die deutschen Touristen. Wir bestellen nach seiner Empfehlung. Immer wieder kommt er an unseren Tisch und sucht das Gespräch, bringt ein Getränk auf Kosten des Hauses, aber in der gut einsehbaren Küche tut sich nichts. Nach einer Stunde plötzlich lautes Gepolter, ein Mann wuchtet eine Gasflasche herein und im Handumdrehen zischt es in der Pfanne, brodelt es in den Töpfen und eineinhalb Stunden nach der Bestellung bekommen wir auch unser Essen.

Am Morgen fliegen wir nach Leticia. Diese Stadt im Südosten Kolumbiens ist nur auf dem Luft- oder Wasserweg erreichbar, ringsherum nichts als Urwald. Am Flughafen nochmal eine Irritation, dieses Mal nimmt die Dame an der Gepäckaufgabe Anstoß an den großen Rädern an unseren Koffern. Da hilft kein Protest, wir müssen zu einem Extra Schalter für übergroßes Gepäck. Sie deutet mit der Hand in etwa die Richtung an und wendet sich dem nächsten Fluggast zu. Wir irren durch die Abflughalle, nirgends ein Hinweis, wo dieser Schalter zu finden ist. Erst nach mehrmaligem Fragen finden wir ihn. Dort versteht man nicht, warum wir hier sind, aber schließlich nimmt man uns die Koffer doch ab.

Schwüle Hitze in Leticia. Kleidung, die in Bogota für 17 Grad richtig ist, klebt hier unangenehm am Körper. Wir holen uns im Imigrationsbüro gleich die Ausreisestempel aus Kolumbien, denn lange wollen wir uns hier nicht mehr aufhalten. Im Hostel unter die Dusche und luftige Kleidung anziehen, dann lassen wir uns zum Hafen in Tabatinga fahren. Tabatinga liegt bereits in Brasilien, beide Städte gehen ohne deutlich sichtbare Grenze ineinander über, kein Schlagbaum, keine Kontrollen.

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Leticia hat allerdings die schöneren Geschäfte und wirkt gepflegter. Von hier aus wollen wir mit einem Schiff auf dem Amazonas bis zur Atlantikküste fahren. Ein Schiff geht bereits am nächsten Tag. Die Fahrkarten kann man allerdings nur bar bezahlen, eine Bankfiliale sei ganz in der Nähe. In der Banco do Brasil stehen 10 Geldautomaten. Beim ersten wird eine Höchstgrenze von 600 Real (150 €) angezeigt, der nächste bietet 300 und der dritte 150 an. Ausgezahlt wird allerdings gar nichts. Geld bekommen wir erst bei der dritten Bank, die anderen sind nicht auf ausländische Kreditkarten eingerichtet. Jetzt brauchen wir noch den Einreisestempel für Brasilien, den gibt es in der Polizeistation auf der Hauptstraße. Danach holen wir erleichtert unsere Fahrkarten ab, morgen sind wir in Brasilien.

Medellin und Guatapé (Kolumbien)

Der Flughafen in Santa Marta hat die schönste Lage, die man sich vorstellen kann. Das Meer ist gerade mal 10 Meter entfernt. Während wir vor den bodentiefen Glasfenstern im Restaurantbereich sitzen, fliegen zwei Pelikangeschwader ganz dicht vorbei.

Der Direktflug ist teurer, als der mit Zwischenlandung in Bogota, also landen wir zwischen. Wir wundern uns, in beiden Maschinen sitzen wir in der letzten Reihe – ohne Fenster. Als wir um 18.30 Uhr in Medellin landen ist es bereits dunkel. Busse stehen bereit, um die Reisenden in die 30 Kilometer entfernte und 600 Meter tiefer liegende Stadt zu bringen. Eine Stunde dauert die Fahrt über die kurvenreiche Strecke. Der Tunnel mit anschließender Schnellstraße, der die Fahrzeit auf 20 Minuten verkürzen soll, wird erst im Juli eröffnet. Da haben wir ja richtig Glück, die immer neuen Ausblicke auf die hell erleuchtete Stadt unter uns sind unglaublich schön.
Während unserer Reise haben wir viele der gelben rautenförmigen Warnschilder mit Tiersilhouetten gesehen. In Kolumbien waren das bisher Ameisenbären, Eidechsen und Schildkröten hier kommt ein Jaguar hinzu. Aber leider zeigt sich keiner.
Medellin, zweitgrößte Stadt Kolumbiens, liegt in einem Tal der Anden auf gut 1500 Metern Höhe. Die mittlerweile 2,5 Millionen Einwohner brauchen Platz, und so wächst die Stadt in die Breite, zu beiden Längsseiten die Berghänge hinauf. Unser Hotel liegt im beliebten Viertel Poblado am Rande der Zona Rosa. Nein, das ist nichts unanständiges, die Zona Rosa ist das Ausgehviertel mit unzähligen Bars, Restaurants und Musikkneipen. Zu meinem Leidwesen geht es hier aber ständig bergauf und bergab, ganz schön anstrengend.
Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Taxi zu einem Einkaufszentrum und können die Stadt nun auch bei Tageslicht sehen. Medellin ist besonders in den Randbezirken unglaublich grün, es sieht aus, als würde jeweils nur soviel von dem dichten Wald gerodet, wie für die Grundfläche des neuen Hauses nötig ist. Terrassen werden einfach um Bäume herum gebaut. Die Häuser sind eher hoch als breit, und fast jedes ist außen ganz oder teilweise aus roten Ziegelsteinen. Für uns ein ungewohnter Anblick in so einer großen Stadt.
Es gibt Probleme mit der SIM-Karte fürs Handy. Man muss sich in einem offiziellen Büro der Telefongesellschaft registrieren lassen, um die Karte online aufladen zu können. Das Service-Center des Anbieters Claro ist perfekt organisiert. Am Eingang erklärt man der netten Empfangsdame um was es geht, wird in eine Liste eingetragen und bekommt eine Nummer. Auf großen Bildschirmen kann man verfolgen, wann man an der Reihe ist und zu welchem der 35 Schalter man gehen soll. Nach einer halben Stunde ist das erledigt und wir können uns schöneren Dingen zuwenden. Kultur steht auf unserem Programm.

Auf der Plazoleta de las Esculturas stehen 23 Bronzeskulpturen des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero. 1932 wurde er in dieser Stadt geboren, und Medellin bietet seinen Werken einen würdigen Rahmen. Seine Figuren haben eines gemeinsam: sie sind füllig, sehr füllig. Auf mich macht es den Eindruck, als ob er bei der Erschaffung ständig geschmunzelt hat. Aber damit nicht genug, im Museo de Antioquia – einem großen Gebäude im Art Deco Stil – sind seine Gemälde und die vieler weiterer Künstler ausgestellt.

Botero malt Stilleben, Tiere und besonders häufig Menschen. Familien, Prostituierte, bekannte Figuren der älteren und neueren Geschichte. Pablo Escobar – den Drogenbaron – zeigt er, wie er auf den Dächern der Stadt erschossen wird. Seine Abneigung gegen den Stierkampf ist in seinen Werken unschwer zu erkennen. Wir laufen Stunden lang durch die großzügigen Ausstellungsräume und setzen unseren Besichtigungsdrang nach einer Pause im Museumscafé im Palacio de la Cultura gegenüber fort.

