In der Umgebung der Klinik befindet sich kein einziges Uber-Fahrzeug, während wir noch beratschlagen, hält eine Rikscha (Tuk Tuk) vor dem Eingang. Das Fahrzeug hat sogar einen Kofferraum, in dem unser Gepäck Platz findet. Tuckernd schlängelt sich der Fahrer durch den Verkehr und wir bedauern nur, dass auf dem Tischchen vor unserer Bank jetzt kein nettes Getränk steht. Bisher sind wir nirgends durch unbewohnte Gegenden gekommen, aber die 1,4 Mrd. Menschen in Indien brauchen schließlich Platz. Auf der linken Straßenseite großes Remmi-Demmi, hier sehen wir mal ein christliches Fest. Vor der großen Kirche sind dicht an dicht Buden aufgebaut, wo man all das kaufen kann, was es bei uns auch auf einer Kirmes gibt, nur dem hiesigen Geschmack angepasst.



Auf einer engen Straße erreichen wir den Zugang zu unserer Unterkunft, gut 50 Meter müssen wir noch durch tiefen Sand laufen. Doch Habib, unser Host, erwartet uns schon und kümmert sich um die Koffer. Vor unserem Zimmer im ersten Stock liegt ein großer Balkon, von dem wir Meeresblick haben. Da hält es uns nicht lange im Zimmer. Kurze Zeit später sind wir am Strand, der hauptsächlich von Fischern genutzt wird. Jetzt am Nachmittag sind alle Boote an Land. Trotz des Seegangs laufe ich in das herrlich warme Wasser und werde von der nächsten Welle in den Schleudergang genommen. Mit Sand paniert und triefnassen Haaren rette ich mich mit Klaus Hilfe ans Ufer. Vier Jugendliche amüsieren sich köstlich.
Als wir zurück zu unserer Unterkunft kommen, zeigt uns Mery, die Mutter der Besitzer, die Außendusche und spült mit einem Eimer Wasser unsere Füße ab. So schleppen wir wenigstens nicht den ganzen Sand ins Zimmer, doch beim Duschen fällt immer noch genug aus der Badekleidung.

Morgens werden wir wach, weil anscheinend jemand auf dem Dach herumturnt, doch es sind nur die Glanzkrähen, die es hier in großen Schwärmen gibt. Sie rennen auf dem Blechdach über dem Balkon herum und schauen immer wieder nach, ob es schon Frühstück gibt. Man kann einen gedeckten Tisch keine Sekunde verlassen, die cleveren Vögel nutzen jede sich bietende Gelegenheit, etwas zu stehlen. Ob sie auch die Möwen von hier vertrieben haben? Wir sehen keine einzige. Stattdessen können wir am Strand beobachten, wie die Krähen am Spülsaum des Meeres nach Muscheln stochern und es gelingt ihnen immer wieder, sich eine zu schnappen. Vermutlich orientieren sie sich an den aufsteigenden Luftblasen, wenn das Wasser zurückgeht.


„Amballa ok,“ sagt Habib eifrig am nächsten Morgen. Kurzes rätseln, ach er meint, dass er den Umbrella (Sonnenschirm) am Strand für uns aufgespannt hat. Jetzt können wir dort bequem vom Sessel aus die Rückkehr der Fischer beobachten. Ein Schwarm Krähen kreist über den Booten, und über ihnen beobachtet ein etwas kleinerer Schwarm Brahminenweihen (eine Habichtart) das Geschehen. Mit vereinten Kräften ziehen die Fischer die ca. 8 Meter langen Holzboote an den Strand und dann beginnt noch eine zeitraubende Arbeit für die Besatzung. Das Netz wird Stück für Stück kontrolliert, entwirrt und falls nötig repariert. Dann ordentlich zusammengelegt und wegen der zersetzenden UV-Strahlung sofort mit einer Plane abgedeckt. Danach wird der Fang geteilt, jeder bekommt eine Plastiktüte mit vielleicht 2 – 3 kg der sardinengroßen Fische. So wenig Ertrag für diese anstrengende Arbeit. Zum Schluss kommt eine weitere Plane über das ganze Schiff, dann verlassen die Fischer den Strand. Darauf haben die streunenden Hunde gewartet, im Schatten der Boote haben sie bis zum Abend einen angenehmen Ruheplatz. Nie sind sie Menschen gegenüber aggressiv, nur nachts hört man sie ihre Kämpfe untereinander austragen.




