Von Krebsen und Pfeffer – Kep und Kampot (Kambodscha)

Morgens um 6:50 Uhr werden wir abgeholt und zur Busstation gebracht. Wieder ein Schlafbus. Der Schaffner weist uns unsere Plätze ganz hinten in der letzten Reihe zu. Es sind fünf, die über die gesamte Breite des Busses dicht nebeneinander liegen. Der äußere rechte Sitz ist mit Matten belegt. Zuerst sind wir allein, dann kommen noch zwei Frauen dazu. Aber die Menschen hier haben keinerlei Berührungsängste. Ob sie an der Schulter eines Fremden schlafen oder eben Arm an Arm nebeneinander liegen, was macht das schon?
DSC02389Das fruchtbare rund 40.000 km³ große Mekongdelta ist ein Gebiet, das kreuz und quer von Flüssen, Bächen, Kanälen und Gräben durchzogen ist. Die südliche Reiskammer Vietnams kann mit drei Ernten pro Jahr über die Hälfte des Jahresertrages beitragen. Außerdem gedeihen viele tropische Früchte. Da es mehr Wasserwege als Straßen gibt, hat auch der Fischfang eine große lokale Bedeutung. Entlang der Straßen ist hier jedoch alles so dicht bebaut, dass nicht zu erkennen ist, wo eine Stadt aufhört und die nächste beginnt.
Kurz vor der Grenze dann außer Reisfeldern, große Salinen. In der Grenzstadt Ha Tien endet die Fahrt nach mehr als acht Stunden am Busbahnhof. Doch wie von hier aus weiterkommen? An den Schaltern werden keine Tickets nach Kambodscha angeboten. Ein Mann spricht uns an und heftet sich wie eine Klette an uns. Sobald einer von uns losgeht, um sich umzusehen, folgt er und verschwindet auch nicht, wenn man mit anderen Leuten reden will. Letztendlich trägt er den Sieg davon und bringt uns in einem Kleinbus in die Innenstadt zu einer Reiseagentur. Hier wird die Weiterfahrt nach Kambodscha inklusive Visaformalitäten angeboten. Natürlich zum überhöhten Preis. Der Besitzer erklärt uns glaubhaft, dass die Gebühren von der Regierung gerade erhöht worden seien. Stimmt aber nicht, wie wir dann an der Grenze feststellen. Naja, Bequemlichkeit kostet halt. Wir werden im Minibus bis zur Grenze gebracht, der Mitarbeiter kümmert sich um die Formalitäten, der Grenzübergang klappt problemlos innerhalb von ein paar Minuten und der Bus bringt uns direkt zu unserem Hotel.
Und jetzt sind wir erst einmal froh, in dieser kleinen gepflegten Anlage in Kep – nicht weit von der Grenze entfernt – angekommen zu sein. Wir hatten zuerst nur eine Nacht gebucht, aber wir fühlen uns so wohl, dass wir um zwei Tage verlängern, mehr ist nicht möglich, weil die acht Quartiere zum Wochenende ausgebucht sind. Zwar müssen wir täglich in einen anderen Bungalow umziehen, aber mit Hilfe der unglaublich netten Mitarbeiterinnen ist das jedes Mal in fünf Minuten passiert. Nach unserer Empfindung haben wir die Seelen noch nicht genug baumeln lassen, deshalb ziehen wir noch für weitere vier Tage in eine ca. zwei Kilometer entfernte Anlage um. Die hat zwar keinen Pool wie die erste, aber auch einen schönen Garten und angenehme Bungalows und sie liegt näher zum Strand und zum Crabmarket. Zu unserer Freude haben wir einen orangefarbenen Frosch und mehrere Tokkays (Riesengeckos) als Mitbewohner.

Einer lebt hinter dem Badezimmerspiegel, die anderen unter dem Strohdach. Wir verfolgen ab Eintritt der Dämmerung häufig, wie sie auf die Jagd nach Insekten gehen.
Zweimal leihen wir uns Fahrräder und erkunden die nähere Umgebung. Kep wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts von den Franzosen gegründet. Hier wollten sie ein Äquivalent für ihre weit entfernte Cote d’Azur schaffen. Und der Ort war dann auch bis in die 60er Jahre Vergnügungsort der Reichen und Mächtigen. Er soll auch Jackie Kennedy begeistert haben. Während des Bürgerkrieges wurde die Stadt nahezu dem Erdboden gleich gemacht und alles Wertvolle geraubt. Davon hat sie sich noch nicht wirklich erholt. Auf einer riesigen Fläche liegen drei verstreute Ortsteile. Es gibt einen Bereich mit Denkmal und Prachtallee, links davon ist gar nichts, rechts ein paar Elendshütten. Dazwischen fallen uns große Grundstücke auf, die außer einer Umgebungsmauer und Wildwuchs nichts enthalten. Später erfahren wir, dass nach einem Grundstückskauf innerhalb einer bestimmten Frist mit Baumaßnahmen begonnen werden muss und da entscheiden sich die Meisten für eine Mauer.
Die Straße ist großzügig sechsspurig angelegt mit begrüntem Mittelstreifen, ausladenden Lampen und mehreren Kreiseln mit Statuen wie ein weißes Pferd und hinduistische Gottheiten.

Die Voraussetzungen sind da, dass Kep wieder seine einstige Bedeutung erlangen kann.

Die Schönheit der Landschaft dürfte auf jeden Fall genügend Menschen anlocken.
DSC02409Im Meer winkt eine Krabbenstatue – das Wahrzeichen der Stadt – denn Kep ist bekannt für seine Meeresfrüchte und hat einen täglichen Krabbenmarkt,

o.r.: getrocknete Shrimps; u.r.:frische Krebse; links: zukünftiger Marktverkäufer
links: Zuckerrohrpresse rechts: frisch gegrillt

wo man auch essen kann. Direkt daneben gibt es aber auch viele Lokale, in denen das Angebot des Tages gekocht, gebraten oder gegrillt wird, häufig gewürzt mit dem begehrten Kampot-Pfeffer, der hier in der Umgebung wächst.
P1090302Ein Nationalpark liegt ganz in der Nähe und bietet einen gut gekennzeichneten Rundweg mit vielen schönen Ausblicken auf die Küste. Es gibt auch einen Kletterpfad mit Halteseilen auf einen der Gipfel mit besonders schönem Ausblick auf den Sonnenuntergang. Danach ist für den Rückweg eine Stirnlampe unverzichtbar.
DSC02406Der Weg zum Strand führt an einer Affenkolonie vorbei. Die Tiere wissen genau: In den Mülltonnen liegen die durchgedrückten Zuckerrohrstangen, die nach der Saftpressung übrig bleiben. Mit vereinten Kräften werden die Behälter umgeworfen und liegen kreuz und quer herum. Und jetzt kommen auch die Kleinsten leicht an all die Köstlichkeiten heran.
Der Strand wurde künstlich angelegt und wird auch von den Einheimischen sehr gerne genutzt. Familien mit Kindern und Jugendliche sitzen im Sand oder auf dem Bürgersteig, wo man für ein paar Riel Strohmatten mieten kann.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite noch ein anderer Service, zwischen im Quadrat aufgestellten Pfosten – darüber ein Dach — sind Hängematten befestigt. Auch die Besitzer nutzen sie gern für ein Schläfchen zwischendurch. Der Weg ins Wasser führt durch angeschwemmtes Seegras, durchsetzt mit Plastikmüll. Der Müll wird ebenfalls vom Meer her ans Ufer getrieben, aber die Menschen am Strand verstehen es offenbar als Aufforderung, ihrerseits ihre Hinterlassenschaften wie Essensreste oder Verpackungsmüll am Strand liegen zu lassen.