Dieses auffällige Gebäude im flämisch gotischen Stil wurde 1925 nach dem Entwurf eines belgischen Architekten begonnen und ist Nationaldenkmal. Im Inneren gibt es wechselnde Ausstellungen, der Eintritt ist frei. Wir betrachten Bilder des jungen Künstlers Luis Pala, der gerade im Raum gegenüber ein Fernsehinterview gibt.

Da wir noch ein paar Kleinigkeiten brauchen, laufen wir weiter bis zur von Läden gesäumten Fußgängerzone. Links und rechts stehen in zweiter Reihe Verkaufsbuden mit allen möglichen Waren. Das auffällige Gebäude, auf das wir zulaufen, heißt Nationalpalast und ist ein Kaufhaus, und zwar ein besonders schönes. Der Architekt ist derselbe, der auch den Kulturpalast entworfen hat. Im Gegensatz zu seiner Schönheit findet man hier keine Luxusboutiquen, in den meisten der über 400 Läden stehen Schuhe zum Verkauf, genauso wie in der Fußgängerzone. Der Bestand dürfte reichen, um alle Bewohner Medellins mit Schuhen zu versorgen.

Rund um die Kirche Ermita de la Veracruz ist jede Menge los. Die Damen des ältesten Gewerbes der Welt warten gelangweilt auf Kundschaft. Bis jemand kommt, können sie dem Verkäufer mit seinem Wundermittel lauschen. Vor ihm liegt ein Haufen bräunlicher Knollen und er erzählt von der unglaublichen Heilkraft, die sich in den unscheinbaren Gebilden verbirgt. Er schneidet eines dieser Gewächse auf. Aus der bernsteinfarbigen gallertartigen Masse in den Knollen wird eine Tinktur hergestellt, die gegen wirklich alles hilft, von Appetitlosigkeit über Fettleibigkeit, Haarausfall, Erektionsstörungen, Fußpilz, Unfruchtbarkeit wird einfach alles, was in einem medizinischen Lexikon zu finden ist, geheilt. Zusätzlich wirkt das Mittel auch noch verjüngend. Die Flaschen finden reißenden Absatz. Nur gegen Dummheit wirkt das Mittel nicht, aber dagegen ist sowieso kein Kraut gewachsen.

Wir kommen zum Parque de la Luz mit seinen über 300 Lichtsäulen. Abends soll er besonders eindrucksvoll aber auch gefährlich sein. Hierher kommen bei Dunkelheit die gestrandeten Existenzen, die vermutlich einst voller Hoffnung in die große Stadt kamen und nun weder Arbeit noch Wohnung haben. Schon am Tage sieht man sie mitten auf den Bürgersteigen oder Grünstreifen der Fahrbahnen liegen, schlafend oder vor sich hin starrend. Selbst zum betteln fehlt ihnen die Energie. Einige durchstöbern jeden Mülleimer und tragen das, was sie verwenden können, davon. Die Kolumbianer sind offensichtlich an den Anblick gewöhnt und schauen gar nicht mehr hin.
Zurück fahren wir mit der Metro, Medellin hat die einzige in Kolumbien. Auch das ist ein Erlebnis. Obwohl alle 4 Minuten ein Zug kommt, sind die Wagen unglaublich voll. Wer aussteigen will, muss Gewalt anwenden, die Masse der Wartenden drängt ohne Rücksicht ins Innere, sobald sich die Türen öffnen. Im Inneren kleben die Menschen aneinander wie Froschlaich. Verlassen einige todesmutig die Bahn, schließt sich die Lücke sofort wieder und bildet einen neuen Klumpen. Die Strecke folgt streckenweise dem Lauf des Rio Medellin, In mehreren Abwasserrohren, die in den Fluss münden, hocken Menschen und waschen dort sich und ihre Kleidung.
Als wir abends im Restaurant sitzen, kommt ein Mann mit dem schon in Cartagena gesehenen Ameisenschild an unseren Tisch. Er dreht das Schild um. Die englische Beschriftung auf der Rückseite lüftet das Geheimnis. Die „fette Hintern Ameisen“ sind geröstet und in kleine Tüten verpackt. Sie werden als Nascherei verkauft. Dass der Genuß die Potenz steigern soll, steigert vermutlich auch den Umsatz. Als ich mich vor Ekel schüttele, zieht er grinsend weiter.

In Medellin gibt es drei Seilbahnlinien, die die Armenviertel an den Berghängen mit der Innenstadt verbinden. Von der Metro Endstation San Javier steigen wir direkt in eine der ständig ankommenden Gondeln. Jede bietet sechs bis acht Personen Platz und dann schweben wir bergauf bis zu einer Kuppe, wieder bergab und erneut bis zur Endstation bergauf, insgesamt 2,7 Kilometer. Dabei können wir die unter uns liegenden Favelas (Armensiedlungen) betrachten. Einige der Wellblechdächer sind bemalt. Auf anderen wird gerade Wäsche getrocknet. Hier wird gekocht, dort gebaut. Die Seilbahn, deren Benutzung im Ticketpreis von 5.100 COP (1,35 €) enthalten ist, bietet der armen Bevölkerung ganz neue Möglichkeiten, eine Beschäftigung zu finden. Vorher hatten sie eine stundenlange Anfahrt in die Innenstadt, heute ist das dank der guten Verbindung in 30 Minuten möglich.

Der Ausblick vom Endpunkt der Seilbahn in La Aurora auf die Stadt ist unglaublich. An den Zwischenhaltestellen soll man besser nicht aussteigen, der Weg zwischen den teilweise elenden Hütten hinunter gilt als gefährlich.
Nachdem wir wieder unten am Bahnhof der Metro angekommen sind, laufen wir in die entgegengesetzte Richtung. Die Comuna 13, einst das gefährlichste Stadtviertel Kolumbiens, ist heute ein Besuchermagnet. Hier rekrutierte Pablo Escobar seine Helfer und Auftragskiller. Für jeden getöteten Polizisten gab es ein Kopfgeld von 1.000 US$. Obwohl die Liste seiner getöteten Feinde und Gegner ellenlang ist, genießt der 1993 auf dem Dach seines Hauses getötete Drogenkönig noch heute eine gewisse Verehrung. Seine guten Taten – Bau von Schulen und Krankenhäusern, finanzielle Unterstützung für die Hinterbliebenen seiner getötete Mitarbeiter – sind bis heute unvergessen.

Die Comuna 13 ist heute ein buntes Viertel mit vielen Wandgemälden. Besonders, seitdem die an den Berg geklebten Hütten und Häuschen über sechs Rolltreppen – die eine Höhe von 28 Stockwerken überwinden – bequem erreicht werden können, lassen sich Touristen gerne durch die verwinkelten Gassen führen. Aber auch hier sollte man abends besser in sein „sicheres“ Gebiet zurückkehren.

