Jaffna, das Fort und die Post (Sri Lanka)

Um halb neun holt uns der Cousin von Priyan mit seinem Tuktuk ab, um uns nach Trincomalee zur Busstation zu fahren. Er stoppt noch mal vor dem Restaurant, hier werden wir dann endgültig verabschiedet. „Gebt mir, was ihr denkt,“ sagt der Fahrer am Ziel, „ihr seid Freunde.“ Er bekommt natürlich den gleichen Betrag, den wir für die Hinfahrt vor einer Woche bezahlt haben.
Ein Schaffner drängt uns zu seinem Bus, wir müssen zwar umsteigen, aber er sagt uns rechtzeitig Bescheid. Machen wir, denn der direkte Bus kommt erst in zwei Stunden. Die Koffer sollen hinten im  Laderaum verstaut werden, aber der ist so schmutzig, dass selbst der Schaffner zurückschreckt. An einem Marktstand versucht er dem Händler ein paar Kartons abzuluchsen, aber da beißt er auf Granit. Daraufhin versucht er es erfolglos mit Fegen. Jemand muss einen Eimer Wasser holen, aber der verwandelt die Staubschicht nur in eine Schlammpfütze. Nun landen die Koffer doch im Innenraum.
Die Fahrt führt auf der A12 gleich ins Landesinnere. Plötzlich eine Vollbremsung und Dauergehupe. Mitten auf der Straße steht eine Büffelherde wie eine schwarze Mauer. Da kann der Fahrer noch soviel Lärm machen, sie sind einfach nicht aus der Ruhe zu bringen.
DSC09114Aber irgendwann hat auch der letzte die andere Straßenseite erreicht und weiter geht die wilde Fahrt. Ein Paar mit zwei Kindern ist im Bus. Der Junge turnt auf einem Sitz herum, sorgenvoll vom Schaffner beäugt. Wie schnell kann er sich bei einem Bremsmanöver verletzen. Als die Eltern keine Anstalten machen, ihren ausgelassenen Sprössling zu bändigen, setzt sich der Schaffner neben ihn und spricht leise auf ihn ein, bis der Junge setzt sich brav hinsetzt.
DSC09116Die Landschaft ist hügelig, dazwischen immer wieder Seen und trockene Senken, die vom bevorstehenden Monsun erneut gefüllt werden müssen. Ab und zu stehen Warnschilder mit Elefantenmutter und –kalb am Straßenrand, aber leider will heute kein Dickhäuter die Straße überqueren.
 
DSC09128In Vavuniya ist Endstation. Als wir aussteigen, werden wir vom Schaffner des Busses nach Jaffna in Empfang genommen. Vermutlich hat ihn der Kollege per Handy informiert. Und so haben wir quasi einen fliegenden Wechsel. Zeitweilig herrscht drangvolle Enge. Jeder Sitz wird besetzt, und wenn wir beide plus ein weiterer Fahrgast in einer 3er Reihe sitzen, wird es ganz schön eng. Pro Sitzplatz stehen 38 cm! zur Verfügung. Auch das Unterhaltungsprogramm, ein Film á la Gräfin Marizza mit Marika Röck mit viel Gesang und Tanz, nur auf indisch, vermag uns nicht abzulenken von dem Gefühl, in einer Sardinenbüchse zu stecken. Je weiter wir in Richtung Norden kommen, um so mehr verändern sich Land und Leute. In der Nordprovinz leben seit dem Bürgerkrieg nur wenige Muslime und Buddhisten. Die Frauen tragen Saris oder schmale Hosen und Kaftane und sind damit flott auf dem Moped unterwegs.
Die Landschaft ist trocken, wir sehen Palmenplantagen und abgeerntete Felder.
DSC09140Der Bus fährt über den vor Jahren heiß umkämpften Elefantenpaß und wir erreichen Jaffna gegen 15 Uhr. An vielen Häusern sehen wir Einschußlöcher und auch viele verlassene – ehemals wunderschöne Villen – die von der Vegetation langsam überwuchert werden.
Nach einer kurzen Pause im Hotel fahren wir wieder in die Innenstadt, wir wollen einige Dinge besorgen. Jaffna, deren Einwohnerzahl nach dem Bürgerkrieg um ein Drittel geschrumpft ist, hat eine unglaubliche Ladendichte. Wir schauen uns alles aufmerksam an. Die drei Kühe auf einer kleinen Verkehrsinsel scheint außer uns niemand beachtenswert zu finden.
Das Shoppingcenter ist enttäuschend, im Erdgeschoß ein Supermarkt, in der ersten Etage vielleicht 10 Geschäfte und im zweiten Stock eine Eisdiele und ein amerikanisches Fastfood-Restaurant. Aber nicht das mit dem großen M.
Im Supermarkt suche ich ein paar typische Gewürze und Tee aus, die will ich morgen per Paket nach Deutschland schicken. Auf Nachfrage packt man uns alles in einen Karton.
Abends essen wir in unserem Hotel. Erst dauert es 1 ¾ Stunden, bis das Essen kommt, und dann ist es so scharf, dass ich das Gefühl habe, meine Zunge wirft Blasen. Der Hotelchef entschuldigt sich und läßt uns noch eine Platte mit Papayastücken bringen.
Um 6 Uhr werde ich durch Gelächter und Geplapper wach. Anscheinend laufen Kinder durch den Hotelflur. Als wir später zum Frühstück gehen sitzen junge Frauen und Mädchen in wunderschönen Saris auf dem Boden und trinken Tee. Sie haben ihre Haare verschwenderisch mit frischen Blumen geschmückt. Heute wird das Baby einer Freundin getauft, erfahren wir. Alle Frauen tragen die gleiche Kleidung, eine Gruppe trägt blau/rot. Vom Alter her könnten es Familienmitglieder sein.
DSC09148Die Gruppe der Freundinen hat sich für pink/gold entschieden. Auch die Männer sind festlich in seidene Sarongs in creme/gold und Hemden in pink gekleidet.
DSC09149Das geschmückte Auto steht bereit, aber leider sehen wir die Hauptpersonen nicht, die werden vermutlich irgendwo abgeholt. Die Gäste steigen in einen bereit stehenden Kleinbus und fahren davon. Und wir machen uns auf den Weg zur Hauptpost, um unser Paket aufzugeben.
Direkt am Eingang ist ein Shop. Wir brauchen einen Klebestift und fragen bei der Gelegenheit, an welchen Schalter wir müssen. „Genau an diesen,“ meint der junge Mann, lässt sich den Kasten aushändigen und packt alles aus. Tee ok, aber die Gewürze: Zimtstangen, Muskatnüsse, Nelken, Pfeffer und Kardamom legt er an die Seite und behauptet, das dürfe man nicht verschicken, nur gemahlene Gewürze seien erlaubt??? Er ruft einen Kollegen, der eine Kollegin und die noch einen Kollegen. Der fordert uns auf, mit ihm in ein Büro zu kommen, wo offenbar die Abteilungsleiterin sitzt. Von ihr bekommen wir dieselbe Auskunft. Man sieht uns unsere Bestürzung an, deshalb geht der Kollege mit uns noch in einen anderen Gebäudeteil. Supervisor und Assistent sind nicht anwesend, also weiter zum Customs Büro. Dort sitzt ein wichtig aussehender Mann, dem erzähle ich, dass wir auf Weltreise sind und unserer Tochter in Deutschland ein kleines Präsent schicken wollen. „OK,“ sagt er, „machen Sie das.“ Der letzte Kollege läuft mir uns zurück, übermittelt mündlich die Erlaubnis, und dann klappt es. „Der Karton taugt nichts,“ wird uns mitgeteilt. Also kaufen einen neutralen weißen. Alles wird eingepackt und auf die Waage gestellt, etwas über 2 kg. Wir sollen etwas rausnehmen, meint der erste Kollege, dann würde das Porto günstiger. Machen wir. Nun wird der Kasten rundherum mit Klebestreifen fest verschlossen, am zweiten Schalter mit Briefmarken beklebt, am dritten als Einschreiben notiert, und am vierten abgegeben. ERLEDIGT. Das machen wir so schnell nicht wieder.
Die Hauptpost liegt in der Nähe des alten Forts, und wir machen uns auf den Weg dorthin. Wir kommen an einem Platz vorbei, auf dem Fahrtraining oder –prüfung stattfindet. Mopeds, Tuktuks, Autos und ein Bus umkurven Plastikkegel vorwärts und rückwärts.
DSC09156Am Rand sitzen und stehen viele Personen und schauen interessiert zu. Vermutlich Familienangehörige und Freunde der Fahrschüler.
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Nach einer Information aus dem Internet soll das im Bürgerkrieg stark beschädigte Fort nicht zu besichtigen sein.
DSC09177Eindeutig falsch, es ist zwar vieles verboten, aber hinein darf man, und sogar kostenlos.

