Die Hauptstadt San José (Costa Rica)

Der Bus in die Hauptstadt fährt erst am Nachmittag ab. Weil in der Regenzeit wenige Gäste im Hotel sind, können wir bis mittags in unserem Häuschen bleiben. Pünktlich um 14:45 startet dann der Bus. Es ist nicht sehr weit bis nach San José, aber es braucht doch 4,5 Stunden für knappe 150 Kilometer.

Die Landschaft ist bergig und entsprechend kurvig die Straße, es geht ziemlich hoch hinaus. Die Häuser links und rechts der Straße sind recht klein, wirken aber gut gepflegt. Das Land ist so fruchtbar, dass sogar Zaunpfähle ausschlagen. Umso merkwürdiger, dass Besitzer großer Grundstücke mit schönen Häusern eine Vorliebe für fast schmucklose Rasenflächen haben. Ein paar blühende Stauden auf 20 cm links und rechts am Grundstücksrand, ein Felsbrocken oder eine Statue im Vorgarten, das scheint moderne Gartengestaltung à la Costa Rica zu sein.

Als der Bus wieder bergab fährt, leuchtet die 25 Kilometer von San José gelegene Stadt Alajuela schon von weitem in der Dunkelheit. Ein riesiges modernes Einkaufszentrum lockt mit blinkenden Lichtern und einem beleuchteten Riesenrad. Als wir am Flughafen halten, drängt uns eine Mitreisende zum Aussteigen. Als wir ihr erklären, dass wir in die Hauptstadt wollen, ist sie erstaunt. San José ist bei Travellern nicht sehr beliebt. Der erste Eindruck ist im Dunklen auch nicht wirklich einladend. Das Stadtviertel, durch das der Bus gerade fährt, wirkt herunter gekommen. Menschen sitzen oder liegen auf den maroden Bürgersteigen. Alle Läden haben die eisernen Rollläden herunter gelassen. Beim Busterminal muss erst ein Tor geöffnet werden, damit wir auf den Parkplatz fahren können. Innen ist das Terminal modern, sauber und hell erleuchtet. Der Ausgang ist bereits geschlossen, wir müssen durch die Eingangshalle. Mindestens zwanzig Taxifahrer warten hier auf Fahrgäste. Wir haben bereits bei Uber ein Auto bestellt und erzählen, dass unser Hotel einen Fahrer schickt, danach werden wir in Ruhe gelassen. Unserem Fahrer fehlt allerdings ein wenig Fantasie. Er wartet am Ausgang – ist ja eigentlich logisch, aber er muss doch merken, dass kein Mensch herauskommt. Auf die Idee, uns eine Nachricht zu schicken, kommt er auch nicht. Frustriert storniert er nach 10 Minuten die Fahrt. Sein Kollege jedenfalls fragt sofort an: „Wo finde ich Euch?“ Und damit läuft alles wie geschmiert.

Im Hotel erwartet uns Roland, der Freund des abwesenden Besitzers, beide sind Schweizer. Wir bekommen ein schönes großes Zimmer mit eingebautem Wandschrank und einem Nebenraum mit Stockbetten, wo wir unsere Koffer ausbreiten können.

Direkt vor dem Hotel führt eine Eisenbahnstrecke entlang. Wir staunen, dass die Schienen ohne irgendwelche Schranken mitten auf der Straße entlang führen. Während der Woche beginnt der Schienenverkehr bereits morgens um vier Uhr, begleitet von lautstarken Signalen. Nicht weiter schlimm, wenn man darauf vorbereitet ist.

Für das Abendessen empfiehlt uns Roland das Café Literario zwei Ecken weiter. Bücher hängen von der Decke und die Gerichte auf der Speisekarte heißen Hermann Hesse, Virginia Woolf, Harry Mathews usw. Eine gute Empfehlung, lecker und nicht zu teuer, weil sich kaum Touristen hierher verirren. Es ist ganz schön frisch draußen, San José liegt 1170 Meter über dem Meeresspiegel.

Die Innenstadt ist am Samstagvormittag richtig voll. Vor dem beeindruckenden Nationalmuseum, das unserem Restaurant vom Vorabend gegenüber liegt, fallen große Skulpturen in schwarz und weiß auf. Bis Mitte Juli läuft eine Ausstellung des Bildhauers Jorge Jiménez Deredia, der in Costa Rica geboren wurde und viele Jahre in Florenz lebte und arbeitete. Dort entdeckte er seine Begeisterung für Carrara-Marmor. Alle weißen Skulpturen sind aus diesem Material, die schwarzen aus Bronze. Ein zentrales Thema zieht sich durch alle hier ausgestellten Werke: die Kugel. Mehr als 350 Steinkugeln in der Größe vom Tennisball bis zu 2 Metern Durchmesser, vermutlich aus der Zeit von 600 bis 1200 n. Chr., wurden in verschiedenen Teilen des Landes gefunden und in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen.

Vor dem Nationalmuseum steht eine aus Glas und Stahl konstruierte Kugel um eines dieser merkwürdigen Fundstücke angemessen zu präsentieren. In der ganzen Innenstadt sind 27 Skulpturen von Deredia aufgestellt. Überall stehen Menschen davor und lassen sich fotografieren.

Kunst scheint in San José überhaupt eine große Rolle zu spielen, immer wieder fallen uns in dieser Stadt moderne Skulpturen auf. Doch die Hauptstadt hat durchaus ihre Probleme, viele Menschen leben auf der Straße. Wir sehen, wie sie sich am Abend auf ein paar Kartons legen und sie am Morgen zusammenfalten, um sie für die nächste Nacht aufzubewahren. In der Fußgängerzone sind Geschäfte         mit aktueller Mode, rund um die 140 Jahre alte Markthalle kleine Buden. Die Markthalle selbst hat ihre beste Zeit hinter sich, trotzdem kann man sich ihrer Faszination nicht entziehen. Mehr als 200 Marktstände sind in diesem Gebäude untergebracht. Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, Wurst und Käse erwartet man ja auf einem solchen Markt.

Aber hier gibt es noch viel mehr, Ledersättel, Schuhe, Kräuter, Blumen, Kleider, Andenken und über allem hängt der Duft nach Gekochtem und Gebratenem. Und die Marktbesucher scheinen alle hungrig zu sein, denn überall wird geschmaust.

Wir laufen durch Parks, sehen uns Kirchen an, von denen uns die Nuestra Senora de la Merced (liebe Frau der Barmherzigkeit) besonders gut gefällt: Die bemalten Säulen im Inneren und das Dach, das wie ein umgedrehtes Schiff aussieht, haben einen ganz besonderen Zauber. Dagegen wirkt die Kathedrale auf uns kalt und abweisend. Neben der Kathedrale eine große Marmorstatue von Deredia, die den polnischen Papst Johannes Paul II. darstellt.

