Lago Atitlán – der schönste See der Welt (Guatemala)

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Der Hotelbesitzer fährt uns zur Abfahrtstelle des Busses. Normalerweise kommt der Shuttlebus direkt zum Hotel. Aber durch die heute noch stattfindende Prozession sind viele Straßen gesperrt, das kostet einfach zu viel Zeit. Etliche Reisende haben sich schon vor der Reiseagentur versammelt. Das wird bestimmt wieder eng. Als der Kleinbus eine halbe Stunde nach der Abfahrtszeit kommt, werden wir auf einen zweiten Bus mit demselben Ziel vertröstet. Dadurch stehen wir jetzt als erste an der Haltestelle, haben aber nicht mit dem forschen jungen Mann gerechnet, der seine Ellbogen einsetzt und sich an uns vorbei als erster in den Bus schiebt. Ein freundliches Wort zu uns hätte ihm auch zu seinem Wunschplatz verholfen.

Es gibt auch vierspurige Straßen in Guatemala und auf einer solchen geht die Fahrt schnell voran. Wir durchqueren kleine Städte und Dörfer und gelangen auf 2.300 Meter Höhe. Dann verlassen wir die komfortable Straße und fahren auf einer Nebenstrecke erst durch ein paar Ansiedlungen und dann in engen Serpentinen die steilste Straße meines Lebens. Hier haben die Straßenbauer unglaubliches geleistet und der Fahrer muss alle seine Sinne beieinander haben, damit er hier heil herunter kommt. Der Pickup, der uns zuvor todesmutig überholt hat, steht nun am Rand und muss die heiß gelaufenen Bremsen abkühlen lassen. Als wir in San Pablo la Laguna ankommen ist Schluss mit der guten Straße, ab hier wird es holperig. Obwohl unserer Fahrer das Gefährt umsichtig lenkt, werden wir heftig durchgeschüttelt. Als erstes geht es über diese Straße weiter nach San Marcos la Laguna. Dieser kleine Hippie-Ort ist das Ziel für Menschen, die sich esoterisch oder spirituell erleuchten lassen wollen. Entsprechend ist das Angebot: Healing-Center, Meditiations-Center, spiritistisches Center, Selbstfindungs-Center und eine ganzere Reihe anderer Center. Außer uns beiden und einem weiteren Fahrgast steigen alle aus. Und wir rumpeln zurück in die normale Welt und auf eine normale Straße. Eine dreiviertel Stunde später sind wir in San Pedro la Laguna, unserem Ziel für die nächsten Tage. Es ist inzwischen dunkel geworden und der Bus fährt über die Hauptstraße, wo links und rechts Streetfood angeboten wird. Zum Glück liegt unser Hotel ein Stück entfernt. Wir beziehen ein großes Zimmer mit eigenem Bad. Restaurants gibt es genug in der unmittelbaren Umgebung.

Am Morgen packen wir unsere Schmutzwäsche zusammen und nehmen sie auf dem Weg zum Frühstück mit. Wir wissen kaum, worüber wir uns mehr freuen sollen, darüber dass die Wäsche schon nachmittags fertig sein wird und nur 4,50 € für 5 Kilo kostet, oder dass direkt daneben ein nettes italienisches Cafe ist, wo wir im Garten hervorragenden Kaffee und Frühstück mit frisch gebackenem Brot bekommen.

Gut gestärkt und ohne Wäschebeutel beginnen wir, den Ort zu erkunden. Erst in östlicher, dann in westlicher Richtung, immer in der Nähe des Sees. Der Lago Atitlan, zweitgrößter See Guatemalas, ist vor 85.000 Jahren nach der Explosion eines Vulkans in der Caldera entstanden und mit 130 km² etwas kleiner als der Comer See. Alexander von Humboldt bezeichnete ihn als schönsten See der Welt. Wir glauben ihm das, der Mann hatte schließlich Ahnung.

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Die Lage ist wirklich schön, die umgebenden Berge – darunter die drei Vulkane San Pedro, Tolimán und Atitlán – spiegeln sich im blauen Wasser. Und die „Indianernase“ – ein markanter Berg, in dem die Menschen einen schlafenden Indio sehen – lässt die Herzen der Bergsteiger höher schlagen.

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Aber der Schein trügt; die Wasserqualität steht kurz vor dem Kippen. Dem See fehlen größere Zuflüsse und ein natürlicher Abfluss. Um eine Frischwasserzufuhr zu haben, fällt einfach zu wenig Regen. Und das, was dann über die Berghänge in den See fließt, ist durch intensiv eingesetzten Kunstdünger stark belastet. Auch Kläranlagen sucht man hier vergebens. Blaualgen fühlen sich dadurch richtig wohl und gefährden die Gesundheit der Menschen, die das Wasser nutzen oder sogar hier schwimmen wollen.