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Für eine Hündin scheint das Fort der richtige Aufzuchtsort für ihre Jungen zu sein. Vier sind zutraulich…

 

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der fünfte traut sich nicht aus seiner Höhle

 
Danach vorbei an der Bibliothek, die im Krieg mit ihren kostbaren 90.000 Büchern ausgebrannt und inzwischen wieder aufgebaut ist – Tamilen und Singhalesen haben jeweils eine eigene Version der Geschichte – erreichen wir die Altstadt.

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Hindutempel
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vielleicht braucht sie noch eine Kette fürs Wochenende

Irgendwann biegen wir in eine schmale Gasse ein und landen bei winzigen Werkstätten, wo vom Schuh, über den Wecker bis hin zu Elektrogeräten alles repariert wird.
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DSC09202Ein Mann sitzt an einer alten Nähmaschine und betreibt Upcycling. Er näht aus gebrauchten Textilien Sattelüberzüge für Fahrräder und möchte unbedingt von uns fotografiert werden.

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wenn es heiß ist, wird der Sarong zum Mini

Abendessen wollen wir in einem gut bewerteten vegetarischen Restaurant in der Nähe des großen Tempels. Wir entschließen uns, die 3 km zu laufen.
DSC09212Es wird zwar langsam dunkel, aber die Straße ist nicht übermäßig befahren.

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Ein Schreiner ist noch abends um 7 Uhr bei der Arbeit

Über 100 Gäste finden im Lokal Platz. Es gibt indisches Essen und leckere Fruchtsäfte und Lassis. Besteck wird nicht ausgeteilt, deshalb werden die auch hier im Lokal installierten Handwaschbecken eifrig genutzt. Das Essen wird auf Bananenblättern und die Getränke in Marmeladengläsern serviert. So spart man bei der Ausstattung und beim Abwasch.
Wir frühstücken zusammen mit einem Mitte 70jährigen Mann aus Jaffna, der inzwischen in Georgien lebt und mit dem wir schon gestern ein interessantes Gespräch hatten. Er war und ist für bekannte Organisationen wie die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Vereinten Nationen tätig und erzählt uns viel über die politischen Strömungen im Land.
Während wir dort sitzen, transportiert draußen ein Mann ein Doppelbett auf einem Fahrrad, er sitzt einfach mittendrin. Nie mehr gehe ich ohne Fotoapparat frühstücken.

Mannar, Esel und Anuradhapura (Sri Lanka)

