Um halb neun holt uns der Cousin von Priyan mit seinem Tuktuk ab, um uns nach Trincomalee zur Busstation zu fahren. Er stoppt noch mal vor dem Restaurant, hier werden wir dann endgültig verabschiedet. „Gebt mir, was ihr denkt,“ sagt der Fahrer am Ziel, „ihr seid Freunde.“ Er bekommt natürlich den gleichen Betrag, den wir für die Hinfahrt vor einer Woche bezahlt haben.
Ein Schaffner drängt uns zu seinem Bus, wir müssen zwar umsteigen, aber er sagt uns rechtzeitig Bescheid. Machen wir, denn der direkte Bus kommt erst in zwei Stunden. Die Koffer sollen hinten im Laderaum verstaut werden, aber der ist so schmutzig, dass selbst der Schaffner zurückschreckt. An einem Marktstand versucht er dem Händler ein paar Kartons abzuluchsen, aber da beißt er auf Granit. Daraufhin versucht er es erfolglos mit Fegen. Jemand muss einen Eimer Wasser holen, aber der verwandelt die Staubschicht nur in eine Schlammpfütze. Nun landen die Koffer doch im Innenraum.
Die Fahrt führt auf der A12 gleich ins Landesinnere. Plötzlich eine Vollbremsung und Dauergehupe. Mitten auf der Straße steht eine Büffelherde wie eine schwarze Mauer. Da kann der Fahrer noch soviel Lärm machen, sie sind einfach nicht aus der Ruhe zu bringen.
Aber irgendwann hat auch der letzte die andere Straßenseite erreicht und weiter geht die wilde Fahrt. Ein Paar mit zwei Kindern ist im Bus. Der Junge turnt auf einem Sitz herum, sorgenvoll vom Schaffner beäugt. Wie schnell kann er sich bei einem Bremsmanöver verletzen. Als die Eltern keine Anstalten machen, ihren ausgelassenen Sprössling zu bändigen, setzt sich der Schaffner neben ihn und spricht leise auf ihn ein, bis der Junge setzt sich brav hinsetzt.
Die Landschaft ist hügelig, dazwischen immer wieder Seen und trockene Senken, die vom bevorstehenden Monsun erneut gefüllt werden müssen. Ab und zu stehen Warnschilder mit Elefantenmutter und –kalb am Straßenrand, aber leider will heute kein Dickhäuter die Straße überqueren.
In Vavuniya ist Endstation. Als wir aussteigen, werden wir vom Schaffner des Busses nach Jaffna in Empfang genommen. Vermutlich hat ihn der Kollege per Handy informiert. Und so haben wir quasi einen fliegenden Wechsel. Zeitweilig herrscht drangvolle Enge. Jeder Sitz wird besetzt, und wenn wir beide plus ein weiterer Fahrgast in einer 3er Reihe sitzen, wird es ganz schön eng. Pro Sitzplatz stehen 38 cm! zur Verfügung. Auch das Unterhaltungsprogramm, ein Film á la Gräfin Marizza mit Marika Röck mit viel Gesang und Tanz, nur auf indisch, vermag uns nicht abzulenken von dem Gefühl, in einer Sardinenbüchse zu stecken. Je weiter wir in Richtung Norden kommen, um so mehr verändern sich Land und Leute. In der Nordprovinz leben seit dem Bürgerkrieg nur wenige Muslime und Buddhisten. Die Frauen tragen Saris oder schmale Hosen und Kaftane und sind damit flott auf dem Moped unterwegs.
Die Landschaft ist trocken, wir sehen Palmenplantagen und abgeerntete Felder.
Der Bus fährt über den vor Jahren heiß umkämpften Elefantenpaß und wir erreichen Jaffna gegen 15 Uhr. An vielen Häusern sehen wir Einschußlöcher und auch viele verlassene – ehemals wunderschöne Villen – die von der Vegetation langsam überwuchert werden.
Nach einer kurzen Pause im Hotel fahren wir wieder in die Innenstadt, wir wollen einige Dinge besorgen. Jaffna, deren Einwohnerzahl nach dem Bürgerkrieg um ein Drittel geschrumpft ist, hat eine unglaubliche Ladendichte. Wir schauen uns alles aufmerksam an. Die drei Kühe auf einer kleinen Verkehrsinsel scheint außer uns niemand beachtenswert zu finden.
