Positives, Merkwürdiges und Negatives nach 18 Tagen in Kambodscha

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  • Dass die Kambodschaner so fröhlich und freundlich sind, nach all dem Grauen, dass sie noch bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erleben mussten, ist schon erstaunlich. Man trifft natürlich meist die jüngere Generation an, die das nicht mehr oder nur als Kind erlebt hat.
  • Viele schöne Ressorts sind sowohl an der Küste als auch im Landesinneren gebaut worden und die Menschen sind es Wert, dass man sie besucht und ihnen damit zu etwas Wohlstand verhilft.
  • In vielen Hotels und Anlagen werden Fahrräder kostenlos zur Verfügung gestellt. Der Zustand ist nicht der beste, aber das ist in Südostasien ein generelles Problem. Wartung und Reparatur sind Fremdworte.
  • Die Hauptstraßen sind in ordentlichem Zustand, dadurch ist das Reisen recht bequem.
  • Das Busnetz ist gut ausgebaut, man kommt ohne Schwierigkeiten überall hin. In den Orten selbst stehen Tuktuks zur Verfügung.
  • Reisanbau und Kautschukplantagen sind die wichtigsten Wirtschaftszweige in diesem Land. Nach und nach besinnt man sich beim Reisanbau wieder auf alte Methoden ohne Kunstdünger-Einsatz und erzielt damit Spitzenqualität.
  • Obwohl unter den Roten Khmer die Religion verboten war, bekennen sich heute wieder über 90% zum Buddhismus.
  • Glaube und Aberglaube existieren hier quasi gleichberechtigt nebeneinander. Schon den Kindern wird durch Erzählungen von Geistern Angst eingeflößt, und die lässt sie nie wieder los.
  • Die Häuser werden in ländlichen Gebieten immer auf Stelzen gebaut. Dass damit eine gewisse Sicherheit bei Überschwemmungen in der Regenzeit gegeben ist, ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist, dass man glaubt, dicht unter der Erde  leben die Geister. Sie können dann nicht so schnell in die Häuser kommen.
  • Die Tuktuks sehen in jedem Land anders aus, hier wird eine Art Kutsche von einem Moped gezogen. Und weil dabei der Motor leicht überhitzt, haben sich die Menschen eine pragmatische Lösung einfallen lassen. Ein Wasserkanister an einer Seite lässt permanent einen leichten Wasserstrahl über den Motor rinnen, um ihn zusätzlich zu kühlen.
  • Siem Reap ist durch das nahe gelegene Angkor eine wohlhabende Stadt geworden. Es wird berichtet, dass eine private Organisation für die Ticketverkäufe zuständig ist. Der Staat hat lediglich Einnahmen in Höhe von einer Million US$ pro Jahr..
  • In ländlichen Gegenden laufen die Kinder bis zum Alter von 3 Jahren nackt herum.
  • Schulunterricht läuft noch nach alten Mustern. Auswendiglernen ist die Devise, Mitdenken nicht erwünscht. Uns wurde berichtet das man den Kindern oft erzählt, dass sie ihrem Land am besten dienen, wenn sie Reisbauern werden.
  • Die Mädchen tragen sehr konservative Schuluniformen. Bis ca. 10 Jahre tragen sie zur weißen Bluse einen dunkelblauen Faltenrock der die Knie bedeckt. Die älteren Mädchen tragen den traditionellen Wickelrock, der bis zur halben Wade reicht in derselben Farbe.
  • Beim Mopedfahren gibt es eine neue Variante; die kleinen Kinder stehen entweder vor oder hinter dem Fahrer auf dem Sitz und werden von ihm oder dem Beifahrer mit einer Hand festgehalten.
  • Auf den öffentlichen Toiletten hängen häufig Schilder (ähnlich dem abgebildeten), die verschiedene Dinge verbieten: Mit den Schuhen auf der Toilettenbrille hocken, sich in der Toilette die Füße waschen oder unter der Reinigungsdüse die Haare oder Schuhe waschen.
    Es gab keine Toilettenbrille, die nicht abgeschabt gewesen wäre, was die anderen Punkte betrifft, sind die nicht so ohne weiteres zu überprüfen.

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  • Und auch hier das leidige Problem mit dem vielen Plastik. Gemäß einer Statistik verbrauchen die Kambodschaner 10.000 Tüten pro Kopf und Jahr. Es reicht z.B. nicht, Getränke im Plastikbecher mit Deckel zu verkaufen, das Ganze muss noch extra in eine Plastiktragehülle gepackt werden.
    Manche Menschen versuchen, das Abfallproblem es auf ihre eigene Art zu lösen, indem sie alles auf einen Haufen werfen und anzünden (inklusive Dosen und Plastik). Früher, als Bananenblätter das einzige Verpackungsmaterial waren, hat das gefahrlos funktioniert.
    Da wartet noch eine große Aufgabe auf die Regierung, erstens für eine funktionierende Müllabfuhr zu sorgen und zweitens die Menschen entsprechend aufzuklären.
  • Man sieht viele behinderte Menschen. In Angkor sahen wir zwei Bands, die nur aus Menschen bestanden, die blind waren oder denen Gliedmaßen fehlten. Aber sie spielten ihre Instrumente mit  vollem Elan. Einem Mann, dem beide Hände fehlten, hatte man die Trommelstöcke mit Bändern an den Armstümpfen festgebunden.
  • Viele Landminen sind noch nicht aufgespürt und entschärft worden, von manchen Gebieten wird deshalb von einem Besuch abgeraten. So sind die Gräuel des Krieges mit dessen Ende noch nicht ausgestanden.

Würden wir wieder hinfahren? Auf jeden Fall.
Chum riap lia Kambodscha

Angkor – Besuch in einer vergangenen Welt (Kambodscha)

Rico schickt einen seiner Mitarbeiter zur Straße, um den nächsten Bus anzuhalten, der nach Siem Reap fährt. Keine fünf Minuten später ruft er und wir hasten mit Gepäck auf die Straße. Schnelle Umarmung und wir sitzen im Bus.
Unterwegs hatten wir unser Hotel kontaktiert und rufen verabredungsgemäß nach der Ankunft in Siem Reap noch mal an. Kurze Zeit später kommt das Tuktuk und bringt uns zum Hotel. Es liegt außerhalb und hat einen Pool – wunderbar. Der holländische Besitzer hat alles perfekt organisiert und erklärt uns was wir zur Besichtigung von Angkor wissen müssen. Angkor ist eine 40.000 ha große Region, die zwischen dem 9. Und 15. Jahrhundert das Zentrum des Khmer-Königreiches war. Es gibt Tickets mit Gültigkeit für einen, drei oder sieben Tage. Wir hatten uns eigentlich für die mittlere Version entschieden, aber im Hinblick auf meinen immer noch schmerzenden Fuß werden wir nur einen Tagesbesuch machen.
Aber zuerst lassen wir uns abends in die Innenstadt fahren. Siem Reap hat etliche Luxushotels und auch entsprechende Geschäfte. Je näher wir dem Zentrum kommen, umso mehr Touristen sehen wir. Lokal an Lokal, Bar an Bar und Tuktus in Reihe, hier sieht man genau, woher die Einnahmen kommen. Ein- oder mehrfarbig bebilderte Touristen schieben sich dicht an dicht durch die erleuchteten Straßen der Altstadt. Natürlich sind wir auch Touristen, aber bei uns löst ein Blick auf die Massen unwillkürlich einen Fluchtreflex aus. Unser ausgewähltes Restaurant liegt zum Glück in dritter Reihe, aber einen wirklichen Geheimtipp kann es hier im Zentrum nicht mehr geben. Die gefüllten Frösche auf der Speisekarte wässern uns nicht den Mund, wir entscheiden uns für Amok, eine Art Eintopf, den es mit Fisch oder Fleisch gibt. Und danach nichts wie zurück in unser ruhig gelegenes Hotel.
Den nächsten Tag verbringen wir im Wasser und im schönen Garten. Um vier Uhr holt uns unser Fahrer ab und es entwickelt sich folgender Dialog auf englisch:
Er: „Kohl in Berlin?“
Ich: „Nein, Merkel. Kohl ist tot.“
Seine Augen weiten sich und er startet einen neuen Versuch: „Kohl in Berlin!“ Dabei schüttelt er sich, klappert mit den Zähnen und schlingt die Arme um sich.
Der Mann hat Recht, es ist kalt in Berlin!
Er bringt uns zur Ticket-Verkaufsstelle um die Eintrittskarten für den nächsten Tag zu kaufen. Ab 16.45 Uhr öffnen die Schalter. „Stellt euch nicht hinter Chinesen an,“ meint er „bei denen dauert es immer ewig.“ Wir befolgen seinen Rat und suchen in der großen Schalterhalle einen ohne. Pünktlich wird geöffnet und dann geht es wie am Fließband. Zuerst wird man fotografiert, dann das Ticket mit Foto ausgedruckt und die 37 US$ für einen Tag gezahlt. Es gibt eine Besonderheit, mit unserem Eintrittsausweis dürfen wir ab 17 Uhr bereits auf das Gelände, um beim Pre RupTempel den Sonnenuntergang zu betrachten und zu fotografieren. Natürlich machen das viele, und so knattern die Tuktuks gleich einer riesigen Schlange alle in dieselbe Richtung, um die erwartungsvollen Besucher in das geheimnisvolle Angkor zu bringen.
Sowohl an der Einfahrtsstraße als auch beim Tempel werden unsere Karten sorgfältig kontrolliert. Eine Menge Personal wird hier beschäftigt. Gut, dass die Einheimischen auf diese Weise von der alten Kulturstätte profitieren können.

Unser Fahrer zeigt in die Richtung, in der wir ihn wiederfinden werden und knattert davon. Wir laufen zum Tempel und steigen an einer Seite die ca. 45 cm hohen Stufen hinauf. Oben drängeln sich die Menschen an der Westseite wegen des zu erwartenden Sonnenuntergangs. Wir haben gedacht, dass man von oben einen Blick auf andere Tempel hat, aber man sieht nur Wald. Da erscheint uns der Sonnenuntergang nicht so verlockend und wir klettern wieder runter, bevor es alle tun und sehen uns lieber – beinahe allein – unten um. Eigentlich ist auch nicht der Ausblick vom Tempel im Sonnenuntergang, sondern der Tempel selbst – der in diesem Licht eine warme Bernsteinfarbe annimmt – die Sehenswürdigkeit. Aber beides wird durch Wolken heute verhindert.
Wir haben die Möglichkeit, schon morgens um 5 Uhr zum Sonnenaufgang nach Angkor zu fahren, da es aber nachmittags heftig geregnet hat und der Himmel immer noch bewölkt ist, meint unser Fahrer, dass sich das nicht lohnt. So verabreden wir uns für 9 Uhr am nächsten Morgen.
 


Um diese Zeit ist schon eine endlose Blechschlange unterwegs in die wir uns einreihen. Viele große Busse steuern als erstes Angkor Wat an, die Tuktuk-Fahrer durchbrechen diesen Automatismus und fahren entgegen der üblichen Reihenfolge an Angkor Wat vorbei nach Angkor Thom, der größten Anlage mit einer Seitenlänge von 3 Kilometern. Wir sehen die Menschenmassen, die auf dem Zugang stehen und sind froh über diese Entscheidung. In Angkor Tom sind immer noch mehr als genug Touristen, aber doch deutlich weniger als am Wat. Wir gehen zu Fuß über die Brücke, die uns wegen ihrer einzigartigen Gestaltung sprachlos macht. Dicht an dicht viele überlebensgroße Steinfiguren in Hockstellung hintereinander. Jede hat unter dem Arm einen Steinblock, der das Geländer bildet. Links hocken die Guten, rechts die Dämonen. Die Figuren sind zum Teil stark verwittert, werden aber nach und nach restauriert. Kein Gesicht gleicht dem anderen. Gestaltung und Ausführung begeistern noch heute und der Respekt vor den Erbauern kann gar nicht groß genug sein.
Und die Brücke ist erst der Anfang. Nachdem wir durch das Portal gegangen sind, sehen wir die vielen Türme des Bayon-Tempels.
 


Auf jedem sind nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtete mehrere Meter große Gesichter angebracht. Insgesamt sind es beinahe 200. Überall sind Verzierungen, die feinsten Reliefs, Friese, Kapitäle und Skulpturen. Um alles genau zu betrachten brauchte man Wochen. Das Gebäude ist total verschachtelt. Man gelangt von Raum zu Raum und verliert dabei total die Orientierung. Es gibt zwar eine vorgeschriebene Gehrichtung, aber weil sich nicht alle daran halten, gibt es bei den engen Durchgängen immer wieder Drängeleien. Je heißer es draußen wird, um so mehr Besucher wollen ins kühle Innere.
DSC02792Vom Bayon Tempel führt ein 200 Meter langer Weg zum Baphuon Tempel. Auf einem Platz tummeln sich Affen. Man soll sie auf keinen Fall füttern, aber das kümmert viele Touristen überhaupt nicht. Sie verteilen mit lächelnder Miene gekochte Maiskolben und andere Leckereien und versuchen Fotos von sich mit den fressenden Tieren zu machen. Ein Affe trinkt wie ein Mensch aus einer Wasserflasche und wird sofort zum Lieblings-Fotomotiv.
 

Beim Baphuon Tempel kann man auf die dritte Ebene klettern. Die Aussicht soll toll sein, aber bei den Temperaturen machen nur wenige Menschen von der Möglicheit Gebrauch. Wir finden ihn auch von unten eindrucksvoll und laufen außen herum. Auf der Rückseite ist ein 60 Meter langer liegender Buddha im Halbrelief zu erahnen.
DSC02802Weiter zum Phimeanakas Tempel und zur Terrasse des Lepra-Königs, der einen besonderen Schatz bereit hält, ein Relief, das perlengeschmückte Tänzerinnen und bewaffnete Krieger zeigt. Die Detailtreue und die Vielfalt bei den Gesichtern ist verblüffend. Das Relief zählt zu den schönsten Kunstwerken der Khmer-Aera.
P1090539.JPGNachdem wir die Elefantenterrasse entlang gelaufen sind, die wirklich zum Andenken und zur Verehrung der vielen Arbeitselefanten errichtet wurde, treffen wir unseren Fahrer wieder.
Er bringt uns zum Ta Phrom Tempel. Auch wer noch nie in Angkor war hat mit Sicherheit schon Bilder von dieser Anlage gesehen. Sie ist bekannt dafür, dass viele Würgefeigen ihre Wurzeln durch und über das Gemäuer gewunden haben. Im Film „Lara Croft“ findet man die Ruinen als Kulisse.
 