Am Sonntag bummeln wir durch Poblado. Ein langgestreckter Park führt durch das Viertel, viele kleine Lokale stehen inmitten des Grüns. Auf den Bürgersteigen der Straßen die wir überqueren bieten Händler selbstgebastelte Schmuck- und Dekorationsgegenstände an. Sonntag ist in Kolumbien Familientag. Großeltern, Eltern und Kinder sind gemeinsam unterwegs, bummeln durch die Einkaufszentren, schlecken Eis, sitzen im Park und essen zusammen im Restaurant.
Am nächsten Tag geht es weiter. Wir fahren mit einem Kleinbus nach Guatapé, 85 Kilometer entfernt. Am Busbahnhof geht es professionell zu. Bevor man zu den Bussteigen kommt, wird Gepäck und Passagier kontrolliert und durchleuchtet. Die Tickets sind nummeriert – wir haben unsere im Internet bestellt und bekommen sie am Schalter ausgedruckt. Unsere Plätze sind allerdings bereits besetzt. Der Fahrer bietet uns den Doppelsitz neben sich an. Auch gut, die Rucksäcke dürfen vorne auf das Armaturenbrett und dann fahren wir los. Als wir die Schranke des Terminals durchfahren, bekreuzigt sich der Fahrer und küsst den am Rückspiegel hängenden Rosenkranz. „Er bittet um eine sichere Fahrt“, denke ich noch, als der Bus 100 Meter weiter auch schon stoppt. Hier stehen ein paar Menschen mit Gepäck – undurchleuchtet natürlich – die zum Schnäppchenpreis mitfahren wollen, einer davon zwischen dem Fahrer und uns. Können sie auch, das Fahrgeld landet in der Hemdentasche unseres Fahrers. Die eigentlich zweistündige Fahrt dehnt sich auf 4,5 Stunden aus. Schuld daran sind die Fahrgäste, die einen Weg von 50 Metern scheuen, um gemeinsam mit den schon dort Wartenden einzusteigen, und natürlich auch der Busfahrer, der die 50 Meter bis zum nächsten Fahrgast fährt, und auch diesem die Tür öffnet. Zum Ende der Fahrt hin stehen mindestens 15 Personen dichtgedrängt im schmalen Gang und die Nähte der Hemdentasche des Fahrers werden durch den Inhalt fast gesprengt. Ich bin mir fast sicher, er hat nicht um Sicherheit sondern um viele zusätzliche Fahrgäste gebeten, die sein mageres Monatsgehalt aufbessern.
In allen Ländern, die wir bisher bereist haben, wird das Gehalt halbmonatlich ausgezahlt, damit die Menschen mit ihrem Verdienst besser über die Runden kommen. Dabei fällt mir der Fensterputzer ein, den eine Freundin während ihres mehrjährigen Aufenthaltes in Rio de Janeiro beschäftigte. Alle sechs Wochen sollte er kommen, um die Fenster zu reinigen. Er kam immer dann, wenn er Geld brauchte, mal nach vier Monaten, mal am übernächsten Tag.
P1040608 - KopieIn der Stadt zeigen Jongleure von sechs bis achtzig Jahren mit Bällen, Keulen, Reifen oder allen drei Gegenständen ihr Können vor roten Ampeln. Irgendjemand reicht immer ein Trinkgeld durch die heruntergelassene Scheibe.
Die Fahrt führt durch ein wunderschönes Gebiet, hügelig, grün und mit Blumen, sowohl im Freien wie auch in Gewächshäusern gedeihend. An den Hängen überwuchert die schwarzäugige Susanne alles, was darunter wächst. Kolumbien ist der zweitgrößte Blumenexporteur der Welt, und seine Lage in unterschiedlichen Höhen in der Nähe des Äquators bietet die besten Bedingungen. Am Straßenrand bieten Schreiner eigenwillige Möbel an. Sie sehen aus, wie aus dem kompletten Stamm gearbeitet und Betten, Tische und Kommoden tragen noch einen Teil der Baumrinde. Vielleicht leben Hobbits in der Nähe, in deren Häuser würden die Stücke perfekt passen.

Riesenhibiskus

Guatapè ist ein zauberhaftes Städtchen mit bunt gestrichenen Häusern. Eine Besonderheit sind die Sockel der Häuser, die mit plastischen Motiven – Zocales genannt – geschmückt sind. Eigentlich sind wir wegen des 200 Meter hohen Monolithen Piedra del Peñol hergekommen, den man über 659 Stufen erklimmen kann, um von dort einen Ausblick auf den 1970 entstandenen Stausee mit seinen vielen kleinen Inseln und Schluchten zu haben. Ein Virus vermiest mir die Tour. Einen Tag lang kann ich das Zimmer nicht verlassen, danach fühle ich mich zu schwach für den Aufstieg. Doch in unserer Nähe gibt es einen Mirador (Aussichtspunkt), der wenigstens einen schönen Blick auf den Felsen bietet. Als wir dann noch ein Motmot-Pärchen vor die Kamera bekommen, bin ich versöhnt.

Blauscheitel Motmot

Unterwegs in El Salvador

Morgens um halb acht werden wir abgeholt. Wir haben den bequemen Weg gewählt und einen Shuttlebus gebucht. Das bedeutet, dass man direkt von Hotel zu Hotel gefahren wird. Kein Umsteigen, kein Gepäck schleppen, keine Wartezeiten.
Nachdem alle Passagiere in Antigua eingesammelt sind, verlassen wir zum zweiten Mal die Stadt die uns so gut gefällt. Der Weg führt in Küstennähe bis zur Grenze. Kaum steht das Fahrzeug, öffnet ein Mann die Seitentür und bietet Geldwechsel an. In der linken Hand hält er einen mehrere Zentimeter dicken Stapel Dollar-Noten. Wir haben noch einige Quetzales. Der Fahrer findet den Wechselkurs gut. Ein Mitreisender ist skeptisch und befragt erst sein Handy, danach tauscht auch er sein restliches Geld. Wie einfach so etwas gehen kann. Die Ausreise aus Guatemala gestaltet sich ebenfalls einfach: den Pass vorzeigen, stempeln lassen und das war es. Einer unserer Mitreisenden hat aber keinen Einreisestempel für Guatemala in seinem Pass, also muss er das irgendwie nachholen. Der Busfahrer organisiert ein Tuctuc, mit dem muss der Mann zu einer nahe gelegenen Einreisestelle, danach kann er offiziell ausreisen. Für uns bedeutet das eine Verzögerung von rund 15 Minuten. Nicht der Rede wert, und dem Busfahrer tut die Pause sicher auch gut. Wir sind gerade auf der Brücke, die den Grenzfluss El Salvador überspannt, als unserer Fahrer eine rasante Kehrtwendung macht. Eine Passagierin fehlt, im Laufschritt eilt sie dem Bus hinterher und ist zutiefst erleichtert, dass er nun doch nicht nur ihr Gepäck sondern auch sie selbst mitnimmt.
Nachdem wir die Grenze zu El Salvador überquert haben, ist die Straße in einem wesentlich besseren Zustand. Das Land von der Größe Hessens liegt eingerahmt von Guatemala und Honduras am Pazifik. Vulkane prägen die Landschaft. In den Bergregionen wird Kaffee angebaut, im fruchtbaren Flachland hauptsächlich Zuckerrohr. Das Straßenbild ist ein völlig anderes. Kaum hat man die Grenze überquert, sieht man die Frauen nur noch in westlicher Kleidung. Wir durchqueren ein paar Städte und fahren dann zeitweise auf der Küstenstraße. Offenbar habe wir Surfer im Bus, denn die Wellen werden voller Spannung begutachtet und fachmännisch kommentiert.
Wir sind als erste am Ziel. Der kleine Ort El Palmarcito liegt noch vor dem bekannteren El Zonte. Das Hostel macht auf den ersten Blick keinen besonders einladenden Eindruck. Der zweite lässt das jedoch schnell vergessen. Das holländisch/salvadorianische Ehepaar hat das Gebäude erst vor sechs Wochen übernommen und konnte natürlich die Umbaupläne noch nicht in die Tat umsetzen. Die vierköpfige Familie strahlt jedoch eine solche Harmonie und Zufriedenheit aus dass man sich sofort wohl fühlt.
Der Strand ist 100 Meter weit entfernt. Allerdings sind jetzt am Nachmittag die Wellen zu hoch zum schwimmen, aber ideal für die Surfer. Selbst die drei Meerwasser- Schwimmbecken, die in die Felsen gebaut sind, werden immer wieder von hohen Wellen überspült. „Morgen früh ist das besser,“ erklärt uns unsere Vermieterin Xena.