Roland hat eine geschickte Art, die Gäste des kleinen Hotels zusammen zu bringen. Er macht uns mit Andreas aus Hameln bekannt, einem Weltreisenden, der schon jahrelang unterwegs ist und noch lange nicht an eine Rückkehr nach Deutschland denkt. Andreas hat viel erlebt und kann darüber so spannend erzählen, dass wir bis weit nach Mitternacht zusammen sitzen. Zwischendurch zeigt er uns ein paar seiner großartigen Tierfotos. Vögel und Schlangen sind seine Favoriten in Costa Rica. Um zu solchen Aufnahmen zu kommen, sitzt er stundenlang auf einem Fleck.

Am Sonntag sind die meisten Geschäfte geschlossen. Wir nehmen uns die Stadtviertel Otoya und Amón vor, die besonders hübsch sein sollen. Bemalte Wände und schöne Villen erwarten uns in den Vierteln und weil wir schon in der Nähe sind, besuchen wir auch gleich den Parque Zoológico y Jardin Botánico Nacional Simón Bolivar.

Vor 100 Jahren angelegt, hat sich die Vegetation zu einem kleinen Dschungel entwickelt. Die Vorstellung von Wildnis wäre fast perfekt, wenn sich der Fluss direkt daneben sauber und ohne Müll zeigte. Man würde sich nicht wundern, wenn einem jetzt irgendwelche Tiere vor die Füße laufen würden. Doch die sind in viel zu kleinen Anlagen und Käfigen untergebracht. Für die zeitgemäße Unterbringung ist kein Geld da. Der Zoo arbeitet eng mit der hiesigen Universität zusammen und hat in der Aufzucht verwaister oder gefährdeter heimischer Tiere einige Erfolge vorzuweisen. Jaguar und Ozelot sind hier ebenso zu sehen, wie viele Vögel. Verschiedene Tukane können wir heute ausgiebig betrachten, und Eulenarten gibt es hier, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Unsere Gefühle bewegen sich zwischen Faszination und Abscheu. Gerade Vögel in Käfigen und Volieren haben immer etwas trauriges. Wenn man sie wie wir in ihrem natürlichen Lebensraum gesehen hat, möchte man sie am liebsten alle freilassen. Bei den Giftschlangen hält sich mein Mitgefühl eher in Grenzen. Ein einsamer Tapir lebt auch hier, er teilt sich das Wasserbecken mit mehreren Krokodilen. Ein eisernes Gitter verhindert, dass beide Arten sich zu nahe kommen.

Bevor wir San José am Montag verlassen, gehen wir noch zur Hauptpost. Unsere Koffer sind zum platzen voll, und wir wollen unsere Einkäufe und ein paar überflüssige Dinge per Paket nach Deutschland schicken. Kartons gibt es hier nicht zu kaufen, aber der Mitarbeiter zaubert von irgendwo einen herbei, wir packen ein, er klebt zu. Das Porto ist für 4,5 kg recht teuer, aber wenn man für Übergepäck beim Fliegen zahlen muss, geht das auch ganz schön ins Geld. Jetzt hoffen wir, dass wir dieses Mal mehr Glück haben mit dem Versand. Roland hat uns versichert, dass seine Pakete in die Schweiz immer angekommen sind. Dann wollen wir mal hoffen, dass das bei uns auch klappt.

León – (Nicaragua)

Wir dachten, dass wir in der Hauptstadt die beste Möglichkeit zur Weiterreise haben. Falsch, vom kleinen Ort Palmarcito kostet die Fahrt nach Nicaragua nur knapp die Hälfte. Xena, unsere nette Vermieterin, hat uns Tickets gebucht und wir nehmen morgens noch mal den öffentlichen Bus an die Küste. Natürlich müssen wir wieder Tickets für unsere Koffer kaufen. Klaus händigt dem Schaffner 6 US$ aus und hat damit für uns vier (wir + 2 Koffer) bezahlt. Das Gepäck ist schon im Bus, bevor wir einsteigen dürfen. Man muss dem Fahrer die Tickets zeigen und darf sich dann durch das Drehkreuz quetschen. Und jetzt gibt es Ärger. Wir haben zwei Tickets, müssten aber vier haben. Der Fahrer ist unnachgiebig, trotz der Vermittlung eines englisch sprechenden Landsmannes, besteht er auf weiteren 3 US$. Klaus zahlt zähneknirschend. Die anderen Fahrgäste verfolgen das Ganze interessiert, aber die draußen Wartenden werden kein bisschen ungeduldig.

Als der Bus gerade anfährt, kommt der Schaffner zu uns, drückt uns drei Dollar-Münzen in die Hand und entschuldigt sich wortreich. Ein Aufseufzen geht durch den Bus. Man kann den Ausländern also doch trauen, sie wollten wirklich nicht betrügen.

Wieder sind wir in Palmarcito und gehen noch mal ins Strandrestaurant, um Ceviche (ein herrlich frisches Gericht aus Meeresfrüchten oder Fisch) zu essen. Währenddessen wird das Lokal mit Getränken beliefert. Vier Männer laden den ganzen LKW aus und schleppen tatsächlich jeder vier volle Bierkästen auf der Schulter und dabei können sie uns noch freundlich zuwinken.

Der Shuttlebus kommt eine halbe Stunde zu früh. Jetzt haben wir freie Platzwahl, denn die Mitfahrerinnen sind noch nicht vom Essen zurück. Den Bus kennen wir doch, das Spinnwebmuster auf der Windschutzscheibe ist unverwechselbar. Tatsächlich sind wir mit Bus und Fahrer bereits aus Antigua gekommen. Gesprungene Scheiben sind hier überhaupt kein Grund, gleich zur Werkstatt zu fahren, Hauptsache sie sind noch dicht. Löcher kann man auch einfach mit einer Glasscheibe überkleben.

Die restlichen Passagiere werden noch in El Zonte eingesammelt und dann beginnt die lange Fahrt. Auf guter Straße geht es durch das schöne Land. Kurz vor Sonnenuntergang halten wir noch an einer Tankstelle mit Supermarkt, wo wir etwas einkaufen oder am Geldautomaten die nötigen Dollar für die zwei Grenzübertritte ziehen können. Ein paar Kilometer weiter sind wir an der Grenze zu Honduras. Aus- und Einreise gehen zügig vonstatten. Und auf einer sehr gut markierten und teilweise beleuchteten Straße fahren wir durch Honduras. Zu sehen ist in der Dunkelheit leider kaum etwas, aber so eine gute Straße haben wir nicht erwartet.