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fliegender Möbelhändler

Als wir nach dem Baden zurücklaufen, sitzt mitten auf dem Bürgersteig ein Pärchen und picknickt. Von Romantik hat wohl jeder eine andere Vorstellung, aber sauberer als am

Strand ist es allemal.

hier wachsen keine Gurken, es sind Kapokbäume!

Nach einer Woche fahren wir in die nahegelegene Stadt Kampot – genau dahin, wo der Pfeffer wächst. Die Stadt liegt etwa fünf Kilometer vom Meer entfernt am Fluß Teuk Chhou und hat noch viele Gebäude aus der französischen Kolonialzeit. Es wird auch versucht, die Bauwerke zu erhalten, was für die Stadt durchaus ein Gewinn ist. Das Angebot an Restaurants ist mehr als ausreichend für die rund 50.000 Einwohner und ein großer Touristenmagnet ist die Stadt eigentlich auch nicht. Obwohl bestimmt viele die Ruhe hier wohltuend finden. Auffallend ist, das sich viele Europäer niedergelassen haben. Ein Grund mag sein, dass zuhause die Rente nicht reicht, es könnte aber auch noch andere geben.
DSC02469Als wir über die Strandpromenade laufen, spielen gerade zwei Männer Da Cau (Fuß-Federball), eine sehr alte asiatische Sportart. Der Federball ist ein kleiner Zylinder, der oben mit Federn bestückt ist. Geschickt wird er mit der Schuhsohle zurückgeschlagen. Eine Weile schauen wir fasziniert zu.
DSC02481Das Wahrzeichen dieser Stadt steht mitten auf dem Kreisel auf der Hauptstraße – eine Durian (Stinkfrucht). Rund um Kampot gibt es Plantagen, auf denen die Bäume stehen. Nicht zu vergessen, die Pfefferplantagen. Seit dem 13. Jahrhundert wird in Kambodscha Pfeffer angebaut, auch dieses einträgliche Geschäft wurde durch den Krieg zunichte gemacht. Die Menschen wurden verschleppt, die Pflanzen auf den Plantagen gingen ein und erst langsam kommt das Geschäft wieder in Gang. Kampot-Pfeffer ist eine überaus begehrte Sorte, weil sie Aroma und Fruchtigkeit perferkt kombiniert. Hier wird sogar der seltene rote Pfeffer geerntet.


Kleine Pfefferkunde:
Grün =        unreif, frisch bis zu drei Tage haltbar, leicht zitronig im Geschmack. Sonst wird er eingelegt oder gefriergetrocknet
Schwarz = unreif geerntet, kurz bevor er gelb wird. Auf Bambusmatten in der Sonne getrocknet hält er sich mehrere Jahre
Weiß =        reifer, geschälter Pfeffer. Die roten Pfefferbeeren werden eingeweicht, bis die rote Schale abfällt, danach mehrere Tage in der Sonne getrocknet
Rot =           reif, ungeschält. Muss geerntet werden, kurz bevor die Beeren zu faulen beginnen. In der Sonne getrocknet und handverlesen
Köche aus aller Welt sind wieder auf Kampot-Pfeffer aufmerksam geworden. Gleiches gilt für das Salz aus den umliegenden Salinen.


Eine Broschüre fordert die Kampot-Touristen auf, den 10 Kilometer entfernten Zoo zu besuchen, damit vom Eintrittsgeld Futter gekauft werden kann. Da können wir uns nicht verweigern und leihen uns im Hotel Räder und fahren über die alte Brücke auf die andere Seite des Flusses und auf der stark befahrenen staubigen Landstraße Richtung Elefantenberge. Hier leben noch Tiger und Elefanten, aber die Berge selbst sind abgesehen von den Tieren nicht ungefährlich, viele Landminen liegen hier noch in der Erde, vergraben während des Bürgerkrieges von den Roten Khmer.
Am Zooeingang bezahlen wir vier Dollar und laufen über ungepflegte Wege an viel zu kleinen, gammeligen Käfigen vorbei. Vor Jahren hat ein hoher Militär hier seiner Leidenschaft für wilde Tiere ein Denkmal gesetzt und diesen Zoo gegründet. Inzwischen hat ein Privatmann übernommen, aber eine Rendite erwirtschaftet er sicher nicht. Alles wirkt heruntergekommen. Verrostete Spielgeräte, marode Skulpturen und die Schreie von Affen und Vögeln vermitteln beinahe eine Geisterbahnatmosphäre. Am liebsten würden wir nachts mit einer Drahtschere zurückkommen, um die Vögel und Affen zu befreien.
DSC02500Die zwei Elefanten haben ein einigermaßen großes Gehege, das auch einen stabilen Eindruck macht. Sofort kommt das Paar angelaufen in der Hoffnung auf Futter. Wir haben nichts, und der Bulle greift mit dem Rüssel eine leere Keksschachtel und bläst sie mir ins Gesicht. Von Gaffern hält er schon mal gar nichts. Ein Stück entfernt verkauft eine Frau Bananen für die Tiere und wir kaufen für ein paar Dollar ein. Damit sind die beiden Dickhäuter versöhnt, obwohl es für sie nur etwas für den hohlen Zahn ist. Ziemlich nachdenklich laufen wir zurück Richtung Ausgang, als ein Mann auf dem Moped Klaus um Hilfe bittet.

Er hat drei Eisblöcke dabei, die er nun abladen möchte. Da braucht er einen starken Mann, der sein Moped hält.
Unsere Weiterfahrt zu den ein paar Kilometer flussauf liegenden Stromschnellen ist auch umsonst, Der weiter nördlich gebaute Staudamm hat den Fluss gezähmt.
DSC02515Es geht auf den Abend zu, als wir auf der Rückfahrt ein paar Viehhirten begegnen, die die Rinder zurückbringen. Gerade passieren sie eine Stelle, wo eine Hochzeit gefeiert wird. Die Musik dröhnt laut und schief und die Tiere versuchen, so schnell wie möglich außer Hörweite zu kommen – wie wir auch.

Saigon und das Mekong-Delta (Vietnam)

Normalerweise klappt hier alles; heute allerdings nicht. Durch Vermittlung eines Holländers, der seit drei Jahren hier lebt, wurden unsere Tickets für die Fahrt nach Saigon gebucht und ein Taxi für 9:15 Uhr zu unserer Unterkunft bestellt. Es kommt nicht. Wir warten 10 Minuten, dann geht Klaus noch mal zurück, um den nicht englisch sprechenden Mitarbeiterinnen der Unterkunft verständlich zu machen, dass sie uns ein Taxi bestellen sollen. In diesem Moment kommt aber der Fahrer. Ich winke, sage ihm, er möge einen Moment warten, laufe Klaus hinterher und als wir beide zurückkommen, ist er weg. Nochmal dieselbe Prozedur. Das Taxi kommt, der Fahrer (es ist derselbe, quittiert aber unsere Fragen nach dem Warum mit einem Lächeln) heizt dann aber die 8 Kilometer mit Dauerhupen zur Busstation. Noch 5 Minuten, um das reservierte Ticket abzuholen, den richtigen Bus zu finden und einzusteigen. Geschafft!
Dieses Mal haben wir darauf geachtet, dass wir nicht die oberen Sitze belegen, sondern in der ersten Etage liegen. Von Da Lat aus geht es über eine Autobahn nach Südwesten. Die Landschaft erinnert stark an den Schwarzwald. Stetig fährt der Bus von 1.500 m Höhe bergab. Nach den vielen Kiefer-Bäumen schließen sich endlose Anbauflächen mit Gemüse an. Dann folgen üppig weißblühende Büsche. Im nächsten Ort sind Planen am Straßenrand ausgebreitet, auf denen kleine dunkle Kugeln zum Trocknen liegen. Kurzes Rätseln, ja natürlich, es sind Kaffeekirschen, die hier vor jedem Haus liegen. Stadt für Stadt, Ort für Ort wird hier mit Kaffee Geld verdient. Vor jeder Behausung, egal ob Hütte oder Palast werden freie Flächen genutzt, um den Ernteertrag entsprechend aufzubereiten.