Morgens nehmen wir den Bus von Jaffna nach Mannar. Heute kein Film, dafür nervtötende Musik. Die Frauen singen in unnatürlich hoher Stimmlage, wie man es im Süden Indiens liebt. Eine ganze Weile holpert der Bus über einen schmalen Sanddamm. Am Ende steht auf der linken Seite ein Hindutempel. Davor ist ein Scheiterhaufen aufgeschichtet, unter dem es schon qualmt. Mit leichtem Grausen denke ich an die früher üblichen Witwenverbrennungen. Direkt daneben liegt eine große Müllkippe!?
DSC09223 Kurz darauf beginnt eine neue Straße. Ein ganz anderes Fahrgefühl.
DSC09228Die Landschaft ist weiterhin flach und karg.
DSC09235Über eine ca. 2 km lange Brücke erreichen wir die Mannar-Insel.
Wir kommen nachmittags an und lassen uns mit einem Tuktuk zur gebuchten Unterkunft bringen. Der Fahrer hat einen speziellen Geschmack. Der Himmel des Gefährts ist mit Pelz verkleidet. Es sieht aus, als hätten zehn Mungos dafür ihr Leben lassen müssen. Nach einer Griffprobe bin ich beruhigt, es ist Kunstpelz; die Haare bewegen sich wellenförmig im Fahrtwind.
Unsere Unterkunft ist nicht weit entfernt. Der Fahrer ist unsicher, er weiß nicht, ob das die richtige Adresse ist. Da das Haus aussieht wie auf den Fotos im Internet, mache ich kurz entschlossen das Tor auf. Ein vorbeikommender Radfahrer ist entsetzt, dass sei falsch, behauptet er. Während wir draußen vor dem wieder geschlossenen Tor diskutieren, kommt von hinten eine junge Frau. Wir sind doch richtig, daraufhin verschwinden Radfahrer und Tuktukfahrer schleunigst.
Dieses Mal haben wir eine richtige Bruchbude erwischt. Es ist schmutzig, winzig und riecht muffig. Das Badezimmer ist außerhalb des Hauses, und nach dem ersten Blick beschließe ich, hier auf keinen Fall zu duschen. Zum Glück haben wir nur eine Nacht gebucht. Erstmal wollen wir uns die Stadt ansehen, und dann entscheiden, ob wir uns vor Ort eine andere Unterkunft suchen. DSC09248
Auf unserem Weg in die Innenstadt begegnen uns Esel, sie wurden seinerzeit von den Holländern mitgebracht, aber die Sri Lanker haben sie nie als Arbeitstiere genutzt. So hat sich eine Population frei lebender Tiere auf der Insel entwickelt.
DSC09249Einige sind offenbar irgendwann mal angefahren worden, und zu sehen, wie sie sich mühsam mit drei gesunden und einem verkrüppelten Bein fort bewegen, treibt mir die Tränen in die Augen. 
DSC09230Das eigentliche Zentrum Mannars scheint um den Busbahnhof herum zu liegen. Viel mehr ist nicht zu sehen.
Die meisten Häuser wirken ziemlich herunter gekommen, nur die Moschee mit ihrer vergoldeten Kuppel bildet eine Ausnahme. Auch die Markthalle hätte dringend einen Anstrich nötig.
DSC09254Als wir durch das Fischerviertel laufen, wird uns geraten, auf keinen Fall bei Dunkelheit noch hier zu sein. Also machen wir uns auf die Suche nach einem Restaurant, aber auch da ist nicht wirklich was vorhanden. Ein Imbiss muss es heute Abend tun. Enttäuscht laufen wir zurück.
Am nächsten Morgen bestellen wir uns ein Tuktuk. Auch dieses hat einen Kunstpelzhimmel. Er ist pink und die roten Kunstledersitze haben ein Pythonmuster. Ob sich Mannars Damenwelt vom eigenwilligen Geschmack des jungen Fahrers beeindrucken lässt?

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Aus der Ferne sieht Mannar recht malerisch aus

Anuradhapura ist unser Ziel. Langsam verändert sich das Landschaftsbild, das Karge macht zunehmend wieder tropischem Bewuchs Platz. Gleich wirkt alles viel aufgeräumter, vielleicht, weil nicht mehr so viel Abfall herumliegt, oder weil er unter dem dichten Grün verschwindet.
DSC09283Anuradhapura war Jahrhunderte lang Königssitz und damit Hauptstadt. Wir machen einen langen Spaziergang in die Innenstadt. Der heilige Bodhibaum und der Tempelbezirk sind nicht unser Ziel, wir haben keinen Zugang zur buddhistischen Religion. Viel lieber durchstreifen wir die Nebenstraßen und –gassen.

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Frauen bei der Herstellung von Hoppers

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Tuktuk-Werkstatt im Armenviertel
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und einer der Bewohner, der promt um etwas Geld bettelt

Für den Abend haben wir uns aus einer Rangliste ein gutes Lokal ausgesucht, und wir werden nicht enttäuscht. Es schmeckt prima, da wollen wir am nächsten Abend noch mal hin.
Klaus hat schon seit Tagen Ohrenschmerzen, und ín der Nacht ist es schlimmer geworden. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zum privat geführten Königs-Hospital. Er wird in eine Liste eingetragen, bekommt die Nummer 3 und die Anweisung, um 18.30 wieder zu kommen.
Als wir kurz vorher dort sind, ist der Wartebereich bereits voll. Wir gehen wieder zur Anmeldung und werden von einer Krankenschwester zu einem Wartezimmer ein paar Häuser weiter geführt. Sie schiebt sich mit uns im Schlepptau zur hiesigen Anmeldung vor, der Name wird auf einer Liste abgehakt, und wir zur Apotheke im selben Raum geschickt. Dort muss Klaus erklären, warum er hier ist, und ein Schreibheft kaufen. Wir wundern uns, bekommen aber auf unsere Fragen keine richtige Antwort, nur dass er das brauchen wird, erfahren wir. Du musst bestimmt 100 mal schreiben: „Ich darf keine Wattestäbchen benutzen“, necke ich ihn. Ein junger Mann geht mit uns zurück zur Anmeldung, und nennt einen Betrag von 1.200 Rupien (6,60 €). Nach dem Bezahlen begleitet uns die Krankenschwester in den Wartebereich ein Stockwerk höher und bedeutet uns, vor Behandlungsraum 25 zu warten.
Über 50 Wartende vor fünf Behandlungszimmern, davon mehr als ein Dutzend Kinder von ca. 10 Tagen bis zu 10 Jahren. Sie sind krank und müde und dem entsprechend quengelig. Aber sie werden geduldig geschaukelt und hin- und hergetragen.
IMG_20171012_172214Amüsiert betrachte ich eine muslimische Familie mit einem Neugeborenen. Das Baby weint, und die junge Mutter schaukelt es solange, bis es eingeschlafen ist. Dann nimmt ihr eine ältere Frau – ich tippe auf die Schwiegermutter – das Kind ab, das daraufhin wieder zu schreien beginnt. Nun ist die Mutter dran, aber sobald es ruhig ist, verlangt die Ältere es wieder. So geht es zig mal hin und her. Und jetzt zeigt sich auch, wie praktisch doch so ein Kopftuch ist, als das Baby spuckt wischt die Ältere dem Säugling mit Mamas grünem Tuch schnell mal den Mund ab. Die Kinder werden in Raum 23 behandelt. Dort versuchen besorgte Eltern immer wieder, sich vorzudrängeln. Sie werden abgewiesen, das Nummernsystem scheint zu funktionieren.
Inzwischen sind wir an der Reihe, und die mit einem Sari bekleidete Ärztin lässt sich die Beschwerden schildern und notiert alles in das mitgebrachte Schreibheft. Nach inspizieren der beiden Gehörgänge und Behandlung des betroffenen Gehörgangs kann Klaus wieder Stereo hören.  Auch die verordneten Medikamente werden aufgeschrieben, ein Stempel darunter und fertig. In der Apotheke legt man das Heft vor und bekommt die Medikamente. Und der Patient behält das Heft und hat seine Akte immer zur Verfügung. So einfach kann es sein, auch ohne Krankenkarte.