Die Ausreise aus Honduras verläuft recht geordnet, nach Nicaragua kommen wir jedoch nicht so schnell hinein. Wir müssen unsere Pässe abgeben, das Geld hat der Fahrer schon vorher eingesammelt, und dann dauert es über eine Stunde, bis wir neun Personen einreisen dürfen, obwohl vor uns keine anderen Reisenden warten.

Aber auch diese Prozedur geht vorbei und wir können irgendwann weiterfahren. In der Dunkelheit tauchen am Straßenrand ab und zu Kühe oder Pferde auf. Plötzlich macht der Fahrer eine Vollbremsung, seelenruhig geht um Mitternacht ein Schwein auf der Straße spazieren. Jetzt sind alle wieder munter. Und eine knappe Stunde später erreichen wir auch unser Ziel Leon. Selbst um diese Zeit ist noch Betrieb in der Stadt. In einer Straße stehen Imbisswagen, deren Feuerstellen noch glühen, laute Musik ist zu hören. Nach und nach steigen die Mitreisenden vor ihren Hostels aus, der Fahrer drückt kurz auf die Hupe, die vergitterten Türen werden geöffnet und die späten Gäste willkommen geheißen. Und dann sind auch wir angekommen, hundemüde aber noch zu aufgekratzt zum schlafen. Wir trinken jeder ein Bier, das hilft.

Zum Frühstück gibt es im Hostel leckere Pfannkuchen mit Bananen und Kaffee, soviel man mag. Danach suchen wir den nächsten Geldautomaten und verheddern uns erstmal mit den Nullen. Die 1.500 Cordobas, die wir aus dem Automaten ziehen, sind gerade mal 41 €.

Auf dem Weg zur Kathedrale kommen wir an der Iglesia San Francisco vorbei. Hier herrscht ein Riesengedränge, rundherum Buden mit Waren aller Art, natürlich auch jede Menge essbares. In der proppenvollen Kirche findet gerade eine Messe statt. Fröhliche und mitreißende Kirchenlieder schallen bis auf die Straße. Wir geraten mit der sich vorwärts schiebenden Menschenmasse in die Kirche. Gleich rechts hinter dem Haupteingang ist ein Verkaufsstand aufgebaut. Schmuck, Kinderspielzeug und jede Menge Tinnef wird hier angeboten.

Irgendwie können wir uns herauswinden und kehren zurück auf die Straße. Die ist bis zur Kathedrale für den Verkehr gesperrt. Hier herrscht eine Stimmung wie auf dem Rummelplatz.

Dann stehen wir vor der 1860 eingeweihten Kathedrale „Real ey Insigne Basilica Catedral de la Asunción de la Bienaventurada Virgen Maria“ (echte und berühmte Basilika der Himmelfahrt der Jungfrau Maria). Der lange Name hat seine Berechtigung, es handelt es sich immerhin um die größte Kathedrale in Mittelamerika.

Auf dem Platz davor entstehen auf großen Plastikfolien gerade Teppiche aus Sägemehl. Das Naturmaterial wird direkt daneben mit Wasser und Farbe gemischt und feucht verarbeitet. Während in Antigua mit Schablonen gearbeitet wird, sind hier echte Handwerker zu bewundern. Unter ihren geschickten Fingern entstehen sogar dreidimensionale Bilder.

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Die Kirche – von grimmigen Löwenstandbildern bewacht – ist jetzt allerdings geschlossen, erst am späten Nachmittag wird wieder geöffnet.

Wunderbar goldenes Licht durchflutet die riesige, fünfschiffige Kirche. Für dieses unvergleichliche natürliche Licht ist sie berühmt. Gerade übt eine Musikkapelle für die Osterprozession. Der Schall vervielfacht sich und die Musik scheint aus allen Richtungen zu kommen. Wie muss sich hier erst ein Orgelkonzert anhören.

Erschien uns die Stadt heute Morgen wegen der vergitterten Fenster und Türen an den Häusern noch ziemlich abweisend, hat sie jetzt am späten Nachmittag eine ganz andere Wirkung. Fast alle Türen sind geöffnet und man kann durch die Gitter bis in die herrlichen Innenhöfe schauen. In den zur Straße gelegenen Zimmern sieht man Kinder spielen, Erwachsene fernsehen, und ältere Menschen in Schaukelstühlen hin und her wippen. Als wir spät abends zurück zu unserem Hostel laufen, müssen wir manches Mal auf die Straße ausweichen, denn inzwischen stehen nicht wenige Schaukelstühle auf dem Bürgersteig. Nach Tagestemperaturen von über 30 Grad genießen die Menschen ihr Schwätzchen mit den Nachbarn in der lauen Abendluft.

Wir haben erwartet, dass die Alfombras vor der Kirche heute alle fertig sind, aber da sind keine mehr. Gestern muss am Abend eine Prozession stattgefunden haben und von den herrlichen Teppichen ist nicht ein Krümelchen Sägemehl übrig. Wir suchen uns einen Schattenplatz im Parque Central, dessen Mittelpunkt der trockene Löwenbrunnen bildet. Sobald das runde Becken mit Wasser gefüllt ist, funktionieren die Kinder es zum Planschbecken um. Das ist den Stadtvätern wohl ein Dorn im Auge. Bei all den Verkaufsständen und Minikarussells würde das der Würde des Parks nun wirklich nicht schaden. An einer Holzbude wird die Fun-Sportart „Vulcano-Boarding“ angeboten.

Dabei hüllen sich die sportlichen Teilnehmer in einen Overall und klettern morgens – ein dickes Holzbrett unter dem Arm – den Cerro Negro hoch bis auf über 700 Meter. Dann heißt es: Schutzbrille auf, auf das Brett setzen und den steilen Abhang auf scharfkantigem Vulkanschotter herunter sausen. Dabei erreicht man bei 45 % Gefälle eine Geschwindigkeit von gut 60 Stundenkilometern. WICHTIG: Den Mund geschlossen halten und nicht umkippen.

Gegen Abend nehmen wir an einer „Free-Walking-Tour“ teil. Außer uns ist zu dieser Zeit niemand interessiert und Noell unser Guide kann sich ganz auf uns konzentrieren und uns viel über seine Stadt und die jüngere Geschichte des Landes, das dreimal so groß wie die Schweiz ist und gut 6 Millionen Einwohner hat, erzählen. Natürlich spricht er auch über die Demonstrationen, die im April vor einem Jahr begannen und über 200 Todesopfer forderten. Ich frage ihn, ob er die Stadt Diriamba kennt und erzähle von der früheren Verschwisterung mit unserer Heimatstadt. Das begeistert ihn, er hat nämlich Verwandte dort.

