Im Museum, zwischen den Pinnacles und in Perth (Australien)

Das war die bisher kälteste Nacht; 8 Grad zeigte das Thermometer. Jetzt kommen Ski-Unterwäsche und Wollsocken zum Einsatz. Aber trotzdem ist es uns nicht richtig warm geworden. Dass es morgens tröpfelt lässt die gefühlte Temperatur niedriger erscheinen, als es wirklich ist. Der erhoffte blaue Himmel, der den Pink Lake erstrahlen lässt, verweigert sich heute auch. Also weiter Richtung Süden was aber natürlich nicht mehr Wärme bedeutet. Inzwischen haben wir die Region der Weizenanbaugebiete erreicht. Außerdem sehen wir links und rechts der Straße Schafherden. Weit verteilt stehen sie auf den riesigen Weiden. Dazwischen neugeborene Lämmer, schneeweiß und winzig. Merkwürdig, dass sie im australischen Herbst auf die Welt kommen. Aber die Winter sind hier ja auch nicht so eisig, wie bei uns.


Mehrmals fallen uns dazwischen größere Tiere auf. Es sind Alpakas, die mit ihren langen Hälsen alles gut überblicken können. Vielleicht werden sie als „Aufseher“ eingesetzt. Hunde sind jedenfalls nirgends zu sehen. Wir verlassen den Highway und fahren einen empfohlenen Umweg über einen Scenic Drive. Hier sehen wir in malerischer Landschaft Farmen auf riesigen Ländereien. Einfach schön.

Je näher wir dichter besiedelten Gebieten kommen, umso mehr ändern sich die Fahrzeugmodelle. Waren es im Norden und Nordwesten überwiegend schwere, hochbeinige 4WD-Fahrzeuge, so sehen wir hier mehr und mehr normale PKWs. Die meisten Camper und Wohnwagen fahren jetzt in Richtung Norden. Menschen, die nicht mehr berufstätig sind, entfliehen dem kommenden Winter im Süden. Begegnen sich Camperfahrer, grüßen sie sich per Handzeichen.


Geraldton, die sechstgrößte Stadt Westaustraliens mit 20.0000 Einwohnern ist unser heutiges Ziel. Wir suchen nach einer Möglichkeit, das defekte Netbook reparieren zu lassen. Aber die Versuche in drei verschiedenen Spezialgeschäften bleiben erfolglos. Während in Südostasien alles repariert oder zumindest wiederverwendet wird, bleiben in den Industrienationen doch manche Fertigkeiten auf der Strecke, beispielsweise ein gerissenes Kabel zu löten. Heutzutage wird ausgetauscht oder entsorgt. Schade. Durch die Suche sind wir zu spät für das Museum. Also bleiben wir heute Nacht auf dem schönen Platz am Hafen und kommen morgen wieder.


Das Museum liegt direkt am Wasser und – es kostet keinen Eintritt. Im Eingangsbereich liegen dunkelgrüne Rucksäcke ordentlich nebeneinander. Eine Schulklasse besucht das Museum. Die sieben bis achtjährigen Kinder tragen Schuluniform, zu der auch ein Hut gehört. Mit Fragebogen ausgestattet streifen einzelne Gruppen herum und suchen nach Antworten. Immer wieder gesellen sich Mitarbeiter des Museums hinzu und helfen mit Erklärungen.

Die Geschichte Australiens vom Beginn des Urkontinents bis in die Neuzeit wird dargestellt. Dazu gibt es Informationen über die Ureinwohner, die Eroberer des Landes, die Tier- und Pflanzenwelt, die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung. Sehr gut dargestellt und ausgesprochen informativ. Ein 3D-Film erzählt die Geschichte des Überraschungsangriffs auf den Kreuzer HMAS „Sydney“ durch den deutschen Hilfskreuzer „Kormoran“, der als Handelsschiff getarnt die Konvois aus Australien beobachtete, aber auch stark bewaffnet war. Alle 645 australischen Seeleute kamen ums Leben, von den Deutschen überlebten 316, 81 starben. Beide Schiffe sanken, die Wracks wurden vor 10 Jahren vor der Küste gefunden. Eindrucksvolle Unterwasseraufnahmen in 3 D zeigen den jetzigen Zustand der Schiffe.

Bevor wir weiterfahren, suchen wir eine Apotheke. Eine der Arzneien ist alle und wir wollen uns die Tropfen dort mischen lassen. In Australien gibt es Gesundheitszentren, in denen verschiedene Fachärzte, Apotheke und Sanitätshaus unter einem Dach sind. Im Wartebereich ist ein nettes Café mit kleiner Speisekarte und für Kinder gibt es eine großzügige Spielecke.