Eluvamkulam, die ins Wasser gefallene Safari und Negombo (Sri Lanka)

Die Busfahrt nach Puttalam verläuft normal, auch die Musik ist wieder erträglich. Wir sind nicht mehr so weit im Norden. Nach gut 1 ½ Stunden sind wir am Zwischenziel. Weiter geht es mit einem Kleinbus. Der fährt um 1.30 ab, um kurz darauf an einem anderen Platz noch bis 2 Uhr zu warten. Und dann wird es richtig voll. Wir sitzen eng nebeneinander auf einem zweier Sitz und haben unsere Rucksäcke auf dem Schoß. Wenn man denkt, da kann unmöglich noch jemand zusteigen, wird man jedesmal eines besseren belehrt. Die Fahrgäste quetschen sich klaglos in den Gang, Gepäckstücke landen auf unseren vorne liegenden Koffern. Nach 20 Minuten steigen ca. 10 Leute aus, aber dafür 25 Schulkinder zu. Unglaublich, das wäre was für „Wetten, dass“ gewesen.
DSC09326Unsere Unterkunft für die nächsten 3 Tage beschert uns ein leichtes Afrika-Gefühl. Ein kleines Häuschen mit überdachter Veranda auf einem wunderschönen, leicht verwilderten Grundstück, die tragenden weißen Säulen mit braunen Mustern. Unser Gastgeber Sereno, der gemeinsam mit seiner Partnerin Kumari die kleine Anlage betreibt fragt, ob wir schwimmen gehen wollen. Schon, aber wo. Er läuft mit uns ein paar hundert Meter weit bis zu einem Fluss.
DSC09315„Krokodile,“ frage ich. Er lacht, hier sei es ungefährlich, erklärt er uns, und geht zum Beweis gleich ins Wasser. Das hat eine herrliche Temperatur und fühlt sich auf der Haut wie Samt an. Wir schwimmen ans andere Ufer. Kurz darauf sind zwei Kinder da, dann kommt ihre Mutter mit einer großen Schüssel und wäscht im Fluss stehend die Wäsche. Danach wäscht sie dem Jungen und sich gründlich die Haare. Das mache ich morgen auch.
Morgens um 6 sind wir mit Sereno verabredet, er will mit uns Vögel beobachten gehen. Anfangs sehen wir nicht viele, aber während des Rundgangs entdecken wir immer mehr.
P1070309Als erstes die kunstvollen Nester von Webervögeln.
P1070362Bald sehen wir den ersten Pelikan,
P1070390ein Fischadler-Paar, Black-Nack-Störche, Ibisse, Reiher,
P1070369 es müssen ein paar hundert sein. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt.
Aber wir sind nicht allein zu dieser frühen Stunde unterwegs.
DSC09299Eine Frau schneidet die wie Palmwedel aussehenden aber mit heftigen Dornen bewehrten Zweige und schält sie gleich. Aus denen werden Körbe geflochten.
P1070326Ein Mann ist im Lotosteich unterwegs und schneidet Knospen in Mengen.


Ist nicht erlaubt, nur als Opfergabe für Buddha. Aber vielleicht hat er eine große Bitte oder etwas gut zu machen.
DSC09305Bei der Gelegenheit werden gleich noch ein paar Fische herausgeholt.
Als uns Kumari nach unserer Rückkehr nach über drei stunden dann noch mit einem leckeren Frühstück erwartet, sind wir vollauf zufrieden.
Nachmittags gehen wir nochmal zum Fluss. Auf dem Weg liegt frischer Elefantendung, wenn man sich vorstellt, dass die gestern Abend denselben Weg benutzt haben, wie wir. Und kaum am Ufer angekommen, fliegt ein Pfau von der anderen Seite über das Wasser. Wie schön er aussieht, sein glitzerndes Gefieder, die Flügel rostrot und die langen Schwanzfedern schwingen in leichten Wellenbewegungen.
Am nächsten Morgen steht um 5.30 Uhr ein Tee für uns bereit. Kumari ist um 3 Uhr aufgestanden und hat einen Korb mit Frühstück und Lunch für uns vorbereitet. Kurz vor sechs ist der Jeepfahrer da und dann geht es auch schon los. Er ist gerade mal ein paar 100 m gefahren, wir kämpfen noch mit der Morgenmüdigkeit, da stoppt er plötzlich.
P1070381Dort auf dem Weg, den wir gestern morgen gelaufen sind, trabt ein junger Elefant. Und keiner hat die Kamera griffbereit. Klaus nestelt seine heraus und versucht ihn noch zu erwischen. Jetzt sind wir hellwach.
P1070389Noch ein paar Kilometer bis zum Wilpattu Nationalpark. Eine Straße verläuft gerade durch den Park, eine richtige Waschbrettpiste. Anders als Bundala hat Wilpattu viel mehr dichten Dschungel. Als wir das erste Rudel Axishirsche sehen, sind wir begeistert.
P1070427Während dieser Safari sehen wir so viele Rudel, es müssen mehrere hundert Tiere sein. Auch die ersten Vögel erscheinen, Fischadler, Pfauen,
P1070433Ceylonhähne,
P1070392Bienenfresser und viele andere. Und dann beginnt es zu regnen. Erst bleiben wir unbeeindruckt, aber als der Regen heftig vom Himmel fällt, rollen wir die leider nicht ganz durchsichtige Folie vor unserem Aussichtsfenster herunter. Der Regen läuft in Strömen herunter und uns auf die Füße. Zwischenzeitlich hört es auf zu regnen, aber jedes Mal, wenn wir unter den niedrigen Ästen hindurch fahren, kriegt einer von uns eine kalte Dusche. Mehrere Male rollen wir die Folie rauf und runter; denn fotografieren ist durch sie nicht möglich. Irgendwann haben wir keinen trockenen Faden mehr am Körper.
Gegen 9 Uhr machen wir eine Frühstückspause. Dafür gibt es eine Rundhütte mit umlaufenden Bänken. Vielleicht acht Fahrzeuge sind hier, und die Hütte ist bereits voll. IMG_20171013_083219Ein besonders cleverer Axishirsch hat sich von seiner Gruppe abgesondert und versucht von den vielen Leckerbissen etwas zu erbetteln. Er lässt sich streicheln und aus der Hand füttern. Sein asymmetrisches Geweih fühlt sich ganz warm an, das überrascht mich. Er klaut einem Touristen seine Sandwichverpackung aus der Hand und versucht die Plastikfolie zu fressen, die anscheinend gut riecht. Einer der Guides rennt hinter ihm her und versucht sie ihm abzunehmen. Hoffentlich hat er Erfolg.
Safari im Regen macht keinen Spaß, so entscheiden wir, es bei einer Halbtagestour zu belassen. Unser Fahrer hat vollstes Verständnis. Wir sehen zwei Sambahirsche und einen kleinen Muntjac und dann, als wir kurz vor dem Zugangstor zum Park sind, doch noch Elefanten.
P1070468Zwei Mütter mit ihren Jungen. Wie schön, sie drehen uns zwar schnell den Rücken zu, und einer der Kleinen versteckt sich hinter einem Busch, aber wir bleiben so lange stehen und beobachten sie, bis sie im dichten Buschwerk verschwinden.
Zurück in unserem Häuschen wollen wir nur trockene Kleidung und ein Bett.
Nachmittags laufen wir mit Sereno über das große Grundstück bis runter zum Fluss.
Hier kommen gern Elefanten von der anderen Seite rüber. Auf seinem Grundstück haben sie schon an die zwanzig Palmen umgeworfen, um an die leckeren Blattaustriebe zu gelangen. Zwar versuchen einige Farmer sie durch Elektrozäune am Betreten ihrer Plantagen zu hindern, aber so ein Elefant ist nicht blöd, er holt sich eine bereits umgestoßene Palme und wirft sie auf den Zaun. So kann er gefahrlos über den Zaun und sich bedienen.
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Nachdem wir wieder einen interessanten Abend mit dem perfekt englisch sprechenden, weit gereisten und gebildeten Sereno – der hier eine neue Aufgabe gefunden hat – verbracht haben, beobachten wir zum letzten Mal, wie er zu seinem Haus weiter unten in der Nähe des Flusses läuft, wie immer verfolgt von sechs weißen Katzen.