Hier will natürlich jeder so viele Fotos machen, wie nur möglich. Es könnte auch so einfach sein. Hundert Personen können mit einigen Einschränkungen ein und dasselbe Motiv gleichzeitig fotografieren. Aber wenn jeder dieser Hundert zusammen mit dem Motiv im Hintergrund fotografiert werden will, braucht man unendlich viel Zeit und Geduld. Hat man dann den seltenen Moment erwischt, wo niemand davor steht, rennen die Menschen ohne Rücksicht durchs Bild. Besonders Reisende aus einem Land sind da völlig schmerzfrei. Ich will ja keinen Namen nennen, aber das Land fängt mit Chi an und hört mit na auf. Das ist nicht nur unsere Meinung, Gespräche mit anderen Reisenden bestätigen diesen Eindruck immer wieder.
Unser Fahrer empfiehlt uns ein Restaurant fürs Mittagessen, das einen klimatisierten Raum hat. Das ist wirklich das Beste, was wir jetzt tun können. Und wir merken, wie gut uns die Pause in der kühen Gaststätte bekommt. Jetzt sind wir bereit für Angkor Wat.

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kambodschanischer Kindersitz

Diese rechteckige Tempelanlage hat Abmessungen, die Fotos können einfach nicht vermitteln können. Jede Seite ist über einen Kilometer lang. Außen herum verläuft ein rund 200 Meter breiter Wassergraben und über eine schwankende Pontonbrücke aus Plastikelementen führt der Weg zum Eingang. Die fünf markanten Türme hat sicher jeder schon mal abgebildet gesehen, und wenn es nur auf der Flagge Kambodschas ist. Zum Glück wurde dieser ganze Bezirk als Ausdruck der Religion nicht von den Roten Khmer zerstört.
P1090580Die Mitte bildet der 65 m große Turm – der wahrscheinlich als Totentempel gedacht war – umgeben von vier Ecktürmen. Man kann gegen extra Eintrittsgeld hochsteigen, und die willigen Touristen reihen sich in die über 100 Meter lange Schlange – in der mindestens fünf Menschen nebeneinander stehen – ein.


Dieser Turmkomplex ist von einem umlaufenden Hof umgeben. Dann folgt ein breiter überdachter Gang, dann die Becken der heiligen Bäder und ein weiterer überdachter Gang, jeweils 800 Meter lang. In diesem Gang sind die Wände mit Reliefs bedeckt, die eine fortlaufende Geschichte von Kriegen, Eroberungen und Niederlagen und religiösen Szenen zeigen. Man wird einfach sprachlos angesichts dieser kunstvollen Darstellungen.
Was für ein wunderbarer, Ehrfurcht einflößender Tag. Ganz erfüllt von all dem Schönen kehren wir in unser Hotel zurück.

Phnom Penh und Soban Teuk – zwei Welten (Kambodscha)

Für den Morgenbus in die Hauptstadt Phnom Penh gibt es keine Tickets mehr. Wir müssen auf den nächsten um 14.30 Uhr warten. Ein glücklicher Zufall, dadurch können wir uns noch mit unseren Reisefreunden Christian und Stefan zum Lunch treffen, die gerade in Kampot angekommen sind.
Die Fahrt soll drei Stunden dauern, es geht vorbei an Straßendörfern, Reisfeldern und Fabriken. Aber auch hier dasselbe Spiel wie in Saigon: Wir erreichen den Stadtrand zwar rechtzeitig aber dann geht alles nur noch im Schneckentempo. An der Busstation angekommen ist es bereits dunkel. Großes Gewimmel, viele „hilfreiche“ Taxifahrer, die uns zum überteuerten Sonderangebot zum Hotel bringen oder ein anderes verkaufen wollen. Wir verzichten und greifen auf den verlässlichen Uber-Transport zurück. Unser Fahrer muss durch den dichten Verkehr am Night-Market, kommt dann aber doch irgendwann an. Es ist nicht so einfach unser Hotel zu finden, denn die Häuser tragen nur ab und zu Hausnummern, aber letztendlich finden wir es gemeinsam. Es gehört zu einem australischen Lokal, wo wir hungrig erstmal zu Abend essen. Der Renner ist hier eine kleine Bierzapfkanne mit 3 Litern, die man sich an den Tisch bringen lassen kann. Innen ist ein mit Eiswürfeln gefüllter Zylinder, damit es bis zum letzten Glas kühl bleibt. Die meist westlichen Gäste sind begeistert und natürlich blendender Laune. Wir verzichten allerdings denn wir wollen  noch etwas von der Stadt sehen. Auf der Hinfahrt kamen wir an einer breiten Allee vorbei, die steuern wir jetzt an. Von weitem sehen wir viele bunte Lichter, wahrscheinlich ist schon für das chinesische Neujahrsfest dekoriert. An jeder Straßenkreuzung stehen zwei Soldaten mit Maschinenpistolen. Das wirkt schon ein wenig bedrohlich.
Ich passe einen Moment nicht auf und verknackse mir den Knöchel auf einem breiten, gut gepflasterten Bürgersteig, durch den sich ohne erkennbaren Grund eine Absenkung zieht. Bei der schummrigen Beleuchtung war sie nicht zu sehen. Vor Schmerz bleibt mir kurz die Luft weg. Selbst der grimmige bewaffnete Soldat schaut mitleidig. Bewegung soll ja helfen, und so laufen wir weiter.

Mitten auf dem großen Kreisel das Unabhängigkeitsmonument, das nach der Loslösung von der Kolonialmacht Frankreich errichtet wurde. Daran anschließend eine gepflegte Grünanlage mit mehreren Brunnen und einem Denkmal. Links und rechts braust der Verkehr. Viele Familien mit Kindern sind am Freitag Abend unterwegs. Die Kinder toben herum, laufen quietschend unter den Wasserstrahlen der Brunnen durch, die Eltern sitzen am Rand, unterhalten sich und schauen dem Treiben zu. Nur wenn eins der ganz Kleinen sich der Straße nähert, wird eingegriffen.
Die Mitarbeiter im Hotel entschuldigen sich dafür, dass mir in ihrer Stadt ein Unfall passiert ist. Sie versorgen mich mit einem großen Beutel Eis. Immer wenn mir am nächsten und übernächsten Tag jemand begegnet, drückt er sein Bedauern aus und entschuldigt sich wieder. Und Eis bekomme ich so oft und so viel, wie ich möchte.


Der für den nächsten Tag geplante Rundgang durch die 1,5 Millionenstadt fällt natürlich ins Wasser. In der Hauptstadt sein, ohne ein paar Sehenswürdigkeiten besucht zu haben, geht jedoch nicht. Deshalb lassen wir uns im Tuktuk fahren. Dabei sehen wir den Anfang des 19. Jahrhunderts erbauten Königspalast mit Silberpagode und die 1930 im Art-Déco-Stil errichtete Markthalle wenigstens von außen.

eine Wasserflasche muss vor der Markthalle die Dusche ersetzen

Die Killing Fields und das Genozid-Museum – Erinnerungen der schlimmsten Art an das Phol Poth Regime – hatten wir sowieso nicht auf dem Plan. Wir schaffen es einfach nicht uns anzusehen, was Menschen sich für Folter- und Tötungsmethoden ausgedacht haben, um ihre Macht zu festigen und zu erhalten.
Unser Fahrer ist ein waghalsiger junger Mann. Wahrscheinlich will er uns zeigen, dass wir mit ihm die richtige Wahl getroffen haben, und so fährt er bei Dunkelrot über zwei große Kreuzungen. Beifallheischend schaut er sich um und erwartet ein Lob für seine Tollkühnheit dabei donnert er fast gegen die sich gerade öffnende Fahrertür eines Lieferwagens. Klaus bittet ihn eindringlich, vorsichtiger zu fahren, sonst darf er uns am nächsten Tag nicht zum Busbahnhof bringen.

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Ticketschalter am Busbahnhof

Die Strecke nach Siem Reap, unser nächstes Ziel, ist zu weit für meinen dicken Fuß, deshalb entscheiden wir uns für einen Aufenthalt auf halber Strecke. In der Nähe von Kampong Thom (auf der Ostseite des Tonle Sap – dem größten Binnensee Südostasiens) finden wir ein kleines Homestay. Dort im Nirgendwo will ich ein bisschen das Bein hochlegen und dabei ins Grüne schauen. Vor der Abfahrt erkläre ich dem Busfahrer, dass wir ein paar Kilometer vor Kampong Thom aussteigen möchten. Nach kurzer Beratung mit zwei Kollegen stimmt er zu.
Kaum sind wir losgefahren, fährt der Bus rechts ran und hält. Die Zeit vergeht, nichts passiert. Die Menschen werden nicht etwa ungehalten oder unruhig.
DSC02557Eine ältere Frau erledigt ein kleines Geschäft ganz zwanglos auf dem Bürgersteig. Vierzig Minuten später kommen drei Personen, steigen ein und sofort setzt der Bus die Fahrt fort über den Fluss in Richtung Norden.Tja, das zum Thema Fahrplan. Es folgen Dörfer, Städte und Reisfelder. Heute am Sonntag nutzen viele Menschen den luftigen, schattigen Platz unter ihren auf Stelzen errichteten Häusern. Sie liegen in Hängematten oder sitzen mit Familie und Freunden beim Essen.
Nach drei Stunden nähern wir uns unserem Ziel und ich sehe das Schild von unserm Gasthaus. Der Busfahrer denkt aber nicht daran zu stoppen. Auf unseren Hinweis schüttelt er lächelnd den Kopf, er weiß schon wo wir hin müssen, schließlich kennt er sich aus und wir sind wir fremd im Land.
Nachdem er dann gehalten hat, gelingt es mit Hilfe einer englisch sprechenden Frau in einem Miniladen Kontakt zu unserem Gasthaus aufzunehmen. Und nach einer Weile kommen drei Motorräder an.
DSC02598Rico, der französische Besitzer mit seiner kambodschanischen Frau Kunthy und ein Mitarbeiter bringen uns und die Koffer die fünf Kilometer zurück zur Unterkunft. Dort wartet ein kleiner gelb gestrichener Bungalow auf uns.
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DSC02735Ein sechs Wochen alter Welpe mit zu großem Fell und Denkerstirn erobert uns im Sturm. Wenn ich auch nicht richtig laufen kann, spielen und schmusen geht prima.
Tags darauf machen einen Motoradausflug auf dem Sozius in die Umgebung. Gefahren von den Besitzern geht es über rote Sandpisten an den kleinen, typischen Häusern der Reisbauern vorbei.


Uns begegnen viele Kinder mit ihren Fahrrädern auf dem Weg zur Schule; alle winken uns freundlich zu. Wir fahren an Teichen, Gräben und sonstigen Wasserstellen vorbei. Ideale Voraussetzungen für den Reisanbau. Da gerade keine Pflanzzeit ist, haben die Wasserbüffel ein faules Leben. Sie weiden auf den abgeernteten Feldern oder nehmen ein erfrischendes Schlammbad. Auch die weißen Buckelrinder freuen sich noch über die Stoppeln auf den Reisfeldern. Kreuz und quer fahren wir durch die Gegend, durch kleine Ansiedlungen, an Läden, Lokalen, Schulen und Tempeln vorbei.


Wenn wir einen Wasserlauf auf einer der schmalen Hängebrücken überqueren müssen, steigen wir ab, und laufen hinüber. Auf dem Fluss sind mehrere beinahe runde Bereiche mit Bambusstangen und Netzen abgesteckt. Hier fängt sich der treibende Wasserkohl, bildet ein dichtes Feld und unter Wasser bieten die Triebe und Wurzeln den Fischen Verstecke und Schatten. Die Menschen haben doppelten Nutzen, Fisch und Gemüse für die nächste Mahlzeit sind jederzeit verfügbar und immer frisch.


Interessant ist ein Halt an einer Deckstation mit zwei prächtigen Buckelrinderbullen.  Die Tiere liegen gemütlich herum und warten auf ihren nächsten Einsatz, für den der Besitzer je 55 $ kassiert.


Unser nächster Stopp ist an einem Palmenhain. Viele der Bäume wurden vom Blitz getroffen. Übrig geblieben sind schwarze Stümpfe. Warum das immer wieder an dieser Stelle passiert und nicht an dem hundert Meter weiter entfernten, weiß kein Mensch. An den noch intakten Palmen klettert ein Mann auf der angebundenen Bambusleiter rund zehn Meter nach oben, schneidet vom Blütenstab die vordere Spitze ab und hängt ein Plastikgefäß an. Nach 24 Stunden hat die Palme pro Blütenstab einen Liter Saft abgegeben. Einmal am Tag wird der Saft abgeholt.

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Fahrradersatz

An unserem nächsten Haltepunkt sehen wir auch, was damit passiert. Am Ufer des Flusses leben drei Familien in den allereinfachsten Bambushütten. Eine Menge Kinder wuseln herum. Kunthy versammelt sie um sich und zaubert aus ihrer Tasche bunte Kugelschreiber. Sie legt Wert darauf, dass sie und nicht die Touristen die Schenkenden sind, um die Kinder bei zukünftigen Besuchen nicht zum betteln zu verleiten.

Ein großer Berg gehäkseltes Palmholz liegt vor der einen Hütte, wo in der Kochstelle ein munteres Feuer prasselt. Obendrauf eine große Blechschale, von rund 60 cm Durchmesser, in dieser ein Korb, der offenbar dafür sorgt, dass der Palmsaft gleichmäßig verteilt ist. Hier dampft, zischt und brodelt es, und es riecht leicht nach Karamell. Eine Charge ist gerade fertig geworden und wird in weiße Eimer umgefüllt. Sie hat Farbe und Konsistenz von Kleehonig. Die zähe Masse schmeckt gut und ist ewig haltbar. Mit längerer Lagerzeit wird sie steinhart, und muss dann zerstoßen werden. Für die Familien scheint das die einzige Einnahmequelle zu sein, aber um diesen Palmzucker ohne irgendwelche Zusätze zu kaufen, kommen Menschen bis aus der Hauptstadt.


Die Kinder sind inzwischen zum Flussufer gelaufen und planschen herum. Keins von ihnen kann schwimmen, aber die Eltern haben vollstes Zutrauen in ihre Fähigkeiten. Das Wasser ist an der tiefsten Stelle höchstens 70 Zentimeter tief. Es sieht so einladend aus, dass ich in voller Montur ins Wasser steige. Die Kinder schauen mir erst mit offenem Mund zu und sind dann begeistert. Das Wasser strömt gewaltig, bestimmt 1-2 Meter pro Sekunde. Eine Weile lasse ich mich treiben, dann gehe ich an anderer Stelle ans Ufer. Kunthy wollte auch gern schwimmen, aber sie plagt sich mit einer Erkältung und geht nur bis zu den Oberschenkeln ins Wasser, um Flussmuscheln zu sammeln.
Als wir zurück im Ressort sind, bin ich fast wieder trocken, doch der rote Staub steckt in Ober- und Unterkleidung und wir lassen noch schnell alles in die Waschmaschine stecken. Aber wer hätte gedacht, dass rote Erde so farbecht ist.

