Letzter Abend am Vembanad Lake; die friedliche Stille wird heute durch laute Musik gestört. Ein paar hundert Meter weiter findet die hinduistische Männerfeier für die morgige Hochzeit statt. Mitbewohnerin Françoise hat uns gerade erzählt, dass sie den Aufbau des Zeltes am Morgen beobachten konnte. Dabei ist sie gleich von der Mutter des Bräutigams zur Hochzeitsfeier eingeladen worden. Es sei eine kleine Hochzeit, meinte die, es werden nur 700 Gäste erwartet. Am Tag nach der Hochzeit kommen dann die Nachbarn, da werden es ungefähr 2000 sein, auch wir könnten einfach dort hingehen. Leider fahren wir und auch Françoise am nächsten Morgen weiter, somit ersparen wir uns den Kauf festlicher Garderobe.
In ganz Indien beläuft sich der Anteil arrangierter Ehen noch immer auf 90 %, in Kerala ist man schon etwas weiter, hier sind es 70 %. Die anderen Paare haben sich meist über den Beruf oder beim Studium kennengelernt, erfahren wir von unserem Gastgeber. Anshad ist Moslem und hat seine und die Hochzeit der Töchter nur im Familienkreis gefeiert. Damit hat er eine Menge Geld gespart. Nach alter Tradition übernehmen die Eltern der Braut die Kosten für die Feier, da kommen bis zu 50.000 € zusammen. Bei den Superreichen geht es natürlich in die Millionen. Doch langsam setzt sich eine partnerschaftliche Teilung der Kosten zwischen beiden Elternpaaren durch. Die indische Hochzeitsbranche macht Umsätze von ca. 130 Milliarden US$ pro Jahr und ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
Bis in die Nacht hinein spielt die Musik und erleuchten Laserstrahlen den Himmel. Am nächsten Morgen ist alles ruhig und unser Taxifahrer pünktlich zur Stelle, um uns zum Thekkady Nationalpark zu fahren. Es gibt keine direkte Busverbindung, wir müssten etliche Male umsteigen, das dauert einen ganzen Tag. Mit Gepäck ist uns das viel zu anstrengend. Mit dem Taxi kommen wir auf direktem Weg nach vier Stunden an. Schnell erreichen wir die lange Brücke, die über den Vembanad Lake führt. Sie ist verbunden mit einem Salzwassersperrwerk, das mit 62 Schleusentoren das Wasser aus dem arabischen Meer daran hindert, die tiefer gelegenen Reisfelder zu erreichen. Der nördliche Teil des Sees enthält Brackwasser, der südliche Süßwasser.



Recht schnell kommen wir in höher gelegene Gebiete und damit in ein großes Obstanbaugebiet. Unser Fahrer macht uns auf die verschiedenen Plantagen aufmerksam: zuerst die Gummibäume, dann folgen Kaffee, Kakao, Papaya, Pfeffer, Kardamom, Ananas und Tee. Jede Art gedeiht in der für sie idealen Klimazone. Am schönsten sehen die Teeplantagen aus, dieses leuchtende helle Grün. Je höher wir kommen, umso frischer und kühler wird die Luft. Auf gut 900 Höhenmetern liegt Kumily in einer Region, in der schon die britischen Besatzer aus dem Tiefland gern die heißen Sommermonate verbrachten. Sie erkannten das Potential der Region und wandelten das Waldgebiet in große Plantagen um. Heute ist Kumily als Gewürzhauptstadt bekannt.






Das gebuchte Hotel ist wesentlich größer als gedacht. Wir haben es ausgesucht, weil es so zentral gelegen ist. Die Anlage ist an einem Hang gebaut und hat verschiedene Bungalows und ein Pool. Zum Haupthaus müssen wir etliche Treppen steigen, dann gibt es zum Glück einen Aufzug, der uns in die zweite Etage bringt. In dem schönen großen Zimmer warnt ein Schild davor, die Balkontür geöffnet zu lassen, weil immer wieder Affen auf die Balkone springen. Wir sehen allerdings keinen einzigen, das mag daran liegen, dass gegenüber in einer katholischen Kirche ein dreitägiges Fest gefeiert wird. Es ist alles da, was den Menschen gefällt: Laute Musik, bunte Beleuchtung und ein paar Stände mit allerlei Dingen, die Kinder und Erwachsene erfreuen. Die Kirche ist jedenfalls proppenvoll. Religion ist hier vor allem eins: Fröhlich.