Es dauert noch eine Stunde, bis die Tropfen fertig sind, deshalb nutzen wir die Zeit und fahren auf den Hügel, auf dem das Mahnmal zur Erinnerung an den Untergang der „Sydney“ steht. Ebenso hat man hier oben einen schönen Rundumblick.

Nachdem wir alles erledigt haben, fahren wir weiter auf dem Highway in Richtung Perth. Unser Wunschziel ist Cervantes. Dieser kleine Fischerort verdankt seinen Namen einem hier gestrandeten amerikanischen Walfangschiff. Und um konsequent zu sein, haben alle Straßen auch spanische Namen bekommen. Lobster ist hier die Spezialität und hat dem Ort und seinen Fischern zu Wohlstand verholfen. Waren es zuerst die Amerikaner, die in der Nachkriegszeit die Meerestiere importierten, reißen sich heute die Chinesen um den Fang.


Langsam wird es dunkel. Wir schaffen die Strecke nicht mehr und fahren vorher in Leeman zu einem Caravan Park. „Es gibt hier auch ein gutes Fischrestaurant,“ erzählt die Frau im Empfangsbüro und beschreibt uns gleich den Weg. „Lobster gibt es zur Zeit nicht,“ sagt die Meisterköchin an der Fritteuse und empfiehlt uns den Fish-Basket. Nachdem wir gelesen haben, was der alles beinhaltet, bestellen wir nur eine Portion aber auch die schaffen wir zu zweit nicht.

In dieser Nacht wird es wieder kalt. Wir sind froh, dass am Morgen die Sonne vom Himmel lacht und uns die Gänsehaut der Nacht vergessen lässt. Staunend betrachten wir die schneeweißen Dünen links und rechts der Straße. Wir halten am Drei-Buchten-Platz und laufen auf den perfekt angelegten Wegen zum Aussichtspunkt. Hier wird genau erklärt, warum man nicht einfach durch die Dünen laufen, sondern die Wege benutzen soll. Seit die Wege angelegt wurden, hat sich die Vegetation erholt und verhindert, dass der feine Sand bei Sturm weit ins Land getragen wird. In der Nähe lebt eine große Kolonie Seelöwen , aber die lassen sich an diesem strahlend schönen Morgen nicht blicken.

Als nächstes Ziel haben wir den Besuch des Nambug-Nationalparks mit den weltbekannten Pinnacles auf dem Programm. Auch hier ist wieder alles perfekt angelegt, die Parkplätze und Wege sind genau beschildert, das Besucherzentrum liefert alle Informationen, es gibt einen Shop mit sehr schönen Artikeln und natürlich sind auch hier die sanitären Anlagen total gepflegt. Das ist uns bisher überall aufgefallen, wenn es an irgendeinem Aussichtspunkt Toiletten gibt, sind sie immer sauber, es gibt genügend Toilettenpapier und offenbar ist es für die Benutzer Ehrensache, alles sauber und ordentlich zu hinterlassen.


In dem Nationalpark gibt es einen vier Kilometer langen Rundweg, den man mit dem Auto befahren darf. Noch ein paar Kilometer vor dem Eingang haben wir noch schneeweißen Sand gesehen, hier ist er goldgelb. Und die Pinnacles stehen zu tausenden hier und faszinieren die Besucher. Links und rechts sind immer wieder Haltebuchten angelegt, wo man das Auto parken und zwischen den merkwürdigen Steinen herumlaufen kann. Es gibt auch Wanderwege durch diese Wunderwelt, über deren Entstehung die Wissenschaftler sich nicht ganz einig sind. Tagsüber ist es wieder richtig warm, man kann in Shorts und Shirt herumlaufen.

Wir nähern uns der Millionenstadt Perth. Auch hier herrscht im Straßenverkehr keine Hektik. Die Australier sind offenbar sehr relaxt. Die Straßen sind breit und übersichtlich, die Beschilderung lässt keine Wünsche offen. Der gewünschte Campingplatz in einem Nationalpark war schon besetzt; wahrscheinlich, weil es hier Koalas gibt. In einem Stadtteil von Perth finden wir einen schönen Platz und die Dame an der Rezeption leiht uns sogar einen Heizlüfter für die kommende kalte Nacht. Die Waschküche hat Waschmaschinen, die heiß waschen und sogar einen Wäschetrockner. Beides nutzen wir am Abend noch.