Nach vier Tagen in diesem Homestay, wo wir richtig verwöhnt worden sind und dem gelegentlichem Baden im Meer, reisen wir weiter. Schon nach einer halben Stunde erreichen wir die nächste Unterkunft, idyllisch gelegen am Vembanad Lake, mit 96,5 km der längste See Indiens, und einem Kanal der den einprägsamen Namen Puthanangadi South Pulikkalchira River trägt. See und Kanal gehören zu den Backwaters, einer Wasserlandschaft aus 900 km miteinander verbundenen Flüssen, Seen und Kanälen parallel zur Küste am Arabischen Meer. Die Backwaters sind Wasserstraßen, Fischgründe, Vogelparadies und eine Attraktion für Touristen. Fähren und Hausboote befahren den See und die breiteren Kanäle. Die schlanken Fischerboote sind überall unterwegs, und mit einem Kajak kommt man bis in die letzten Winkel. Vom überdachten Essplatz aus können wir beobachten, wie die kleinen Fischerboote durch den dichten Teppich der Wasserhyazinthen zum See und zurück in den Kanal fahren.



Am Samstag verkündet Anshad, unser Gastgeber, dass heute Tempelfest sei, und wir uns das unbedingt ansehen müssen. Jedes Tempelfest wird einmal im Jahr an dem Tag gefeiert, an dem der Bau geweiht worden ist. Wir sind immer noch unsicher, was Nichtgläubige im Hinduismus dürfen und was nicht. Doch die strikte Ausgrenzung scheint nur für die Tempel der höchsten Kategorie zu gelten. Um 16.00 Uhr holt uns ein Fahrer mit einer „Magic Iris“, einem putzigen kleinen Auto von Tata ab, nur um kurz darauf wieder umzukehren und noch zwei Gäste aus unserem Homestay mitzunehmen. Ein paar Kilometer weiter steht der Tempel und andere Gebäude auf einem großen sandigen Platz. Ein mit goldenem Nettipattam (Stirnschmuck) geschmückter Elefant in Ketten wartet vor dem blumengeschmückten Tempel darauf, dass ein Priester oder Würdenträger aufsteigt und das blumengeschmückte Schild übernimmt.



Danach wird er von seinem Mahut (Elefantenpfleger) an seinen Platz unter einem von Säulen getragenen Dach geführt. Im Sand vor der Säulenhalle sitzen die Gläubigen in festlicher Kleidung und verfolgen die Zeremonie. Und schon kommt der nächste Elefant und alles wiederholt sich. Der dritte Elefant vergreift sich blitzschnell am Blumenschmuck, aber genauso schnell hat sein Mahut die Blumenkette wieder aus seinem Maul geholt. Noch zwei weitere Tiere kommen dazu, dann stehen sie alle in einer Reihe und ihre Reiter tragen außer den Schilden noch goldene Schirme.




Während der ganzen Zeit spielen vier Musiker auf Chenda (Trommel) und Schalmeien, durch Verstärker um ein Vielfaches zu einem infernalischen Lärm gesteigert. Ich schwanke zwischen Abscheu und Faszination, mir tun die Elefanten unsagbar leid. Unentwegt wird ihnen Futter vor die Füße gelegt, um sie ruhig zu halten, ein Mann ist pausenlos damit beschäftigt, für sie die Blätter von langen Bambusstangen zu schneiden. Die Mahuts tragen lange Stangen mit Metallspitzen, um unruhige Tiere im Notfall unter Kontrolle zu bringen.




Später lese ich, dass vor einem Jahr bei einem solchen Fest neun Elefanten fünf Menschen getötet und viele verletzt haben. Die Tierschutzorganisation PETA bietet für religiöse Veranstaltungen Elefantenroboter an. Ich hoffe nur, dass sich das sehr schnell durchsetzt.
(Foto von PETA)
Der Tempel ist mit unzähligen Blumen geschmückt. Weiße, gelbe und orangefarbene Tagetes sind zu Ketten aufgefädelt worden, selbst das Dach ist dicht an dicht mit Blumen bedeckt. Wie viele Hände und Arbeitsstunden dafür wohl nötig waren? Interessant, dass es die gleichen Blumen sind wie im Buddhismus.