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eine von ihnen hat verschiedenfarbige Augen

Den letzten und vorletzten Tag wollen wir in Negombo verbringen, damit wir näher am Flughafen sind. Während wir fahren setzt heftiger Regen mit Sturm ein, und ca. 30 min. vor unserem Ziel gibt es einen Stau.
dsc093641.jpgHier hat der Sturm 3 Bäume umgeworfen, die jetzt auf der Fahrbahn liegen. Die Polizei räumt – unterstützt von ein paar Männern – die Straße.
Das Restaurant im Hotel ist an drei Seiten offen, und man musste Planen spannen, damit den Gästen nicht das Essen vom Teller geweht wird.
Das erhoffte letzte Bad im Meer kann auch an unserem letzten Tag nicht stattfinden, wieder Regen und Sturm. Der Nachmittagsspaziergang lässt unsere leichte Wehmut darüber rasch verschwinden, der Strand liegt voller Müll, für uns wenig einladend.
Unser Flug nach Malaysia geht um 0.25 Uhr und wir lassen uns mit dem Taxi um 22 Uhr abholen  und die 14 km zum Flughafen bringen. Wir sind überrascht, wie viele Menschen um diese Uhrzeit hier unterwegs sind. Insgesamt dreimal wird unser Gepäck einem Sicherheitscheck unterzogen. Hier ist man also besonders gründlich.
Die Maschine startet pünktlich. Ein letzter Blick auf Colombo aus der Luft lässt Sri Lankas Hauptstadt aussehen wie einen Sternenhimmel mit unzähligen weißen Lichtpunkten, nur durchbrochen von langen gelben Linien, den beleuchteten Straßen.