Und das erste, was wir am Samstag Morgen machen: Wir kaufen einen Heizlüfter, wärmer wird es hier im Süden bestimmt nicht mehr. Um elf Uhr sind wir mit einem ehemaligen Kollegen von Klaus verabredet, der für zwei bis drei Jahre mit seiner Freundin nach Australien zog. Inzwischen sind elf Jahre vergangen, die Beiden haben zwei wunderbare Kinder und ein Haus. An Rückkehr ist wohl nicht mehr zu denken. Zumal Jens als passionierter Windsurfer sowieso anderswo kaum bessere Bedingungen finden kann. Dazu ist er in seinem Beruf absolut zufrieden. Älter zu werden ist für berufstätige Menschen hier in Australien kein Problem. Die hiesigen Personalchefs stellen die Mitarbeiter nach Qualifikation und nicht nach Alter ein.


Nachmittags zeigt er uns die Stadt. Zuerst fahren wir an der Küste entlang. Rechts reiht sich eine hübsche Bucht an die nächste, links kann man in Cafés und Restaurants in der Sonne sitzen und aufs Meer schauen. Wir laufen durch den riesengroßen Kings-Park mit angeschlossenem botanischen Garten. Bei wunderbarem Sonnenschein und Temperaturen von 27 Grad haben viele Menschen den Wunsch, den herrlichen Herbsttag draußen zu verbringen. Gruppenweise sitzen und liegen sie auf dem sattgrünen Rasen, die Kinder toben herum, manche machen Picknick. Wir stehen auf einer Terrasse und schauen über die Bucht auf die Innenstadt. In dieser riesigen Grünanlage kann man sich verlaufen. Wir fahren weiter zum neu errichteten Elizabeth Quay am Wasser. Auch hier sieht man: Australier sind gern draußen; zu Fuß oder mit dem Rad ist egal. Arbeitnehmer haben nur 4 Wochen bezahlten Urlaub, deshalb nutzen sie ihre Wochenenden besonders intensiv. Das Meer ist vor der Tür, Nationalparks gibt es in großer Anzahl, und Camping ist sowieso für die meisten das Größte.

Die riesigen Grünanlagen in jeder Stadt sind auffallend. Ich stelle mir ein paar Männer vor, die vor rund 160 Jahren am Ufer des Swan-River stehen. „Männer, das hier ist ein toller Platz, lasst uns eine Stadt gründen. Als erstes legen wir einen Park an.“ Nach drei Jahren berufen die Stadtgründer eine außerordentliche Sitzung ein: „ Männer, hier stehen schon 30 Häuser, wir brauchen dringend einen zweiten Park.“

Die Nacht verbringen wir im Camper vor dem Haus des Kollegen zusammen mit unserem neuen Heizlüfter. Nach dem gemeinsamen Frühstück wird es für uns Zeit, weiter zu fahren.

Nur 30 Kilometer südlich erreichen wir Fremantle, eine beliebte Stadt mit Flair. Es ist erstaunlich voll an diesem Sonntag Vormittag. Eine viertel Stunde später wissen wir auch warum. Hier findet heute die Mai-Demonstration statt. Mitglieder der unterschiedlichsten Gewerkschaften (Eisen und Stahl, Pflege, Bildung, Einzelhandel und ein paar Randgruppen) protestieren gegen Lohnkürzungen und Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Auch gegen einen deutschen Discounter, der bereits viele Filialen errichtet hat, richten sich die Proteste. Männer, Frauen, Kinder und Hunde laufen mit in der Gruppe der Protestierenden. Wir stehen am Straßenrand und schauen zu und Klaus bekommt prompt von einem Mann ein T-Shirt mit entsprechendem Aufdruck (Werbung für die Unions) in die Hand gedrückt. Auf der Straße wird er es wahrscheinlich nicht tragen, aber als Schlafhemd ist es gut zu gebrauchen.

Nachdem der Protestmarsch vorbei ist, besuchen wir noch die Markthalle, in der es von Kleidung über Schmuck, Andenken und Kunsthandwerk auch Lebensmittel, Obst und Gemüse und Imbissstände gibt. An einem Stand, der angeblich echte deutsche Bratwurst anbietet, kann Klaus nicht vorbei gehen, ohne sich eine zu bestellen. Als er sich als Deutscher zu erkennen gibt, wiegelt der Verkäufer ab, gewisse Unterschiede seien durchaus möglich, meint er.

Wir laufen noch zum alten Gefängnis, das 1830/31 von den Strafgefangenen für die eigene Unterbringung errichtet wurde. Die Führung durch die Keller und Tunnel hat kurz zuvor begonnen, und bis zur nächsten dauert es noch über eine Stunde. So sehen wir uns die Bilder an, lesen die Beschreibungen und fahren weiter nach Bunbury.

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