Positives, Merkwürdiges und Negatives nach 4 Wochen in Vietnam

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  • Wir haben nur positive Erfahrungen mit den Vietnamesen gemacht, so freundlich, so hilfsbereit; entgegen mehrerer Beschreibungen, die uns vorher ein bisschen verunsichert hatten.
  • Die Frauen zeigen mir ihre Sympathie ganz offen durch Berührungen.Mal wird der Arm getätschelt, mal Schulter oder Taille umfaßt. Mehrmals gab es bei unserer Abreisen feuchte Augen. Männer sind dagegen zurückhaltend.
  • Von allen bisher besuchten Ländern tragen die Vietnamesen am wenigsten traditionelle Kleidung. Mode spielt hier eine sehr große Rolle. Die ausgefallendsten Jeans, die elegantesten Pumps sahen wir in Vietnam. Es gibt viele Boutiquen mit edlen Kleidungsstücken. Männer und Frauen ziehen sich gern modisch an, auf keinen Fall geht man in Freizeitkleidung ins Restaurant.
  • Der inländische Kaffee schmeckt hervorragend, man bekommt Tasse oder Glas mit einem eigenen Filter. Der Kaffee wird schwarz getrunken oder mit der bereits in der Tasse befindlichen dicken, gezuckerten Kondensmilch verrührt; dann schmeckt er wie Mokkaschokolade.
  • Wir haben oft sehr gut gegessen, dabei hat uns die Verwendung von vielen frischen Kräutern gut gefallen.
  • Bis auf eine Ausnahme hatten wir mit die besten Hotelzimmer während unserer bisherigen Reise. Frische weiße Bettwäsche, häufig täglichen Handtuchwechsel, gutes Frühstück und ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis.
  • Vietnams Norden ist wirtschaftlich weit entwickelt, bis auf die großen Städte gibt es jedoch ein starkes Nord-/Südgefälle.
  • Buchsbaum wird häufig gepflanzt und dann liebevoll zu fantasievollen Figuren, Ornamenten oder Namen gestutzt und geschnitten.
  • Vietnam hat eine hohe Alphabetisierungsrate. Das wird u.a. darauf zurückgeführt, das dieses Land als einziges in Südostasien lateinische Buchstaben verwendet, die das Erlernen wesentlich vereinfachen.
  • Es gibt kaum etwas, was nicht auf einem Moped transportiert werden kann. Ganze Familie, lebende Schweine und Hühner und die unterschiedlichsten Waren. Wir sehen jemanden mit einem 60 Zoll großen Fernseher im Originalkarton. Das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten oder die Naivität muss wirklich groß sein.
  • Höflichkeit und Geduld verschwinden offenbar in dem Moment, wo ein Mensch zwei oder sogar vier Räder unter sich hat, ab dann gilt nur noch: Wer zuerst kommt, fährt zuerst.
  • Das beliebteste „Musikinstrument“ in Vietnam ist die Hupe. Gehupt wird eigentlich immer. Beim Einbiegen in die Hauptstraße, beim Linksüberholen, beim Rechtsüberholen, beim Umkurven der Fußgänger oder einfach, weil Montag (wahlweise auch ein anderer Wochentag) ist. Wenn schon die Mopeds nicht röhren, muss es die Hupe ausgleichen.
  • Was wir als Schlafanzüge tragen, ist hier absolut straßentauglich. Ob Satin (gerne in buntgemustert aber im klassischen Herren-Schnitt), Baumwollgewebe oder Jersey, alles wird von Frauen und Kindern gleichermaßen selbstverständlich draußen getragen.
  • Kinder werden gerne in Jacken gesteckt, die sie in Schmetterlinge oder Marienkäfer verwandeln. Auch sehr beliebt sind Mützen mit Bären-, Hasen-, oder Katzengesichtern
  • Die dekorativen Reisstrohhüte setzt man auch in der Stadt auf. Meist in Kombination mit einem Tuch über Nase und Mund.
  • Atemschutzmasken gibt es in zig Variationen. Seltsamerweise setzt man sie Kindern äußerst selten auf. Oft sieht man einfach Chirurgenmasken. Sollte es da mal einen Notstand geben, weiß man worauf der zurückzuführen ist.
    Gerne werden auch extra geschneiderte Masken farblich zur Kleidung kombiniert. Dazu Kopfbedeckung, Sonnenbrille und Handschuhe. Bei dieser Vermummung fragt man sich, worin eigentlich der Unterschied zum Nikab besteht.
  • Während man einerseits darauf bedacht ist, die Luft nur gefiltert einzuatmen, hockt man andererseits auf diesen Kinderstühlchen am Straßenrand neben dem tosenden Verkehr und lässt sich das Essen schmecken.
  • Obwohl die meisten Vietnamesen Atheisten sind, hat nahezu jedes Hotel und jedes Haus sein Geisterhäuschen mit irgendeiner Gottheit innendrin. Davor liegen Speisen und Getränke als besänftigende Gaben und fast immer brennen Räucherstäbchen. Man kann ja nie wissen.
  • Hühner gibt es überall, man findet sie auch in großen Städten. Bei jedem Haus, bei Geschäften und in Werkstätten laufen welche herum. Es gibt sie in vielen Farben und Rassen. Besonders die hochbeinigen schlanken Tiere sind uns aufgefallen.
    Egal wo wir übernachtet haben, nachts krähen immer irgendwo Hähne.
  • Wenn die Vietnamesen Englisch sprechen braucht man viel Fantasie , denn wir konnten es nur schwer oder gar nicht verstehen. Umgekehrt ging es aber ebenso. Geprägt durch die Muttersprache verschlucken sie die Endkonsonanten. Auf meine Frage in Hoi An nach dem „Post-Office“ ernte ich zuerst nur Kopfschütteln. Erst als ich mit den Postkarten wedele kommt das Verstehen: „Ahh … Poofi“.
    Der Ehemann wird mit „Mei Habben“ vorgestellt. „Frei-Ä“ ist fried egg (Spiegelei), der Orangensaft „Oranju“…
  • Die Bürgersteige auf kleineren Straßen sind selten als solche begehbar. Meist blockieren Händler und kleine Garküchen mit Bestuhlung den Weg oder sie sind sehr ordentlich dicht an dicht mit Mopeds zugestellt. Ich musste doch einige Male gegen ein Zucken im Fuß ankämpfen, um nicht mit einem kleinen Tritt gegen ein Moped einen Dominoeffekt auszulösen, besonders nachdem man auf die Straße ausweichen musste und dort empört angehupt wurde.
  • Der chaotische Verkehr war bei mir schon öfter Thema. Die Menschen auf Moped und Tuktuk verlassen sich grundsätzlich darauf, dass die anderen wachsam sind, wenn sie einfach aus einer Neben- in eine Hauptstraße einbiegen, die Spur wechseln oder auf einer Straßenseite als „Geisterfahrer“ unterwegs sind. Oder sie drängen sich ganz rechts vor, um dann trotzdem auf einer mehrspurigen Straße vor allen Anderen links abzubiegen. Scheinbar funktioniert das alles, auch wenn uns Europäern manchmal der Atem stockt bzw. der Hut hochgeht.
    Eine Erkenntnis allerding bleibt: Wir Europäer sollten auch viel stärker umsichtigeres Fahren beherzigen statt immer nur stur auf unsere Rechte zu pochen. Und eine Portion Gelassenheit gegenüber den Fehlern der „Anderen“ würde uns ebenfalls gut bekommen.
  • Weil die Menschen so unbekümmert fahren und wir kaum Unfälle sahen, ging ich davon aus, dass es auch nur wenige gibt. Diese Illusion hat mir das Sonntagsgespräch mit einem wissbegierigen jungen Mann – der sein Deutsch verbessern wollte – allerdings genommen. Er erzählte, das es jährlich 20.000 Todesopfer im Straßenverkehr gäbe. Wie schrecklich!

Würden wir wieder hinfahren? Auf jeden Fall.
tam biet Viet Nam

Von Krebsen und Pfeffer – Kep und Kampot (Kambodscha)

Morgens um 6:50 Uhr werden wir abgeholt und zur Busstation gebracht. Wieder ein Schlafbus. Der Schaffner weist uns unsere Plätze ganz hinten in der letzten Reihe zu. Es sind fünf, die über die gesamte Breite des Busses dicht nebeneinander liegen. Der äußere rechte Sitz ist mit Matten belegt. Zuerst sind wir allein, dann kommen noch zwei Frauen dazu. Aber die Menschen hier haben keinerlei Berührungsängste. Ob sie an der Schulter eines Fremden schlafen oder eben Arm an Arm nebeneinander liegen, was macht das schon?
DSC02389Das fruchtbare rund 40.000 km³ große Mekongdelta ist ein Gebiet, das kreuz und quer von Flüssen, Bächen, Kanälen und Gräben durchzogen ist. Die südliche Reiskammer Vietnams kann mit drei Ernten pro Jahr über die Hälfte des Jahresertrages beitragen. Außerdem gedeihen viele tropische Früchte. Da es mehr Wasserwege als Straßen gibt, hat auch der Fischfang eine große lokale Bedeutung. Entlang der Straßen ist hier jedoch alles so dicht bebaut, dass nicht zu erkennen ist, wo eine Stadt aufhört und die nächste beginnt.
Kurz vor der Grenze dann außer Reisfeldern, große Salinen. In der Grenzstadt Ha Tien endet die Fahrt nach mehr als acht Stunden am Busbahnhof. Doch wie von hier aus weiterkommen? An den Schaltern werden keine Tickets nach Kambodscha angeboten. Ein Mann spricht uns an und heftet sich wie eine Klette an uns. Sobald einer von uns losgeht, um sich umzusehen, folgt er und verschwindet auch nicht, wenn man mit anderen Leuten reden will. Letztendlich trägt er den Sieg davon und bringt uns in einem Kleinbus in die Innenstadt zu einer Reiseagentur. Hier wird die Weiterfahrt nach Kambodscha inklusive Visaformalitäten angeboten. Natürlich zum überhöhten Preis. Der Besitzer erklärt uns glaubhaft, dass die Gebühren von der Regierung gerade erhöht worden seien. Stimmt aber nicht, wie wir dann an der Grenze feststellen. Naja, Bequemlichkeit kostet halt. Wir werden im Minibus bis zur Grenze gebracht, der Mitarbeiter kümmert sich um die Formalitäten, der Grenzübergang klappt problemlos innerhalb von ein paar Minuten und der Bus bringt uns direkt zu unserem Hotel.
Und jetzt sind wir erst einmal froh, in dieser kleinen gepflegten Anlage in Kep – nicht weit von der Grenze entfernt – angekommen zu sein. Wir hatten zuerst nur eine Nacht gebucht, aber wir fühlen uns so wohl, dass wir um zwei Tage verlängern, mehr ist nicht möglich, weil die acht Quartiere zum Wochenende ausgebucht sind. Zwar müssen wir täglich in einen anderen Bungalow umziehen, aber mit Hilfe der unglaublich netten Mitarbeiterinnen ist das jedes Mal in fünf Minuten passiert. Nach unserer Empfindung haben wir die Seelen noch nicht genug baumeln lassen, deshalb ziehen wir noch für weitere vier Tage in eine ca. zwei Kilometer entfernte Anlage um. Die hat zwar keinen Pool wie die erste, aber auch einen schönen Garten und angenehme Bungalows und sie liegt näher zum Strand und zum Crabmarket. Zu unserer Freude haben wir einen orangefarbenen Frosch und mehrere Tokkays (Riesengeckos) als Mitbewohner.

Einer lebt hinter dem Badezimmerspiegel, die anderen unter dem Strohdach. Wir verfolgen ab Eintritt der Dämmerung häufig, wie sie auf die Jagd nach Insekten gehen.
Zweimal leihen wir uns Fahrräder und erkunden die nähere Umgebung. Kep wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts von den Franzosen gegründet. Hier wollten sie ein Äquivalent für ihre weit entfernte Cote d’Azur schaffen. Und der Ort war dann auch bis in die 60er Jahre Vergnügungsort der Reichen und Mächtigen. Er soll auch Jackie Kennedy begeistert haben. Während des Bürgerkrieges wurde die Stadt nahezu dem Erdboden gleich gemacht und alles Wertvolle geraubt. Davon hat sie sich noch nicht wirklich erholt. Auf einer riesigen Fläche liegen drei verstreute Ortsteile. Es gibt einen Bereich mit Denkmal und Prachtallee, links davon ist gar nichts, rechts ein paar Elendshütten. Dazwischen fallen uns große Grundstücke auf, die außer einer Umgebungsmauer und Wildwuchs nichts enthalten. Später erfahren wir, dass nach einem Grundstückskauf innerhalb einer bestimmten Frist mit Baumaßnahmen begonnen werden muss und da entscheiden sich die Meisten für eine Mauer.
Die Straße ist großzügig sechsspurig angelegt mit begrüntem Mittelstreifen, ausladenden Lampen und mehreren Kreiseln mit Statuen wie ein weißes Pferd und hinduistische Gottheiten.

Die Voraussetzungen sind da, dass Kep wieder seine einstige Bedeutung erlangen kann.

Die Schönheit der Landschaft dürfte auf jeden Fall genügend Menschen anlocken.
DSC02409Im Meer winkt eine Krabbenstatue – das Wahrzeichen der Stadt – denn Kep ist bekannt für seine Meeresfrüchte und hat einen täglichen Krabbenmarkt,

o.r.: getrocknete Shrimps; u.r.:frische Krebse; links: zukünftiger Marktverkäufer
links: Zuckerrohrpresse rechts: frisch gegrillt

wo man auch essen kann. Direkt daneben gibt es aber auch viele Lokale, in denen das Angebot des Tages gekocht, gebraten oder gegrillt wird, häufig gewürzt mit dem begehrten Kampot-Pfeffer, der hier in der Umgebung wächst.
P1090302Ein Nationalpark liegt ganz in der Nähe und bietet einen gut gekennzeichneten Rundweg mit vielen schönen Ausblicken auf die Küste. Es gibt auch einen Kletterpfad mit Halteseilen auf einen der Gipfel mit besonders schönem Ausblick auf den Sonnenuntergang. Danach ist für den Rückweg eine Stirnlampe unverzichtbar.
DSC02406Der Weg zum Strand führt an einer Affenkolonie vorbei. Die Tiere wissen genau: In den Mülltonnen liegen die durchgedrückten Zuckerrohrstangen, die nach der Saftpressung übrig bleiben. Mit vereinten Kräften werden die Behälter umgeworfen und liegen kreuz und quer herum. Und jetzt kommen auch die Kleinsten leicht an all die Köstlichkeiten heran.
Der Strand wurde künstlich angelegt und wird auch von den Einheimischen sehr gerne genutzt. Familien mit Kindern und Jugendliche sitzen im Sand oder auf dem Bürgersteig, wo man für ein paar Riel Strohmatten mieten kann.