Der Ort San Pedro ist den Hang hinauf gebaut und hat viele kleine verwinkelte Gässchen, durch die so gerade mal ein Tuctuc passt. Bunt bemalte Fassaden, nette kleine Geschäfte, und immer wieder ein Blick auf den See. Wir fühlen uns hier richtig wohl. Dazu trägt bestimmt auch der fortschrittliche Bürgermeister bei, der dem Ort ein strenges Plastikverbot verordnet hat. Zu all den Schadstoffen müssen nach seiner Ansicht nicht auch noch Plastikabfälle den See gefährden. Sogar mit der mächtigen Plastiklobby der Hauptstadt hat sich der Mann angelegt und – man kann es kaum glauben – den Gerichtsprozess gewonnen. Die Mayafrauen nutzen wie schon seit langer Zeit gewebte Brottücher für den Einkauf beim Bäcker. Pflanzenblätter werden wieder zum Einwickeln frischer Lebensmittel verwendet. Und für alles andere gibt es Papiertüten.

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An der Bootsanlegestelle fragt ein Mann ob wir mitfahren wollen. Wir vertrösten ihn auf den nächsten Tag. Aber er hat noch ein anderes Angebot, eine Tour mit dem Tuctuc in den Nachbarort San Juan la Laguna mit Besichtigung einer Weberei, Schokoladenherstellung nach Art der Maya, einem Kräutergarten und einer Imkerei. Das klingt interessant und der Preis ist mit 200 Quetzales (23 €) ebenfalls angemessen. Wir sollen um 14 Uhr zurückkommen. Bis dahin machen wir noch einen Spaziergang durch den oberen Ortsteil.

Als wir zurückkommen steht schon Tuctuc Nr. 35 für uns bereit. Alle Fahrzeuge sind hier in rot grün und gelb angestrichen. Zur Unterscheidung dient die gut 30 Zentimeter große Nummer auf der Rückseite. Nur am Abend zeigt sich die Individualität der einzelnen Gefährte. Farbige Unterbodenbeleuchtung, umlaufende Lichtleisten mit Farbwechsel, blaue Leuchtstreifen, dreifarbige Scheinwerfer, hier scheint ein Wettbewerb unter dem Motto: „Auffallen, egal wie,“ stattzufinden.

Unser Fahrer und der englisch sprechende Fremdenführer nehmen vorne Platz, Klaus und ich auf der Rückbank.

Der erste Halt ist an der Kirche von San Pedro. Die Osterschmückung an der Außenfassade ist gerade in vollem Gange. Die lila und weißen Stoffbahnen im Innenraum sind schon aufgehängt und die lebensgroßen Heiligenfiguren stehen bereit. Sie sind alle mit Langhaarperücken – manche mit Rastalocken – ausgestattet.

Weiter geht es zum Nationalpark „Volcan  de San Pedro.“ Von einem Mirador (Aussichtspunkt) haben wir einen Blick auf den Vulkan, der seit etlichen hundert Jahren nicht mehr aufgemuckt hat. Kaffeesträucher wachsen an seinen Hängen und im kleinen Besucherzentrum, gibt es Informationen über die Tierwelt und den vierstündigen Aufstieg auf den 3000 Meter hohen Berg zum Kraterrand. Über ein ungepflastertes Stück gelangen wir nach San Juan la Laguna und fahren als erstes zu den Weberinnen.

Zwanzig Familien haben eine Kooperative gegründet (https://casadeltejidoytours.org/) und zeigen, wie in der Tradition der Maya Textilien gewebt werden. Schon lange vor der Eroberung durch Spanien haben die Maya Baumwollpflanzen kultiviert und für die Herstellung von Kleidung verwendet. Hier im Hof der Weberei hängen die aufgeplatzten Fruchtkapseln über einer Pergola. Eine junge Frau zeigt uns, wie es damit weitergeht. Sie nimmt die Fasern aus einer Kapsel und zupft sie auseinander. Die darin hängenden schwarzen Samen entfernt sie. Die feinen Haare werden auf einem dicken Kissen mit einem Stock mürbe geklopft, dann nimmt sie eine Spindel zur Hand und dreht aus den Fasern einen Faden. Ich muss das auch mal versuchen. „Wenn Sie sich geschickt anstellen bekommen Sie hier einen Job,“ wird mir versprochen. Klappt nicht, ich bin zu langsam. Der fertige Strang wird anschließend gefärbt. Ausschließlich Pflanzen und Borken werden verwendet. Gerade ist rosa dran. Gekochte rote Beete liefert den Farbstoff, ein beigefügtes Stück Bananenstaude fixiert die Farbe.