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Vor einer Brandruine erzählt uns Noell, wie gefährlich Fußball sein kann. Im vergangenen Jahr fand ein wichtiges Spiel zwischen FC Barcelona und Real Madrid statt. Die Fans beider Vereine hatten sich in zwei gegenüber liegenden Lokalen vor den Fernsehern eingefunden. Während die einen den Sieg Barcelonas bejubelten, wuchs der Groll bei den Anhängern der Madrilenen. Die Schmach musste getilgt werden, sofort und hier. Auf der Straße gab es eine Massenschlägerei. Auch das Küchenpersonal beteiligte sich. Währenddessen fing eine auf dem Herd vergessene Pfanne Feuer und bis die Hitzköpfe den Brand bemerkten, stand das Lokal in hellen Flammen. Sieg für Barcelona auf ganzer Linie.

Kaum sind wir am Park angekommen, sehen wir schon wieder eine Prozession. Heute fehlen allerdings die kunstvollen Alfombras.

Der Shuttlebus nach Granada kommt um 7.30. Wir haben noch ein wenig Zeit für ein Gespräch mit dem netten Besitzer des Hostels. Durch den Aufstand im vergangenen Jahr war er gezwungen, das Hostel für mehrere Monate zu schließen und sein Personal zu entlassen. Langsam läuft es wieder an, aber jetzt hat er mit neuen Problemen zu kämpfen: Einige unverschämte Backpacker, die dreist auftreten und versuchen durch Erpressung die wirklich angemessenen Preise zu drücken. Motto: Wenn Du mir das Zimmer nicht für XXX Cordobas gibst, schreibe ich eine schlechte Bewertung in Booking.com oder Hostelworld. Sie wollen die Welt bereisen, aber wenn das Geld nicht reicht sollen andere gefälligst dafür sorgen, dass es ihnen an nichts fehlt. Auf die Idee auf irgendeine Fun-Sportart zu verzichten, oder ihre Arbeitskraft anzubieten, kommen sie nicht.  Oder: Das im Übernachtungspreis enthaltene Frühstück wird bemäkelt, z.B.  nicht vegan (dabei steht Gallo pinto – das landestypische Frühstück aus Reis und Bohnen – auf der Karte). Die Herrschaften wünschen Müsli mit Obst und Sojamilch und bloß keine Bananen oder Wassermelonen, am liebsten Import-Äpfel. Die einheimischen Angestellten , denen sie ihr Leid wegen des schmalen Budgets klagen, verstehen das natürlich überhaupt nicht, denn keiner von denen hat schon jemals eine Urlaubsreise gemacht. Die sind schon froh, wenn sie ihren Arbeitsplatz behalten können und das geht wiederum nur, wenn die Übernachtungsgäste auch die kalkulierten Preise zahlen.

Vulkane – in Granada, am Apoyo-See und auf Ometepe (Nicaragua)

Mit dem Shuttlebus fahren wir zum letzten Mal durch Leon. Löwenstandbilder, wohin man schaut, in Parks, an Brunnen und vor Gebäuden. Ob jemand weiß, wie viele es in der ganzen Stadt gibt?

Am frühen Morgen können wir endlich auch was vom Land sehen. Auffallend viele Pferdefuhrwerke sind auf den Straßen unterwegs. Dieser Teil des Landes ist hauptsächlich flach und wird meist landwirtschaftlich genutzt. Viehwirtschaft, Bananen, Zuckerrohr, Tabak und im Abnehmen begriffen auch Baumwolle. Auffallend sind dazwischen die blühenden Butterblumenbäume, deren strahlendes Gelb weit leuchtet.

Die Hauptstadt Managua durchfahren wir nur in den Randgebieten. Vor Einkaufszentren und bei großen Kreisverkehrsinseln steht ein Großaufgebot an Polizei. Der Jahrestag der Demonstrationen von 2018 steht kurz bevor, und die Regierung ist offenbar ziemlich nervös.

In den Mittagsstunden erreichen wir Granada – von den Einheimischen „fette Rosine“ genannt – übrigens verschwistert mit Frankfurt/Main. Unser Hotel gehört einem Inder der uns erzählt, dass viele Ho(s)tels und Restaurants nach den blutigen Aufständen vor einem Jahr schließen mussten. Sein Hotel hat überlebt, aber das dazu gehörende Restaurant rentiert sich nicht mehr. Wir kühlen uns erst einmal im Pool ab, in Granada ist es noch mal 5 Grad wärmer als in Leon. Die junge Frau, die kurz darauf ebenfalls in den Pool steigt, hat Schürfwunden am rechten Unterarm. „Vulkan-Boarding?“ frage ich, sie nickt.

Beim ersten Rundgang durch die Stadt sehen wir viele schöne Gebäude aus der spanischen Kolonialzeit. Obwohl die Stadt mindestens dreimal von Piraten zerstört wurde, gilt Granada (80.000 EW) nach mehrfachem Wiederaufbau als die schönste Stadt Nicaraguas; Leon dagegen ist die lebendigere und mit 200.000 Einwohnern auch die größere. Eine Zeit lang wechselten sich beide in ihrer Funktion als Hauptstadt ab, bis 1858 die Ernennung Managuas dem Dauerstreit ein Ende machte.

Vor der Kathedrale entsteht gerade die größte Alfombra (Sägemehlteppich) für die Osterprozession, die wir bisher gesehen haben. Hier bedient man sich einer anderen Technik als in Antigua oder Leon. Auf die gut 25 m² großen Fläche aus Naturmaterial wird das Motiv farbig aufgesprüht. Ein Zaun schützt es vor unabsichtlicher Zerstörung, denn dieses Werk muss bis Ostern erhalten bleiben.

Wir sitzen im Café gegenüber der Iglesia la Merced, wo gerade ein Trauergottesdienst stattfindet. Vor der Kirche stehen in der größten Hitze zwei Pferde, die die schwarze Kutsche nach der Trauerfeier zum Friedhof ziehen müssen. Die Menschen, die aus der Kirche strömen, sind elegant gekleidet, schwarz tragen die wenigsten.

Abends suchen wir uns aus der Vielzahl der Restaurants eins mit besonders schönem Innenhof aus. Im Freien sitzen, dabei ins beleuchtete Grün schauen und dabei das Brunnenwasser plätschern hören, ist ungemein entspannend. Das Lokal schließt um 21 Uhr, später als viele andere. Auf dem Rückweg reiben wir uns verwundert die Augen.

Die ruhige Fußgängerzone der Altstadt hat sich in eine Partymeile verwandelt. Mitten auf der Straße stehen jetzt Tische und Stühle, Bands spielen, Händler drängen sich zwischen den Tischen durch und bieten ihre Waren an, Menschen essen, trinken, tanzen und singen.