Positives, Merkwürdiges und Negatives nach 6 Wochen in Sri Lanka

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unsere Reiseroute

Wir haben wir uns unterwegs zu jeder Zeit und selbst im dichtesten Gedränge sicher gefühlt. Allerdings wurde uns in der letzten Woche in einem Hotel Bargeld aus dem abgeschlossenen Zimmer gestohlen, während wir unterwegs waren.
Die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen gewinnt sofort Sympathien. Im Bus z.B. wurden wir immer wieder angesprochen, woher wir kommen und wie uns das Land gefällt. Wenn wir durch die winzigsten Gassen liefen, genügte ein Lächeln, und man winkte uns zu.
Das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist spottbillig. Ja, es dauert seine Zeit, aber sowohl innerhalb der Züge und Busse als auch außerhalb gibt es immer was zu sehen. Erstaunt hat uns, dass fremde Menschen sich dafür verantwortlich fühlen, dass wir den richtigen Bus nehmen und an der richtigen Haltestelle aussteigen.
Die Landschaft, die Vegetation und die Tierwelt hat es uns angetan. Es gibt soviel zu sehen und zu entdecken. Interessant zu sehen, wie und wo bei uns bekannte exotische Obstsorten wachsen.
Einige der Menschen, die wir getroffen haben, sind uns richtig ans Herz gewachsen, mit denen möchten wir in Kontakt zu bleiben.
Erstaunlich ist die ethnische Vielfalt. Die Menschen sind entweder sehr klein und zierlich oder sehr groß und breitschultrig oder irgendeine Variante dazwischen. Die Hautfarbe variiert von hell bis dunkel.
Unsere Verwunderung über den Straßenverkehr hat sich nicht gelegt. Obwohl jeder beim Fahren seinen Vorteil sucht, überholt, drängelt, trickst, haben wir keine Aggressionen gespürt. Drängelt sich jemand vor und ein anderer hupt, heißt das nur: „Achtung hinter Dir ist jemand.“ Beispiel: Die Straße ist auf der linken Seite gesperrt. An dieser Engstelle fahren zwei Radfahrer nebeneinander und unterhalten sich. Kurzes Hupen zum aufmerksam machen und dann drumherum gekurvt ohne sich aufzuregen.
Mit dem Linksverkehr haben wir noch immer Schwierigkeiten. Gerade wenn man eine durch Mittelstreifen geteilte oder eine Seitenstraße überquert, schauten wir öfter in die falsche Richtung. Oder schnappten kurz nach Luft, wenn ein Fahrer gefühlt falsch in einen Kreisverkehr einbog.
Werbefotos zeigen grundsätzlich weiße, kugelrunde Babys. Wenn die Temperatur draußen unter 30 Grad ist, müssen die Allerkleinsten dicke Mützen tragen. Und die kleinen Mädchen bis ca. 10 Jahre können sich außerhalb von Kindergarten und Schule wie Prinzessinnen fühlen. Egal ob Wochentag oder Sonntag, sie haben Festtagskleidchen mit Glitzer, Gold und Tüll an.
Auch nach 6 Wochen stutzen wir immer noch, wenn wir etwas fragen und unser Gegenüber den Kopf schüttelt, was „Ja“ bedeutet.
Regenschirme sieht man bei jedem Wetter. Bei Sonnenschein soll er helfen, den begehrten hellen Teint zu behalten. Übrigens wird der Sonnenmilch deshalb Bleichmittel beigemischt.
Über Schuluniformen hatte ich schon geschrieben, aber auch die Frisuren sind zumindest im Norden und Nordosten gleich. Die Mädchen tragen Zöpfe oder Affenschaukeln und die Farbe der Haarschleifen ist auch einheitlich.
Die Sri Lanker nennen ihre Kartoffeln Artãpal. Die Erklärung fanden wir auf einer holländischen Packung Instant-Kartoffelpürree. Es entspricht dem Wort Aardappel (Erdapfel).
Natürlich gibt es auch Ärgernisse, Tuktuk-Fahrer, oder Verkäufer von Waren, die uns Mondpreise nannten. Das ist im Osten und Norden nie passiert, nur an der Westküste, wo sich die meisten Touristen aufhalten. Es gibt aber auch hier Ausnahmen. Wir hatten uns an einem Busbahnhof Fruchtsaft bestellt, den ein älterer Mann vor unseren Augen zubereitete. Der junge Kassierer verlangte 150 Rupien und wurde von dem anderen zusammengestaucht. Er musste uns 50 zurückgeben.
Auch die Schlepper nerven, gerade an der Westküste kann man keine 100 m laufen, ohne dass jemand hartnäckig versucht, einem irgendwas zu verkaufen.
Die in winzigen Käfigen zum Verkauf angebotenen Vögel hätten wir am liebsten alle freigelassen.
Leider wird dieses schöne Land zugemüllt, denn Plastik ist allerorten. Und so sieht man am Straßenrand, am Strand, mitten in der Natur jede Menge davon. In einem Hotel war jeder Teller in Plastikfolie gehüllt, spart zwar den Abwasch, aber wo landet das alles? Papierkörbe sucht man auf den Straßen meist vergebens, Müllabfuhr ist auch nicht überall vorhanden. Da hat die Regierung noch einiges zu regeln.
Papier dagegen ist kostbar und wird wiederverwendet. Informationen erhält man auf winzig kleinen Zetteln. Die durch Busse laufenden Verkäufer haben aus alten Schulheften Tüten für ihre Lebensmittel gebastelt.
Würden wir wieder hinfahren? Auf jeden Fall.
Newatha hamuvemu Sri Lanka

Fort Kochi (Indien)

Etliche Wochen später als geplant fliegen wir am 11.1.26 mit Saudia Airlines nach Indien. In Frankfurt ist es winterlich kalt und der Himmel dicht bewölkt. Die Maschine ist nicht voll besetzt und ein Stuart bringt den Herrn auf dem 3. Sitz neben uns zu einem anderen Platz. “Jetzt haben Sie es bequemer,” sagt er lächelnd zu uns. Kaum hat die startende Maschine die Wolkendecke durchstoßen, gibt es nur noch blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Es folgt ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, der die Wolkendecke in ein flauschiges rosa Gebilde verwandelt. Als wir über Ägypten fliegen, ist es bereits dunkel, nur die Ansiedlungen an beiden Ufern des Nil leuchten hell. Etliche westlich gekleidete Männer verschwinden nacheinander in den Toiletten und kommen in zwei weiße Frotteetücher gewickelt wieder heraus. Wir überfliegen das rote Meer und als wir auf der Höhe von Mekka sind, werden die Passagiere aufgefordert, jetzt ihre Gebete zu sprechen. Kurz darauf erreichen wir Dschidda. Ich glaube, das Wort Lichtverschmutzung ist hier erfunden worden. Unter uns ein Lichtermeer, mehrspurige Autobahnen, Schnellstraßen, alle Straßen und Wege sind hell erleuchtet. Die Landebahnen werden von roten, grünen, blauen und gelben Lichtbändern eingerahmt. Energie hat man hier im Überfluss. 

Der König-Abdal-Aziz-Flughafen – 1980 von einer deutschen Firma erbaut – ist flächenmäßig einer der größten der Welt und bietet Pilgermaschinen viel Stellplatz. Das neue Terminal wurde 2018 eröffnet und hat im Zentrum ein gigantisches Pendel.

Alles ist großzügig, hell und um 23.00 Uhr Ortszeit sind Massen von Menschen unterwegs. Alle Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, Servicepersonal ist unentwegt mit Reinigungsarbeiten beschäftigt, der Betrieb wird nicht weniger, als wir zu unserm Weiterflug um 2.00 Uhr über mehrere Laufbänder zum Gate gelangen.  

Dieses Mal haben wir es nicht so bequem, die alte Maschine mit unbequemen Plastiksitzen und ohne Bildschirme ist voll besetzt. Es sind in der Hauptsache Inder, die in ihre Heimat fliegen. Viele von ihnen arbeiten in den Ölstaaten.  

Mit halbstündiger Verspätung landen wir um 10.30 Uhr in Kochi, der größten Stadt im Bundesstaat Kerala. Das Hotel hat uns ein Taxi geschickt, doch bevor wir den Fahrer treffen können, stehen uns die Einreiseformalitäten bevor. In Sachen Bürokratie kann Deutschland einiges von Indien lernen. Die Beantragung der eVisa hat uns schon Zeit und Nerven gekostet, und jetzt wird jeder Buchstabe, jede Zahl noch einmal überprüft. Immerhin dürfen wir in Polstersesseln mit Schondeckchen Platz nehmen. Um 12.00 Uhr treffen wir dann endlich den Fahrer, der ein Schild mit meinem Namen hochhält. 