Anschließend wird gewebt wie vor Jahrhunderten, ohne Webstuhl nur mit geraden Ästen oder Holzstangen, an denen die Kettfäden befestigt sind. Das eine Ende wir an einen Baum oder Pfahl gehängt, das andere schlingt sich die Weberin mit einem Gürtel um die Taille. Alles wird hier von Hand gemacht. Vier Stunden braucht eine Weberin für einen Schal. Die Erzeugnisse können wir anschließend im Verkaufsraum bestaunen. Natürlich kann ich mich kaum zurückhalten. Ein paar Stücke müssen einfach mit, ein Paket nach Deutschland kann ja nicht die Welt kosten.

Ein Stück weiter werden wir in die Kunst der Schokoladenherstellung eingeweiht. Die Früchte am Kakaobaum haben wir schon mehrmals gesehen, auch Kakaobohnen, die vor den Häusern zum Trocknen ausgebreitet waren. Doch nun erfahren wir ganz genau, wie das alles vor sich geht. Mit einer Machete werden die Früchte vom Stamm geschlagen, dabei heißt es vorsichtig sein, damit die Rinde nicht verletzt wird. Im feuchtheißen Klima können Bakterien eindringen und den Baum krank machen. Die Kakaofrucht wird mit der Machete geöffnet und die Kerne samt dem weißen Fruchtfleisch – Pulpe genannt – in mit Bananenblättern ausgelegte Holzkästen gefüllt. Das zuckerhaltige Fruchtfleisch beginnt zu gären und setzt die Fermentation in Gang, die den Kakaobohnen einen Teil der Bitterstoffe entzieht. Anschließend wird getrocknet und geröstet. Nach Art der Maya werden die gerösteten Bohnen auf einem Reibstein so lange bearbeitet, bis sie eine pastenartige Konsistenz bekommen. Auf 70 % Kakaobohnen kommen nun 20 % getrocknete Melasse aus Zuckerrohr und 10 % Orangensaft. Wenn alles gut miteinander vermischt ist, werden daraus dünne Tafeln geformt. Die Schokolade ist natürlich nicht mit der industriell gefertigten zu vergleichen, hat aber einen guten, sehr intensiven Geschmack. Ohne ein paar Täfelchen gehen wir nicht aus dem Laden.

Der Besuch bei der Kräuterfrau ist interessant, wir erfahren hier jedoch nicht viel Neues. Doch das Rosmarin-Shampoo duftet unwiderstehlich und unseres ist fast alle. Umso mehr staunen wir beim Bienenzüchter. Er hat Völker unterschiedlicher Arten, darunter eins, dessen Bienen die Größe von Ameisen haben. Aus diesem Stock erntet er pro Jahr ¼ Liter Honig. Die anderen sind da produktiver. Der meiste Honig wird hier von den blühenden Kaffeesträuchern gewonnen, und das schmeckt man auch.

hier werden gerade Lehmziegel hergestellt

Ohne Frühstück laufen wir am nächsten Morgen zum Bootsanleger. Mal sehen, wann wir auf die andere Seite nach Panajachel – kurz Pana genannt – fahren können. Sofort, wie es sich zeigt. Es fehlen nur noch zwei Passagiere, damit das Boot ablegen kann. Mit uns beiden ist es voll besetzt. In einer Viertelstunde legt das Boot die 15 Kilometer zurück.

Auch hier holpert es ganz ordentlich. Zuviel für meinen Rücken, seit Tagen wird er durchgeschüttelt und sendet mir Signale der Verärgerung. So wird die Besichtigung in Pana nicht so ausführlich, wie wir das geplant haben. Uns gefällt die Stadt sowieso nicht so gut wie San Pedro. Schon ein paar Stunden später fahren wir zurück. Ich muss die Zähne zusammenbeißen, die Bootsfahrt ist die einzige Möglichkeit zurückzukommen, denn es gibt keine Straße die um den See herumführt. Zum Glück haben wir heute keinen Xocomil – den starken Wind, der das Seewasser gefährlich aufpeitscht.

Wegen meiner Rückenschmerzen müssen wir noch einen Tag hierbleiben, bevor wir San Pedro und den See verlassen können.

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