Am nächsten Morgen herrscht wieder verschlafene Ruhe. Am anderen Ende der Stadt kommt man an den Nicaragua-See. Durch den San Juan-Fluss ist der See mit dem Atlantik verbunden (den Weg nahmen die Piraten) und die schmalste Stelle zwischen See und Pazifik beträgt nur 10 Kilometer. Deshalb wird immer wieder über den Bau eines Äquivalents zum Panama-Kanal spekuliert. Hoffentlich kommt es nie so weit, denn damit würde sich hier alles verändern. Der größte Binnensee Mittelamerikas (17 mal so groß wie der Bodensee) ist Wasserspeicher, Nahrungslieferant, Verkehrsader für einen Teil der Bevölkerung des Landes und für die Einwohner Granadas der beliebteste Vergnügungsplatz.

Wir sind erstaunt, dass hier so wenige Menschen im Wasser sind. Die können doch nicht alle Angst vor den Bullenhaien haben, die in dem See leben und als einzige Hai-Art die Umstellung von Salz- auf Süßwasser schaffen. Während wir am Strand entlang laufen, kommt plötzlich ein Pferd angaloppiert, stoppt an einem grasbewachsenen Platz und beginnt zu fressen. Von einem Besitzer ist weit und breit nichts zu sehen.

Ein junger Mann bietet uns eine Bootstour zu den 360 kleinen Inseln an, die durch einen Ausbruch des Mombacho-Vulkans vor Jahrtausenden entstanden sind. Um zur Anlegestelle zu kommen, müssen wir ein ganzes Stück mit dem Auto am Seeufer entlang fahren. Und hier sind all die Menschen, die wir am vorderen Ufer vermisst haben.

Hier stehen Bäume mit weit ausladenden Kronen am Ufer und spenden den nötigen Schatten. Dazwischen liegen Spielplätze, verkaufen Händler aufblasbare Gummitiere und -reifen in allen Größen und Farben, stehen Händler mit Speisen und Getränken bereit, kurz – es fehlt an nichts. In der Osterwoche sind Ferien und dieser Teil des Seeufers ist nicht nur bei den Einwohnern Granadas, sondern auch bei denen aus der Hauptstadt beliebt. Der eigene (Managua-) See ist stark verschmutzt, baden geht dort niemand mehr.

Wir fahren mit dem Boot zwischen den vorderen Inseln hindurch und der junge Mann erzählt uns, wem sie jeweils gehören. Einheimische Brauereibesitzer und Zeitungsverleger gehören zu den Glücklichen. Die größte mit dem protzigsten Haus gehört einem amerikanischen Pornoproduzenten und die mit dem schönsten Haus und einem Hubschrauber-Landeplatz dem Schauspieler Morgan Freeman. Nur etwa 20 dieser Inseln sind von Einheimischen bewohnt, etliche noch zu verkaufen. Nach einem Lottogewinn kann man ja mal darüber nachdenken. Zurück an Land laufen wir am Seeufer zurück und schauen uns an, wie die Menschen ihre Freizeit am Seeufer genießen.

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Im rechteckigen Parque Central vor der Kathedrale stehen an den vier Ecken gemauerte Kioske. Hier wird eine örtliche Spezialität verkauft: Auf ein warmes Püree aus Yucca-Wurzeln kommen kleine Stückchen kross gebratener Schweineschwarte, gekrönt von einem Krautsalat. Es schmeckt mir erstaunlich gut, bis plötzlich eine warme Ladung von oben aus dem Baum meinen Kopf und die Schulter trifft und auch ins Essen tropft. Irgend ein Vogel – klein war er sicher nicht – hat sich gerade gewaltig erleichtert. Die Verkäuferin aus dem Kiosk kommt sofort mit einem Lappen angerannt, befeuchtet ihn mit meinem Trinkwasser und beseitigt den gröbsten Schaden. Jetzt will ich nur noch ins Hotel und unter die Dusche. Sollte ich allerdings feststellen, dass an der „behandelten“ Stelle die Haare jetzt doppelt so dicht sprießen, werde ich mir schon mal eine Insel aussuchen; mit einem Haarwuchsmittel das wirkt, kann man steinreich werden.

Vor der Casa de los tres Mundos (Haus der drei Welten) – dem Kulturzentrum der Stadt – hängt ein Plakat. „Schau mal das Bild“, sagt Klaus „der sieht doch aus wie dieser Schauspieler.“ „Dietmar Schönherr,“ ergänze ich, und als ich später nachschaue, bewahrheitet sich das. Der Schauspieler hat sich mit sozialen Projekten stark in Nicaragua engagiert.

Am Gründonnerstag und Karfreitag ist von Musik- und Tanzverbot keine Rede. Während morgens bei den Prozessionen in manchen Gegenden sogar ein Kreuz mit einem angebundenen lebenden Menschen durch die Straßen getragen wird und manche Gläubige vor Verzweiflung und Mitgefühl weinen, kennt die Feierfreude abends keine Grenzen.

Osterprozessionen haben wir jetzt zur Genüge genossen, deshalb verlassen wir die Stadt am Samstag und lassen uns mit dem Taxi zum nahe gelegenen Apoyo-See bringen. Am Ende der Straße haben wir in einem kleinen Ressort für die nächsten Tage einen Bungalow gemietet.

Dieser in einem Vulkankrater liegende fast runde See mit 4 km Durchmesser soll das sauberste Wasser in ganz Mittelamerika haben. Ganzjährig hat er eine Temperatur zwischen 25 und 27 Grad, einfach wunderbar. Auch der Schweizer Besitzer Daniel hat seit der Demonstrationen vor einem Jahr zu kämpfen. Acht von zehn Mitarbeitern musste er entlassen und hofft nun, dass die Touristen bald wiederkommen. Er liebt dieses Land und ganz besonders den See. Begeistert erzählt er uns von den Tieren, die in der Wildnis rundherum leben. Zwei Affenarten sind hier heimisch, Brüll- und Kapuzineraffen. Ein Ameisenbär hat ihn in den sechs Jahren, die er hier lebt, auch schon auf seinem Grundstück besucht, und die vielen Vögel die hier leben notiert er sich in einem Buch. Beim Frühstück sehen wir einen Motmot, dessen Schwanzfedern aussehen, als wären zwei Bommel am Ende befestigt. Er ist sowohl der Nationalvogel El Salvadors als auch Nicaraguas.