Es gibt die Nass- und Trockenaufbereitung, hier wird letztere angewendet. Erst jetzt bekomme ich eine Ahnung, welche Mengen an Kaffee für den weltweiten Bedarf benötigt werden. Hier im Land des zweitgrößten Kaffeeproduzenten (rund 1 Mio. t pro Jahr) liegen Tonnen von den Früchten auf der Straße. Auf nacktem Beton oder Planen, sie werden gewendet, umgeschichtet Hühner scharren darin herum, sie müssen vor Regen geschützt werden. Irgendwo steht auch eine Maschine, die die Kerne von den Fruchthüllen befreit. Nach einem weiteren Arbeitsschritt, der die Kerne von der Pergamenthülle befreit, muss alles in Säcke verpackt und abtransportiert werden. Danach erst wird das kostbare Rohmaterial verschifft, bevor es im Importland gemischt, geröstet, gemahlen und verpackt wird. Aber hier, wo die meiste Arbeit anfällt, verdienen die Menschen das wenigste Geld damit. Die blühenden Sträucher, an denen wir vor einiger Zeit vorbei fuhren, sind natürlich Kaffeebüsche.
Die Fahrt geht weiter durch hübsche Städte. Es ist merklich wärmer, wir sind im Tiefland angekommen und hier wird Reis im großen Stil angebaut. Gegen 15 Uhr sehen wir die Skyline von Saigon (keiner der Vietnamesen mit denen wir sprechen, verwendet den offiziellen Namen Ho-Chi-Minh-Stadt) und dann dauert es noch 2 Stunden, bis wir in der Innenstadt ankommen. Am Stadtrand müssen wir in einen Minibus wechseln. Schon seit Da Lat sitzt neben uns im Bus eine Vietnamesin. Als sie einsteigt, trägt sie ihre Atemschutzmaske, eine Sonnenbrille und eine Kopfbedeckung, die von den Augenbrauen über die Ohren bis an die Schultern reichte. Nach und nach legt sie diese Kleidungsstücke ab. Die Frisur darunter entspricht genau der Kopfbedeckung. Wahrscheinlich nimmt sie die beim Frisör nie ab und lässt nur alles abschneiden, was unten rausguckt. Ganz zum Schluss spricht sie uns auf englisch an und will wissen, wo wir wohnen. Der Zufall will es, dass ihre Wohnung nur 50 Hausnummern von unserem Hotel entfernt ist. Sie bietet an, uns den Weg zu zeigen, und wir versuchen – unsere Koffer hinter uns herzerrend – sie nicht aus den Augen zu verlieren. Ungefähr einen Kilometer folgen wir ihr durch die Stadt. Dann erreichen wir unser kleines Hotel in der Altstadt. Es ist nach sechs Uhr, also schon dunkel als wir loslaufen, um ein Restaurant zu suchen. Vorbei an unzähligen Straßenlokalen mit Kinderhockern erreichen wir eine vierspurige Straße.

Über den Straßenverkehr in Saigon wurde schon viel geschrieben, aber wirklich verstehen kann man das erst, wenn man mittendrin ist. Die 8 Millionen Einwohner der Stadt besitzen 5 Millionen Mopeds bzw. Roller. Wenn man bedenkt, dass 1/3 der Einwohner unter 14 Jahre alt ist, hat quasi jeder Erwachsene so ein Gefährt. Und alle scheinen gleichzeitig unterwegs zu sein. Es gibt in den Hauptstraßen extra abgeteilte Bahnen für die zweirädrigen Fortbewegungsmittel, aber was hier Gesetz ist, wird noch lange nicht befolgt.
Das Lokal, für das wir uns heute entscheiden, ist offensichtlich hier sehr beliebt. An den ca. 50 Tischen nur zwei Touristenpaare, der Rest Einheimische. Alles ist straff durchorganisiert. Direkt an der zur Straße offenen Seite stehen in Eimern die Getränke, in anderen liegen Eiswürfel. Viele Bedienstete wuseln herum. Unmittelbar, nachdem man bestellt hat, stehen Gläser mit Eiswürfeln und Getränke auf dem Tisch.
DSC02208Während wir dort sitzen, kommt ein Mopdfahrer direkt vors Lokal gefahren. Auf dem Rücksitz sind 6 große Säcke gestapelt, aus denen es gewaltig tropft. Er liefert den Nachschub an Eiswürfeln. Während der nächsten Tage sehen wir diesen Lieferservice öfter. Die Speisekarte bietet typisches vietnamesisches Essen, alle Arten von Meeresfrüchten, Schnecken, Wildschwein zubereitet auf Hundeart (oder war es umgekehrt). Am Nebentisch feiern ca. zehn Personen Geburtstag. Der Tisch bietet kaum Platz für die vielen verschiedenen Gerichte, aber die Torte hat einen hervorgehobenen Platz, die Kerzen darauf werden angezündet, dann ertönt das international bekannte „Happy Birthday“. Nahezu jeder zweite Ton ist richtig. Und damit ist die Feier beendet und sie brechen auf. Zurück bleiben auf dem Tisch unzählige Platten und Teller, unter dem Tisch die leeren Bierdosen.

von fleißigen Frauen geschälter Knoblauch — Mamas Schuhe faszinieren kleine Mädchen

Beobachtungen am Rande

Auf dem Rückweg machen wir einen Umweg durch die bei Backpackern sehr beliebte Straße Pham Ngu Lao. Hier drängeln sich die Menschen in der Fußgängerzone – umrundet von Mopedfahrern – vor den Tür an Tür liegenden Bars, Pubs und Lokalen. Die Bässe der Technomusik wummern. Was für ein Glück, dass unser Hotel nicht in Hörweite liegt. Das ist definitiv nicht unsere Welt.
Wir machen uns auf den Weg zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten Saigons. In der Stadt sind viele Bereiche abgesperrt. Hier wird mit japanischer Hilfe eine U-Bahn gebaut. Das ist auch dringend nötig, der Verkehr kommt in den Stoßzeiten regelmäßig zum Erliegen.
Wir schlendern durch die Ben Than Markthalle mit ihren Schneidern, Obst- und Gemüseständen, Souvenirs und Kaffeeverkauf.

Dann durch die Fußgängerzone, vorbei am Bitexco-Tower bis zum Saigon-Fluss, ein Stück am Ufer entlang, die Prachtstraße hinauf.

Wir sehen das Opernhaus, gerade kommen die ersten Besucher. Auffallend ist, wie elegant alle gekleidet sind. Hier geht man nicht in Alltagskleidung aus.
P1090259Wir folgen der Straße weiter bis zur Basilika Notre Dame, die mit französischen Materialien erbaut und 1883 eröffnet wurde. Sie wird zur Zeit renoviert und kann nur von außen besichtigt werden.