Unser Hotel wird hauptsächlich von Reisegruppen angefahren, am Morgen sind es Isländer, die sich am Frühstücksbuffet begeistert auf die exotischen Früchte stürzen. Auch viele indische Familien verbringen das Wochenende in der angenehmen Luft von Kumily.
Beim Rundgang durch die Stadt staunen wir über die vielen Geschäfte mit Gewürzen. Jedes mal, wenn wir an einem vorbeigehen, steigt uns ein angenehmer Duft in die Nase. Überhaupt reiht sich hier Geschäft an Geschäft. Im Erdgeschoss jedes Hauses ist entweder ein Laden, ein Restaurant, eine Agentur oder eine Bank. Ausnahmen finden sich nur bei Villen oder einzeln stehenden Häusern am Stadtrand.






Am Montag machen wir eine Jeeptour. Unser Fahrer fährt die Hauptstraße entlang und hier gibt es einen Grenzübergang in das Bundesland Tamil Nadu. Sobald wir über die Grenze gefahren sind, schlängelt sich die Straße in engen Kurven auf der anderen Seite der Kardamomberge talwärts. Unser Fahrer zeigt uns verschiedene bedeutende Dinge, das Pallivasal Wasserkraftwerk, das bereits seit den 1940er Jahren die Versorgung der Region mit Strom sicherstellt. Der „Wasserfall“ gleichen Namens ist ein beliebter Picknick-Platz. Auf dem Weg dorthin sehen wir viele Kapokbäume, die unter idealen Bedingungen bis zu 75 Meter hoch werden können. Die gerade reifen Früchte sehen aus wie Gurken, sind jedoch ungenießbar. Sie enthalten glatte weiße Fasern, die sich nicht zum spinnen oder weben eignen. Dafür sind sie wasserabweisend und damit das ideale Füllmaterial für Schwimmwesten und Rettungsringe. Ich kann mich erinnern, dass meine Eltern dreiteilige Kapok-Matratzen hatten, als ich noch ein Kind war.





Nach und nach fahren wir verschiedene Plantagen an. Wir sehen mehrere Sorten Bananen, die roten sollen dem Körper Wärme entziehen. Die grünen halten wir für unreif, doch sie schmecken viel besser als manche reife Bananen, die wir aus Deutschland kennen. Weltweit gibt es mehr als 100 Sorten. Eine ausgewachsene Bananenpflanze entwickelt eine bis zu 30 cm lange lila Blüte, die nach unten hängt. Unter jedem Blütenblatt entwickelt sich eine Bananenhand, mit zwölf bis zwanzig Fingern. Das ergibt die Staude, die bis zu 50 kg schwer werden kann. Hat die Pflanze Früchte getragen, stirbt sie ab. Doch aus dem Wurzelstock treibt bereits ein neuer Schössling.


Für Weintrauben gibt es eine raffinierte Anbaumethode, die Stämme der Weinstöcke wachsen ca. 1,80 Meter hoch, ein Drahtgeflecht wird an Betonstempeln in derselben Höhe befestigt und die Ranken klammern sich daran fest. Die gerade reifen Trauben hängen alle nach unten, gut geschützt vor gefräßigen Vögeln, die von oben nur eine grüne Fläche sehen. Unter jedem Traubenacker hat es sich ein Wächter oder eine Wächterin gemütlich gemacht. Diese hat sogar eine elektrische Waage dabei und wir kaufen ihr ein paar Trauben ab, die an Ort und Stelle für uns gewaschen werden, bevor sie sie in eine kleine Plastiktüte packt. Wein wird aus diesen Trauben nicht gekeltert, sie werden gleich gegessen oder enden als Rosinen, die in der indischen Küche eine wichtige Rolle spielen.