„Den Masaya-Vulkan müsst ihr dringend besuchen“, rät uns Daniel. Also fahren wir am nächsten Nachmittag 35 Kilometer mit dem Taxi zu diesem Berg. Die Zufahrt ist durch ein Tor gesperrt, auch Fußgänger werden erst ab 17 Uhr eingelassen. Über eine gute neue Straße geht es zwischen Schlackefeldern den Berg hinauf zu einem weitläufigen Parkplatz. Große Dampfwolken steigen jenseits der Begrenzungsmauer auf. Ein Blick hinüber zeigt ein Loch, aus dem es unentwegt qualmt. Wir laufen noch ein Stück weiter, den Berg zur Linken hinauf und schauen in den Krater eines erloschenen Vulkans. Als die Sonne untergeht, gehen wir langsam zurück. Im Dunklen wollen wir auf diesen Wegen voller Vulkan-Schotter nicht gerne unterwegs sein, wie leicht gerät man hier ins Rutschen. Ein Schwarm Papageien kommt lärmend angeflogen und sucht einen Schlafplatz für die Nacht.

Inzwischen haben sich zu den paar Autos, die vorhin auf dem Parkplatz standen noch ein paar hinzugesellt, darunter auch ein Wohnmobil. Mit dem Besitzer kommen wir kurz darauf ins Gespräch – ein Schweizer unterwegs auf der Panamerikana. Je dunkler es wird, umso heller leuchtet die glühende Lava in dem Loch, es kommt mir vor, als könne man der Erde tief in den Schlund schauen – faszinierend.

Das Vulkan-Thema lässt uns auch am nächsten Tag nicht los. Wir machen uns auf den Weg zur Insel Ometepe, die im Nicaragua-See liegt. Ursprünglich waren es zwei Vulkan-Inseln, die nach mehreren Eruptionen durch ausfließende Lava inzwischen miteinander verbunden sind.

Der Bus fährt bis zum Hafen San Jorge, dann brauchen wir noch eine gute Stunde mit der Fähre auf die Insel. Mal wieder eine gute Gelegenheit, um Menschen zu beobachten. Männer und Frauen schauen begeistert der Telenovela zu, die über den Bildschirm flimmert. Kinder werden mit Süßigkeiten zum Ausharren gebracht und den Kleinsten wird die Brust gegeben. Stillende Mütter sind in allen bisher bereisten Ländern Mittelamerikas zu sehen. Auf Bänken, in Bussen, selbst während des Laufens holen die Mütter die Brust raus und lassen ihre Kinder trinken.

Am Hafen von Moyogalpa wartet bereits ein Taxi auf uns, das der Hotelbesitzer für uns organisiert hat. Die Strecke an der dem Westufer des Sees zugewandten Seite sei etwas länger, aber viel besser, erklärt uns der Fahrer. Uns ist das egal, wir haben einen Festpreis für die Hin- und Rückfahrt vereinbart und genießen die schöne Strecke. Unser Hotelchen (zwei Zimmer) liegt auf dem Verbindungsstück zwischen den beiden Vulkanen. Zwischen unserer Terrasse und dem Strand liegt nur die kaum befahrene Straße. Es gibt ein paar Läden, drei Restaurants und ganz viel Natur.

Am nächsten Morgen gehen wir Schwimmen, hundert Meter weiter rechts tun es uns ein paar Pferde gleich. Sie marschieren ins Wasser, manche legen sich hin, andere wälzen sich auf den Rücken, und dann geht es zum Trocknen an den Strand. Conception, der größere der beiden Vulkane trägt morgens ein Wolkenmützchen, das ständig seine Form verändert.

Auf dem Teil der Insel, die vom Vulkan Maderas dominiert wird, gibt es Petroglyphen. Diese in Felsen eingearbeiteten Bilder sind ein guter Grund für eine Wanderung. Nach ein paar Kilometern über einen Feldweg mit zwei 50 Zentimeter breiten betonierten Fahrstreifen sind wir beim ersten Felsstein angelangt, der mit einem einfachen Dach vor Regen schützen soll. Die nächsten, die wir zu Gesicht bekommen, liegen einfach im Freien.

Der Weg zu einer 7 Kilometer entfernten Lagune führt durch ein Gatter. Ein Pärchen auf dem Moped schaut sich den Weg an und muss feststellen, fahren ist hier nicht möglich. Da hat es der Caballero, der kurz darauf auf seinem Pferd angetrabt kommt, schon einfacher. Das Tier ist diesen steinigen Weg offenbar gewöhnt, schon nach kurzer Zeit ist von den Beiden nichts mehr zu sehen. Wir allerdings geben nach einer halben Stunde auf und treten den Rückweg an. Warum einen solch schwierigen Weg gehen, wenn er sowieso nicht zum Aussichtsturm führt, den wir eigentlich besuchen wollen.

Der andere Weg führt zwischen herrlichen Bäumen hindurch. Merkwürdige Samenkapseln liegen auf der Erde. Diese schönen Gebilde könnte man bestimmt als Musikinstrument nutzen, die Samen rasseln so schön in den hölzernen Kapseln.

Wir sind ganz allein hier und können Vögel und zwei sich jagende Eichhörnchen beobachten. Nach einer Weile kommen wir zu einer Plantage und mittendrin liegt der Aussichtsturm und ein hübsches Restaurant, das zu einem Hostel gehört. Das kommt uns gerade recht für eine Pause. So schön das hier auch liegt, für uns ist es nicht das Richtige. Es liegt beinahe 100 Meter oberhalb der Straße und die Gäste müssen ihr Gepäck auf engen Wegen selbst nach oben befördern. Für uns geht es mit leichtem Gepäck hier nur bergab, eine Kleinigkeit nach dem leckeren Brot.

Am nächsten Morgen geht es mit der 11 Uhr-Fähre zurück aufs Festland. Ein Taxifahrer macht uns das Angebot, uns für einen guten Preis bis zur Grenze nach Costa Rica zu bringen. Da können wir nicht widerstehen und genießen die 40 Kilometer bis zur Grenze. Hier sind wir in der Region, in der hauptsächlich Viehzucht betrieben wird. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, ist das Gras verdorrt und die Rinder sind so dürr, dass man die Rippen sehen kann. Mensch und Tier warten auf den Regen, der in ein paar Tagen das ganze Land in üppiges Grün verwandeln wird.

Dann sehen wir links und rechts eine Vielzahl von Windrädern. In Nicaragua ist man ungeheuer stolz auf diese fortschrittliche Energieerzeugung.

Fünf Kilometer vor der Grenze beginnt ein Stau. Wie eine riesige Eisenbahn stehen LKW dicht an dicht. Unsere Befürchtung, dass das jetzt eine langwierige Angelegenheit wird, bewahrheitet sich nicht. Der Fahrer fährt an der Blechschlange vorbei und setzt uns direkt vor der Grenze ab.