Gegenüber auf der anderen Straßenseite noch ein anderer Service, zwischen im Quadrat aufgestellten Pfosten – darüber ein Dach — sind Hängematten befestigt. Auch die Besitzer nutzen sie gern für ein Schläfchen zwischendurch. Der Weg ins Wasser führt durch angeschwemmtes Seegras, durchsetzt mit Plastikmüll. Der Müll wird ebenfalls vom Meer her ans Ufer getrieben, aber die Menschen am Strand verstehen es offenbar als Aufforderung, ihrerseits ihre Hinterlassenschaften wie Essensreste oder Verpackungsmüll am Strand liegen zu lassen.

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fliegender Möbelhändler

Als wir nach dem Baden zurücklaufen, sitzt mitten auf dem Bürgersteig ein Pärchen und picknickt. Von Romantik hat wohl jeder eine andere Vorstellung, aber sauberer als am

Strand ist es allemal.

hier wachsen keine Gurken, es sind Kapokbäume!

Nach einer Woche fahren wir in die nahegelegene Stadt Kampot – genau dahin, wo der Pfeffer wächst. Die Stadt liegt etwa fünf Kilometer vom Meer entfernt am Fluß Teuk Chhou und hat noch viele Gebäude aus der französischen Kolonialzeit. Es wird auch versucht, die Bauwerke zu erhalten, was für die Stadt durchaus ein Gewinn ist. Das Angebot an Restaurants ist mehr als ausreichend für die rund 50.000 Einwohner und ein großer Touristenmagnet ist die Stadt eigentlich auch nicht. Obwohl bestimmt viele die Ruhe hier wohltuend finden. Auffallend ist, das sich viele Europäer niedergelassen haben. Ein Grund mag sein, dass zuhause die Rente nicht reicht, es könnte aber auch noch andere geben.
DSC02469Als wir über die Strandpromenade laufen, spielen gerade zwei Männer Da Cau (Fuß-Federball), eine sehr alte asiatische Sportart. Der Federball ist ein kleiner Zylinder, der oben mit Federn bestückt ist. Geschickt wird er mit der Schuhsohle zurückgeschlagen. Eine Weile schauen wir fasziniert zu.
DSC02481Das Wahrzeichen dieser Stadt steht mitten auf dem Kreisel auf der Hauptstraße – eine Durian (Stinkfrucht). Rund um Kampot gibt es Plantagen, auf denen die Bäume stehen. Nicht zu vergessen, die Pfefferplantagen. Seit dem 13. Jahrhundert wird in Kambodscha Pfeffer angebaut, auch dieses einträgliche Geschäft wurde durch den Krieg zunichte gemacht. Die Menschen wurden verschleppt, die Pflanzen auf den Plantagen gingen ein und erst langsam kommt das Geschäft wieder in Gang. Kampot-Pfeffer ist eine überaus begehrte Sorte, weil sie Aroma und Fruchtigkeit perferkt kombiniert. Hier wird sogar der seltene rote Pfeffer geerntet.


Kleine Pfefferkunde:
Grün =        unreif, frisch bis zu drei Tage haltbar, leicht zitronig im Geschmack. Sonst wird er eingelegt oder gefriergetrocknet
Schwarz = unreif geerntet, kurz bevor er gelb wird. Auf Bambusmatten in der Sonne getrocknet hält er sich mehrere Jahre
Weiß =        reifer, geschälter Pfeffer. Die roten Pfefferbeeren werden eingeweicht, bis die rote Schale abfällt, danach mehrere Tage in der Sonne getrocknet
Rot =           reif, ungeschält. Muss geerntet werden, kurz bevor die Beeren zu faulen beginnen. In der Sonne getrocknet und handverlesen
Köche aus aller Welt sind wieder auf Kampot-Pfeffer aufmerksam geworden. Gleiches gilt für das Salz aus den umliegenden Salinen.


Eine Broschüre fordert die Kampot-Touristen auf, den 10 Kilometer entfernten Zoo zu besuchen, damit vom Eintrittsgeld Futter gekauft werden kann. Da können wir uns nicht verweigern und leihen uns im Hotel Räder und fahren über die alte Brücke auf die andere Seite des Flusses und auf der stark befahrenen staubigen Landstraße Richtung Elefantenberge. Hier leben noch Tiger und Elefanten, aber die Berge selbst sind abgesehen von den Tieren nicht ungefährlich, viele Landminen liegen hier noch in der Erde, vergraben während des Bürgerkrieges von den Roten Khmer.
Am Zooeingang bezahlen wir vier Dollar und laufen über ungepflegte Wege an viel zu kleinen, gammeligen Käfigen vorbei. Vor Jahren hat ein hoher Militär hier seiner Leidenschaft für wilde Tiere ein Denkmal gesetzt und diesen Zoo gegründet. Inzwischen hat ein Privatmann übernommen, aber eine Rendite erwirtschaftet er sicher nicht. Alles wirkt heruntergekommen. Verrostete Spielgeräte, marode Skulpturen und die Schreie von Affen und Vögeln vermitteln beinahe eine Geisterbahnatmosphäre. Am liebsten würden wir nachts mit einer Drahtschere zurückkommen, um die Vögel und Affen zu befreien.
DSC02500Die zwei Elefanten haben ein einigermaßen großes Gehege, das auch einen stabilen Eindruck macht. Sofort kommt das Paar angelaufen in der Hoffnung auf Futter. Wir haben nichts, und der Bulle greift mit dem Rüssel eine leere Keksschachtel und bläst sie mir ins Gesicht. Von Gaffern hält er schon mal gar nichts. Ein Stück entfernt verkauft eine Frau Bananen für die Tiere und wir kaufen für ein paar Dollar ein. Damit sind die beiden Dickhäuter versöhnt, obwohl es für sie nur etwas für den hohlen Zahn ist. Ziemlich nachdenklich laufen wir zurück Richtung Ausgang, als ein Mann auf dem Moped Klaus um Hilfe bittet.

Er hat drei Eisblöcke dabei, die er nun abladen möchte. Da braucht er einen starken Mann, der sein Moped hält.
Unsere Weiterfahrt zu den ein paar Kilometer flussauf liegenden Stromschnellen ist auch umsonst, Der weiter nördlich gebaute Staudamm hat den Fluss gezähmt.
DSC02515Es geht auf den Abend zu, als wir auf der Rückfahrt ein paar Viehhirten begegnen, die die Rinder zurückbringen. Gerade passieren sie eine Stelle, wo eine Hochzeit gefeiert wird. Die Musik dröhnt laut und schief und die Tiere versuchen, so schnell wie möglich außer Hörweite zu kommen – wie wir auch.

Saigon und das Mekong-Delta (Vietnam)

Normalerweise klappt hier alles; heute allerdings nicht. Durch Vermittlung eines Holländers, der seit drei Jahren hier lebt, wurden unsere Tickets für die Fahrt nach Saigon gebucht und ein Taxi für 9:15 Uhr zu unserer Unterkunft bestellt. Es kommt nicht. Wir warten 10 Minuten, dann geht Klaus noch mal zurück, um den nicht englisch sprechenden Mitarbeiterinnen der Unterkunft verständlich zu machen, dass sie uns ein Taxi bestellen sollen. In diesem Moment kommt aber der Fahrer. Ich winke, sage ihm, er möge einen Moment warten, laufe Klaus hinterher und als wir beide zurückkommen, ist er weg. Nochmal dieselbe Prozedur. Das Taxi kommt, der Fahrer (es ist derselbe, quittiert aber unsere Fragen nach dem Warum mit einem Lächeln) heizt dann aber die 8 Kilometer mit Dauerhupen zur Busstation. Noch 5 Minuten, um das reservierte Ticket abzuholen, den richtigen Bus zu finden und einzusteigen. Geschafft!
Dieses Mal haben wir darauf geachtet, dass wir nicht die oberen Sitze belegen, sondern in der ersten Etage liegen. Von Da Lat aus geht es über eine Autobahn nach Südwesten. Die Landschaft erinnert stark an den Schwarzwald. Stetig fährt der Bus von 1.500 m Höhe bergab. Nach den vielen Kiefer-Bäumen schließen sich endlose Anbauflächen mit Gemüse an. Dann folgen üppig weißblühende Büsche. Im nächsten Ort sind Planen am Straßenrand ausgebreitet, auf denen kleine dunkle Kugeln zum Trocknen liegen. Kurzes Rätseln, ja natürlich, es sind Kaffeekirschen, die hier vor jedem Haus liegen. Stadt für Stadt, Ort für Ort wird hier mit Kaffee Geld verdient. Vor jeder Behausung, egal ob Hütte oder Palast werden freie Flächen genutzt, um den Ernteertrag entsprechend aufzubereiten.

Es gibt die Nass- und Trockenaufbereitung, hier wird letztere angewendet. Erst jetzt bekomme ich eine Ahnung, welche Mengen an Kaffee für den weltweiten Bedarf benötigt werden. Hier im Land des zweitgrößten Kaffeeproduzenten (rund 1 Mio. t pro Jahr) liegen Tonnen von den Früchten auf der Straße. Auf nacktem Beton oder Planen, sie werden gewendet, umgeschichtet Hühner scharren darin herum, sie müssen vor Regen geschützt werden. Irgendwo steht auch eine Maschine, die die Kerne von den Fruchthüllen befreit. Nach einem weiteren Arbeitsschritt, der die Kerne von der Pergamenthülle befreit, muss alles in Säcke verpackt und abtransportiert werden. Danach erst wird das kostbare Rohmaterial verschifft, bevor es im Importland gemischt, geröstet, gemahlen und verpackt wird. Aber hier, wo die meiste Arbeit anfällt, verdienen die Menschen das wenigste Geld damit. Die blühenden Sträucher, an denen wir vor einiger Zeit vorbei fuhren, sind natürlich Kaffeebüsche.
Die Fahrt geht weiter durch hübsche Städte. Es ist merklich wärmer, wir sind im Tiefland angekommen und hier wird Reis im großen Stil angebaut. Gegen 15 Uhr sehen wir die Skyline von Saigon (keiner der Vietnamesen mit denen wir sprechen, verwendet den offiziellen Namen Ho-Chi-Minh-Stadt) und dann dauert es noch 2 Stunden, bis wir in der Innenstadt ankommen. Am Stadtrand müssen wir in einen Minibus wechseln. Schon seit Da Lat sitzt neben uns im Bus eine Vietnamesin. Als sie einsteigt, trägt sie ihre Atemschutzmaske, eine Sonnenbrille und eine Kopfbedeckung, die von den Augenbrauen über die Ohren bis an die Schultern reichte. Nach und nach legt sie diese Kleidungsstücke ab. Die Frisur darunter entspricht genau der Kopfbedeckung. Wahrscheinlich nimmt sie die beim Frisör nie ab und lässt nur alles abschneiden, was unten rausguckt. Ganz zum Schluss spricht sie uns auf englisch an und will wissen, wo wir wohnen. Der Zufall will es, dass ihre Wohnung nur 50 Hausnummern von unserem Hotel entfernt ist. Sie bietet an, uns den Weg zu zeigen, und wir versuchen – unsere Koffer hinter uns herzerrend – sie nicht aus den Augen zu verlieren. Ungefähr einen Kilometer folgen wir ihr durch die Stadt. Dann erreichen wir unser kleines Hotel in der Altstadt. Es ist nach sechs Uhr, also schon dunkel als wir loslaufen, um ein Restaurant zu suchen. Vorbei an unzähligen Straßenlokalen mit Kinderhockern erreichen wir eine vierspurige Straße.

Über den Straßenverkehr in Saigon wurde schon viel geschrieben, aber wirklich verstehen kann man das erst, wenn man mittendrin ist. Die 8 Millionen Einwohner der Stadt besitzen 5 Millionen Mopeds bzw. Roller. Wenn man bedenkt, dass 1/3 der Einwohner unter 14 Jahre alt ist, hat quasi jeder Erwachsene so ein Gefährt. Und alle scheinen gleichzeitig unterwegs zu sein. Es gibt in den Hauptstraßen extra abgeteilte Bahnen für die zweirädrigen Fortbewegungsmittel, aber was hier Gesetz ist, wird noch lange nicht befolgt.
Das Lokal, für das wir uns heute entscheiden, ist offensichtlich hier sehr beliebt. An den ca. 50 Tischen nur zwei Touristenpaare, der Rest Einheimische. Alles ist straff durchorganisiert. Direkt an der zur Straße offenen Seite stehen in Eimern die Getränke, in anderen liegen Eiswürfel. Viele Bedienstete wuseln herum. Unmittelbar, nachdem man bestellt hat, stehen Gläser mit Eiswürfeln und Getränke auf dem Tisch.
DSC02208Während wir dort sitzen, kommt ein Mopdfahrer direkt vors Lokal gefahren. Auf dem Rücksitz sind 6 große Säcke gestapelt, aus denen es gewaltig tropft. Er liefert den Nachschub an Eiswürfeln. Während der nächsten Tage sehen wir diesen Lieferservice öfter. Die Speisekarte bietet typisches vietnamesisches Essen, alle Arten von Meeresfrüchten, Schnecken, Wildschwein zubereitet auf Hundeart (oder war es umgekehrt). Am Nebentisch feiern ca. zehn Personen Geburtstag. Der Tisch bietet kaum Platz für die vielen verschiedenen Gerichte, aber die Torte hat einen hervorgehobenen Platz, die Kerzen darauf werden angezündet, dann ertönt das international bekannte „Happy Birthday“. Nahezu jeder zweite Ton ist richtig. Und damit ist die Feier beendet und sie brechen auf. Zurück bleiben auf dem Tisch unzählige Platten und Teller, unter dem Tisch die leeren Bierdosen.

von fleißigen Frauen geschälter Knoblauch — Mamas Schuhe faszinieren kleine Mädchen

Beobachtungen am Rande

Auf dem Rückweg machen wir einen Umweg durch die bei Backpackern sehr beliebte Straße Pham Ngu Lao. Hier drängeln sich die Menschen in der Fußgängerzone – umrundet von Mopedfahrern – vor den Tür an Tür liegenden Bars, Pubs und Lokalen. Die Bässe der Technomusik wummern. Was für ein Glück, dass unser Hotel nicht in Hörweite liegt. Das ist definitiv nicht unsere Welt.
Wir machen uns auf den Weg zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten Saigons. In der Stadt sind viele Bereiche abgesperrt. Hier wird mit japanischer Hilfe eine U-Bahn gebaut. Das ist auch dringend nötig, der Verkehr kommt in den Stoßzeiten regelmäßig zum Erliegen.
Wir schlendern durch die Ben Than Markthalle mit ihren Schneidern, Obst- und Gemüseständen, Souvenirs und Kaffeeverkauf.

