Schon Wochen vor unserer Abreise spukt mir ein Wort im Kopf herum: AYURVEDA. Noch zuhause recherchiere ich zu der mehrere 1000 Jahre alten „Wissenschaft vom Leben“ und lese, dass Menschen mit Arthrose durchaus Schmerzlinderung erfahren. In Fort Kochi gehen wir in eine Ayurveda-Sprechstunde und erhalten ein Angebot für eine ambulante Behandlung; wir sind unentschlossen und sprechen mit unserem Gastgeber über das Thema. Er empfiehlt uns eine Klinik, gut 20 km von Fort Kochi entfernt, kompetent und preiswert. Klaus nimmt schriftlich Kontakt auf und wir bekommen die Zusage, dass wir direkt im Anschluss an unseren Aufenthalt in Fort Kochi dort unterkommen können.
Der Uber-Fahrer hat sich einen DIY-Gepäckträger mit Reling aufs Dach montieren lassen und darauf kommt mein mit einer Gummispinne gesicherter Koffer. Der andere findet im Kofferraum Platz.

Die Fahrt führt fast fast die ganze Zeit am Meer entlang, auf der anderen Seite riesige Wasserflächen, unterteilt durch kleine Dämme. Es sind abgeerntete Reisfelder, Fische und Garnelen (Tigerprawns) haben die ca. 10 cm tiefe Wasserfläche bis zur Neuanpflanzung jetzt ganz für sich. Sehr zur Freude der verschiedenen Reiherarten, die hier massenhaft im Wasser stehen und auf Beute lauern. Früher wurde das Wasser nach der Reisernte abgelassen, doch die Wasserknappheit hat die Bauern gezwungen, auf kombinierte Fisch-Reiszucht umzustellen. Ein doppelter Gewinn: Die Tiere vertilgen Unkraut und Schädlinge im Wasser, ihre Ausscheidungen düngen wiederum die Reispflanzen und der Verkauf bringt zusätzlichen Gewinn. Im Bundesstaat Kerala wird diese Methode intensiv genutzt.
Wir staunen über die vielen Kirchen, die wir während der knapp einstündigen Fahrt sehen, Der Süden Keralas ist stark christlich geprägt, doch auch der Hinduismus hat seinen Platz, das ist an Dekorationen an und über den Straßen schnell zu erkennen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht durch laute Musik auf irgendein religiöses Fest hingewiesen werden.


Im Ayurvedahospital – das übrigens von einem Deutschen mitgegründet wurde – wird Klaus schon namentlich mit einem Zettel an der Anschlagtafel begrüßt. Das Hauptgebäude könnte einen neuen Anstrich vertragen, aber bei der Lage in der Nähe des Ozeans würde der nicht lange halten. Wir beziehen ein Zimmer mit Bad im neueren der beiden Gebäude. Es hat ein großes Doppelbett, Schrank, Tisch und Stuhl und eine kleine Couch. Trinkwasser bekommen wir aus einem großen Wasserspender. Außerdem haben wir einen großen Balkon, der rundherum mit Fliegengitter umschlossen ist. Ob man sich mit Klimaanlage oder Ventilator abkühlt, bleibt jedem selbst überlassen.






Anschließend haben wir einen Termin mit der Oberärztin, sie hört sich unsere Beschwerden an, fragt nach den Medikamenten misst Blutdruck und Gewicht und gibt nach der Pulsdiagnose ihre Einschätzung bekannt. Sie empfiehlt uns mindestens 14 Tage zu bleiben, doch wir haben uns schon vorher auf eine Woche festgelegt. Während sie einen Therapieplan erstellt, wartet die erste Massage bereits auf uns. Frauen bekommen zuvor ein Kleid, in dem sie zur Massage gehen, Männer einen Sarong.
Ich liege nackt auf einem Holztisch, werde mit Öl begossen und eine ¾ Stunde vierhändig sanft massiert, danach in einem anderen Raum von zwei Therapeutinnen mit heißen Beuteln genauso lange am ganzen Körper gestempelt. Die pampelmusengroßen Beutel sind hier mit Linsen, Kräutern und Steinsalz gefüllt und werden immer wieder in heißem Kräutersud getränkt. Jetzt verstehe ich auch, warum beim Mittagessen fast alle Frauen die gleichen Kleider getragen haben. Nach der Massage ist der Körper ölig und würde die eigene Kleidung verschmutzen. Alle 3 Tage werden die Kleider eingesammelt und gewaschen, man kann aber auch zwischendurch nach einem neuen fragen.
Während ich mich mindestens 10 kg leichter fühle und zu unserem Zimmer schwebe, um zu duschen und mich auszuruhen, kommt Klaus stöhnend zurück, er ist von seinen beiden Therapeuten mit Füßen traktiert und in der zweiten Hälfte mit warmem Kräutersud begossen worden. Meine Annahme, dass Männer härter rangenommen werden, erweist sich als falsch. Schon am nächsten Tag bekomme ich das am eigenen Leib zu spüren. Dieses Mal liege ich auf einer Matte auf dem Fußboden. In Türhöhe sind zwei starke Seile längs durch das Zimmer gespannt. Meine beiden kleinen und zierlichen Therapeutinnen reichen mit ausgestreckten Armen nicht bis an die Seile, sie werfen einen Sarong darüber, schlingen sich beide Enden um die Hände und dann werde ich mit den Füßen massiert. Bei der anstrengenden Massage wechseln sich beide ab. Manchmal fühlt es sich an, als schlittere sie über meinen Körper. Immer wenn die Fersen eingesetzt werden, wird es wirklich unangenehm. Wo kommen bloß die schmerzhaften Knoten an verschiedenen Stellen meines Körpers her?