Schade, dass unsere Zeit in Nicaragua schon vorbei ist. Auch dieser Abschied schmerzt, aber gleichzeitig freuen wir uns auf Costa Rica.

Unterwegs in El Salvador

Morgens um halb acht werden wir abgeholt. Wir haben den bequemen Weg gewählt und einen Shuttlebus gebucht. Das bedeutet, dass man direkt von Hotel zu Hotel gefahren wird. Kein Umsteigen, kein Gepäck schleppen, keine Wartezeiten.
Nachdem alle Passagiere in Antigua eingesammelt sind, verlassen wir zum zweiten Mal die Stadt die uns so gut gefällt. Der Weg führt in Küstennähe bis zur Grenze. Kaum steht das Fahrzeug, öffnet ein Mann die Seitentür und bietet Geldwechsel an. In der linken Hand hält er einen mehrere Zentimeter dicken Stapel Dollar-Noten. Wir haben noch einige Quetzales. Der Fahrer findet den Wechselkurs gut. Ein Mitreisender ist skeptisch und befragt erst sein Handy, danach tauscht auch er sein restliches Geld. Wie einfach so etwas gehen kann. Die Ausreise aus Guatemala gestaltet sich ebenfalls einfach: den Pass vorzeigen, stempeln lassen und das war es. Einer unserer Mitreisenden hat aber keinen Einreisestempel für Guatemala in seinem Pass, also muss er das irgendwie nachholen. Der Busfahrer organisiert ein Tuctuc, mit dem muss der Mann zu einer nahe gelegenen Einreisestelle, danach kann er offiziell ausreisen. Für uns bedeutet das eine Verzögerung von rund 15 Minuten. Nicht der Rede wert, und dem Busfahrer tut die Pause sicher auch gut. Wir sind gerade auf der Brücke, die den Grenzfluss El Salvador überspannt, als unserer Fahrer eine rasante Kehrtwendung macht. Eine Passagierin fehlt, im Laufschritt eilt sie dem Bus hinterher und ist zutiefst erleichtert, dass er nun doch nicht nur ihr Gepäck sondern auch sie selbst mitnimmt.
Nachdem wir die Grenze zu El Salvador überquert haben, ist die Straße in einem wesentlich besseren Zustand. Das Land von der Größe Hessens liegt eingerahmt von Guatemala und Honduras am Pazifik. Vulkane prägen die Landschaft. In den Bergregionen wird Kaffee angebaut, im fruchtbaren Flachland hauptsächlich Zuckerrohr. Das Straßenbild ist ein völlig anderes. Kaum hat man die Grenze überquert, sieht man die Frauen nur noch in westlicher Kleidung. Wir durchqueren ein paar Städte und fahren dann zeitweise auf der Küstenstraße. Offenbar habe wir Surfer im Bus, denn die Wellen werden voller Spannung begutachtet und fachmännisch kommentiert.
Wir sind als erste am Ziel. Der kleine Ort El Palmarcito liegt noch vor dem bekannteren El Zonte. Das Hostel macht auf den ersten Blick keinen besonders einladenden Eindruck. Der zweite lässt das jedoch schnell vergessen. Das holländisch/salvadorianische Ehepaar hat das Gebäude erst vor sechs Wochen übernommen und konnte natürlich die Umbaupläne noch nicht in die Tat umsetzen. Die vierköpfige Familie strahlt jedoch eine solche Harmonie und Zufriedenheit aus dass man sich sofort wohl fühlt.
Der Strand ist 100 Meter weit entfernt. Allerdings sind jetzt am Nachmittag die Wellen zu hoch zum schwimmen, aber ideal für die Surfer. Selbst die drei Meerwasser- Schwimmbecken, die in die Felsen gebaut sind, werden immer wieder von hohen Wellen überspült. „Morgen früh ist das besser,“ erklärt uns unsere Vermieterin Xena.

Wir laufen eine Weile am Meer entlang und dann nach oben auf die Klippe, hier steht ein nettes Restaurant. Neben dem Weg finden wir ein leicht betäubtes junges Eichhörnchen, das wahrscheinlich aus dem Nest gefallen ist. Vorsichtig nimmt Klaus es am Nackenfell und setzt es auf den Stamm der Palme. Als wir zurückkommen, ist es nicht mehr da.

Am nächsten Morgen probieren wir die Felsenpools aus. SIe gehören zu dem darüber liegenden Hotel. Jetzt während der Woche kostet es keinen Eintritt, trotzdem haben wir die Pools eine zeitlang ganz für uns. Es ist herrlich ruhig, nur die Wellen donnern unter uns gegen die Felsen. Der Rückweg ist um die Mittagszeit recht unangenehm. Der dunkle Sand nimmt in der Sonne eine Temperatur an, die die Fußsohlen glühen lässt.
Einen Tag später machen wir zusammen mit unserem Vermieter Marc und Amira, einer jungen Deutschen einen Ausflug. Marc will uns einen Wasserfall zeigen, den er besonders mag. Nach zwei Stunden Fahrt kann er das Auto abstellen und wir laufen ein kurzes Stück über eine sandige Fläche, bis wir zu einer großen Felsplatte kommen, die von mehreren Wasserläufen durchzogen ist. Zwei von ihnen müssen wir überspringen.

Für Marc mit seinen langen Beinen ist das normalerweise eine Kleinigkeit, aber er hat seit Tagen heftige Schmerzen im linken Fuß. Trotzdem schafft er es aus dem Stand auf einem Bein. Auch Klaus hat keine Probleme, nur Amira und ich stehen etwas bedröppelt da. Erst als uns die Männer die Hand reichen, schaffen wir den Sprung auf die andere Seite. Eine kleine Klettertour, dann stehen wir vor einem großen Becken. Wir wundern uns über den warmen Wind, der hier plötzlich weht. Einen Zugang zu diesem Wasser suchen wir vergeblich, man muss springen oder oben bleiben. Marc ist als erster unten, ich nehme allen Mut zusammen und springe die vier Meter hinunter. Mir bleibt förmlich die Luft weg, ich bin in einer Badewanne gelandet. Das Wasser hat bestimmt eine Temperatur von 38 Grad und wird aus kräftigen heißen Quellen ein paar Kilometer aufwärts gespeist. Marc grinst mich an, die Überraschung ist ihm geglückt. Klaus kommt dazu und gemeinsam kämpfen wir uns durch die Strömung auf die andere Seite. Das Wasser fließt so schnell, dass man kaum vom Fleck kommt. Wir schwimmen im weiten Bogen um den nach unten stürzenden Wasserfall zurück. Das ist bei der Wassertemperatur ganz schön anstrengend. Nach einer Verschnaufpause müssen wir die Felsen hochklettern, anders kommt man hier nicht wieder raus. Ich bin vielleicht froh über meine Badeschuhe. Noch ist der Salto De Malacatiupan wenig bekannt. Außer uns sind noch vier andere Touristen hier. Als wir zwei Stunden später zum Auto zurückkehren, kommen uns vier Paare entgegen. Die Frauen gut frisiert und geschminkt, in eleganten Kleidern und mit Pumps an den Füßen. Die werden hier bestimmt nicht ins Wasser springen.
Auf der Ruta de las Flores, die landschaftlich wunderschön liegt aber in dieser Zeit wenig Flores hat, fahren wir nach Ataco. Das ist eine hübsche kleine Stadt mit einem zentralen Park. Zu dritt gehen wir in das nächstgelegene Restaurant, Marc muss seinen Fuß ausruhen und bleibt im Auto. Der junge Kellner kann sein Glück kaum fassen, Touristen in seinem Lokal. Als er dann noch erfährt, dass wir aus Deutschland sind, will er unbedingt Selfies mit uns machen. Als Dankeschön stellt er ein großes dreigeteiltes Sandwich vor uns auf den Tisch.