Dafür gehen wir gegenüber in das Hauptpostamt, das – von einem französischen Architekten entworfen – zwischen 1886 und 1891 erbaut wurde. Obwohl es einen musealen Charakter hat, mit Souvenirshop an beiden Seiten des Eingangs, fungiert es nach wie vor als Postamt. Links und rechts gibt es noch die Telefonzellen, in denen man früher Gespräche anmelden musste. Leider sind die alten Apparate durch Tastentelefone ersetzt worden.
Wir kommen zum Wiedervereinigungspalast, wo 1975 das Ende Vietnamkrieges beschlossen wurde. Langsam wird es dunkel, unser Weg führt an einem eingezäunten Park vorbei.
DSC02246In einer innen liegenden Musikschule findet heute Abend ein Konzert statt. Auch hier fallen uns die eleganten Besucher auf.
Angelockt von den Meeresfrüchten landen wir kurz vor unserem Hotel in einem der kleinen gesichtslosen  Seafood-Lokale. Die noch vorhandenen Plakate lassen erkennen, dass hier bis vor kurzem ein Frisörladen war. Die Einrichtung besteht aus den üblichen kleinen Tischchen und Hockern.

Wir wollen es heute mal darauf ankommen lassen, und das Essen ist auch richtig lecker. Eine Gruppe drängt herein, schnell sind von einem Stapel noch ein ein Tisch und ein paar Hocker herbeigezaubert; hier und dort ein bisschen rücken, und schon finden weitere Gäste Platz.
Nach drei Tagen haben wir genug von Saigon und wählen als nächstes Ziel die Stadt Ben Tre  im Mekongdelta. Dafür wollen wir heute die Tickets kaufen und machen uns auf den Weg zum Büro unserer Buslinie.

Wir laufen durch eine knapp zwei Meter breite Gasse und landen mitten im Leben der Einheimischen. Kleine Straßenküchen finden auch hier noch Platz. Ein paar Lädchen gibt es und durch die offenen Türen können wir sehen, wie die Menschen ihren Sonntag verbringen. Auf Matten oder Matratzen liegend – ansonsten gibt es weder Tisch noch Stuhl – blicken sie fasziniert auf ihre ausladenden Flachbildschirme und verfolgen die tägliche Telenovela oder ein Sportprogramm.
Schließlich landen wir in der Annahmestelle für Güter, die ebenfalls mit den Bussen transportiert werden. Keiner der Angestellten spricht oder versteht englisch. Ein Kunde erbarmt sich und deutet uns die Richtung an. Im nächsten Büro will man uns zwar keine Tickets verkaufen, drückt uns aber einen Zettel in die Hand. Wir verstehen nur so viel, dass wir morgen um zwölf Uhr – eine Stunde vor Abfahrt des Busses – hier sein sollen. Mit dem guten Gefühl, alles erledigt zu haben, gehen wir in den nahegelegenen Park. Wir sitzen kaum auf einer der vielen Bänke, als uns ein zehnjähriges Mädchen anspricht. Sie möchte sich mit uns auf englisch unterhalten. Ich biete ihr den Platz neben uns an, und wir führen das übliche Gespräch. Kurze Zeit später kommt ein junger Mann dazu, dieser wiederum will deutsch mit uns reden. Gar nicht einfach, beiden gerecht zu werden, spreche ich englisch, bittet der Mann mich deutsch zu sprechen, tue ich das, vernachlässige ich das Mädchen.
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Am Rand des Parks befindet sich ein großes Zelt mit dem Food-Market. Alles was hier angeboten wird, sieht ausgesprochen appetitlich aus. Leider sind wir überhaupt nicht hungrig und beschließen, am Abend dort zu essen. Nachdem wir etliche Stunden später die verklebten Tische und den vielen Müll rundherum sehen, entscheiden wir uns anders.
Um halb zwölf sind wir am nächsten Morgen an der Busstation, nur um zu erfahren, dass wir zum drei Kilometer entfernten Ticketschalter müssen. Von dort fährt ein Shuttlebus zur großen Busstation. Es wird knapp, aber wir schaffen es gerade so. Der Bus hat normale Sitze, genau richtig für die dreistündige Fahrt nach Ben Tre im Mekongdelta.
Links und rechts der Straße frische grüne Reisfelder, und mittendrin immer mal wieder ein oder mehrere Gräber. Da könnte man einen deutschen Schlager doch noch ergänzen mit: „Ein Grab im Reisfeld….“
Ich hatte eine E-Mail an unsere Unterkunft gerichtet mit der Frage, ob man uns abholen könnte. Und da steht wirklich ein Mann an der Haltestelle und fragt, ob wir ein Homestay gebucht hätten. Wir denken natürlich, das er von unserer Unterkunft ist, aber als ich den Namen nenne, schüttelt er mit dem Kopf. Immerhin erklärt er dem Fahrer des Shuttlebusses, wo er uns absetzen soll.
Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren auf schmalen Wegen bis zu einer Einbuchtung. Da steht derselbe Mann, er wolle unsere Unterkunft kontaktieren, verspricht er und wir sollen inzwischen in dem kleinen Lädchen was trinken. Er telefoniert und sagt, dass wir in 10 Minuten abgeholt werden. Inzwischen entpuppt er sich als smarter Schlepper; denn er will uns ein Ausflugsprogramm verkaufen. Als wir nicht anbeißen verschwindet er mit grimmiger Miene. Die 10 Minuten sind um, aber niemand kommt.  Die Frau aus dem Lädchen bietet uns erst eine Pomelo, dann eine Guave an. Geld will sie dafür nicht annehmen.
Schließlich machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Wen wir auch fragen, niemand weiß, wo unser Homestay ist. In einem Frisörladen bitten wir darum, dass jemand die Nummer des Homestays anruft, und nun kommen nach 10 Minuten wirklich zwei Frauen auf zwei Mopeds. Sie waren von unserem Schlepper natürlich nicht angerufen worden. Die vorher versprochene Abholung hing wahrscheinlich von einer erfolgreichen Buchung ab. Die ältere nimmt einen Koffer, die jüngere Klaus auf den Rücksitz. Beide müssen nochmal zurückkommen, um mich und den anderen Koffer zu transportieren. 4 Kilometer sind es auf einer schmalen Betonstraße.

Der Schlammspringer fühlt sich wohl

Unsere Unterkunft liegt auf einem verwilderten Grundstück mit kleinen Kanälen. Drei Zimmer werden vermietet, sie sehen aus wie Pferdeboxen Modell „Sägerau für das robuste Tier“. Zwischen den Räumen eine oben offene Trennwand, die Tür quietscht auf Eisenrollen (Klaus schafft sofort Abhilfe mit Kokosöl). Die schmuddelige Dusche, Toilette und Waschbecken sind ein Stück entfernt. Zwei Nächte werden wir schon durchstehen. Während wir uns einrichten kommt ein deutsches Paar auf Fahrrädern, das die Kammer direkt neben uns bezieht. Der Frau geht es gar nicht gut. Zum Glück ist unsere Reiseapotheke dank der Beratung von Fachmann Manuel, einem Freund unserer Tochter, perfekt ausgestattet. Und so kann ich ihr wenigstens soweit helfen, dass sie am nächsten Tag die 100 Kilometer per Rad in Angriff nehmen kann.
Die Besitzer unserer sind sehr nett, die jüngere Frau und ihre Schwester sprechen gut englisch, beide haben studiert. Um so unverständlicher ist der erbärmliche Zustand der Anlage. Anscheinend ist dieser ihnen absolut gleichgültig.
DSC02308.JPGDie Mutter kocht ungewöhnlich gut, und wir lassen uns abends einen Elefantenohrfisch schmecken. Das funktioniert so: Ein Blatt Reispapier hinlegen, darauf kleingeschnittene Gurke und Ananas, ein paar Reisnudeln und Stücke vom heißen Fisch. Dann zusammenrollen und in die leicht scharfe Soße stippen – lecker.
Am nächsten Tag leihen wir uns Fahrräder und radeln über die Betonstraßen – auf denen im noch feuchten Zustand etliche Hunde ihre Fußabdrücke hinterlassen haben – zwischen Kanälen und Grundstücken in die nähere Umgebung.