Nach einer Behandlung sind wir immer total erschöpft und fallen in Tiefschlaf, aber was sollen da die Therapeuten sagen, die ständig mit voller Körperkraft im Einsatz sind. Während einer Massage frage ich meine Therapeutin nach ihrer Arbeitszeit. Sie kommt morgens um 8 Uhr und arbeitet mit einer Mittagspause in der Klinik bis 17 Uhr, und das an 7 Tagen in der Woche. Urlaub hat sie an ein paar religiösen Feiertagen. Da erübrigt sich jede Frage nach ihrer Work-Life-Balance.
Wir haben inzwischen von einer Assistenzärztin unseren Therapieplan bekommen. Außer den täglichen Massagen muss Klaus 3 Tage lange Reisporridge essen und Ingwerwasser trinken, morgens reicht ihm die Ärztin vor dem Frühstück ein Becherchen warmes Ghee. Ich komme mit verschiedenen Medikamenten und drei Einläufen davon. Dreimal am Tag gibt es vegetarisches Essen, schwach gewürzt, mit frisch gepressten Säften (morgens) und immer leckerem Salat (mittags).


An einem Nachmittag laufen wir durch den Ort, jemand hatte uns von einem idyllischen Spazierweg erzählt, doch den finden wir nicht. Nur einen Kanal, ein Sägewerk, einen hübschen kleinen Hindutempel, schöne Häuser und viel zu viel Verkehr auf der Hauptstraße. So macht Laufen keinen Spaß.




Nach und nach kommen wir mit den anderen Patientinnen (ca. 85%) und Patienten ins Gespräch. Außer uns, einem schwedischen Paar, einer Finnin und einer Brasilianerin sind anfangs alle aus Frankreich. Vor gut 15 Jahren hat eine Französin über ihren hiesigen dreiwöchigen Aufenthalt auf Youtube berichtet und damit viele Geschlechtsgenossinnen inspiriert, es ihr gleich zu tun. Alle, mit denen wir ins Gespräch kommen, sind zum wiederholten Male hier. Valerie hat immer wieder mit ihrem Gewicht zu kämpfen und kehrt nach den 3 Wochen leichter und voller Energie zurück. Marii ist zum 5. mal hier, sie hat im April nach einem Trümmerbruch ein künstliches Schultergelenk bekommen. Künstliche Gelenke sind ein Problem für die Therapeuten, denn an Titan oder Keramik kann man nichts verändern, aber sie hofft auf Schmerzlinderung an Arm und Rücken. Nach ein paar Tagen kommen vier Deutsche. Es ist schön, sich mal wieder unterhalten zu können, ohne nach Worten suchen zu müssen. Melanie ist total überrascht, anhand der Pulsdiagnose hat die Ärztin eine vor kurzem überstandene schwere und langwierige Infektion festgestellt. Brigitte hat einen Bandscheibenvorfall und nur mit starken Schmerzmitteln den Flug überstanden. Schon am 2. Tag ist sie nach einer fast nicht auszuhaltenden Behandlung nahezu schmerzfrei. Sie und ihr Mann Manfred sind auch schon zum wiederholten Male hier. „Man spürt, wie man Tag für Tag ein bisschen heilt,“ sagt er.
Viele Gespräche drehen sich um das Thema, was macht man nach der Kur. Einige fliegen gleich wieder zurück, andere wollen noch eine Woche an den Strand oder eines der vielen Sehenswürdigkeiten besuchen. Nur Louise hat einen anderen Plan: „Essen,“ sagt sie und lacht.
Ayurveda ist bei uns in erster Linie Wellness. Ganz anders in Indien, hier ist es ein staatlich anerkanntes Medizinstudium unter Einbeziehung westlicher Schulmedizin. Das Gundstudium dauert 5,5 Jahre. Weitere kommen für Masterstudiengänge hinzu. In Deutschland laufen an einigen Universitäten Studien zur Wirksamkeit von Ayurveda.
Wir haben in den 7 Tagen beide an Gewicht verloren, meine Haut sieht glatter aus und die Stellen, an denen es immer wieder gezwickt hat, machen weniger Ärger.
Kurz vor unserer Abreise am letzten Tag kommt ein holländisches Paar an, beide in den 80ern. Mit Umarmungen und Willkommensrufen werden sie begrüßt. Es ist ihr 8. Besuch in der Klinik, das sagt doch alles.