Die Koffer kommen auf den Vordersitz, weil sich im Kofferraum ein großer Gastank befindet, und dann verlassen wir das gepflegte Flughafenareal durch eine Schranke und landen im quirligen Großstadtverkehr mit aller Art von Fahrzeugen. Im Stadtbild wechseln sich modernste Hochhäuser mit einstöckigen Shops, Werkstätten und Lokalen ab. Wir sind zwar keine Neulinge in Asien, aber hier ist alles nochmal bunter, chaotischer und verrückter. Man weiß überhaupt nicht, wohin man schauen soll. Die Stadt Kochi hat ca. 700.000 Einwohner, aber die Metropolregion 3,5 Millionen. Die Stadtteile gehen ineinander über und liegen zum Teil auf Inseln und Halbinseln. 

aus Reise Know-How „Indien der Süden“

Ruhiger wird es erst, als wir über mehrere Brücken unseren von den Portugiesen 1503 gegründeten Stadtteil Fort Kochi erreichen. Über 40 Kilometer haben wir zurückgelegt, als wir nach zwei Stunden vor unserem Homestay ankommen.

Vier Zimmer werden in diesem Haus vermietet, wir wohnen in 107! – sehr einfach, aber mit eigenem Bad und Klimaanlage. Für eine Woche inklusive Frühstück zahlen wir 160 €. 

Wieder müssen wir die Pässe vorzeigen und sogar unsere eVisa. Und jetzt beginnt die übliche Anfangsprozedur, Geld am Automaten holen – es klappt erst am dritten – und SIM-Karten für die Handys kaufen. Das dauert nochmal genauso lange, wie die Einreise. der Reisepass wird fotografiert und dann alles nochmal von Hand eingegeben, wir werden fotografiert vor einem schmuddelig weißen Rollo, das der junge Mann mit der linken Hand hinter unsere Köpfe hält. Erst nach unzähligen Versuchen akzeptiert das Programm das Foto.   

Abends landen wir in einem kleinen Restaurant, im Hof drei Tische. Der Besitzer-Kellner-Koch empfiehlt eine Vorspeise und danach Fisch. Wir trinken einen Mojito, natürlich ohne Alkohol. Die Vorspeise heißt Cutlet und besteht aus Frikadellen, einmal Huhn und einmal Rind. Da die Fische sehr klein sind, bekommen wir jeder zwei, einmal gebraten mit Salat und einmal in einer würzigen Soße aus Kokosmilch, grünen Chilis, Ingwer und Knoblauch. Wirklich gut. 

Am nächsten Morgen lernen wir indisches Frühstück kennen. Es gibt drei Crepes für jeden und dazu eine Schale Dal (gelbe Linsen), Papaya und Tee oder Kaffee. In den nächsten Tagen bekommen wir jeden Morgen etwas anderes serviert. Der Gastgeber legt Wert auf Abwechslung. 

Mit einem Tuk Tuk, das hier Rikscha heißt, zum größten Teil von der italienischen Firma Piaggio in Indien produziert wird und in unzähliger Menge auf den Straßen herumfährt, lassen wir uns zum Vasco da Gama Platz bringen. Hier stehen schon viele Kollegen unseres Fahrers und warten auf Kundschaft, denn die meisten Touristen wollen das wichtigste Gebäude in Fort Kochi, die St. Francis Church besuchen.

Sie ist die erste Kirche, die von portugiesischen Mönchen auf indischem Boden errichtet worden ist. Vasco da Gama, der den Seeweg nach Indien entdeckte, wurde 1524 hier beigesetzt, 14 Jahre später fanden seine Gebeine in Portugal ihre letzte Ruhe. Auch in einer christlichen Kirche müssen Besucher die Schuhe ausziehen. Filmen ist in der recht schmucklosen Kirche verboten, fotografieren nicht.  

In Kochi findet gerade die Bienale statt, Indiens größte internationale Kunstausstellung. Alle zwei Jahre wird zeitgenössische Kunst im Bereich Malerei, Skulptur und Installationen in verschiedenen Gebäuden im alten Stadtteil ausgestellt. Gegenüber der Kirche können wir in einem ehemaligen Country Club einen winzigen Teil der Ausstellung besichtigen.  

Kurze Zeit später sind wir an der Promenade. Dicht an dicht stehen hier Verkaufsstände und alle bieten Eis an. Die Promenade – gesäumt von Verkaufsständen – erstreckt sich im weitem Bogen nach Osten. Hier herrscht ein unglaublicher Betrieb in beide Richtungen, aber man wird nicht belästigt. Zwei rostige Dampfkessel, die früher für die Hafenkräne gebraucht wurden, sind heute ein beliebtes Fotomotiv. Die Inder sind äußerst rücksichtsvoll, sobald jemand fotografiert, bleiben sie stehen und warten oder laufen um den Menschen mit Kamera herum.  

Müllsammler sind am Strand unterwegs, die sind auch bitter nötig, der Strand ist unglaublich verschmutzt. Das hindert ein paar Fischer jedoch nicht daran, mit ihren Wurfnetzen ins Wasser zu gehen. Besser haben es diejenigen, die eins der rund ein Dutzend chinesischen Netze besitzen. Das ist eine massive Holzkonstruktion mit breiter Plattform, ein großes quadratisches Netz wird kurz ins Wasser gelassen und nach ein paar Minuten von drei bis sechs Männern wieder herausgezogen. Die darin gefangenen Fische und Krebse werden direkt am Steg oder an der Promenade verkauft. Damit kann man in ein nahe gelegenes Restaurant marschieren und sich den frischen Fisch nach Wunsch zubereiten lassen. Das Netz wird gleich wieder heruntergelassen, dank einer raffinierten Konstruktion mit großen Steinen genügt dazu ein einzelner Mann. Sobald das Netz wieder nach oben gezogen wird, stürzt sich eine Schar weißer Reiher auf den Fang. Solange es sich nur um kleine Fische handelt, lassen die Fischer sie gewähren.  

Zwischen den chinesischen Netzkonstruktionen liegt die Station der Water Metro, die in 20 Minuten nach Ernakulam, den modernen Teil von Kochi fährt. Rund um die Station hat sich ein großer Markt mit Kleidung, Spielzeug und sonstigen Kinkerlitzchen angesiedelt.  

An einer bemalten Mauer vorbei, von denen es viele in Fort Kochi gibt, gehen wir in ein Café, gleichermaßen beliebt bei Touristen und Einheimischen. Entsprechend sind die Preise, wobei wir bei 3,50€ für ein Sandwich mit Thunfisch- bzw. Hühnersalat wirklich nicht meckern können. Abends entdecken wir ein weiteres Café in der Nähe unserer Unterkunft, das Mahé ist in einer über 100 Jahre alten gepflegten Villa mit viel Grün rundherum eingerichtet. Die Kolonialherren haben es sich wirklich gutgehen lassen. 