Es ist so schön friedlich hier, üppig grün, viele Pflanzen und Blumen. An einem breiteren Kanal liegen links und rechts zwei Höfe, in denen im großen Stil Kokosnüsse verarbeitet werden.

Haufenweise liegen die faserigen Hüllen herum, die für Seile oder Matten verwendet werden. Aus den harten Schalen wird Grillkohle gemacht, das Kokoswasser wird in Behältern gesammelt und das Fruchtfleisch geht an die hiesige Fabrik, die für ihre Kokosbonbons berühmt ist.
Leider wird der hintere Reifen an meinem Rad platt, eine Luftpumpe haben wir nicht, kommen aber glücklicherweise an zwei Stellen vorbei, wo mit alten und neuen Reifen gehandelt wird. Hier gibt es Druckluft und wir beeilen uns zurückzukommen, bevor ich endgültig einen Platten habe. Das Essen schmeckt auch heute wieder ausgezeichnet. Trotzdem freuen wir uns darauf, morgen früh abzureisen.

Hoi An und Da Lat (Vietnam)

Und wieder ein Liegendtransport = Schlafbus, und das mittags um 1 Uhr für eine knapp vierstündige Fahrt. Menschen mit großen Füßen oder überhaupt groß gewachsene haben hier ein Problem. Die Füße in „Spitzenschuh“-Stellung lösen nach kurzer Zeit Krämpfe aus; und mit ausgestreckten Beinen können sie hier gar nicht sitzen. Die Fahrt von Hue bringt uns direkt an die Küste. Leider haben wir immer noch Regenwetter. Unsere Hoffnungen liegen auf der Wetterscheide „Wolkenpass“. Der macht seinem Namen auch alle Ehre, die Wolken hüllen die meisten Berge rundherum ein. Inzwischen wird der Pass durch einen 6 km langen Tunnel unterfahren. Aber auch nach der Durchfahrt scheint am anderen Ende nicht die Sonne.

o.l.: Ausenhandelsministerium o.r.: Appartmenthaus
u.l.: Brücke über den Han Fluß u.r.: einer der zahlreichen Skulpturenanbueter

Erst, als wir die Millionenstadt Da Nang – die viertgrößte Vietnams erreichen – hört es auf zu regnen. Touristen in kurzen Hosen und Kleidern bummeln durch die sehr moderne, großzügig angelegte Stadt. Wir fahren sogar über die sehenswerte Drachenbrücke auf die andere Seite des Han Flusses. Wirklich spektakulär ist sie jedoch nur beleuchtet bei Dunkelheit und am Wochenende speit der Drache sogar Feuer.

In Da Nang herrscht rege Bautätigkeit. Vor allem Hochhäuser, die nach Fertigstellung Hotels für Besserverdienende sein werden, schießen wie Pilze aus der Erde. Es sieht so aus, als entstünde hier das vietnamesische Miami.

Nach 30 Kilometern erreichen wir Hoi An und nehmen ein Taxi zum Ortsteil Ban An, einem auf einer Landzunge liegendes Fischerdorf. Unser Hotel liegt nur 70 Meter vom Strand entfernt.

DSC02058Hier nutzen die Fischer noch die typischen geflochtenen Rundboote, die wie überdimensionale Brotkörbe aussehen. Durch eine Teerschicht sind sie wasserdicht. Hoffentlich können wir sie während unseres Aufenthaltes mal in Aktion sehen. Wie man es damit schafft, genau dort wieder anzukommen, wo man losgepaddelt ist, ist mir ein Rätsel.

Das Örtchen hat vor allem nach Einbruch der Dunkelheit einen besonderen Charme, die beleuchteten bunten Seidenlampions verleiten dazu, weiter und weiter zu laufen. Zwischen den Häusern sind viele kleine Hotels und Homestays entstanden. Alle sehen einladend aus. Auch an Restaurants herrscht hier kein Mangel. Uns gefällt es so gut, dass wir nicht nur die gebuchten drei Nächte hierbleiben wollen, sondern noch drei weitere. Wir bekommen abends die Zusage, zum selben Preis bleiben zu können, am nächsten Morgen allerdings spricht man von einem Irrtum. Über den Jahreswechsel ziehen die Übernachtungspreise gewaltig an; so bei unserem Hotel von 88 € auf 250 € für drei Nächte. Wir bekommen keine 100 Meter weiter einen Ersatz zum vernünftigen Preis angeboten. Das Zimmer ist mehr als zufriedenstellend, groß, hell und mit allem ausgestattet, was wir brauchen.

Mit dem Taxi lassen wir uns in die Altstadt von Hoi An bringen.

DSC02083.JPGSie ist wie Hue UNESCO Weltkulturerbe. Auch wenn man es nicht schon vorher gelesen hätte, macht die Anzahl der Touristen es jedem sofort klar. Hoi An hatte zu Kolonialzeiten den größten Hafen in Südostasien und war die Verbindung zur Seidenstraße. Wegen der fortschreitenden Versandung des Hafens verlegte die französische Kolonialmacht 1888 den Sitz der Hauptstadt nach Da Nang. Nun war Hoi An unwichtig geworden und wurde während des Vietnamkrieges von Bombardierungen verschont.

Deshalb hat man heute noch eine gelungene Mischung asiatischer und europäischer Bauwerke. In den kleinen Straßen, die zu bestimmten Zeiten für den Verkehr gesperrt sind, reiht sich Geschäft an Geschäft. Hier gibt es alles, was das Herz des Touristen höher schlagen lässt. Auch Schneidereien in großer Zahl. Anzug und Kleid für Silvester könnte man sogar heute, am 29. 12. noch in Auftrag geben.

Am zweiten Abend landen wir durch eine Empfehlung in einem abseits gelegenen Lokal. Das Essen begeistert uns dermaßen, dass wir an den nächsten fünf Abenden hierher kommen und kreuz und quer aus der Speisekarte bestellen. Wir sind kein einziges Mal enttäuscht worden.

Der Jahreswechsel verläuft hier wie jeder normale Tag. Kein Feuerwerk, keine Party, spätestens um elf schließen die Lokale. Der Neujahrstag ist auch in Vietnam ein Feiertag. Am Strand sind heute besonders viele Liegen paarweise mit Sonnenschirm und Tischchen aufgestellt. Für 50.000 Dong = 1,85 € kann man sie den ganzen Tag mieten. Gegen Mittag oder auch auf Handzeichen werden Speisekarten gebracht und man bekommt das Essen direkt am Strand serviert.

Viele Einheimische nutzen den freien Tag für einen Ausflug ans Meer. Es ist voller, als an allen anderen Tagen, und nicht wenige laufen auch ins recht kühle Wasser. Baden ist wegen hoher Wellen und starker Strömung zwar nicht gestattet, aber solange man vorne am Wasserrand bleibt, wir es toleriert. Geht doch mal jemand weiter raus, werden die Vietnamesen – die ihre Liegen vermieten –  unruhig. Sie pfeifen, rufen, und drängen darauf, dass derjenige soweit zurück an den Strand kommt, dass ihm das Wasser nur noch bis an den Bauch reicht.