Das Shoppingcenter ist enttäuschend, im Erdgeschoß ein Supermarkt, in der ersten Etage vielleicht 10 Geschäfte und im zweiten Stock eine Eisdiele und ein amerikanisches Fastfood-Restaurant. Aber nicht das mit dem großen M.
Im Supermarkt suche ich ein paar typische Gewürze und Tee aus, die will ich morgen per Paket nach Deutschland schicken. Auf Nachfrage packt man uns alles in einen Karton.
Abends essen wir in unserem Hotel. Erst dauert es 1 ¾ Stunden, bis das Essen kommt, und dann ist es so scharf, dass ich das Gefühl habe, meine Zunge wirft Blasen. Der Hotelchef entschuldigt sich und läßt uns noch eine Platte mit Papayastücken bringen.
Um 6 Uhr werde ich durch Gelächter und Geplapper wach. Anscheinend laufen Kinder durch den Hotelflur. Als wir später zum Frühstück gehen sitzen junge Frauen und Mädchen in wunderschönen Saris auf dem Boden und trinken Tee. Sie haben ihre Haare verschwenderisch mit frischen Blumen geschmückt. Heute wird das Baby einer Freundin getauft, erfahren wir. Alle Frauen tragen die gleiche Kleidung, eine Gruppe trägt blau/rot. Vom Alter her könnten es Familienmitglieder sein.
Die Gruppe der Freundinen hat sich für pink/gold entschieden. Auch die Männer sind festlich in seidene Sarongs in creme/gold und Hemden in pink gekleidet.
Das geschmückte Auto steht bereit, aber leider sehen wir die Hauptpersonen nicht, die werden vermutlich irgendwo abgeholt. Die Gäste steigen in einen bereit stehenden Kleinbus und fahren davon. Und wir machen uns auf den Weg zur Hauptpost, um unser Paket aufzugeben.
Direkt am Eingang ist ein Shop. Wir brauchen einen Klebestift und fragen bei der Gelegenheit, an welchen Schalter wir müssen. „Genau an diesen,“ meint der junge Mann, lässt sich den Kasten aushändigen und packt alles aus. Tee ok, aber die Gewürze: Zimtstangen, Muskatnüsse, Nelken, Pfeffer und Kardamom legt er an die Seite und behauptet, das dürfe man nicht verschicken, nur gemahlene Gewürze seien erlaubt??? Er ruft einen Kollegen, der eine Kollegin und die noch einen Kollegen. Der fordert uns auf, mit ihm in ein Büro zu kommen, wo offenbar die Abteilungsleiterin sitzt. Von ihr bekommen wir dieselbe Auskunft. Man sieht uns unsere Bestürzung an, deshalb geht der Kollege mit uns noch in einen anderen Gebäudeteil. Supervisor und Assistent sind nicht anwesend, also weiter zum Customs Büro. Dort sitzt ein wichtig aussehender Mann, dem erzähle ich, dass wir auf Weltreise sind und unserer Tochter in Deutschland ein kleines Präsent schicken wollen. „OK,“ sagt er, „machen Sie das.“ Der letzte Kollege läuft mir uns zurück, übermittelt mündlich die Erlaubnis, und dann klappt es. „Der Karton taugt nichts,“ wird uns mitgeteilt. Also kaufen einen neutralen weißen. Alles wird eingepackt und auf die Waage gestellt, etwas über 2 kg. Wir sollen etwas rausnehmen, meint der erste Kollege, dann würde das Porto günstiger. Machen wir. Nun wird der Kasten rundherum mit Klebestreifen fest verschlossen, am zweiten Schalter mit Briefmarken beklebt, am dritten als Einschreiben notiert, und am vierten abgegeben. ERLEDIGT. Das machen wir so schnell nicht wieder.
Die Hauptpost liegt in der Nähe des alten Forts, und wir machen uns auf den Weg dorthin. Wir kommen an einem Platz vorbei, auf dem Fahrtraining oder –prüfung stattfindet. Mopeds, Tuktuks, Autos und ein Bus umkurven Plastikkegel vorwärts und rückwärts.
Am Rand sitzen und stehen viele Personen und schauen interessiert zu. Vermutlich Familienangehörige und Freunde der Fahrschüler.