Wir laufen eine Weile am Meer entlang und dann nach oben auf die Klippe, hier steht ein nettes Restaurant. Neben dem Weg finden wir ein leicht betäubtes junges Eichhörnchen, das wahrscheinlich aus dem Nest gefallen ist. Vorsichtig nimmt Klaus es am Nackenfell und setzt es auf den Stamm der Palme. Als wir zurückkommen, ist es nicht mehr da.

Am nächsten Morgen probieren wir die Felsenpools aus. SIe gehören zu dem darüber liegenden Hotel. Jetzt während der Woche kostet es keinen Eintritt, trotzdem haben wir die Pools eine zeitlang ganz für uns. Es ist herrlich ruhig, nur die Wellen donnern unter uns gegen die Felsen. Der Rückweg ist um die Mittagszeit recht unangenehm. Der dunkle Sand nimmt in der Sonne eine Temperatur an, die die Fußsohlen glühen lässt.
Einen Tag später machen wir zusammen mit unserem Vermieter Marc und Amira, einer jungen Deutschen einen Ausflug. Marc will uns einen Wasserfall zeigen, den er besonders mag. Nach zwei Stunden Fahrt kann er das Auto abstellen und wir laufen ein kurzes Stück über eine sandige Fläche, bis wir zu einer großen Felsplatte kommen, die von mehreren Wasserläufen durchzogen ist. Zwei von ihnen müssen wir überspringen.

Für Marc mit seinen langen Beinen ist das normalerweise eine Kleinigkeit, aber er hat seit Tagen heftige Schmerzen im linken Fuß. Trotzdem schafft er es aus dem Stand auf einem Bein. Auch Klaus hat keine Probleme, nur Amira und ich stehen etwas bedröppelt da. Erst als uns die Männer die Hand reichen, schaffen wir den Sprung auf die andere Seite. Eine kleine Klettertour, dann stehen wir vor einem großen Becken. Wir wundern uns über den warmen Wind, der hier plötzlich weht. Einen Zugang zu diesem Wasser suchen wir vergeblich, man muss springen oder oben bleiben. Marc ist als erster unten, ich nehme allen Mut zusammen und springe die vier Meter hinunter. Mir bleibt förmlich die Luft weg, ich bin in einer Badewanne gelandet. Das Wasser hat bestimmt eine Temperatur von 38 Grad und wird aus kräftigen heißen Quellen ein paar Kilometer aufwärts gespeist. Marc grinst mich an, die Überraschung ist ihm geglückt. Klaus kommt dazu und gemeinsam kämpfen wir uns durch die Strömung auf die andere Seite. Das Wasser fließt so schnell, dass man kaum vom Fleck kommt. Wir schwimmen im weiten Bogen um den nach unten stürzenden Wasserfall zurück. Das ist bei der Wassertemperatur ganz schön anstrengend. Nach einer Verschnaufpause müssen wir die Felsen hochklettern, anders kommt man hier nicht wieder raus. Ich bin vielleicht froh über meine Badeschuhe. Noch ist der Salto De Malacatiupan wenig bekannt. Außer uns sind noch vier andere Touristen hier. Als wir zwei Stunden später zum Auto zurückkehren, kommen uns vier Paare entgegen. Die Frauen gut frisiert und geschminkt, in eleganten Kleidern und mit Pumps an den Füßen. Die werden hier bestimmt nicht ins Wasser springen.
Auf der Ruta de las Flores, die landschaftlich wunderschön liegt aber in dieser Zeit wenig Flores hat, fahren wir nach Ataco. Das ist eine hübsche kleine Stadt mit einem zentralen Park. Zu dritt gehen wir in das nächstgelegene Restaurant, Marc muss seinen Fuß ausruhen und bleibt im Auto. Der junge Kellner kann sein Glück kaum fassen, Touristen in seinem Lokal. Als er dann noch erfährt, dass wir aus Deutschland sind, will er unbedingt Selfies mit uns machen. Als Dankeschön stellt er ein großes dreigeteiltes Sandwich vor uns auf den Tisch.

Nach einem Rundgang durch die Innenstadt mit ihren bekannten Wandmalereien geht es weiter zu einer großen Kaffeeplantage, deren Sehenswürdigkeit ein Irrgarten ist. In einem so heimtückisch angelegten Labyrinth bin ich noch nie gewesen. Und dann ist es noch am Hang gelegen, das bedeutet ständiges bergauf und bergab laufen. Irgendwann erreichen wir die Mitte. Mit einer Glocke kann man anderen seinen Erfolg mitteilen. Aber jetzt müssen wir wieder rausfinden, wir haben wirklich keine Lust mehr und als ein junger Mann fragt, ob er uns führen soll, nehmen wir das dankbar an.
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Abends gehen wir noch einmal in eins der Strandrestaurants. Der Besitzer bedankt sich überschwänglich, das wir El Salvador besuchen. Er weiß, dass sein Land einen schlechten Ruf hat und bittet uns, zuhause zu erzählen, wie schön es hier ist.
Wir nehmen den Bus nach San Salvador. Die Fahrkarte kostet 1,50 US$ (El Salvador hat keine eigene Währung) für 50 Kilometer. Allerdings müssen wir auch für jeden Koffer eine Fahrkarte kaufen. Dafür dürfen die dann auf dem Sitz mitfahren. Auf der stark befahrenen Küstenstraße geht es nach La Libertad, dem beliebten Badeort der Hauptstädter, hier zweigt die Straße  nach San Salvador ab. Auf der neuen vierspurigen Straße geht es zügig voran, bald haben wir den Stadtrand erreicht. Über der großflächig angelegten Stadt erhebt sich ein Vulkan. Erdbeben haben ihr immer wieder zugesetzt. Das letzte schwere Beben liegt noch keine 20 Jahr zurück. San Salvador ist auf den ersten Blick nicht von einer nordamerikanischen Stadt zu unterscheiden. In mehreren großen Einkaufszentren sind alle bekannten Fastfood-Ketten und Modelabel aus den USA vertreten.
Doch im Bereich der Altstadt – wo unser Hotel liegt – ändert sich das Stadtbild. In diesem Teil der Hauptstadt sind scheinbar alle Fenster und Türen vergittert und die Häuser dicht an dicht mit Stacheldraht, Natodraht oder Elektrodraht gekrönt. Außerdem laufen viele bewaffnete Wachleute herum. Nach Einbruch der Dunkelheit soll man besser ein Taxi nehmen. Jetzt am frühen Nachmittag kann man sich nicht vorstellen, dass es hier gefährlich sein könnte. Wir bestellen aus Bequemlichkeit schon jetzt ein Uber-Taxi und lassen uns die vier Kilometer zur Kathedrale fahren. Das Taxi quält sich durch dichtes Gedränge auf der links und rechts dicht mit Marktständen bestückten Hauptstraße zur Plaza Civica an der Kathedrale Metropolitana.