Dann durch die Fußgängerzone, vorbei am Bitexco-Tower bis zum Saigon-Fluss, ein Stück am Ufer entlang, die Prachtstraße hinauf.

Wir sehen das Opernhaus, gerade kommen die ersten Besucher. Auffallend ist, wie elegant alle gekleidet sind. Hier geht man nicht in Alltagskleidung aus.
P1090259Wir folgen der Straße weiter bis zur Basilika Notre Dame, die mit französischen Materialien erbaut und 1883 eröffnet wurde. Sie wird zur Zeit renoviert und kann nur von außen besichtigt werden.

Dafür gehen wir gegenüber in das Hauptpostamt, das – von einem französischen Architekten entworfen – zwischen 1886 und 1891 erbaut wurde. Obwohl es einen musealen Charakter hat, mit Souvenirshop an beiden Seiten des Eingangs, fungiert es nach wie vor als Postamt. Links und rechts gibt es noch die Telefonzellen, in denen man früher Gespräche anmelden musste. Leider sind die alten Apparate durch Tastentelefone ersetzt worden.
Wir kommen zum Wiedervereinigungspalast, wo 1975 das Ende Vietnamkrieges beschlossen wurde. Langsam wird es dunkel, unser Weg führt an einem eingezäunten Park vorbei.
DSC02246In einer innen liegenden Musikschule findet heute Abend ein Konzert statt. Auch hier fallen uns die eleganten Besucher auf.
Angelockt von den Meeresfrüchten landen wir kurz vor unserem Hotel in einem der kleinen gesichtslosen  Seafood-Lokale. Die noch vorhandenen Plakate lassen erkennen, dass hier bis vor kurzem ein Frisörladen war. Die Einrichtung besteht aus den üblichen kleinen Tischchen und Hockern.

Wir wollen es heute mal darauf ankommen lassen, und das Essen ist auch richtig lecker. Eine Gruppe drängt herein, schnell sind von einem Stapel noch ein ein Tisch und ein paar Hocker herbeigezaubert; hier und dort ein bisschen rücken, und schon finden weitere Gäste Platz.
Nach drei Tagen haben wir genug von Saigon und wählen als nächstes Ziel die Stadt Ben Tre  im Mekongdelta. Dafür wollen wir heute die Tickets kaufen und machen uns auf den Weg zum Büro unserer Buslinie.

Wir laufen durch eine knapp zwei Meter breite Gasse und landen mitten im Leben der Einheimischen. Kleine Straßenküchen finden auch hier noch Platz. Ein paar Lädchen gibt es und durch die offenen Türen können wir sehen, wie die Menschen ihren Sonntag verbringen. Auf Matten oder Matratzen liegend – ansonsten gibt es weder Tisch noch Stuhl – blicken sie fasziniert auf ihre ausladenden Flachbildschirme und verfolgen die tägliche Telenovela oder ein Sportprogramm.
Schließlich landen wir in der Annahmestelle für Güter, die ebenfalls mit den Bussen transportiert werden. Keiner der Angestellten spricht oder versteht englisch. Ein Kunde erbarmt sich und deutet uns die Richtung an. Im nächsten Büro will man uns zwar keine Tickets verkaufen, drückt uns aber einen Zettel in die Hand. Wir verstehen nur so viel, dass wir morgen um zwölf Uhr – eine Stunde vor Abfahrt des Busses – hier sein sollen. Mit dem guten Gefühl, alles erledigt zu haben, gehen wir in den nahegelegenen Park. Wir sitzen kaum auf einer der vielen Bänke, als uns ein zehnjähriges Mädchen anspricht. Sie möchte sich mit uns auf englisch unterhalten. Ich biete ihr den Platz neben uns an, und wir führen das übliche Gespräch. Kurze Zeit später kommt ein junger Mann dazu, dieser wiederum will deutsch mit uns reden. Gar nicht einfach, beiden gerecht zu werden, spreche ich englisch, bittet der Mann mich deutsch zu sprechen, tue ich das, vernachlässige ich das Mädchen.
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Am Rand des Parks befindet sich ein großes Zelt mit dem Food-Market. Alles was hier angeboten wird, sieht ausgesprochen appetitlich aus. Leider sind wir überhaupt nicht hungrig und beschließen, am Abend dort zu essen. Nachdem wir etliche Stunden später die verklebten Tische und den vielen Müll rundherum sehen, entscheiden wir uns anders.
Um halb zwölf sind wir am nächsten Morgen an der Busstation, nur um zu erfahren, dass wir zum drei Kilometer entfernten Ticketschalter müssen. Von dort fährt ein Shuttlebus zur großen Busstation. Es wird knapp, aber wir schaffen es gerade so. Der Bus hat normale Sitze, genau richtig für die dreistündige Fahrt nach Ben Tre im Mekongdelta.
Links und rechts der Straße frische grüne Reisfelder, und mittendrin immer mal wieder ein oder mehrere Gräber. Da könnte man einen deutschen Schlager doch noch ergänzen mit: „Ein Grab im Reisfeld….“
Ich hatte eine E-Mail an unsere Unterkunft gerichtet mit der Frage, ob man uns abholen könnte. Und da steht wirklich ein Mann an der Haltestelle und fragt, ob wir ein Homestay gebucht hätten. Wir denken natürlich, das er von unserer Unterkunft ist, aber als ich den Namen nenne, schüttelt er mit dem Kopf. Immerhin erklärt er dem Fahrer des Shuttlebusses, wo er uns absetzen soll.
Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren auf schmalen Wegen bis zu einer Einbuchtung. Da steht derselbe Mann, er wolle unsere Unterkunft kontaktieren, verspricht er und wir sollen inzwischen in dem kleinen Lädchen was trinken. Er telefoniert und sagt, dass wir in 10 Minuten abgeholt werden. Inzwischen entpuppt er sich als smarter Schlepper; denn er will uns ein Ausflugsprogramm verkaufen. Als wir nicht anbeißen verschwindet er mit grimmiger Miene. Die 10 Minuten sind um, aber niemand kommt.  Die Frau aus dem Lädchen bietet uns erst eine Pomelo, dann eine Guave an. Geld will sie dafür nicht annehmen.
Schließlich machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Wen wir auch fragen, niemand weiß, wo unser Homestay ist. In einem Frisörladen bitten wir darum, dass jemand die Nummer des Homestays anruft, und nun kommen nach 10 Minuten wirklich zwei Frauen auf zwei Mopeds. Sie waren von unserem Schlepper natürlich nicht angerufen worden. Die vorher versprochene Abholung hing wahrscheinlich von einer erfolgreichen Buchung ab. Die ältere nimmt einen Koffer, die jüngere Klaus auf den Rücksitz. Beide müssen nochmal zurückkommen, um mich und den anderen Koffer zu transportieren. 4 Kilometer sind es auf einer schmalen Betonstraße.

Der Schlammspringer fühlt sich wohl

Unsere Unterkunft liegt auf einem verwilderten Grundstück mit kleinen Kanälen. Drei Zimmer werden vermietet, sie sehen aus wie Pferdeboxen Modell „Sägerau für das robuste Tier“. Zwischen den Räumen eine oben offene Trennwand, die Tür quietscht auf Eisenrollen (Klaus schafft sofort Abhilfe mit Kokosöl). Die schmuddelige Dusche, Toilette und Waschbecken sind ein Stück entfernt. Zwei Nächte werden wir schon durchstehen. Während wir uns einrichten kommt ein deutsches Paar auf Fahrrädern, das die Kammer direkt neben uns bezieht. Der Frau geht es gar nicht gut. Zum Glück ist unsere Reiseapotheke dank der Beratung von Fachmann Manuel, einem Freund unserer Tochter, perfekt ausgestattet. Und so kann ich ihr wenigstens soweit helfen, dass sie am nächsten Tag die 100 Kilometer per Rad in Angriff nehmen kann.
Die Besitzer unserer sind sehr nett, die jüngere Frau und ihre Schwester sprechen gut englisch, beide haben studiert. Um so unverständlicher ist der erbärmliche Zustand der Anlage. Anscheinend ist dieser ihnen absolut gleichgültig.
DSC02308.JPGDie Mutter kocht ungewöhnlich gut, und wir lassen uns abends einen Elefantenohrfisch schmecken. Das funktioniert so: Ein Blatt Reispapier hinlegen, darauf kleingeschnittene Gurke und Ananas, ein paar Reisnudeln und Stücke vom heißen Fisch. Dann zusammenrollen und in die leicht scharfe Soße stippen – lecker.
Am nächsten Tag leihen wir uns Fahrräder und radeln über die Betonstraßen – auf denen im noch feuchten Zustand etliche Hunde ihre Fußabdrücke hinterlassen haben – zwischen Kanälen und Grundstücken in die nähere Umgebung.

Es ist so schön friedlich hier, üppig grün, viele Pflanzen und Blumen. An einem breiteren Kanal liegen links und rechts zwei Höfe, in denen im großen Stil Kokosnüsse verarbeitet werden.

Haufenweise liegen die faserigen Hüllen herum, die für Seile oder Matten verwendet werden. Aus den harten Schalen wird Grillkohle gemacht, das Kokoswasser wird in Behältern gesammelt und das Fruchtfleisch geht an die hiesige Fabrik, die für ihre Kokosbonbons berühmt ist.
Leider wird der hintere Reifen an meinem Rad platt, eine Luftpumpe haben wir nicht, kommen aber glücklicherweise an zwei Stellen vorbei, wo mit alten und neuen Reifen gehandelt wird. Hier gibt es Druckluft und wir beeilen uns zurückzukommen, bevor ich endgültig einen Platten habe. Das Essen schmeckt auch heute wieder ausgezeichnet. Trotzdem freuen wir uns darauf, morgen früh abzureisen.

Hoi An und Da Lat (Vietnam)

Und wieder ein Liegendtransport = Schlafbus, und das mittags um 1 Uhr für eine knapp vierstündige Fahrt. Menschen mit großen Füßen oder überhaupt groß gewachsene haben hier ein Problem. Die Füße in „Spitzenschuh“-Stellung lösen nach kurzer Zeit Krämpfe aus; und mit ausgestreckten Beinen können sie hier gar nicht sitzen. Die Fahrt von Hue bringt uns direkt an die Küste. Leider haben wir immer noch Regenwetter. Unsere Hoffnungen liegen auf der Wetterscheide „Wolkenpass“. Der macht seinem Namen auch alle Ehre, die Wolken hüllen die meisten Berge rundherum ein. Inzwischen wird der Pass durch einen 6 km langen Tunnel unterfahren. Aber auch nach der Durchfahrt scheint am anderen Ende nicht die Sonne.

o.l.: Ausenhandelsministerium o.r.: Appartmenthaus
u.l.: Brücke über den Han Fluß u.r.: einer der zahlreichen Skulpturenanbueter

Erst, als wir die Millionenstadt Da Nang – die viertgrößte Vietnams erreichen – hört es auf zu regnen. Touristen in kurzen Hosen und Kleidern bummeln durch die sehr moderne, großzügig angelegte Stadt. Wir fahren sogar über die sehenswerte Drachenbrücke auf die andere Seite des Han Flusses. Wirklich spektakulär ist sie jedoch nur beleuchtet bei Dunkelheit und am Wochenende speit der Drache sogar Feuer.

In Da Nang herrscht rege Bautätigkeit. Vor allem Hochhäuser, die nach Fertigstellung Hotels für Besserverdienende sein werden, schießen wie Pilze aus der Erde. Es sieht so aus, als entstünde hier das vietnamesische Miami.

Nach 30 Kilometern erreichen wir Hoi An und nehmen ein Taxi zum Ortsteil Ban An, einem auf einer Landzunge liegendes Fischerdorf. Unser Hotel liegt nur 70 Meter vom Strand entfernt.

DSC02058Hier nutzen die Fischer noch die typischen geflochtenen Rundboote, die wie überdimensionale Brotkörbe aussehen. Durch eine Teerschicht sind sie wasserdicht. Hoffentlich können wir sie während unseres Aufenthaltes mal in Aktion sehen. Wie man es damit schafft, genau dort wieder anzukommen, wo man losgepaddelt ist, ist mir ein Rätsel.

Das Örtchen hat vor allem nach Einbruch der Dunkelheit einen besonderen Charme, die beleuchteten bunten Seidenlampions verleiten dazu, weiter und weiter zu laufen. Zwischen den Häusern sind viele kleine Hotels und Homestays entstanden. Alle sehen einladend aus. Auch an Restaurants herrscht hier kein Mangel. Uns gefällt es so gut, dass wir nicht nur die gebuchten drei Nächte hierbleiben wollen, sondern noch drei weitere. Wir bekommen abends die Zusage, zum selben Preis bleiben zu können, am nächsten Morgen allerdings spricht man von einem Irrtum. Über den Jahreswechsel ziehen die Übernachtungspreise gewaltig an; so bei unserem Hotel von 88 € auf 250 € für drei Nächte. Wir bekommen keine 100 Meter weiter einen Ersatz zum vernünftigen Preis angeboten. Das Zimmer ist mehr als zufriedenstellend, groß, hell und mit allem ausgestattet, was wir brauchen.

Mit dem Taxi lassen wir uns in die Altstadt von Hoi An bringen.

DSC02083.JPGSie ist wie Hue UNESCO Weltkulturerbe. Auch wenn man es nicht schon vorher gelesen hätte, macht die Anzahl der Touristen es jedem sofort klar. Hoi An hatte zu Kolonialzeiten den größten Hafen in Südostasien und war die Verbindung zur Seidenstraße. Wegen der fortschreitenden Versandung des Hafens verlegte die französische Kolonialmacht 1888 den Sitz der Hauptstadt nach Da Nang. Nun war Hoi An unwichtig geworden und wurde während des Vietnamkrieges von Bombardierungen verschont.

Deshalb hat man heute noch eine gelungene Mischung asiatischer und europäischer Bauwerke. In den kleinen Straßen, die zu bestimmten Zeiten für den Verkehr gesperrt sind, reiht sich Geschäft an Geschäft. Hier gibt es alles, was das Herz des Touristen höher schlagen lässt. Auch Schneidereien in großer Zahl. Anzug und Kleid für Silvester könnte man sogar heute, am 29. 12. noch in Auftrag geben.