Nach einer Information aus dem Internet soll das im Bürgerkrieg stark beschädigte Fort nicht zu besichtigen sein.
Eindeutig falsch, es ist zwar vieles verboten, aber hinein darf man, und sogar kostenlos.


Danach vorbei an der Bibliothek, die im Krieg mit ihren kostbaren 90.000 Büchern ausgebrannt und inzwischen wieder aufgebaut ist – Tamilen und Singhalesen haben jeweils eine eigene Version der Geschichte – erreichen wir die Altstadt.


Irgendwann biegen wir in eine schmale Gasse ein und landen bei winzigen Werkstätten, wo vom Schuh, über den Wecker bis hin zu Elektrogeräten alles repariert wird.

Ein Mann sitzt an einer alten Nähmaschine und betreibt Upcycling. Er näht aus gebrauchten Textilien Sattelüberzüge für Fahrräder und möchte unbedingt von uns fotografiert werden.

Abendessen wollen wir in einem gut bewerteten vegetarischen Restaurant in der Nähe des großen Tempels. Wir entschließen uns, die 3 km zu laufen.
Es wird zwar langsam dunkel, aber die Straße ist nicht übermäßig befahren.

Über 100 Gäste finden im Lokal Platz. Es gibt indisches Essen und leckere Fruchtsäfte und Lassis. Besteck wird nicht ausgeteilt, deshalb werden die auch hier im Lokal installierten Handwaschbecken eifrig genutzt. Das Essen wird auf Bananenblättern und die Getränke in Marmeladengläsern serviert. So spart man bei der Ausstattung und beim Abwasch.
Wir frühstücken zusammen mit einem Mitte 70jährigen Mann aus Jaffna, der inzwischen in Georgien lebt und mit dem wir schon gestern ein interessantes Gespräch hatten. Er war und ist für bekannte Organisationen wie die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Vereinten Nationen tätig und erzählt uns viel über die politischen Strömungen im Land.
Während wir dort sitzen, transportiert draußen ein Mann ein Doppelbett auf einem Fahrrad, er sitzt einfach mittendrin. Nie mehr gehe ich ohne Fotoapparat frühstücken.

Die Landschaft ist weiterhin flach und karg.
Über eine ca. 2 km lange Brücke erreichen wir die Mannar-Insel. 
Ei
Das eigentliche Zentrum Mannars scheint um den Busbahnhof herum zu liegen. Viel mehr ist nicht zu sehen.
Als wir durch das Fischerviertel laufen, wird uns geraten, auf keinen Fall bei Dunkelheit noch hier zu sein. Also machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant, aber auch da ist nicht wirklich was vorhanden. Ein Imbiss muss es heute Abend tun. Enttäuscht laufen wir zurück.
Anuradhapura war Jahrhunderte lang Königssitz und damit Hauptstadt. Wir machen einen langen Spaziergang in die Innenstadt. Der heilige Bodhibaum und der Tempelbezirk sind nicht unser Ziel, wir haben keinen Zugang zur buddhistischen Religion. Viel lieber durchstreifen wir die Nebenstraßen und –gassen.