Geschäfte und Restaurants sind alle geöffnet. Erst wenn das chinesische Neujahrsfest (in diesem Jahr Mitte Februar) gefeiert wird, ist es anders. Dann gibt es Feuerwerk und ausgelassene Feiern, wie es auch bei uns üblich ist, nur dauert die Feier fünf Tage, in denen dann auch die Geschäfte geschlossen sind.

Da der Bus erst am Abend fährt, lassen wir unser Gepäck in der Obhut unseres ersten Hotels, wo man uns auch die Bustickets gebucht hatte. Wir nutzen die Zeit, um noch mal am Strand entlang zu laufen und den hohen Wellen zuzuschauen. Unser „Stammlokal“ bietet auch Liegen am Strand an. Wir werden eingeladen, noch ein paar Stunden hier zu verbringen. Unter vielen Umarmungen und Freundschaftsbekundungen verabschieden wir uns von den Leuten, bei denen wir so schöne Stunden verbracht und gut gegessen haben.

Bei dieser weiten Strecke ist es sinnvoll, im Schlafbus zu fahren. Meinem Loblied über die tollen Straßen in Vietnam muss ich eine weitere Strophe hinzufügen. Südlich von Hoi An sind die Straßen mit Schlaglöchern übersät. Entsprechend rumpelig ist die 14-stündige Fahrt und an Schlafen ist kaum zu denken. Als wir morgens um sieben Uhr in Da Lat ankommen fallen sofort die vielen Blumenrabatten auf.

Da Lat ist die Blumenstadt Vietnams, rings um die Stadt reihen sich so viele Gewächshäuser aneinander, dass ganze Hügel damit bedeckt sind. Weltweit werden Blumen und Gemüse exportiert. Hier auf 1.500 Metern Höhe gibt es einerseits das richtige Klima und andererseits auch den fruchtbaren Boden.

Um das Wachstum zu beschleunigen, erhellen unzählige Lampen bei Nacht die Gewächshäuser. Was tagsüber abstoßend wirkt, lässt Nachts die Herzen der Romantiker höher schlagen. Von denen soll es hier ja viele geben. Wie wir erfahren haben, ist Da Lat der beliebteste Ort für Hochzeitsreisen in Vietnam.

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oder man heiratet gleich hier

Der Ort wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts von der französischen Kolonialmacht gegründet. Das angenehme Klima lockte bald reiche Menschen – vor allem aus Saigon – an, die sich hier Sommerhäuser bauen ließen. Da die Stadt im Vietnamkrieg nicht zerstört wurde, kann man noch heute viele dieser Prachtbauten bestaunen.

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Aber auch in der Gegenwart entstehen wunderschöne Villen. Der einträgliche Handel mit Blumen und Gemüse macht es möglich. Leider sind wir eine Woche zu spät hier. Ende Dezember fand hier das Flower-Festival Da Lat statt. Noch sind trotz Aufräumarbeiten viele der fantasievollen Dekorationen erhalten.

Noch einige Ansichten von Da Lat.

ein Kaffeehaus am Shoppingcenter
links: Shoppingcenter Mitte: der „Eiffelturm“ von Da Lat Rechts: Stadtansicht

In der Nähe unserer Unterkunft kommen wir an einer Kunstausstellung vorbei. Draußen sind Skulpturen aus Marmor zu sehen. Wir werden gebeten, uns auch drinnen umzusehen. Doch hier sind keine weiteren Skulpturen ausgestellt, sondern Bilder. Doch diese Kunstwerke wurden nicht von Malern, sondern von Stickerinnen geschaffen. Was hier unter deren geschickten Fingern entsteht, ist unvorstellbar. Mit Fäden und Nadeln zaubern sie Gemälde, so fein, so exakt, dass man ganz nah herangehen muss, um überhaupt zu erkennen, dass hier feinste Seiden in unendlichen Schattierungen dicht an dicht die Bilder ergeben. Abgesehen davon, dass die meisten Motive nicht nach unserem Geschmack sind, muss man doch die großartige Arbeit und Kunstfertigkeit bewundern. Die Preise sind erstaunlich niedrig, wenn man bedenkt, dass stundenlange Arbeit darin steckt. Sie beginnen bei rund 30 €. Allerdings entdecken wir bei einem Bild, ca. 170 x 110 cm groß einen Milliardenbetrag, ca. 60.000 €. Bei diesem Bild – eine ländliche Szene mit blühenden Bäumen, Bach, Reisfeldern und Wasserbüffeln – ist kein Fitzelchen des Stoffes mehr zu sehen. Jeder Millimeter ist bestickt. Leider war fotografieren nicht erlaubt, so dass keines dieser Kunstwerke hier zu sehen ist.

Hier der Link zu der Ausstellung.

Geschichtsträchtiges Phong Nha und Hue (Vietnam)

Wir haben uns bei den Besitzern unseres Homestay Fahrkarten für den Bus nach Phong Nha bestellt und wundern uns schon, dass wir dieses Mal zwei bedruckte Zettel bekommen. Auch die Abfahrtszeit: 8.22 Uhr kommt uns komisch vor. Als der Taxifahrer dann vor dem Bahnhof hält, und auf unsere Frage nach der Haltestelle in den Bahnhofseingang zeigt, sind wir verunsichert. Er will gerade sein Handy zücken, als wir klein und unscheinbar auf dem Zettel den Aufdruck „train“ entdecken. Wir habe immer vom BUS gesprochen und an gar nichts anderes gedacht.

DSC01897.JPGDer Bahnhof sieht aus, als habe man ihn extra geputzt und poliert. Auf dem Bahnsteig treffen wir wieder die holländische Familie, die dasselbe Ziel hat wie wir. Der Zug kommt pünktlich, pro Wagon ist eine Tür geöffnet, vor der jeweils ein Kontrolleur steht, der die Reisenden erst nach einem Blick auf die Fahrkarten einsteigen lässt. Direkt am Eingang steht eine Kiste mit Wasserflaschen, aus der sich jeder bedienen kann. Die Sitzreihen haben einen merklich größeren Abstand als bei uns üblich, die Rückenlehnen lassen sich in eine angenehme Schlafposition zurückstellen. In der einen Hälfte des Wagens sind die Sitze in, in der anderen gegen die Fahrtrichtung montiert. Wo sie sich in der Mitte treffen, gibt es in jeder der beiden Reihen ein Tischchen. Leider sind die Fenster von außen mit einer Lochfolie beklebt. Man kann zwar erkennen, durch was für eine Gegend wir fahren, aber alles nur verschwommen. Der Grund dafür bleibt uns verborgen; denn innen sind noch Rollos gegen Sonneneinstrahlung angebracht. Diese achtstündige Fahrt verbringen wir hauptsächlich mit Lesen und Beobachten, denn vom Rausschauen wird einem etwas schwindelig und fotografieren ist schon gar nicht möglich. Vor uns sitzen zwei Frauen, wahrscheinlich Großmutter und Mutter mit drei Mädchen. Solange nicht alle Plätze besetzt sind, können sie sich nach Belieben ausbreiten. Die Mutter des etwa 6-jährigen Mädchens und der 4-jährigen Zwillingsschwestern ist unglaublich gestresst, und während der Fahrt kriegen die kleineren Mädchen öfter mal einen Schlag auf den Po oder auf den Kopf. Sie verziehen keine Miene, sondern klettern fröhlich weiter auf den Sitzen herum. Sie sind diese Behandlung offenbar gewohnt. Die Großmutter der Kinder mischt sich nicht ein, versucht aber die Kinder ruhig zu halten, und irgendwann liegen sie vor ihrer Bank auf dem Boden und schlafen. Sie selbst rollt sich auf der Sitzbank zusammen und fällt auch sofort in Tiefschlaf.