Am zweiten Abend landen wir durch eine Empfehlung in einem abseits gelegenen Lokal. Das Essen begeistert uns dermaßen, dass wir an den nächsten fünf Abenden hierher kommen und kreuz und quer aus der Speisekarte bestellen. Wir sind kein einziges Mal enttäuscht worden.

Der Jahreswechsel verläuft hier wie jeder normale Tag. Kein Feuerwerk, keine Party, spätestens um elf schließen die Lokale. Der Neujahrstag ist auch in Vietnam ein Feiertag. Am Strand sind heute besonders viele Liegen paarweise mit Sonnenschirm und Tischchen aufgestellt. Für 50.000 Dong = 1,85 € kann man sie den ganzen Tag mieten. Gegen Mittag oder auch auf Handzeichen werden Speisekarten gebracht und man bekommt das Essen direkt am Strand serviert.

Viele Einheimische nutzen den freien Tag für einen Ausflug ans Meer. Es ist voller, als an allen anderen Tagen, und nicht wenige laufen auch ins recht kühle Wasser. Baden ist wegen hoher Wellen und starker Strömung zwar nicht gestattet, aber solange man vorne am Wasserrand bleibt, wir es toleriert. Geht doch mal jemand weiter raus, werden die Vietnamesen – die ihre Liegen vermieten –  unruhig. Sie pfeifen, rufen, und drängen darauf, dass derjenige soweit zurück an den Strand kommt, dass ihm das Wasser nur noch bis an den Bauch reicht.

Geschäfte und Restaurants sind alle geöffnet. Erst wenn das chinesische Neujahrsfest (in diesem Jahr Mitte Februar) gefeiert wird, ist es anders. Dann gibt es Feuerwerk und ausgelassene Feiern, wie es auch bei uns üblich ist, nur dauert die Feier fünf Tage, in denen dann auch die Geschäfte geschlossen sind.

Da der Bus erst am Abend fährt, lassen wir unser Gepäck in der Obhut unseres ersten Hotels, wo man uns auch die Bustickets gebucht hatte. Wir nutzen die Zeit, um noch mal am Strand entlang zu laufen und den hohen Wellen zuzuschauen. Unser „Stammlokal“ bietet auch Liegen am Strand an. Wir werden eingeladen, noch ein paar Stunden hier zu verbringen. Unter vielen Umarmungen und Freundschaftsbekundungen verabschieden wir uns von den Leuten, bei denen wir so schöne Stunden verbracht und gut gegessen haben.

Bei dieser weiten Strecke ist es sinnvoll, im Schlafbus zu fahren. Meinem Loblied über die tollen Straßen in Vietnam muss ich eine weitere Strophe hinzufügen. Südlich von Hoi An sind die Straßen mit Schlaglöchern übersät. Entsprechend rumpelig ist die 14-stündige Fahrt und an Schlafen ist kaum zu denken. Als wir morgens um sieben Uhr in Da Lat ankommen fallen sofort die vielen Blumenrabatten auf.

Da Lat ist die Blumenstadt Vietnams, rings um die Stadt reihen sich so viele Gewächshäuser aneinander, dass ganze Hügel damit bedeckt sind. Weltweit werden Blumen und Gemüse exportiert. Hier auf 1.500 Metern Höhe gibt es einerseits das richtige Klima und andererseits auch den fruchtbaren Boden.

Um das Wachstum zu beschleunigen, erhellen unzählige Lampen bei Nacht die Gewächshäuser. Was tagsüber abstoßend wirkt, lässt Nachts die Herzen der Romantiker höher schlagen. Von denen soll es hier ja viele geben. Wie wir erfahren haben, ist Da Lat der beliebteste Ort für Hochzeitsreisen in Vietnam.

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oder man heiratet gleich hier

Der Ort wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts von der französischen Kolonialmacht gegründet. Das angenehme Klima lockte bald reiche Menschen – vor allem aus Saigon – an, die sich hier Sommerhäuser bauen ließen. Da die Stadt im Vietnamkrieg nicht zerstört wurde, kann man noch heute viele dieser Prachtbauten bestaunen.

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Aber auch in der Gegenwart entstehen wunderschöne Villen. Der einträgliche Handel mit Blumen und Gemüse macht es möglich. Leider sind wir eine Woche zu spät hier. Ende Dezember fand hier das Flower-Festival Da Lat statt. Noch sind trotz Aufräumarbeiten viele der fantasievollen Dekorationen erhalten.

Noch einige Ansichten von Da Lat.

ein Kaffeehaus am Shoppingcenter
links: Shoppingcenter Mitte: der „Eiffelturm“ von Da Lat Rechts: Stadtansicht

In der Nähe unserer Unterkunft kommen wir an einer Kunstausstellung vorbei. Draußen sind Skulpturen aus Marmor zu sehen. Wir werden gebeten, uns auch drinnen umzusehen. Doch hier sind keine weiteren Skulpturen ausgestellt, sondern Bilder. Doch diese Kunstwerke wurden nicht von Malern, sondern von Stickerinnen geschaffen. Was hier unter deren geschickten Fingern entsteht, ist unvorstellbar. Mit Fäden und Nadeln zaubern sie Gemälde, so fein, so exakt, dass man ganz nah herangehen muss, um überhaupt zu erkennen, dass hier feinste Seiden in unendlichen Schattierungen dicht an dicht die Bilder ergeben. Abgesehen davon, dass die meisten Motive nicht nach unserem Geschmack sind, muss man doch die großartige Arbeit und Kunstfertigkeit bewundern. Die Preise sind erstaunlich niedrig, wenn man bedenkt, dass stundenlange Arbeit darin steckt. Sie beginnen bei rund 30 €. Allerdings entdecken wir bei einem Bild, ca. 170 x 110 cm groß einen Milliardenbetrag, ca. 60.000 €. Bei diesem Bild – eine ländliche Szene mit blühenden Bäumen, Bach, Reisfeldern und Wasserbüffeln – ist kein Fitzelchen des Stoffes mehr zu sehen. Jeder Millimeter ist bestickt. Leider war fotografieren nicht erlaubt, so dass keines dieser Kunstwerke hier zu sehen ist.

Hier der Link zu der Ausstellung.

Geschichtsträchtiges Phong Nha und Hue (Vietnam)

Wir haben uns bei den Besitzern unseres Homestay Fahrkarten für den Bus nach Phong Nha bestellt und wundern uns schon, dass wir dieses Mal zwei bedruckte Zettel bekommen. Auch die Abfahrtszeit: 8.22 Uhr kommt uns komisch vor. Als der Taxifahrer dann vor dem Bahnhof hält, und auf unsere Frage nach der Haltestelle in den Bahnhofseingang zeigt, sind wir verunsichert. Er will gerade sein Handy zücken, als wir klein und unscheinbar auf dem Zettel den Aufdruck „train“ entdecken. Wir habe immer vom BUS gesprochen und an gar nichts anderes gedacht.

DSC01897.JPGDer Bahnhof sieht aus, als habe man ihn extra geputzt und poliert. Auf dem Bahnsteig treffen wir wieder die holländische Familie, die dasselbe Ziel hat wie wir. Der Zug kommt pünktlich, pro Wagon ist eine Tür geöffnet, vor der jeweils ein Kontrolleur steht, der die Reisenden erst nach einem Blick auf die Fahrkarten einsteigen lässt. Direkt am Eingang steht eine Kiste mit Wasserflaschen, aus der sich jeder bedienen kann. Die Sitzreihen haben einen merklich größeren Abstand als bei uns üblich, die Rückenlehnen lassen sich in eine angenehme Schlafposition zurückstellen. In der einen Hälfte des Wagens sind die Sitze in, in der anderen gegen die Fahrtrichtung montiert. Wo sie sich in der Mitte treffen, gibt es in jeder der beiden Reihen ein Tischchen. Leider sind die Fenster von außen mit einer Lochfolie beklebt. Man kann zwar erkennen, durch was für eine Gegend wir fahren, aber alles nur verschwommen. Der Grund dafür bleibt uns verborgen; denn innen sind noch Rollos gegen Sonneneinstrahlung angebracht. Diese achtstündige Fahrt verbringen wir hauptsächlich mit Lesen und Beobachten, denn vom Rausschauen wird einem etwas schwindelig und fotografieren ist schon gar nicht möglich. Vor uns sitzen zwei Frauen, wahrscheinlich Großmutter und Mutter mit drei Mädchen. Solange nicht alle Plätze besetzt sind, können sie sich nach Belieben ausbreiten. Die Mutter des etwa 6-jährigen Mädchens und der 4-jährigen Zwillingsschwestern ist unglaublich gestresst, und während der Fahrt kriegen die kleineren Mädchen öfter mal einen Schlag auf den Po oder auf den Kopf. Sie verziehen keine Miene, sondern klettern fröhlich weiter auf den Sitzen herum. Sie sind diese Behandlung offenbar gewohnt. Die Großmutter der Kinder mischt sich nicht ein, versucht aber die Kinder ruhig zu halten, und irgendwann liegen sie vor ihrer Bank auf dem Boden und schlafen. Sie selbst rollt sich auf der Sitzbank zusammen und fällt auch sofort in Tiefschlaf.

Die Zugbegleiter laufen immer wieder durch die Gänge, ich weiß nicht, ob sie auch kochen, denn der Geruch nach Essen zieht durch den Wagon und mehrmals werden Wagen mit heißer Suppe, Reis, Fleisch und Gemüse durch die Gänge geschoben. Die Fahrgäste kaufen ordentlich ein und lassen es sich schmecken. Verpackung und Reste werden nach einer Weile wieder eingesammelt.

Nachdem wir in Dong Hai ausgestiegen sind, verhandelt Susanna, die Tochter der Holländer, mit einem Taxifahrer über einen angemessenen Preis für uns fünf. Nach Phong Nha sind es noch 45 Kilometer, und für 17 € bringt uns der Fahrer alle zu unserem Hotel.

Als wir das Hotel betreten, schallt uns ein unglaublicher Lärm entgegen. Hier findet gerade eine „besinnliche“ Weihnachtsfeier statt. Ungefähr zwölf Männer lassen wen auch immer hochleben, dazwischen ist ein verschwommenes „Halleluja“ auszumachen. Die Anmeldung funktioniert nur mit Zeichensprache. Auch in unserem Zimmer zwei Stockwerke höher klingt es, als sei die Feier vor unserer Tür. Wir flüchten und suchen ein Restaurant. Angelockt vom Geruch nach Holzfeuer betreten wir eines. Es brennt auch wirklich ein Feuer in einem nach zwei Seiten offenen Blechkasten, aber es gibt keinen Kamin, der Qualm zieht einfach durch das Lokal. Wir wollen ja nicht wie ein Schinken riechen und suchen einen Platz entfernt vom knisternden Feuer. Nur noch im vorderen Teil, der an zwei Seiten von einem Holzgitter eingefasst ist, gibt es freie Plätze. Während wir essen, wird es unangenehm kalt. Zum Glück ist die Weihnachtsfeier bereits vorbei, als wir zum Hotel zurückkehren. Eine heiße Dusche, und dann unter die Bettdecke, anders kann man es in den ungeheizten Räumen nicht aushalten.

Um 9 Uhr gehen wir frühstücken. Noch ist alles ruhig, aber eine halbe Stunde später sind bereits zwei Gruppen da, die auch eine Weihnachtsfeier „zelebrieren“. Der Feuertopf mit brodelnder Brühe und den unzähligen Zutaten steht schon auf dem Tisch, das Bier schäumt in den Gläsern, und unter lautem Gesang, in dem keine Melodie erkennbar ist,  feiert man „Gröhliche Weihnachten.“

Rasch verlassen wir das Hotel, um uns die Gegend anzusehen. Bei unserer Ankunft am Vorabend war es bereits dunkel, aber jetzt sehen wir rundherum wieder Kalkfelsen.

Als wir die katholische Kirche erreichen, hören wir dumpfe Paukenschläge. Viele Menschen laufen einem mit lila Samt bedeckten Sarg hinterher, der in einer Art Sänfte gefahren wird. Geschnitzte Drachenköpfe bilden den Abschluss der Tragestangen. Die Träger sind in roten Satin mit Goldverzierungen gekleidet, die nächsten Angehörigen haben sich weiße Umhänge zum Zeichen der Trauer übergeworfen. Symbole aus dem chinesischen Buddhismus vermischen sich mit denen aus dem Christentum.

DSC01906Bei einer Krippe, die wir ein Stück weiter sehen, stehen neben Ochs und Esel auch Zebra, Tiger, Giraffe und Elefant vor dem Christkind.

Phong Nha Phong Nha liegt in einem Nationalpark, der zum Weltnaturerbe gehört. Das riesige Karstgebiet ist bekannt für seine beinahe 300 Höhlen und Grotten. Während des Vietnamkrieges führte der Ho-Chi-Minh-Pfad durch dieses Gebiet. Einige Höhlen wurden wie Bunker von der Bevölkerung oder Unterschlupf für die Soldaten genutzt. Hier liegt auch die Son Doong Höhle, die zu den größten der Welt zählt, die Höhe von über 200 Metern gibt es bei keiner anderen. Sie wurde erst vor ein paar Jahren entdeckt und von einem britischen Forscherteam untersucht. Sie ist nur in einer mehrtägigen Tour zum Preis von 2.321 € zu besichtigen.

Wir entscheiden uns für die Phong Nha Cave, die wir von der nahe gelegenen Bootsanlegestelle auf dem Fluss erreichen können. Eintritt kostet pro Person 150.000 Dong = 4,55 €. Das Boot bietet Platz für 12 Personen und kostet 360.000 Dong. Schnell kommt eine 12er-Gruppe zustande, und damit zahlt jeder 1,11 €. Die erste halbe Stunde fährt das Boot mit Motorkraft.

P1090219.JPGAber am Eingang der Höhle wird er ausgeschaltet und nun rudern uns die zwei Bootsfrauen in die Höhle hinein. Das Dach – bestehend aus drei großen Blechabdeckungen – wird mit Hilfe der Passagiere übereinander und nach hinten geschoben, so dass man freien Blick nach oben hat. Obwohl außer unserem auch etliche andere Boote in der Höhle sind, ist es leise. Man hört nur das Aufschlagen der Ruder und das Klicken der Fotoapparate. Die Höhle ist unbeschreiblich, wunderschöne Formationen haben sich in verschiedenen Farben herausgebildet. Die Decke hat eine unglaubliche Farbgestaltung. Man könnte glauben, Michelangelo habe sie schon für die Schöpfungsszene vorbereitet. In einigen Foren wird sie als die schönste Tropfsteinhöhle der Welt beschrieben, aber ist Schönheit messbar?