Amüsiert betrachte ich eine muslimische Familie mit einem Neugeborenen. Das Baby weint, und die junge Mutter schaukelt es solange, bis es eingeschlafen ist. Dann nimmt ihr eine ältere Frau – ich tippe auf die Schwiegermutter – das Kind ab, das daraufhin wieder zu schreien beginnt. Nun ist die Mutter dran, aber sobald es ruhig ist, verlangt die Ältere es wieder. So geht es zig mal hin und her. Und jetzt zeigt sich auch, wie praktisch doch so ein Kopftuch ist, als das Baby spuckt wischt die Ältere dem Säugling mit Mamas grünem Tuch schnell mal den Mund ab. Die Kinder werden in Raum 23 behandelt. Dort versuchen besorgte Eltern immer wieder, sich vorzudrängeln. Sie werden abgewiesen, das Nummernsystem scheint zu funktionieren.
Unsere Unterkunft für die nächsten 3 Tage beschert uns ein leichtes Afrika-Gefühl. Ein kleines Häuschen mit überdachter Veranda auf einem wunderschönen, leicht verwilderten Grundstück, die tragenden weißen Säulen mit braunen Mustern. Unser Gastgeber Sereno, der gemeinsam mit seiner Partnerin Kumari die kleine Anlage betreibt fragt, ob wir schwimmen gehen wollen. Schon, aber wo. Er läuft mit uns ein paar hundert Meter weit bis zu einem Fluss.
„Krokodile,“ frage ich. Er lacht, hier sei es ungefährlich, erklärt er uns, und geht zum Beweis gleich ins Wasser. Das hat eine herrliche Temperatur und fühlt sich auf der Haut wie Samt an. Wir schwimmen ans andere Ufer. Kurz darauf sind zwei Kinder da, dann kommt ihre Mutter mit einer großen Schüssel und wäscht im Fluss stehend die Wäsche. Danach wäscht sie dem Jungen und sich gründlich die Haare. Das mache ich morgen auch.
Als erstes die kunstvollen Nester von Webervögeln.
Bald sehen wir den ersten Pelikan,
ein Fischadler-Paar, Black-Nack-Störche, Ibisse, Reiher,
es müssen ein paar hundert sein. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt.
Eine Frau schneidet die wie Palmwedel aussehenden aber mit heftigen Dornen bewehrten Zweige und schält sie gleich. Aus denen werden Körbe geflochten.
Ein Mann ist im Lotosteich unterwegs und schneidet Knospen in Mengen.
Bei der Gelegenheit werden gleich noch ein paar Fische herausgeholt.
Dort auf dem Weg, den wir gestern morgen gelaufen sind, trabt ein junger Elefant. Und keiner hat die Kamera griffbereit. Klaus nestelt seine heraus und versucht ihn noch zu erwischen. Jetzt sind wir hellwach.
Noch ein paar Kilometer bis zum Wilpattu Nationalpark. Eine Straße verläuft gerade durch den Park, eine richtige Waschbrettpiste. Anders als Bundala hat Wilpattu viel mehr dichten Dschungel. Als wir das erste Rudel Axishirsche sehen, sind wir begeistert.
Während dieser Safari sehen wir so viele Rudel, es müssen mehrere hundert Tiere sein. Auch die ersten Vögel erscheinen, Fischadler, Pfauen,
Ceylonhähne,
Bienenfresser und viele andere. Und dann beginnt es zu regnen. Erst bleiben wir unbeeindruckt, aber als der Regen heftig vom Himmel fällt, rollen wir die leider nicht ganz durchsichtige Folie vor unserem Aussichtsfenster herunter. Der Regen läuft in Strömen herunter und uns auf die Füße. Zwischenzeitlich hört es auf zu regnen, aber jedes Mal, wenn wir unter den niedrigen Ästen hindurch fahren, kriegt einer von uns eine kalte Dusche. Mehrere Male rollen wir die Folie rauf und runter; denn fotografieren ist durch sie nicht möglich. Irgendwann haben wir keinen trockenen Faden mehr am Körper.
Ein besonders cleverer Axishirsch hat sich von seiner Gruppe abgesondert und versucht von den vielen Leckerbissen etwas zu erbetteln. Er lässt sich streicheln und aus der Hand füttern. Sein asymmetrisches Geweih fühlt sich ganz warm an, das überrascht mich. Er klaut einem Touristen seine Sandwichverpackung aus der Hand und versucht die Plastikfolie zu fressen, die anscheinend gut riecht. Einer der Guides rennt hinter ihm her und versucht sie ihm abzunehmen. Hoffentlich hat er Erfolg.
Zwei Mütter mit ihren Jungen. Wie schön, sie drehen uns zwar schnell den Rücken zu, und einer der Kleinen versteckt sich hinter einem Busch, aber wir bleiben so lange stehen und beobachten sie, bis sie im dichten Buschwerk verschwinden.

Hier hat der Sturm 3 Bäume umgeworfen, die jetzt auf der Fahrbahn liegen. Die Polizei räumt – unterstützt von ein paar Männern – die Straße.














