Nach einem Rundgang durch die Innenstadt mit ihren bekannten Wandmalereien geht es weiter zu einer großen Kaffeeplantage, deren Sehenswürdigkeit ein Irrgarten ist. In einem so heimtückisch angelegten Labyrinth bin ich noch nie gewesen. Und dann ist es noch am Hang gelegen, das bedeutet ständiges bergauf und bergab laufen. Irgendwann erreichen wir die Mitte. Mit einer Glocke kann man anderen seinen Erfolg mitteilen. Aber jetzt müssen wir wieder rausfinden, wir haben wirklich keine Lust mehr und als ein junger Mann fragt, ob er uns führen soll, nehmen wir das dankbar an.
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Abends gehen wir noch einmal in eins der Strandrestaurants. Der Besitzer bedankt sich überschwänglich, das wir El Salvador besuchen. Er weiß, dass sein Land einen schlechten Ruf hat und bittet uns, zuhause zu erzählen, wie schön es hier ist.
Wir nehmen den Bus nach San Salvador. Die Fahrkarte kostet 1,50 US$ (El Salvador hat keine eigene Währung) für 50 Kilometer. Allerdings müssen wir auch für jeden Koffer eine Fahrkarte kaufen. Dafür dürfen die dann auf dem Sitz mitfahren. Auf der stark befahrenen Küstenstraße geht es nach La Libertad, dem beliebten Badeort der Hauptstädter, hier zweigt die Straße  nach San Salvador ab. Auf der neuen vierspurigen Straße geht es zügig voran, bald haben wir den Stadtrand erreicht. Über der großflächig angelegten Stadt erhebt sich ein Vulkan. Erdbeben haben ihr immer wieder zugesetzt. Das letzte schwere Beben liegt noch keine 20 Jahr zurück. San Salvador ist auf den ersten Blick nicht von einer nordamerikanischen Stadt zu unterscheiden. In mehreren großen Einkaufszentren sind alle bekannten Fastfood-Ketten und Modelabel aus den USA vertreten.
Doch im Bereich der Altstadt – wo unser Hotel liegt – ändert sich das Stadtbild. In diesem Teil der Hauptstadt sind scheinbar alle Fenster und Türen vergittert und die Häuser dicht an dicht mit Stacheldraht, Natodraht oder Elektrodraht gekrönt. Außerdem laufen viele bewaffnete Wachleute herum. Nach Einbruch der Dunkelheit soll man besser ein Taxi nehmen. Jetzt am frühen Nachmittag kann man sich nicht vorstellen, dass es hier gefährlich sein könnte. Wir bestellen aus Bequemlichkeit schon jetzt ein Uber-Taxi und lassen uns die vier Kilometer zur Kathedrale fahren. Das Taxi quält sich durch dichtes Gedränge auf der links und rechts dicht mit Marktständen bestückten Hauptstraße zur Plaza Civica an der Kathedrale Metropolitana.

Familien sitzen auf dem Platz auf Bänken oder auf dem Boden und essen, reden, lachen und beobachten ihre spielenden Kinder.

Die von außen prächtige Kirche ist innen recht schmucklos, sie wurde auch erst Ende des letzten Jahrhunderts fertiggestellt. Eine weitere Kirche (San Rosario) in der Nähe sieht von außen aus, wie eine unscheinbare Werkhalle aus grauem Beton, aber von innen fühlt man sich wie mitten im Regenbogen.

Unweit der beiden Kirchen spielt eine großartige Band lateinamerikanische Musik. Umringt von einem großen Zuschauerkreis tanzen Menschen von acht bis achtzig allein oder paarweise begeistert zur mitreißenden Musik.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus zum botanischen Garten „Plan de la Laguna“. Früher war hier ein See, der durch einen Vulkanausbruch im 18. Jahrhundert trockengefallen ist. Auf der fruchtbaren Erde wurde im letzten Jahrhundert ein botanischer Garten angelegt. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel für Familien.

Teiche mit Fischen und Schildkröten sind zwischen Bäumen, Sträuchern, Wüstenpflanzen und Blumen angelegt. Auf schattige Wegen mit vielen Sitzgelegenheiten und mehreren Spielplätzen finden Alt und Jung jeweils das Passende.

Hier sitzen wir eine Weile und beobachten ein paar Dohlengrackeln. Die kennen wir schon seit Mexiko und erfreuen uns an ihrer Fähigkeit, andere Vögel oder sonstige Geräusche nachzuahmen, wie Handyklingeln oder das akkustische Signal von Fußgängerampeln.
Der Weg zum knapp zwei Kilometer entfernten Einkaufszentrum bietet ein unerwartetes Hindernis. Wir müssen eine gut 20 Meter hohe Brücke überqueren, die anscheinend nur für Autos gebaut wurde. Kein Bürgersteig, und das Geländer reicht gerade mal bis zum Oberschenkel. Doch die Menschen, die wir fragen, deuten sehr bestimmt auf die Fahrbahn. Mit einem etwas mulmigen Gefühl laufen wir die letzten 300 Meter, bis wir unser Ziel erreichen. Groß und modern mit vielen Boutiquen und noch mehr Schuhgeschäften präsentiert sich das Einkaufszentrum. Hier kauft die Ober- und Mittelschicht ein. Die teuersten Schuhe kosten hier 35 US$. Für Miguel Normalverdiener kaum erschwinglich, 300 US$ verdient er im Monat.
Für den Rückweg bestellen wir uns ein Taxi, heute sind wir genug gelaufen.