P1090210.JPGAuf der Rückfahrt hält das Boot an und wir klettern über eine Sanddüne in die Höhe, um den restlichen Weg zu laufen. Wenn der Fluss Hochwasser führt, ist die Höhle unpassierbar, dann wird Sand angeschwemmt und auch abgetragen. Wir kommen an wunderbaren Gebilden vorbei. In schneeweiß, karamellbraun, sandbeige mit Glitzer sind die vielfältigsten Formen zu sehen. Eine zwanzig Meter hohe Formation aus Quallen, zerbrechlich wirkende Faltenwürfe, aufsteigende Oktopusse, Orgeln und so viele andere. Durch dieser Zauberwelt kann man bequem über sorgfältig angelegte Stufen laufen. Wächter passen auf, dass nichts angefasst oder etwa ein Souvenir abgebrochen wird. Es ist ein wunderschönes Erlebnis.

Abends sehen wir in einem Restaurant dicke Tontöpfe mit glühender Holzkohle auf den Tischen. Das verspricht einerseits Wärme und andererseits Abwechslung auf dem Speiseplan. Beides wollen wir auch und bestellen Hühner- und Schweinefleisch für das BBQ. Der Chef kommt zu uns, fragt uns dies und das und setzt sich dann zu uns und spielt kurzerhand für uns den Grillmeister. Er spricht besser Englisch, als die meisten, und so haben wir einen interessanten Abend mit leckerem Essen.

Beim Gehen treffen wir im vorderen Teil des Lokals das junge deutsche Paar, das im Boot hinter uns saß. Wir kommen ins Erzählen und erfahren, dass die Beiden schon einen Monat länger als wir unterwegs sind und bereits in Gegenden waren, wo wir erst noch hinwollen. Sie geben uns gute Tipps, und als wir dann noch herausfinden, dass wir am nächsten Morgen mit dem selben Bus fahren, beschließen wir, unsere Unterhaltung dort fortzusetzen.

Auf dem Weg ins Hotel sehen wir gewitzte Räuber, die sich an Mülltonnen zu schaffen machen. Kennt man ja auch bei uns, Füchse und Waschbären sind bekannt dafür, aber hier sind es KÜHE.

Um sieben Uhr ist Abfahrt. Als wir den Bus betreten, werden wir aufgefordert, unsere Schuhe auszuziehen. Und dann stellen wir fest, dass wir in einem Schlafbus fahren werden, als Liegendtransport sozusagen.

DSC01936.JPGIn drei Reihen sind Doppelstockkojen montiert. Die Lehnen sind weit zurückgeklappt, die Füße kommen in eine keilförmige Hülle, die wiederum Stütze für die vordere Lehne ist. Ein großer Mensch kann hier nicht aufrecht sitzen, weil er sonst mit dem Kopf an die darüber liegende Koje stößt. Außerdem lässt sich die Rückenlehne nicht aufrecht stellen. Steppdecken liegen bereit, und schon bald nach der Abfahrt schlafen die meisten, eingelullt durch den gegen die Scheiben tropfenden Regen. Und auch mir fallen in dieser Position, mit warmer Decke und dem Brummen des Motors die Augen zu.

DSC01946.JPGPlötzlich stoppt der Bus, ich schaue aus dem Fenster und direkt in die Augen eines Kuhkopfes. Der Fahrer hat offenbar angehalten, um hier an diesem Fleischstand am Straßenrand den Weihnachtsbraten zu kaufen.

Und dann reihen sich Soldatenfriedhöfe aneinander. Hieran sieht man die Schrecken des Vietnamkrieges sehr deutlich. Mehrere Millionen Vietnamesen mussten während des Krieges ihr Leben lassen und auch viele amerikanische Soldaten fielen den Kampfhandlungen zum Opfer.

DSC01942Unser Schaffner schnappt sich plötzlich eine Schaumstoffunterlage, legt sie neben Klaus auf den Boden, darauf ein Kopfkissen und schon liegt er mit Schlafmaske und Steppdecke da und schläft den Schlaf des Gerechten.

Hue – die Stadt am Parfümfluss – die unser heutiges Ziel ist, ist für ihren Regenreichtum bekannt. Die vielen Mopedfahrer tragen Regencapes in bunten Farben. Die meisten haben vorne einen mit klarer Folie hinterlegten rechteckigen Ausschnitt? Erst später wird uns klar, dass der für die Scheinwerfer gedacht ist.

In unserem Hotel, in dem wir die Weihnachtstage über wohnen werden, erwartet uns im 5. Stock eine Suite zum Preis von 24 € pro Nacht inklusive Frühstück. Noch nachträglich beglückwünschen wir uns zu der Entscheidung. Die Ausläufer des Tropensturms „Tembin“, der auf den Philippinen Tod und Zerstörung hinterlassen hat, bringen die nächsten Tage heftigen Regen. Wir halten uns daher häufiger als normal im Hotel auf, und das ist in einer solchen Umgebung doch viel angenehmer.

DSC01955.JPGVor und an Weihnachten wird hier wohl besonders gern geheiratet. Wir kamen schon mit dem Bus und später auch zu Fuß an mehreren, üppig mit Rosen geschmückten Sälen vorbei, wo die Feiern in vollem Gange sind. Die Bräute tragen prächtige weiße Kleider nach westlichem Vorbild. Am späten Nachmittag laufen wir durch die Stadt.

An vielen Ecken stehen Verkäufer, die dicke Trauben von Luftballons in Form eines Weihnachtsmanns in den Händen halten. Die müssen sie jetzt schleunigst loswerden, in zwei Tagen will sie auch zum Schnäppchenpreis niemand mehr. Wir kommen an schuhschachtelgroßen Boutiquen vorbei, links zwei übereinander angebrachte Kleiderstangen mit der Ware, dahinter ein Vorhang an einer Duschstange als Umkleidekabine, rechts ein schmaler Tisch für die Kasse. Wenn zusätzlich zur Verkäuferin drei Kundinnen drinnen sind, ist der Laden voll. Ich sehe sehr schicke Kleidungsstücke, die auch bei uns reißenden Absatz finden würden.

Am 24. 12. wollen wir über die 460 Meter lange Brücke, die den Parfüm-Fluss überspannt, zur Zitadelle auf der anderen Seite. Im ersten Regenguss flüchten wir mit nassen Hosen und Schuhen in ein Café. Nachdem es aufgehört hat, laufen wir weiter, um wieder komplett nass zu werden. Selbst unsere Regenjacken können diesen Wassermengen nicht standhalten, auch sie werden durchweicht. Wir geben auf und kehren ins Hotel zurück. Abends hört der Regen auf und wir wollen uns ein nettes Lokal suchen. In der für Autos und Mopeds gesperrten Straße sind unglaublich viele Menschen unterwegs.

Viele haben irgend etwas Rotes an oder tragen Weihnachtsmützen. Kinder laufen in Weihnachtsmann-Kostümen herum, selbst aus Babys werden heute Mini-Weihnachtsmänner. Von vielen Seiten wird uns „Merry Christmas“ entgegen gerufen. Auf der Kreuzung ist eine Bühne aufgebaut, auf der ein einheimischer Sänger ein Chanson von Edith Piaf zum Besten gibt. Erkennbar nur an den ersten vier Noten, der Rest des Liedes könnte irgendwas sein. Nur wenn er wieder „Non, je ne regrette rien“ schmettert wissen wir, dass er noch immer bei demselben Stück ist.

Im Restaurant sind die Tische festlich gedeckt, und bei dem, was der höchstwahrscheinlich angemeldeten Gruppe am Nachbartisch serviert wird sehen wir, dass in der Küche Künstler am Werk waren. Aus Gemüse geschnitzte Vögel und Drachen verzieren die Speisen. Unsere fallen dekomäßig bescheidener aus, stellen uns aber geschmacklich zufrieden. Auf dem Rückweg gewinnt Klaus beim Wurfspiel mit gefederten Pfeilen auf Luftballons einen rosa Elefanten, den er später den jungen Damen an der Rezeption schenkt. Neben dem Weihnachtsbaum ist in der Lobby ein Tisch mit Süßigkeiten, Bier und Obsttellern für die Hotelgäste aufgebaut. Wir sitzen noch ein Weilchen mit einem Paar aus Portugal und einem aus Australien (sie ist Chinesin, er Kanadier) zusammen und erzählen von der Familie, von Weihnachtsbräuchen zuhause und vom Reisen.

Am ersten Weihnachtstag passen wir eine Regenpause ab, um den abgebrochenen Besuch in der Zitadelle nachzuholen. Sie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild der verbotenen Stadt in Peking gebaut. Termiten und Wirbelstürme setzten ihr zu, aber vollends zerstört wurde sie bei Bombenangriffen der US-Streitkräfte. Inzwischen ist sie UNESCO Weltkulturerbe und wird nach und nach restauriert.

Als wir abends unterwegs sind, ist nichts mehr von der gestrigen Weihnachtsstimmung zu merken. Abends um zehn Uhr sind noch Geschäfte geöffnet. Wir sehen Schuster, Gürtelmacher und Frisöre bei der Arbeit, ganz zu schweigen von all den Restaurants, Garküchen und Straßenlädchen.

Den völlig verregneten zweiten Weihnachtstag verbringen wir mit einem winzigen schlechten Gewissen lesend, schreibend und rätselnd im Hotel. Selbst das Essen lassen wir uns ins Zimmer liefern.

Cat Ba, die Halong-Bucht und Ninh Binh (Vietnam)

Für 11 Uhr hat uns Kevin Fahrkarten nach Cat Ba besorgt und wir warten in der Lobby vor dem Tannenbaum auf unseren Abholer. Kevins Handy läutet, er gibt ein paar Anweisungen und schon sind drei Leute dabei, unser Gepäck vor die Tür zu bringen. Der Verkehr ist so dicht, dass der Bus nicht halten kann, jetzt müssen wir 200 Meter weit laufen, bis wir einsteigen können. Aber um unser Gepäck brauchen wir uns nicht zu kümmern. Ein Moped steht bereit, die zwei Koffer werden hinter den Fahrer auf den Sitz gelegt und er kurvt mit einer Hand am Lenker, mit der anderen am oberen Koffer lässig durch das Gewühl. Wir haben Mühe, hinterher zu kommen. Der Bus ist bis auf unsere zwei Plätze schon besetzt. Uns ist ein bisschen mulmig, wir haben keine Fahrkarten, angeblich wäre alles organisiert.

Es geht über den Roten Fluss durch Stadtteile und Vororte. Außerhalb der Altstadt sind die Straßen breit, viele Neubauten zeigen, wie die Stadt wächst. Alles macht einen guten Eindruck. Auch die ländlichen Gebiete, die dann kommen wirken sehr aufgeräumt.

Die Straßen sind asphaltiert, die Beete ordentlich angelegt. Hier im Deltas des Roten Flusses ist Wasser keine Mangelware. Große Wasserflächen mit Unmengen von Enten wechseln sich mit Obstgärten und Gemüsebeeten ab. Auffallend sind die vielen Kirchtürme, die so gar nicht hierher zu passen scheinen. Rund 6 % der Einwohner Vietnams sind Christen. Friedhöfe sind auch in großer Anzahl vorhanden. Interessant finde ich, dass die nicht nach Konfessionszugehörigkeit getrennt sind, sondern dass Grabstätten mit Kreuzen und buddhistische und hinduistische Kleinsttempel ganz selbstverständlich nebeneinander liegen. Die Grabsteine sind mit leuchtenden Farben bemalt, so dass diese letzten Ruhestätten einen frischen, fröhlichen Eindruck vermitteln.

Die Strecke in Richtung Küste legen wir auf einer gut ausgebauten Autobahn in bisher ungewohntem Tempo zurück. Nicht mal 2 Stunden braucht der Bus für die 170 Kilometer.

DSC01712Und hier, im größten Hafen Vietnams kommt man aus dem Staunen überhaupt nicht mehr heraus. Es scheint, als wären die Bagger des ganzen Landes hier gleichzeitig eingesetzt. Was hier alles auf einmal passiert ist unfassbar. Gebäude werden hochgezogen, Straßen in alle Richtungen angelegt, Bürgersteige gepflastert, Einfahrten planiert. Wie das wohl in 10 Jahren aussieht?

Am Hafen müssen wir den Bus verlassen, er kehrt hier um. Wir sollen in einem der kleinen Lokale warten, sagt ein Mann im weißen Pulli und verschwindet. Ich schaue mich ein bisschen um und entdecke am Ufer ein paar Menschen, die Muscheln sammeln.

Offenbar besteht fast der ganze Boden aus Muscheln; denn obwohl nur zwei Frauen eifrig graben, stehen ein Stück weiter Mengen von Muscheln, bereits gewaschen und in Säcke verpackt, zum Abtransport bereit. Der Abhang, der aussieht wie aus Kies, besteht komplett aus Muschelschalen.

Unser Schiff, das uns auf die andere Seite bringen wird, legt an. Der Mann im weißen Pullover winkt die entsprechenden Personen zusammen. Am anderen Ufer wartet bereits der Bus. Wir werden nach Fahrkarten gefragt, und wieder erscheint der „Weiße“, ruft dem Kontrolleur etwas zu, und wir können passieren. Unglaublich, wie das hier funktioniert. Ohne irgendeinen Beleg zu haben, kommt man an sein Ziel. So auch dieses Mal. Wir haben noch eine halbstündige Fahrt zum Hotel in der Stadt Cat Ba zurückzulegen. Wenigstens scheint nach den trüben Tagen in Hanoi hier die Sonne.

Cat Ba ist zwischen Felsen, die sich wie Finger ins Meer schieben, errichtet. Die meisten Straßen sind nur in eine Richtung befahrbar, Querstraßen sind selten und schmal. Deshalb landet man eigentlich immer unten am Meer auf der breiten vierspurigen Straße an der Promenade.

DSC01751Die Häuser sind ein, höchstens zwei Zimmer breit, können aber durchaus bis 10 Stockwerke hoch sein. Sie sehen aus wie in Scheiben geschnitten. Wir sind froh, dass wir nicht in der Hauptsaison hier sind, Cat Ba ist auch bei den Einheimischen so beliebt, dass die Stadt dann aus allen Nähten platzt.

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die Bucht im Sonnenuntergang

Auf dem Wasser liegen schwimmende Restaurants, die zwar abends mit bunten Leuchtreklamen locken, aber um diese Jahreszeit will niemand in an vier Seiten offenen Restaurants auf dem Wasser speisen. Wir hatten nachmittags viele Lokale gesehen, in denen Fische, Krabben, Schnecken, Shrimps und Muscheln bis zum Verzehr in Aquarien gehalten werden, darunter war eine riesige Meeresschnecke, die auch gut in einen Zoo gepasst hätte. Wir finden ein Lokal, das zwar auch eine offene Front hat, aber die Wände sind mit Bambus und die Decke mit Reisstrohmatten verkleidet, das vermittelt zumindest optisch einen Eindruck von Wärme. Nach 18 Grad am Mittag ist die Temperatur mittlerweile auf unter 10 Grad gefallen, und im ungeheizten Hotelzimmer ist es richtig ungemütlich.