Dieselbe Anbaumethode wird bei Passionsfrüchten, Guaven und Peechinga (Flügelgurke) angewandt. Auf einem Feld stehen gerade Tagetes in voller Blüte, rechts orangefarbene, links gelbe. Wegen ihres starken Eigengeruchs brauchen sie hier keinen Schutz. Zurück in Kerala halten wir an einem Aussichtspunkt, bevor wir einen Kräutergarten besuchen. Die hier wachsenden Pflanzen werden entweder zu Medizin verarbeitet oder es sind Gewürze.
Besonders beeindruckend finde ich die Muskatnuss, bei der man sich durch verschiedene Hüllen arbeiten muss, um endlich an die Nuss zu kommen. Zuerst die birnenförmige weiche gelbe Frucht öffnen, dann den leuchtend roten Samenmantel (Macis) entfernen, die braune Schale aufknacken und da ist sie die Muskatnuss. Wir kaufen ein Massageöl und eins zum Inhalieren und später in der Stadt noch ein paar Gewürze.



Am Nachmittag sind dann plötzlich die Affen da. Es sind so schöne Tiere mit glänzendem schwarzen Fell und heller Kopfbehaarung. Die seltenen und vom Aussterben bedrohten Nigiri-Languren fressen nur Blätter. Mit ihren langen Gliedmaßen springen sie geschickt von Baum zu Baum und balancieren an langen schwankenden Stämmen. Obwohl sie nicht in die Hotelzimmer eindringen oder den Touristen etwas vom Balkon stehlen, sind sie hier nicht gern gesehen, mit Platzpatronen und langen Stangen werden sie vom Hotelpersonal verscheucht. Leider verschwindet als erstes der Nigiri-Marder, der blitzschnell im Baum vor unserem Zimmer über die Äste flitzt. Die Affen kennen das alles schon und wissen, dass ihnen nichts passiert, nur unwillig verlassen sie den Garten.



Die Makaken, die am nächsten Morgen über die Balkongeländer turnen sind durch das Geknalle ebenfalls nicht zu beeindrucken.



Von Kumily aus fahren spezielle Busse in den Thekkady oder Periyar Nationalpark. Im fast 1000 km² großen Schutzgebiet in den Kardamombergen leben Elefanten und Tiger. Mitten im Nationalpark liegt der große Periyar-Stausee. Besucher können Wanderungen oder Bootstouren im weitverzweigten Gewässer machen. Wir wollten schon am Sonntag Eintrittskarten kaufen, aber der Andrang war groß, so dass wir zwei Tage später einen neuen Versuch starten. Es sind zwar weniger Besuche vor Ort, aber erst im dritten Bus bekommen wir einen Platz. Mit dem Kauf der Fahrkarte für das Boot erfahren wir den Namen des Schiffs und unsere Platznummern, die leider in der Mitte zu finden sind. Auf jedem Sitzplatz liegt eine Rettungsweste, die jeder anziehen muss. Das Boot hat schon abgelegt, da kommt ein Mann von der Besatzung und verlangt noch einmal unsere Fahrkarten zu sehen. Er schüttelt den Kopf und winkt uns, ihm zu folgen. Auf dem Oberdeck bekommen wir direkt an der Außenseite die neuen Plätze zugewiesen. „Da unten sehen sie doch gar nichts,“ meint er. Das stimmt natürlich. Später lässt er sich immer wieder meine Kamera geben, um Tiere zu fotografieren, die ich noch gar nicht gesehen habe.






Gemächlich gleitet das Boot über den See. Elefanten und Tiger sehen nicht, aber Sambarhirsche, Gaur und verschiedene Vögel. Die abgestorbenen Bäume im Wasser sehen im Licht der Nachmittagssonne wie Skulpturen aus.