Am Mittwoch machen wir eine Stadtrundfahrt in einer Rikscha. Unser Fahrer zeigt uns den beliebten Sunset-Point westlich von den chinesischen Netzen und fährt durch den trubeligen Markt zur Santa Cruz Basilika. Sie gilt als eine der schönsten Kirchen des Landes und hat auch eine spannende Vergangenheit. 1505 erbaut von den Portugiesen, 1558 zur Kathedrale ernannt, von niederländischen Eroberern ausnahmsweise nicht abgerissen, was mit vielen katholischen Kirchen passierte. Den Abriss haben dann 1795 die Briten übernommen. Hundert Jahre später wurde ein Neubau in Auftrag gegeben und zehn Jahre später fertiggestellt. Pabst Johannes Paul II. hat die Kirche 1984 zur Basilika erhoben, dafür gibt es auch ein päpstliches Symbol über der Mitteltür.  

Der niederländische Friedhof zeigt noch viele verwitterte Grabsteine, aus der Besatzungszeit 17. – 18. Jahrhundert. Betreten kann man ihn nicht, das Tor ist verschlossen.  

Dhobi Khana ist die nächste Station, diese öffentliche Gemeinschaftswäscherei wurde bereits von den Niederländern gegründet. Die Dhobis, eine südindische tamilische Gemeinschaft musste für die Armee der Besatzer die Uniformen waschen. Noch heute existiert die ausschließlich von muslimischen Männern betriebene Wäscherei, wo alles reine Handarbeit ist. Zahlreiche Nischen haben aus Beton geformte Wasch- und Spülbecken. Auf einer Wiese sind Leinen gespannt, wo die Wäsche ohne Klammern befestigt wird, es gibt auch einen Bleichplatz. Und in der Halle vor den Becken wird gebügelt. Fertige Wäsche wird in nummerierten Verschlägen aufbewahrt. Hotels und Privathaushalte nutzen diesen Service heutzutage. Noch knapp 50 Familien soll diese Arbeit ernähren; ihre Wohnhäuser befinden sich direkt gegenüber in einer kleinen Gasse. 

Nächster Halt ist am Thirumala Devaswom Tempel, ein sehr bedeutender und wichtiger Bau, der bereits 1599 vollendet worden ist. Nur Hindus der höheren Ordnung dürfen diesen Ort besuchen. Wenigstens ist das gegenüber im Tempelteich stehende Häuschen mit dem Kupferdach ein schönes Fotomotiv. Die beiden Tempel für die Gottheiten Kuh und Löwe in der Nähe sind dagegen für alle Hindus zugänglich. Direkt nach diesem Foto verweigert meine Kamera ihren Dienst, die Batterie ist schlagartig leer.  

Sosehr wir uns auch wehren, unser Fahrer hält vor zwei Geschäften und bittet uns, wenigstens einmal hineinzuschauen, dafür erhält er Punkte. Gutmütig erfüllen wir ihm den Wunsch. Der holländische Palast, der von außen so gar nichts hermacht, bleibt unbesucht. Das Knie will heute keine Treppen steigen, deshalb fahren wir gleich weiter ins jüdische Viertel. 

Juden leben hier vermutlich nicht mehr, lt. Wikipedia sollen Anfang dieses Jahrhunderts nur noch ca. 20 ältere Juden hier gelebt haben. Ursprünglich waren es drei verschiedene Gruppen, bei denen sich auch eine Art Kastensystem entwickelt hat, je nach Herkunft und Hautfarbe waren sie mehr oder weniger angesehen. Die meisten sind irgendwann nach Israel emigriert. Heute befindet sich im jüdischen Viertel eine Ansammlung von Geschäften, die alles bieten, was einen Touristen zum Kaufen verführen könnte. In einer alten Synagoge gibt es eine Kunstausstellung, im Hof vermutlich den letzten Friedhof. 

Interessant sind die Gewürzläden. Diese Vielfalt, die der Grund für die europäischen Eroberer war, einen Seeweg nach Indien zu finden, begeistert auch heutzutage noch. Wie das schon riecht, wenn man einen solchen Laden betritt. Zimt, Nelken, Pfeffer, Kardamom, Muskat und mehr, und dann gibt es Dinge, die wir bisher weder gesehen noch von ihnen gehört haben. 

Abends gehen wir in ein vegetarisches Restaurant. Was in der indischen Küche aus Gemüse entsteht, ist einfach großartig. Kein Fleisch bedeutet hier keinesfalls Verzicht. Wir kommen in den nächsten Tagen öfter an diesem Lokal vorbei, und nur einmal gelingt es uns, noch einen Platz zu ergattern. 

Die Kamera lässt sich nicht wieder aufladen, wir fragen nach einem Fachgeschäft und müssen dafür nach Ernakulam. Mit der Water Metro fährt man für 0,50 € mit dem Boot in 20 Minuten zum Festland. Mit uns steigt eine Gruppe Nonnen ein, wir kommen mit zweien ins Gespräch. Sie sind vom Heiliges Kreuz Orden, und eine erzählt stolz, dass sie schon einmal in der Niederlassung Altötting war. 

Angekommen in Ernakulam fahren wir mit einer Rikscha zum Fotogeschäft, gleich mehrere Mitarbeiter bemühen sich um uns, rufen extra ihren Techniker an, der nach 10 Minuten da ist, und eine Ladevorrichtung für die Batterie konstruiert. Nach über einer Stunde ist sie so weit geladen, dass ich wieder Bilder machen kann. Da dieser Typ Kamera nie in Indien verkauft worden ist, gibt es auch keine Ersatzbatterien. 

Noch ein Abstecher in ein Einkaufszentrum, wo wir etwas essen. Im Erdgeschoss fährt zur Freude der Kinder ein englischer Doppeldeckerbus durch die Gänge und alle wollen mitfahren.

Wir laufen zur Promenade und dort über die Rainbowbridge, die einen stinkenden Kanal überspannt. Trotzdem sind die Menschen begeistert von der Brücke und machen eifrig Fotos. So viele unterschiedliche Typen sind hier unterwegs, die Frauen fast immer traditionell gekleidet, mit Hose und Kaftan oder auch im Sari, aber auch westliche Kleidung sieht man an Inderinnen. Im Terminal müssen wir lange warten, bis die richtige Fähre anlegt, aber alles läuft stressfrei ab, die Warteschlange rückt kontinuierlich voran. Als wir Fort Kochi erreichen, beleuchtet die untergehende Sonne die chinesischen Fischernetze.