Familien sitzen auf dem Platz auf Bänken oder auf dem Boden und essen, reden, lachen und beobachten ihre spielenden Kinder.

Die von außen prächtige Kirche ist innen recht schmucklos, sie wurde auch erst Ende des letzten Jahrhunderts fertiggestellt. Eine weitere Kirche (San Rosario) in der Nähe sieht von außen aus, wie eine unscheinbare Werkhalle aus grauem Beton, aber von innen fühlt man sich wie mitten im Regenbogen.

Unweit der beiden Kirchen spielt eine großartige Band lateinamerikanische Musik. Umringt von einem großen Zuschauerkreis tanzen Menschen von acht bis achtzig allein oder paarweise begeistert zur mitreißenden Musik.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus zum botanischen Garten „Plan de la Laguna“. Früher war hier ein See, der durch einen Vulkanausbruch im 18. Jahrhundert trockengefallen ist. Auf der fruchtbaren Erde wurde im letzten Jahrhundert ein botanischer Garten angelegt. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.

Teiche mit Fischen und Schildkröten sind zwischen Bäumen, Sträuchern, Wüstenpflanzen und Blumen angelegt. Auf schattige Wegen mit vielen Sitzgelegenheiten und mehreren Spielplätzen finden Alt und Jung jeweils das Passende.

Hier sitzen wir eine Weile und beobachten ein paar Dohlengrackeln. Die kennen wir schon seit Mexiko und erfreuen uns an ihrer Fähigkeit, andere Vögel oder sonstige Geräusche nachzuahmen, wie Handyklingeln oder das akkustische Signal von Fußgängerampeln.
Der Weg zum knapp zwei Kilometer entfernten Einkaufszentrum bietet ein unerwartetes Hindernis. Wir müssen eine gut 20 Meter hohe Brücke überqueren, die anscheinend nur für Autos gebaut wurde. Kein Bürgersteig, und das Geländer reicht gerade mal bis zum Oberschenkel. Doch die Menschen, die wir fragen, deuten sehr bestimmt auf die Fahrbahn. Mit einem etwas mulmigen Gefühl laufen wir die letzten 300 Meter, bis wir unser Ziel erreichen. Groß und modern mit vielen Boutiquen und noch mehr Schuhgeschäften präsentiert sich das Einkaufszentrum. Hier kauft die Ober- und Mittelschicht ein. Die teuersten Schuhe kosten hier 35 US$. Für Miguel Normalverdiener kaum erschwinglich, 300 US$ verdient er im Monat.
Für den Rückweg bestellen wir uns ein Taxi, heute sind wir genug gelaufen.

Drei Städte wie sie unterschiedlicher nicht sein können – Quetzaltenango, San Francisco und Antigua (Guatemala)

Um von San Pedro fortzukommen, müssen wir noch einmal mit dem Boot über den See. Zum Glück verhält er sich um 8 Uhr morgens noch gnädig, kaum Wellen kräuseln die Wasseroberfläche, gut für meinen Rücken.

In Panajachel haben wir noch Zeit für ein kleines Frühstück, bevor unser Shuttlebus kommt. Nur noch ein weiterer Passagier – Sophie, eine junge Deutsche – hat denselben Weg wie wir. Die Rückfahrt ist um einiges angenehmer als die Hinfahrt.

Die Straße von Panajachel in die Berge ist lange nicht so steil, und eine knappe Stunde später sind wir oben an der Schnellstraße, der Panamericana. Wir wundern uns, dass der Fahrer Richtung Guatemala City abbiegt, aber schon nach 5 Minuten fährt er zu einer Tankstelle auf der anderen Straßenseite, hier müssen wir umsteigen. Das hat auch Sophie – trotz ihres Spanischkurs am Lago Atitlán – nicht verstanden. Wir wechseln in einen bequemen Minivan mit weich gepolsterten Sitzen und sind weiterhin nur zu dritt.
Nach Quetzaltenango – von den Einheimischen in der Maya-Sprache Xela (gesprochen Schela) genannt – geht es über die gut ausgebaute Panamericana. In anspruchsvollen Kurven erreichen wir eine Höhe von 3.300 Metern. Die Berge links und rechts sind noch höher und bestehen zum größten Teil aus Tuffgestein. Das ist ein großartiges Material, leicht zu bearbeiten und in diesem Klima recht haltbar. Die hier lebenden Menschen haben Lagerräume und Treppen in das Gestein gekratzt. Irgendwann sehen wir sogar Garagen.
Das große Tal in der Sierra Madre, in dem Xela liegt, ist durch Ablagerungen der umgebenden Vulkane überaus fruchtbar. Scheinbar jede Art von Gemüse wächst auf den dunklen Böden. Große gelbe Flecken dazwischen zeigen, dass Bäume und Sträucher gerade aus dem Winterschlaf erwachen und Blätter und Blüten austreiben.
Xela – die zweitgrößte Stadt Guatemalas – liegt auf 2.300 Metern. Hier ist es deutlich kühler als in allen Orten, in denen wir bisher waren. Deshalb liegen in unserem Hotel, das in den verschachtelten Gassen der Altstadt liegt, auch drei Decken auf dem Bett.

Die Sehenswürdigkeiten der Stadt gruppieren sich fast alle um den Park Centroamérica, das schaffen wir an einem Nachmittag. Wir müssen uns umgewöhnen, Zebrastreifen haben für die Auto- und Mopedfahrer nicht die geringste Bedeutung. Also kann man sich genauso gut an jeder anderen beliebigen Stelle überfahren lassen.

Einen guten Kilometer vom Park entfernt befindet sich der große Friedhof. Am Eingang sind die Etagengräber der ärmeren Bevölkerung – sozialer Grabbau sozusagen. Ein Stück weiter können wir dann Mausuleen aller Größen und Stilrichtungen bestaunen. Die Hinterbliebenen haben offenbar keine Kosten gescheut, um die Wichtigkeit des oder der Verstorbenen zu betonen. Als wir den Friedhof verlassen wollen, kommt uns gerade eine Trauergesellschaft entgegen. Voran läuft die Mariachi-Band, dahinter die Angehörigen. Der Sarg wird von schwarz gekleideten Frauen auf den Schultern getragen. Unauffällig mache ich ein paar Fotos.