Die Zugbegleiter laufen immer wieder durch die Gänge, ich weiß nicht, ob sie auch kochen, denn der Geruch nach Essen zieht durch den Wagon und mehrmals werden Wagen mit heißer Suppe, Reis, Fleisch und Gemüse durch die Gänge geschoben. Die Fahrgäste kaufen ordentlich ein und lassen es sich schmecken. Verpackung und Reste werden nach einer Weile wieder eingesammelt.

Nachdem wir in Dong Hai ausgestiegen sind, verhandelt Susanna, die Tochter der Holländer, mit einem Taxifahrer über einen angemessenen Preis für uns fünf. Nach Phong Nha sind es noch 45 Kilometer, und für 17 € bringt uns der Fahrer alle zu unserem Hotel.

Als wir das Hotel betreten, schallt uns ein unglaublicher Lärm entgegen. Hier findet gerade eine „besinnliche“ Weihnachtsfeier statt. Ungefähr zwölf Männer lassen wen auch immer hochleben, dazwischen ist ein verschwommenes „Halleluja“ auszumachen. Die Anmeldung funktioniert nur mit Zeichensprache. Auch in unserem Zimmer zwei Stockwerke höher klingt es, als sei die Feier vor unserer Tür. Wir flüchten und suchen ein Restaurant. Angelockt vom Geruch nach Holzfeuer betreten wir eines. Es brennt auch wirklich ein Feuer in einem nach zwei Seiten offenen Blechkasten, aber es gibt keinen Kamin, der Qualm zieht einfach durch das Lokal. Wir wollen ja nicht wie ein Schinken riechen und suchen einen Platz entfernt vom knisternden Feuer. Nur noch im vorderen Teil, der an zwei Seiten von einem Holzgitter eingefasst ist, gibt es freie Plätze. Während wir essen, wird es unangenehm kalt. Zum Glück ist die Weihnachtsfeier bereits vorbei, als wir zum Hotel zurückkehren. Eine heiße Dusche, und dann unter die Bettdecke, anders kann man es in den ungeheizten Räumen nicht aushalten.

Um 9 Uhr gehen wir frühstücken. Noch ist alles ruhig, aber eine halbe Stunde später sind bereits zwei Gruppen da, die auch eine Weihnachtsfeier „zelebrieren“. Der Feuertopf mit brodelnder Brühe und den unzähligen Zutaten steht schon auf dem Tisch, das Bier schäumt in den Gläsern, und unter lautem Gesang, in dem keine Melodie erkennbar ist,  feiert man „Gröhliche Weihnachten.“

Rasch verlassen wir das Hotel, um uns die Gegend anzusehen. Bei unserer Ankunft am Vorabend war es bereits dunkel, aber jetzt sehen wir rundherum wieder Kalkfelsen.

Als wir die katholische Kirche erreichen, hören wir dumpfe Paukenschläge. Viele Menschen laufen einem mit lila Samt bedeckten Sarg hinterher, der in einer Art Sänfte gefahren wird. Geschnitzte Drachenköpfe bilden den Abschluss der Tragestangen. Die Träger sind in roten Satin mit Goldverzierungen gekleidet, die nächsten Angehörigen haben sich weiße Umhänge zum Zeichen der Trauer übergeworfen. Symbole aus dem chinesischen Buddhismus vermischen sich mit denen aus dem Christentum.

DSC01906Bei einer Krippe, die wir ein Stück weiter sehen, stehen neben Ochs und Esel auch Zebra, Tiger, Giraffe und Elefant vor dem Christkind.

Phong Nha Phong Nha liegt in einem Nationalpark, der zum Weltnaturerbe gehört. Das riesige Karstgebiet ist bekannt für seine beinahe 300 Höhlen und Grotten. Während des Vietnamkrieges führte der Ho-Chi-Minh-Pfad durch dieses Gebiet. Einige Höhlen wurden wie Bunker von der Bevölkerung oder Unterschlupf für die Soldaten genutzt. Hier liegt auch die Son Doong Höhle, die zu den größten der Welt zählt, die Höhe von über 200 Metern gibt es bei keiner anderen. Sie wurde erst vor ein paar Jahren entdeckt und von einem britischen Forscherteam untersucht. Sie ist nur in einer mehrtägigen Tour zum Preis von 2.321 € zu besichtigen.

Wir entscheiden uns für die Phong Nha Cave, die wir von der nahe gelegenen Bootsanlegestelle auf dem Fluss erreichen können. Eintritt kostet pro Person 150.000 Dong = 4,55 €. Das Boot bietet Platz für 12 Personen und kostet 360.000 Dong. Schnell kommt eine 12er-Gruppe zustande, und damit zahlt jeder 1,11 €. Die erste halbe Stunde fährt das Boot mit Motorkraft.

P1090219.JPGAber am Eingang der Höhle wird er ausgeschaltet und nun rudern uns die zwei Bootsfrauen in die Höhle hinein. Das Dach – bestehend aus drei großen Blechabdeckungen – wird mit Hilfe der Passagiere übereinander und nach hinten geschoben, so dass man freien Blick nach oben hat. Obwohl außer unserem auch etliche andere Boote in der Höhle sind, ist es leise. Man hört nur das Aufschlagen der Ruder und das Klicken der Fotoapparate. Die Höhle ist unbeschreiblich, wunderschöne Formationen haben sich in verschiedenen Farben herausgebildet. Die Decke hat eine unglaubliche Farbgestaltung. Man könnte glauben, Michelangelo habe sie schon für die Schöpfungsszene vorbereitet. In einigen Foren wird sie als die schönste Tropfsteinhöhle der Welt beschrieben, aber ist Schönheit messbar?

P1090210.JPGAuf der Rückfahrt hält das Boot an und wir klettern über eine Sanddüne in die Höhe, um den restlichen Weg zu laufen. Wenn der Fluss Hochwasser führt, ist die Höhle unpassierbar, dann wird Sand angeschwemmt und auch abgetragen. Wir kommen an wunderbaren Gebilden vorbei. In schneeweiß, karamellbraun, sandbeige mit Glitzer sind die vielfältigsten Formen zu sehen. Eine zwanzig Meter hohe Formation aus Quallen, zerbrechlich wirkende Faltenwürfe, aufsteigende Oktopusse, Orgeln und so viele andere. Durch dieser Zauberwelt kann man bequem über sorgfältig angelegte Stufen laufen. Wächter passen auf, dass nichts angefasst oder etwa ein Souvenir abgebrochen wird. Es ist ein wunderschönes Erlebnis.

Abends sehen wir in einem Restaurant dicke Tontöpfe mit glühender Holzkohle auf den Tischen. Das verspricht einerseits Wärme und andererseits Abwechslung auf dem Speiseplan. Beides wollen wir auch und bestellen Hühner- und Schweinefleisch für das BBQ. Der Chef kommt zu uns, fragt uns dies und das und setzt sich dann zu uns und spielt kurzerhand für uns den Grillmeister. Er spricht besser Englisch, als die meisten, und so haben wir einen interessanten Abend mit leckerem Essen.

Beim Gehen treffen wir im vorderen Teil des Lokals das junge deutsche Paar, das im Boot hinter uns saß. Wir kommen ins Erzählen und erfahren, dass die Beiden schon einen Monat länger als wir unterwegs sind und bereits in Gegenden waren, wo wir erst noch hinwollen. Sie geben uns gute Tipps, und als wir dann noch herausfinden, dass wir am nächsten Morgen mit dem selben Bus fahren, beschließen wir, unsere Unterhaltung dort fortzusetzen.