An der Außenwand sind kleine Gefäße angebracht, die später mit Öl gefüllt und angezündet werden. Am Rand des Platzes stehen Buden, in vielen wird jetzt mit der Essensvorbereitung begonnen, in anderen werden fertige Leckereien und Spielzeug angeboten. Wir quetschen uns zu viert in eine Rikscha und lassen uns zurückfahren. Noch lange rauscht es in den Ohren.


Es ist Sonntag, da wird nicht gefischt. Die Boote transportieren heute nur Menschen, die zu dem Tempel wollen , der unserem Homestay gegenüber steht. Drei Männer steigen nacheinander in den Kanal und begießen ihre Köpfe mit dem Wasser. Es dient der spirituellen Reinigung oder dem Abwaschen von Sünden. Ich bin skeptisch, ob das mit diesem dreckigen Wasser funktioniert.



Wir beschließen nachmittags, am Kanal entlang in den Ort Puthanagadi zu laufen. Am Ufer liegen bergeweise Muschelschalen, die Muscheln werden aus dem See geerntet und gegessen. Etwas erstaunt stellen wir fest, dass die Geschäfte geschlossen sind, aber wir wollen nur Geld am Automaten holen. Ein Mann deutet die Hauptstraße hoch, das Navi sagt etwas anderes. Wir fragen einen anderen Mann, der gerade mit einer großen Tasche aus seinem Haus kommt. Er nickt, steigt auf sein Moped und bedeutet Klaus, sich hinter ihn zu setzen. Ich muss auf die Tasche aufpassen und schon sind beide um die Ecke verschwunden. Nach kurzer Zeit sind sie zurück, Klaus mit dicker Brieftasche (100 Rupien sind 0,91 €). Ein Trinkgeld lehnt der freundliche Mann ab.



Ein anderer Spaziergang in den Ort führt an luxuriösen Häusern vorbei und bringt uns zu einem großen öffentlichen Wasserbecken. Es dient gleichermaßen den Körperpflege, wie zum Wäschewaschen. „Ihr könnt dort schwimmen gehen,“ sagt Anshad „es ist sauber“. Wir verzichten aber lieber.
Heute steht ein Bootsausflug auf dem Programm. Um 15 Uhr werden wir von einem schlanken Holzboot, das mit bequemen Sesseln und einem Dach ausgestattet ist, abgeholt. An vielen chinesischen Fischernetzen geht es zunächst zu einer kleinen Insel, die als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Doch beim Spaziergang über die Insel sehen und hören wir keinen einzigen Vogel, da ist an unserer Unterkunft am Kanal wesentlich mehr zu sehen. Eisvögel, Kormorane, indische Teichreiher, Heckenkuckuck, Dschungelkrähe und Schwarzhaubenpirol haben wir schon bestimmen können. Wir laufen auf die andere Seite der Insel, hier gibt es einen vernachlässigten Kinderspielplatz und es wird an einer überdachten Bühne gebaut. Auf dem Rückweg huscht ein kleiner Waran vor uns über den Weg. Nachdem wir im Schatten noch zwei Kokosnüsse verzehrt haben, geht es zurück aufs Boot. Vorbei an schwimmenden Inseln aus Wasserhyazinthen erreichen wir das andere Ufer und neben einem luxuriösen Ressort biegt der Bootsführer in einen breiten Kanal ein. Am Ufer stehen hübsche Häuser, allerdings werden sie nach und nach ärmlicher, je weiter wir in den Kanal vordringen. Jetzt sehen wir Menschen, die am Ufer angeln, waschen oder Wasser holen. Erstaunlich ist die Menge an Haus- und Ausflugsbooten, die hier festgemacht haben. In den ganzen Backwaters muss es tausende solcher Boote geben. Als wir kurz vor unserer Unterkunft sind, malt die untergehende Sonne einen Streifen auf das Wasser des Sees.









Auf unseren bisherigen Reisen waren wir aufgrund unseres Alters fast Exoten. Die meisten Reisenden, die wir getroffen haben, waren junge Backpacker. In Indien ist das ganz anders, hier gehen wir in der grauen Masse der reisenden Rentner – hauptsächlich Briten – förmlich unter. Aber was für interessante Menschen sind hier unterwegs: Ein Ehepaar, das zum 18. Mal in Indien ist und insgesamt auf über 5 Jahre Reisezeit kommt; mehrere Paare, die in einem Hilfsprojekt für Kinder ehrenamtlich tätig sind; ein Niederländer, der indische Flöte spielen lernt; eine Deutsche, die seit 5 Jahren ohne Wohnsitz in der Welt unterwegs ist …