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auf den Stufen vor der Kirche wartet man auf den Bus

Abends treffen wir uns mit einer Bekannten: Vanessa ist bereits seit einer Woche hier und besucht eine der vielen Sprachschulen. Vier Stunden täglich hat sie Unterricht und für nachmittags noch Hausaufgaben auf. Wie von der Sprachschule empfohlen wohnt sie in einer einheimischen Familie, wo niemand englisch spricht. Ihr muss permanent der Kopf schwirren.
Am nächsten Morgen holt sie uns um kurz nach sieben ab. Gemeinsam wollen wir den größten typischen Markt des Landes in dem 17 Kilometer entfernten Ort San Francisco besuchen. Wir lassen uns mit einem Taxi zum Busbahnhof bringen. Um diese Zeit ist noch nicht viel los, nur ein Mitarbeiter schaut aus seinem hölzernen „Amtsgebäude,“ das die Größe einer Telefonzelle hat. Wie immer kommt sofort jemand und will uns weiterhelfen. Der Bus lässt auch nicht lange auf sich warten und da er völlig leer ist, können wir uns die Plätze aussuchen. Uns ist klar, dass das bei diesem Ziel nicht so bleiben wird. Aber auf diese Fülle sind wir dann doch nicht vorbereitet. Eine Viertelstunde später sind alle Zweiersitze von drei Menschen besetzt. Weitere drängen sich im Mittelgang. Wenn jemand vorbei will, steht meine Sitznachbarin auf und lässt sich völlig selbstverständlich auf meiner Hüfte nieder.
Auf halber Strecke ist in Salajá eine Art Verkehrsknotenpunkt. Mindestens 10 Chickenbusse treffen hier von allen Seiten ein und die Menschen wuseln hin und her. Raus aus dem einen, rein in den anderen Bus, dazwischen Lastwagen, Transporter, Pkw und Mopeds. Es ist ein unglaubliches Gedränge und Gehupe. Fährt einer der Busse endlich los, stößt er erstmal eine tiefschwarze Wolke aus, das grenzt schon an Grobstaubbelastung. Plötzlicht stoppt er dann wieder um weitere Passagiere aufzunehmen. Das passiert dann drei bis viermal. Für uns absolut undurchsichtig.
In der Nähe ist das erste Waisenhaus der Rudolf Walther Stiftung (Möbel-Walther aus Gründau-Lieblos) gebaut worden. Es ist das Zuhause für 140 Kinder. Nicht alle sind Waisen, manche wurden von ihren Eltern hier abgegeben, weil sie sie nicht ernähren können, andere wurden auf der Straße aufgegriffen.
In Guatemala ist Busschaffner einer der anspruchsvollsten Berufe. Die Männer müssen mindestes eine Artisten-Ausbildung haben. Kurz vor der Haltestelle springen sie aus dem fahrenden Bus und suchen nach weiteren Fahrgästen. Hat jemand sperriges Gepäck dabei, klettern sie flink wie Eichhörnchen die hintere Leiter hoch aufs Dach und nehmen die Sachen entgegen. Während der Bus bereits wieder losfährt, verstauen sie alles und zurren die Kästen oder Säcke fest. In voller Fahrt geht es die Leiter wieder hinunter und durch die hintere Tür zurück in den Bus. Und dann wissen sie auch noch, wer bereits bezahlt hat und wer neu dazu gekommen ist.
Endlich erreichen wir San Francisco – schön wieder durchatmen zu können, bevor wir uns ins bunte Markttreiben stürzen. Der wöchentliche Markt findet nicht nur in der Markthalle oder auf dem Marktplatz statt, der ganze Ort ist Markt. Von nah und fern kommen die Verkäufer mit ihrem Warenangebot bereits in den Nachtstunden, denn der Verkauf beginnt bereits morgens um sieben Uhr.

Wir stehen mitten in einem Farbenmeer: Stoffe, gewebt in den typischen Mustern, die die Maya-Frauen Tag für Tag tragen. Ständig entdecken wir neue Farbkombinationen und Muster. Mein Kaufimpuls muss heftig unterdrückt werden. Und irgendwann weiß ich auch gar nicht mehr, was ich eigentlich aussuchen sollte. Zu überwältigend ist das Angebot. Da der Ort auf einem Hügel liegt, geht es immer wieder bergauf und bergab.

Vanessa hat von ihrer Gastfamilie von einem Platz gehört, der für die Maya von besonderer Bedeutung ist. Sie fragt sich durch und schließlich stehen wir an einem Abhang. Unter dem größten Baum glimmen noch kleine Feuer, ein würziger Geruch liegt in der Luft und kleine Papierfetzen bewegen sich im Wind. Ein paar Menschen sind noch hier, aber die große Opferzeremonie hat vermutlich am frühen Morgen stattgefunden und das Saubermachen hat bereits begonnen. Wofür jeweils geopfert wurde, und was man sich davon erhofft, bleibt das Geheimnis jedes Einzelnen.
Wir laufen zurück, nicht ohne am beliebtesten Stand halt zu machen, dem Toilettenhäuschen. Die Besitzer haben es gut, sie müssen keine Kunden anlocken, die kommen alle freiwillig und warten sogar, wenn sie nicht gleich an die Reihe kommen. Für ein paar Quetzales kann man sich noch die Hände waschen, was will man mehr.

Inzwischen hat das Gedränge in den Gassen noch weiter zugenommen. Zwischen Ständen mit moderner Kleidung, Schuhen, Heiligenfiguren und Lebensmitteln drängen wir weiter nach oben in Richtung Viehmarkt.

Auf dem großen Platz stehen Kälber, Schweine, Federvieh, Kaninchen und Haustiere zum Verkauf. Die Interessenten schlendern herum, begutachten, befühlen, dann gehen ein paar Scheine von Hand zu Hand und das neue Haustier wird in einem Sack geschultert oder am Seil hinterhergezogen. Hier sehen wir das erste Mal noch andere Touristen, aber wir machen zusammen kaum ein Dutzend aus.

Auf dem Weg zurück staunen wir über das Angebot an Nähmaschinen. Alte mechanische stehen neben robusten Profigeräten. Kochtöpfe, Elektrokabel, Werkzeug, Radios, Garten- und Haushaltsgeräte – alles neu oder gebraucht. Natürlich gibt es auch Imbissstände, es wird gerührt, geknetet, geraspelt, frittiert und gebacken und duftet köstlich. In der Markthalle probieren wir eine der hiesigen Spezialitäten: knusprige gerollte Maisfladen auf rohem Gemüse, mit würziger Soße übergossen und mit Käse bestreut. Richtig lecker.
Gegen Mittag beginnen die ersten Aussteller, ihre Sachen zusammen zu packen. Dabei können wir beobachten, wie die Träger die riesigen Ballen und Säcke an um die Stirn gelegten Riemen zu den unten geparkten Autos schleppen. Von hinten sieht man nur einen Sack auf Füßen. Alles was nicht verkauft wurde, muss schließlich wieder zurück transportiert werden.