Auf dem Weg ins Hotel sehen wir gewitzte Räuber, die sich an Mülltonnen zu schaffen machen. Kennt man ja auch bei uns, Füchse und Waschbären sind bekannt dafür, aber hier sind es KÜHE.

Um sieben Uhr ist Abfahrt. Als wir den Bus betreten, werden wir aufgefordert, unsere Schuhe auszuziehen. Und dann stellen wir fest, dass wir in einem Schlafbus fahren werden, als Liegendtransport sozusagen.

DSC01936.JPGIn drei Reihen sind Doppelstockkojen montiert. Die Lehnen sind weit zurückgeklappt, die Füße kommen in eine keilförmige Hülle, die wiederum Stütze für die vordere Lehne ist. Ein großer Mensch kann hier nicht aufrecht sitzen, weil er sonst mit dem Kopf an die darüber liegende Koje stößt. Außerdem lässt sich die Rückenlehne nicht aufrecht stellen. Steppdecken liegen bereit, und schon bald nach der Abfahrt schlafen die meisten, eingelullt durch den gegen die Scheiben tropfenden Regen. Und auch mir fallen in dieser Position, mit warmer Decke und dem Brummen des Motors die Augen zu.

DSC01946.JPGPlötzlich stoppt der Bus, ich schaue aus dem Fenster und direkt in die Augen eines Kuhkopfes. Der Fahrer hat offenbar angehalten, um hier an diesem Fleischstand am Straßenrand den Weihnachtsbraten zu kaufen.

Und dann reihen sich Soldatenfriedhöfe aneinander. Hieran sieht man die Schrecken des Vietnamkrieges sehr deutlich. Mehrere Millionen Vietnamesen mussten während des Krieges ihr Leben lassen und auch viele amerikanische Soldaten fielen den Kampfhandlungen zum Opfer.

DSC01942Unser Schaffner schnappt sich plötzlich eine Schaumstoffunterlage, legt sie neben Klaus auf den Boden, darauf ein Kopfkissen und schon liegt er mit Schlafmaske und Steppdecke da und schläft den Schlaf des Gerechten.

Hue – die Stadt am Parfümfluss – die unser heutiges Ziel ist, ist für ihren Regenreichtum bekannt. Die vielen Mopedfahrer tragen Regencapes in bunten Farben. Die meisten haben vorne einen mit klarer Folie hinterlegten rechteckigen Ausschnitt? Erst später wird uns klar, dass der für die Scheinwerfer gedacht ist.

In unserem Hotel, in dem wir die Weihnachtstage über wohnen werden, erwartet uns im 5. Stock eine Suite zum Preis von 24 € pro Nacht inklusive Frühstück. Noch nachträglich beglückwünschen wir uns zu der Entscheidung. Die Ausläufer des Tropensturms „Tembin“, der auf den Philippinen Tod und Zerstörung hinterlassen hat, bringen die nächsten Tage heftigen Regen. Wir halten uns daher häufiger als normal im Hotel auf, und das ist in einer solchen Umgebung doch viel angenehmer.

DSC01955.JPGVor und an Weihnachten wird hier wohl besonders gern geheiratet. Wir kamen schon mit dem Bus und später auch zu Fuß an mehreren, üppig mit Rosen geschmückten Sälen vorbei, wo die Feiern in vollem Gange sind. Die Bräute tragen prächtige weiße Kleider nach westlichem Vorbild. Am späten Nachmittag laufen wir durch die Stadt.

An vielen Ecken stehen Verkäufer, die dicke Trauben von Luftballons in Form eines Weihnachtsmanns in den Händen halten. Die müssen sie jetzt schleunigst loswerden, in zwei Tagen will sie auch zum Schnäppchenpreis niemand mehr. Wir kommen an schuhschachtelgroßen Boutiquen vorbei, links zwei übereinander angebrachte Kleiderstangen mit der Ware, dahinter ein Vorhang an einer Duschstange als Umkleidekabine, rechts ein schmaler Tisch für die Kasse. Wenn zusätzlich zur Verkäuferin drei Kundinnen drinnen sind, ist der Laden voll. Ich sehe sehr schicke Kleidungsstücke, die auch bei uns reißenden Absatz finden würden.

Am 24. 12. wollen wir über die 460 Meter lange Brücke, die den Parfüm-Fluss überspannt, zur Zitadelle auf der anderen Seite. Im ersten Regenguss flüchten wir mit nassen Hosen und Schuhen in ein Café. Nachdem es aufgehört hat, laufen wir weiter, um wieder komplett nass zu werden. Selbst unsere Regenjacken können diesen Wassermengen nicht standhalten, auch sie werden durchweicht. Wir geben auf und kehren ins Hotel zurück. Abends hört der Regen auf und wir wollen uns ein nettes Lokal suchen. In der für Autos und Mopeds gesperrten Straße sind unglaublich viele Menschen unterwegs.

Viele haben irgend etwas Rotes an oder tragen Weihnachtsmützen. Kinder laufen in Weihnachtsmann-Kostümen herum, selbst aus Babys werden heute Mini-Weihnachtsmänner. Von vielen Seiten wird uns „Merry Christmas“ entgegen gerufen. Auf der Kreuzung ist eine Bühne aufgebaut, auf der ein einheimischer Sänger ein Chanson von Edith Piaf zum Besten gibt. Erkennbar nur an den ersten vier Noten, der Rest des Liedes könnte irgendwas sein. Nur wenn er wieder „Non, je ne regrette rien“ schmettert wissen wir, dass er noch immer bei demselben Stück ist.

Im Restaurant sind die Tische festlich gedeckt, und bei dem, was der höchstwahrscheinlich angemeldeten Gruppe am Nachbartisch serviert wird sehen wir, dass in der Küche Künstler am Werk waren. Aus Gemüse geschnitzte Vögel und Drachen verzieren die Speisen. Unsere fallen dekomäßig bescheidener aus, stellen uns aber geschmacklich zufrieden. Auf dem Rückweg gewinnt Klaus beim Wurfspiel mit gefederten Pfeilen auf Luftballons einen rosa Elefanten, den er später den jungen Damen an der Rezeption schenkt. Neben dem Weihnachtsbaum ist in der Lobby ein Tisch mit Süßigkeiten, Bier und Obsttellern für die Hotelgäste aufgebaut. Wir sitzen noch ein Weilchen mit einem Paar aus Portugal und einem aus Australien (sie ist Chinesin, er Kanadier) zusammen und erzählen von der Familie, von Weihnachtsbräuchen zuhause und vom Reisen.

Am ersten Weihnachtstag passen wir eine Regenpause ab, um den abgebrochenen Besuch in der Zitadelle nachzuholen. Sie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild der verbotenen Stadt in Peking gebaut. Termiten und Wirbelstürme setzten ihr zu, aber vollends zerstört wurde sie bei Bombenangriffen der US-Streitkräfte. Inzwischen ist sie UNESCO Weltkulturerbe und wird nach und nach restauriert.

Als wir abends unterwegs sind, ist nichts mehr von der gestrigen Weihnachtsstimmung zu merken. Abends um zehn Uhr sind noch Geschäfte geöffnet. Wir sehen Schuster, Gürtelmacher und Frisöre bei der Arbeit, ganz zu schweigen von all den Restaurants, Garküchen und Straßenlädchen.

Den völlig verregneten zweiten Weihnachtstag verbringen wir mit einem winzigen schlechten Gewissen lesend, schreibend und rätselnd im Hotel. Selbst das Essen lassen wir uns ins Zimmer liefern.