Wir klettern in den nächsten Bus, damit wir vor Marktschluss noch einigermaßen gut zurück kommen. Trotzdem geht es quälend langsam voran. Vom Bus aus sehen wir viele Läden mit riesigen Stoffballen. Hier ist das Zentrum der Textilindustrie in Guatemala, deshalb auch die vielen Nähmaschinen.
Am nächsten Morgen fahren wir zurück nach Antigua. Wir haben Glück und werden von dem netten Fahrer mit dem bequemen Minivan abgeholt. An der Abzweigung zum Lago Atitlán steigen die anderen Passagiere aus, wir sind die einzigen die nach Antigua fahren. Der Fahrer spricht gut englisch, so können wir uns über alles Mögliche mit ihm unterhalten. Mich hat die ganze Zeit der hohe Benzinpreis von 20 – 26 Quetzales (2,33 – 3,03 €) gewundert, doch der Preis gilt für eine Gallone (3,785 Liter).
Gut, dass ich auf dem Markt außer einem gewebten Gürtel nichts gekauft habe, der Koffer will kaum noch zugehen. Meine Vorstellung, ein Paket per Post nach Deutschland zu schicken, lässt sich nicht in die Tat umsetzen. Guatemala hat seit über 3 Jahren keine Post mehr. Den jährlichen Versprechungen, dass es in Kürze wieder eine gibt, schenkt niemand mehr Glauben. Zwar sind DHL und FedExx vertreten, aber die Preise sind extrem hoch. Angeblich kostet das Porto für einen einfachen Brief 20 US$. Kein Wunder, dass es nirgendwo Ansichtskarten zu kaufen gibt.
Als wir an einer Raststätte eine kurze Pause machen, stehen dort viele Radfahrer in Sporttrickots. Heute findet ein Straßenrennen statt, an dem Männer und Frauen teilnehmen. Sogar der führende Rennstall, der auch internationale Erfolge aufweisen kann, ist vertreten. Das Rennen wird auf dem Standstreifen der hier vierspurigen  Panamerican ausgetragen, der Autoverkehr darf schließlich nicht beeinträchtigt werden.
In Antigua ist was los, so viele Menschen haben wir in der Stadt noch nicht gesehen, aber für die Semana Santa (heilige Woche) ist das hier völlig normal. Wir wohnen keine 100 Meter von der Kathedrale „La Merced“ entfernt und wollen uns hier gleich mal umschauen. Rund um die Kirche reihen sich Buden aneinander. Auch hier wird deutlich: Gegessen wird immer. Gerade kommt eine festlich gekleidete Familie mit 15jähriger Tochter aus der Kirche. Die Quincenera wird also auch hier mit aller Pracht gefeiert. Ein Blick in die Kirche zeigt: Die Alfombra (Sägemehlteppich) mit den Fußspuren ist inzwischen durch eine neue unversehrte ersetzt worden.

Am Sonntag um 11 Uhr beginnt die zweit wichtigste Prozession der Osterwoche. Von überall her strömen Besucher in die Stadt. Viele Straßen sind bereits gesperrt. Autos, die trotz Verbotsschildern in diesem Bereich parken, werden gnadenlos abgeschleppt. Wir laufen zu einer Straße, wo der Umzug in der nächsten Stunde vorbeikommen soll.

Eifrig wird hier noch an einer Alfombra gearbeitet, es kann also noch dauern. Zunächst gehört die Straße den Verkäufern. Eis, Leihhocker, Sonnenschirme, Sombreros, Getränke, Spielzeug, Sonnenbrillen, Fächer, eben alles was den Menschen die Wartezeit angenehmer macht, ist zu haben. Lila Kutten für Männer und schwarze Spitzenschals für Frauen werden auch noch verkauft, falls sich jemand jetzt noch entschließen sollte, während der Prozession eine aktive Trägerrolle einzunehmen.
Nach einer Stunde geben wir auf, es wird in der Sonne einfach zu warm. Nachmittags gibt es eine neue Chance. Die Frau neben uns gibt uns ihren Programmzettel. Jetzt wissen wir, zu welcher Zeit die Prozession in welcher Straße sein wird und stellen uns nachmittags noch einmal an.

Schon bald hören wir Trommeln und Blasinstrumente. Zu sehen ist außer einer dichten Qualmwolke nichts. Jetzt holen die erfahrenen Besucher ihre Atemschutzmasken heraus, denn die vielen qualmenden Weihrauchkessel bringen die Zuschauer zum weinen und zum husten. Angeführt wird die Prozession von Männern im Römerkostüm. Es folgen Träger mit den nummerierten Bildtafeln der Kreuzigungsstationen. Männer in lila Gewändern laufen jetzt links und rechts der Straße mit einem langen Seil in Händen, damit trennen sie den Umzug von den Zuschauern. Denn jetzt kommen die dicht hintereinander laufenden Männer in ihren lila Kutten mit dem größten der tonnenschweren Gestelle auf ihren Schultern. Die geschnitzte hölzerne Plattform mit ihren Aufbauten – mittig Jesus mit dem Kreuz – schwankt wie ein Schiff durch die Straße. Lange hält diese Anstrengung niemand aus, deshalb wird ständig während des Laufens gewechselt. Die Plattform mit Maria wird dagegen von Frauen getragen. Hinter den Figuren folgt jeweils eine Musikkapelle. Dazwischen jeweils drei Mayas in Tracht mit Flöte und Trommeln. Am Ende der Prozession folgen mehrere Müllwagen und kehren die zertretenen Alfombras und alles was sonst noch rumliegt auf. Dahinter sieht es aus, als sei nie etwas gewesen.
Bis nachts um 2 Uhr dauert dieser Umzug. Schön, dass wir das miterleben konnten, denn morgen verlassen wir Guatemala, dieses wunderschöne Land, das so viel zu bieten hat.

San Ignacio und Xunantunich (Belize)

Der Abschied von unserem Häuschen in Belmopan fällt uns echt schwer. Wir haben uns so wohl gefühlt, aber so geht es, wenn man auf Reisen ist.
Die Strecke zu unserem nächsten Ziel ist nicht weit, eine Stunde braucht der Bus nach San Ignacio im Westen von Belize. Es wird wieder bergig, schöne große Grundstücke und hübsche bunte Häuser sind links und rechts der Straße zu sehen. In dieser Jahreszeit blühen viele Büsche und Bäume und dann noch das Pink, Gelb, Orange, Grün und Türkis der Häuser. Unweigerlich muss man lächeln, man kann gar nicht anders.

Auch San Ignacio ist hügelig und weil kein Taxi in der Nähe ist, ziehen wir unsere Koffer den Berg hoch zu unserem Hotel. Verschachtelte Treppen führen in die oberste Etage. Auf die Klimaanlage verzichten wir, pro Person und Tag werden dafür 10 US$ fällig. Strom ist teuer in Belize und wir helfen uns mit dem altbewährten Durchzug. Vom Zimmer aus sind wir mit in paar Schritten auf der Dachterrasse. Zwar wird die in erster Linie zum Wäsche trocknen benutzt, aber der Rundumblick ist trotzdem großartig. San Ignacio ist nicht größer als Belmopan, wirkt aber städtischer. Der Markt ist größer, es gibt mehr Geschäfte und Restaurants.

Abends im vollen Lokal bieten wir einem Paar einen Platz an unserem Tisch an. Natürlich kommen wir ins Gespräch mit den Landsleuten aus Dresden. Sie sind wie wir Langzeitreisende, nur um etliches jünger. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Pläne und berichten von bereits Erlebtem. Sie haben ebenfalls Calakmul in Mexiko besucht und dabei viele Tukane gesehen. Ich bin richtig neidisch. Jeden Tag hoffe ich einen dieser Vögeln mit dem markanten Schnabel zu sehen, bisher vergeblich.
Am nächsten Morgen noch einmal das gleiche Spiel. Im Lokal ist es proppenvoll, wir müssen warten. Da es nur Vierertische gibt, biete ich den nach uns Kommenden „Asyl“ am nächsten frei werdenden Tisch an. Es ist ein junges Paar aus der Schweiz, das uns nun gegenüber sitzt. Auch diese Beiden sind bereits seit längerer Zeit unterwegs. Sie haben sich ein altes VW-Postfahrzeug zum Wohnmobil ausgebaut und von Bremerhaven nach Tacoma an der Westküste der Vereinigten Staaten verschifft. Durch die USA und Mexiko haben sie es bis hierher geschafft. Wir sind so ins Gespräch vertieft, dass es beinahe 12 Uhr ist, als wir uns trennen. Hoffentlich sehen wir die Beiden wieder, Martin und Ladina haben uns so gut gefallen.
Für unseren ursprünglichen Plan – die Mayastätte Cahal Pech – ist es jetzt zu heiß. Wir gehen zum Schwimmen zum Fluss. An dieser tiefen Stelle sind wir allein, nur ab und zu kommt ein Boot vorbei. Am nächsten Wochenende ist Maya-Kanu-Wettbewerb, dafür wird trainiert. Und damit die Vorbereitung optimal verläuft, saust ein kleines ferngesteuertes Boot mit einer montierten Action-Camera hinterher und drum herum.

Zurück laufen wir über eine Eisen-Hängebrücke, die in ca. 15 Meter Höhe den Fluss überspannt. Erbaut wurde sie 1949, weil die Holzbrücke auf der anderen Seite nur gut 1 Meter über dem Wasser liegt und bei Hochwasser regelmäßig weggespült wird. Nach der Brücke geht es wieder bergauf und hier weist ein Schild die steile Straße hinauf nach links – der Fluchtweg bei Überschwemmung. Derjenige, der das Schild in 20 Meter Höhe über dem Fluss angebracht hat, muss ein Pessimist sein. Später erfahren wir, das ein Hochwasser vor etlichen Jahren die eiserne Brücke überflutete und einen großen Teil der Stadt unter Wasser setzte. Von wegen Pessimist, nur wir konnten uns so eine Wasserhöhe nicht vorstellen.

Am späten Nachmittag hat es etwas abgekühlt und wir machen uns auf den Weg nach Cahal Pech. Es geht ständig bergauf, das letzte Stück richtig steil. Als wir es geschafft haben, können wir gleich wieder umdrehen, gerade hat der Ticketschalter zu gemacht. Dafür belohnen wir uns mit einem leckeren Essen in einem hübschen Lokal, das uns das nette Paar aus der Schweiz empfohlen hat. Der hochgelobte Schokoladenkuchen passt leider nicht mehr hinterher, wir müssen also noch einmal wiederkommen.
Zwölf Kilometer weiter Richtung Westen liegt die Mayastätte Xunantunich. Schon einig Menschen haben uns erzählt, sie sei etwas ganz Besonderes. Ein Bus fährt ganz in die Nähe, und er steht sogar gerade an der Haltestelle. Eine Mutter mit ca. 18 Monate altem Söhnchen steigt auch ein. Kaum setzt sich der Bus in Bewegung, beginnt der Kleine zu weinen. Aus Weinen wird Schreien und schließlich Gebrüll. Der Fahrer hupt dagegen an, aber der Junge ist steigerungsfähig, er produziert ein sirenenartiges Geschrille. Die Hupe ist an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit, der Schreihals nicht. Schließlich schnappt die Frau ihr Kind und steigt aus. Draußen und drinnen herrscht nun himmlische Ruhe und man sieht rundherum ein erleichtertes Aufblicken.

Kurze Zeit später hält der Bus am Mopan-Fluss. Eine Fähre mit Handkurbel-Antrieb bringt uns ans andere Ufer. Jetzt noch eine Meile bergauf. Gleich am Eingang ist ein kleines Besucherzentrum, in dem man sich über die „Steinerne Frau“ informieren kann. Ein Stück dahinter sehen wir die ersten Ruinen der ca. 1.300 Jahre alten Anlage. Etliche Gruppen sind schon mit Fremdenführern unterwegs. Dichter grüner Rasen überzieht das ganze Gelände wie ein Teppichboden. Die Pyramiden sind in gefälligem Abstand zu einander um sechs Plazas errichtet. Die meisten darf man besteigen, auch den größten und schönsten Tempel El Castillo, der das vollständigste Relief aller bekannten Pyramiden aufweist. Was man heute sieht, ist allerdings eine Nachbildung die vor das Original gesetzt wurde, um das unersetzliche Kunstwerk zu schützen. In 40 Metern Höhe haben wir einen herrlichen Blick auf die Anlage und bis weit hinüber nach Guatemala. „Sehen Sie nur,“ sagt ein Fremdenführer, „alles was grün ist gehört zu Belize. Das Graue ist Guatemala. Nächstes Jahr wird dort eine Mauer stehen.“ „Und Guatemala wird dafür bezahlen,“ ergänze ich. Wir zwinkern uns zu.
Was für ein schöner Ort. Wir sind für den Rest des Tages in gehobener Stimmung und dann noch Schokoladenkuchen.
P1010318Der Kellner erzählt uns, wie seine Oma Kakao kocht. Als wir erklären, dass wir den als Kinder ganz genauso zubereitet bekamen, ist er verblüfft: Ein Maya-Rezept, das man in Deutschland kennt.
P1010322Letztes Frühstück bei POP’s mit den köstlichen Fry Jacks (frittierten Teigtaschen). Dann laufen wir zum Busbahnhof. Während wir um die linke Ecke biegen, kommt von rechts der Bus. Das war Maßarbeit. Wir müssen zurück nach Belmopan, um dort in den Bus nach Punta Gorda im Süden des Landes zu steigen. Kurz vorher fragt der Schaffner, wo wir hinwollen. Und das Unglaubliche passiert, der nächste Bus wartet auf uns. Im Nu sind die Koffer umgeladen und wir erwischen den letzten freien Platz.

Rund 90 Kilometer fahren wir über den Hummingbird Highway durch die Ausläufer der Maya Mountains. Eine wunderschöne Strecke bis in die Nähe von Dargriga, dann ist es noch doppelt so weit bis nach Punta Gorda, der südlichsten Stadt in Belize. In vielen Teilen des Landes leben Mennoniten, während dieser Fahrt fallen sie uns das erste Mal auf. Einige Buspassagiere gehören diesen Religionsgruppen an, und ab und zu überholt der Bus ein Pferdefuhrwerk, das von einem Mann mit Latzhose, langem Bart und breitkrempigen Strohhut gesteuert wird.
Nach knapp sieben Stunden sind wir am Ziel. Punta Gorda liegt am Meer und ist die Hauptstadt der Provinz Toledo mit rund 6.000 Einwohnern. Den größten Bevölkerungsanteil haben die Garifunas, Nachkommen afrikanischer Sklaven und karibischer Indios. Die Stadt hat nicht viel zu bieten, Touristen verirren sich nur selten hier her und die Verwaltung hat die weit abgelegene Stadt vermutlich sehr oft bei der Verteilung von Steuergeldern vergessen.

Am nächsten Tag findet auf dem zentralen Platz eine Wahlveranstaltung statt. Bis zu unserem Hotelzimmer hören wir die Redner, verstehen können wir allerdings nichts, sie sprechen einen lokalen Dialekt. Später sehen wir, dass es darum geht das Land neu aufzuteilen. Aus den jetzt existierenden sechs Provinzen sollen nur noch zwei werden. Offenbar verspricht sich gerade der Süden davon Vorteile, denn heute wurden keine Kosten gescheut, den Menschen die Vorteile deutlich zu machen. Die Kinder stehen staunend vor einer riesigen Hüpfburg. Erst als wir vom Frühstück zurückkommen haben sich die ersten hinein gewagt.
Morgen werden wir Belize in Richtung Guatemala verlassen. Gerne möchten wir das restliche Geld in US Dollar umtauschen. Dafür müssen wir erst die Tickets für das Boot kaufen und unsere Reisepässe bei der Bank vorlegen. Nachdem ein Stapel Formulare ausgefüllt und abgestempelt ist, erhalten wir unsere 50 US $. Ein Auto auf Kredit zu kaufen ist vermutlich einfacher.