Am Sonntag fahren wir gemeinsam mit einem holländischen Ehepaar und deren Tochter im Taxi zum Cat Ba Nationalpark, einem der schönsten in Vietnam. Im Urwald leben seltene Tiere; immer wieder besuchen Forscher den Park, um hier Studien zu betreiben. Wir laufen die markierte Tour bergauf zu einem Aussichtsturm.

Der Weg ist malerisch und führt über Stufen und Felsbrocken stetig bergauf. Jetzt sind wir froh, dass es nicht so heiß ist. Ober auf dem Aussichtsturm hat man einen wunderbaren Blick auf die Landschaft ringsum. Leider begegnet uns keines der Tiere.

Abends finden wir ein Restaurant, das einen durch Glasscheiben und –türen abgetrennten Raum hat. Die nach vorne offene Küche trägt dazu bei, dass es wärmer ist, als im vorderen offenen Bereich. Wir entscheiden uns sofort, hier Stammgäste zu werden, zumal auch der „Meeresfrüchtekorb“ mit frischem gegrilltem Fisch ein wichtiges Argument ist.

Für den nächsten Tag steht eine Bootstour durch die Halong-Bucht auf dem Programm. Die 1500 km³ große Bucht wurde von der UNESCO 1994 zum Weltnaturerbe ernannt. Die zum Teil mehrere 100 Meter hohen Kalksteinfelsen sind größtenteils bewachsen. Eins haben alle gemeinsam, am unteren Rand, der ständig vom Wasser umspült wird, sind alle „karriös“. Geologen könnten dazu jetzt viele Erklärungen liefern, aber der vietnamesische Mythos, wonach ein Drache diese Wunderwelt geschaffen hat, ist doch geheimnisvoller. Wir haben im Hotel eine private Tour gebucht, weil wir weder Kajak fahren noch schwimmen wollen. Die Komplett-Touren, die in jedem zweiten Laden angeboten werden, richten sich hauptsächlich an ein junges Publikum, das vor allem eins will: Spaß haben. Wir wollen einfach nur durch diese fantastische beinahe 2000 Inseln umfassende Wasserwelt fahren. Während der Tour hat man ständig wechselnde Ausblicke.

Was wie ein langer Gebirgszug aussieht, entpuppt sich beim Näherkommen als Einzelfelsen, die sich je nach Standort in immer anderen Formationen vor- und hintereinander schieben. Das Schauspiel ist unbeschreiblich schön. Das Boot fährt durch die schwimmenden Ansiedlungen.

Kleine Häuser mit Vorgärten (ein paar Blumenkübel) und Wachhunden liegen nebeneinander. Wäsche hängt auf der Leine, Frauen kochen oder arbeiten in den abgeteilten „Wassergärten“. Dort werden Hummer und Austern für die Perlenzucht gehalten.

Nach einer Weile legen wir an einem schwimmenden Gasthaus an. Auf der Plattform stehen Korbmöbel – wie angenehm hier zu sitzen – es schaukelt ganz leicht, die Sonne scheint und wenn kein Boot vorbeikommt, herrscht himmlische Ruhe. Unser Bootsführer will uns unbedingt etwas zeigen und winkt uns zu sich. Auf der anderen Plattform hebt er 10 Holzbohlen hoch und zieht an dem befestigten stabilen Netz, und dann kommt er, ein ca. 2 m langer Zackenbarsch, der sein Leben hier im Gefängnis verbringen muss. Nicht anders ergeht es fünf Riffhaien in einem anderen Netzbecken. Es tut uns so leid, diese gefangenen Fische zu sehen, aber wir können hier nicht den Moralapostel spielen, wenn in unserem Land Nutztiere unwürdig in Massen gehalten werden.

Nach einem Cà Phê a la Vietnam (in einem Glas eine Schicht gezuckerte Kondensmilch, darauf ein Metallfilter, durch den der starke Kaffee läuft, dann je nach Geschmack wenig oder mehr verrühren) geht es weiter nach Monkey Island. Wir müssen auf dem Wasser in ein flaches Boot umsteigen, weil es keinen Anlegesteg gibt. Das Boot fährt so weit zum Strand, wie es geht. Obwohl wir beim Rausspringen vorsichtig sind, haben wir beide nasse Füße. Über den weißen Strand laufen wir ein Stück, bis wir an gezückten Handys und Actioncameras sehen: Hier tut sich was.

Ein paar Affen toben durch die Büsche, fangen sich, raufen miteinander, spielen. Aber es sind alles andere als friedliche, harmlose Plüschtiere; hier geht es richtig zur Sache. Der Anführer trägt deutliche Kampfspuren, offensichtlich ist ihm von einem Rivalen die Oberlippe abgebissen worden.

Eine Weile schauen wir zu, fotografieren und lassen uns dann – dieses Mal barfuß – wieder zu unserem Schiff bringen. Im Licht der untergehenden Sonne erreichen wir den Hafen, wo bereits ein Taxi darauf wartet, uns zurück zum Hotel zu bringen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen fragt uns eine amerikanische Touristin, ob wir auch in der Nacht einen Anruf erhalten hätten, dass der Bus früher geht? Haben wir nicht, und machen uns auch keine Gedanken. Wir haben für 8.40 Uhr gebucht und glauben, dass uns das nicht betrifft. Als wir unsere Rechnung bezahlen und fragen, ob der vor dem Hotel wartende Bus unserer sei, antwortet die Rezeptionistin, dass wir doch erst um 14.40 Uhr führen. Als sie versteht, dass sie einen Fehler gemacht hat und wir am Vorabend nochmals unsere Abfahrtszeit bestätigt hätten, ruft sie ein Taxi, das uns ein paar Kilometer zu einem wartenden Kleinbus bringt, der dem gebuchten Bus hinterher fährt. Zwei Paare sitzen bereits drin, der Bus fährt sofort los, bis zum Hafen, auf die Fähre und auf der anderen Seite weiter. Wir haben einen Fahrer, der wie ein Wilder durch die Gegend fährt und erreichen nach vier Stunden die Stadt Ninh Binh. Vor einem Hotel steht der Bus, mit dem wir eigentlich fahren sollten. Drin sitzt die amerikanische Touristin vom Frühstück und grinst uns an. Für die letzten 5 Kilometer steigen wir noch um und werden durch die Stadt mit den großzügigen Grünanlagen in den Stadtteil Tam Coc gefahren.

DSC01818.JPG Unsere Vermieterin erwartet uns bereits und bringt die Koffer per Moped schon zur Unterkunft.

Eine hübsche Anlage mit aus Ziegelsteinen gebauten Häuschen. Der in unserem Zimmer stehende Heizofen erfreut uns ganz besonders.

Von Tam Coc aus kann man sich per Boot durch die sogenannte „trockene Halong-Bucht“ rudern lassen. Die Landschaft ist ähnlich, wie wir es schon gesehen haben, aber eben mitten im Land, allerdings von einem Fluss durchzogen. Wir wollen uns erstmal umsehen und gehen los. Es gibt einige Wege, auf denen man in diesem Felsengebiet laufen kann. Auf dem von rechts kommenden Weg sehen wir eine Staubwolke.

Neugierig bleiben wir stehen, und da kommt im Laufschritt eine über 100 Stück starke Gänseschar auf uns zu, rennt vorbei, um sich dann nacheinander links in den Teich zu stürzen. Wir sind richtiggehend entzückt über das vietnamesische Bullerbü.

Am nächsten Tag leihen wir uns Fahrräder und fahren zum 5 Kilometer entfernten Vogelpark.

Unterwegs soviel ländliche Idylle, dass wir immer wieder stehen bleiben, um kleine Schweinchen, Gänse, Enten, Hunde und andere Tiere zu betrachten. Im Park müssen wir irgendwann die Räder stehen lassen, es geht über Stufen, verschlungene enge Wege und über Bambusbrücken. Von einem Aussichtspunkt hat man einen guten Blick auf die hier lebenden Störche und Reiher. Die Jungvögel machen Flugübungen und wir staunen, wie schnell sie in engen Kreisen nach oben gleiten. Auf dem Rückweg kommen wir an einem engen Käfig vorbei, in dem ein wuchtiges Paar Schweine liegt. Die Sonne brennt auf das Wellblechdach und die Tiere haben kein Wasser. Vom daneben liegenden Bach hole ich Flasche für Flasche und gieße das Wasser in den halbierten Autoreifen. Schnell sind die Tiere auf den Beinen und saugen mit laut vernehmlichem Schmatzen das Wasser ein.

Ein Stück weiter kommen wir an eine Baustelle. Der Vogelpark wird zu einem großen Freizeitpark ausgebaut mit vielen Restaurants, gepflegten Grünanlagen und Spielplätzen.

Nach ein paar Kilometern lassen wir die Räder stehen und laufen über ein Flüsschen zu einer Tempelanlage vor und in den Felsen. Viele Stufen führen immer weiter den Berg hinauf, in eine große Höhle und auf der anderen Seite noch weiter nach oben. Die Anstrengung wird durch einen tollen Ausblick belohnt.

Als wir an diesem Abend zum Essen gehen, überreicht uns die Bedienung im Restaurant jedem ein Geschenk und wünscht uns ein frohes Weihnachtsfest. Das muss man sich mal vorstellen, in Vietnam in einem kleinen Ort im Landesinneren solch eine Geste.

HINWEIS: Meine „Drivies“, so nenne ich die während der Fahrt geschossenen Bilder, haben die ein oder andere Macke. Spiegelungen oder Schatten, die durch verschmutzte Scheiben entstehen. Das lässt sich leider nicht vermeiden, trotzdem will ich nicht auf sie verzichten.

Kommen, sehen, staunen – Hanoi (Vietnam)

Nachmittags verabschieden wir uns ein bisschen wehmütig von Luang Prabang und lassen uns zum nur wenige Kilometer entfernten Flughafen bringen.

Mit einer zweimotorigen Turboprop fliegen wir über die undurchdringlich erscheinende Berglandschaft, in der keine Ansiedlungen zu erkennen sind. Nach und nach decken Wolken die Landschaft zu. Nur ab und zu schauen ein paar Berggipfel aus der flachen Schicht heraus, wie „schwimmende Inseln“ in Vanillesoße. Als wir Hanoi erreichen, regnet es. Und nun beginnt die Prozedur der Einreise. Die Formulare hatten wir uns schon im Internet herunter geladen und ausgefüllt, trotzdem dauert es eineinhalb Stunden, bis wir unsere Visa haben. Aus unserem Flieger sind wir bei den Letzten, die ihre Gepäckstücke holen. In der Ankunftshalle wartet ein verzweifelter Fahrer, der ein Schild mit meinem Namen hochhält. Zwar hatten wir versucht, das Hotel per Handy zu kontaktieren, aber im Flughafengebäude gab es keine Verbindung. Nun sind wir alle drei erleichtert, dass wir uns gefunden haben.

Inzwischen ist es dunkel, und wir können draußen nicht allzuviel erkennen. Spürbar ist jedoch, dass wir über eine sehr gute Straße fahren. Nach einer dreiviertel Stunde sind wir an unserem Hotel, wo uns der Rezeptionschef Kevin (seinen richtigen Namen könne sich sowie so keiner merken) herzlich empfängt. Unser Zimmer im 5. Stock hat eigentlich jeden Komfort, bis auf eine Heizung. Wenigstens heiß duschen können wir.

Wir lassen uns ein Restaurant in der Nähe empfehlen und machen uns ausgestattet mit Stadtplan und jeder Menge Geld (2 Millionen Dong sind 74 €) auf den Weg in die Altstadt. In der 7 Millionen-Einwohner zählenden Stadt ist alles noch verstärkt. Mehr Garküchen, mehr Motorroller, mehr Menschen. Wir schlängeln uns durch die zugestellten Wege und sitzen dann einigermaßen ruhig in unserem Restaurant. Die bestellten frischen Frühlingsrollen sind schmecken richtig gut, aber die Speisekarte unterscheidet sich hier jetzt nicht sehr von denen in Myanmar, Thailand und Laos. Gebratener Reis, gebratene Nudeln, Huhn, Schwein, Rind oder Meeresfrüchte mit Nüssen, ohne Nüsse, mit Gemüse, ohne Gemüse, oder Suppen mit obigen Zutaten. Obwohl wir in Deutschland gerne asiatisch essen, wird es für uns hier etwas eintönig. Wir haben Reisende getroffen, die uns freimütig erzählten, dass sie es nicht länger als drei Wochen in diesen Ländern aushalten, dann brauchen sie vertrautes Essen. Wir sind immerhin schon 3,5 Monate unterwegs, bis wir einen solchen Gedanken überhaupt haben.

Jedenfalls schlafen wir in dieser und den nächsten Nächten wie auf Wolken, die Hotelbetten sind mit Viskoseschaummatratzen ausgestattet, die sich dem Körper genau anpassen.

Der zimmerbreite Frühstücksraum liegt im 9. Stock und hat etwas von einem Aquarium, Fenster nach allen Seiten. Hanoi liegt weiter unter einer dichten Wolkendecke, es ist kühl und ab und zu regnet es. Hilft ja nichts, wir wollen was von der Stadt sehen und ziehen uns entsprechend an. Die nahe gelegene Altstadt ist für heute unser Ziel. Als wir an die Rezeption kommen, müssen wir ein Grinsen unterdrücken. Kevin der Korrekte, sitzt da in seinem seriösen dunkelgrauen Anzug mit weißem Hemd und trägt ein rotes Rentiergeweih.

Obwohl über 80 % der Vietnamesen Atheisten sind, lieben sie Weihnachten, erklärt er uns. Sie dekorieren Haus oder Wohnung ganz nach westlichem Vorbild und dann wird eine große Feier mit gutem Essen und alkoholischen Getränken veranstaltet. Geschenke gibt es allerdings nicht.

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In der Altstadt herrscht geschäftiges Treiben und ein Wahnsinnsverkehr. Gegen die Fahrweise in Hanoi war alles, was wir vorher bestaunt haben Kindergarten. Wer sich auf die Straße begibt, setzt hier jeden Tag, jede Stunde, jede Minute sein Leben aufs Spiel. Gewimmel kennen wir schon, vordrängeln, rechts überholen, auf einer dreispurigen Einbahnstraße gegen den Verkehr fahren, alles schon gesehen. Aber hier werden Ampeln offenbar als nette Lightshow betrachtet. Wer als Fußgänger bei Grün auf die Straße tritt, wird angehupt, Autos und Mopeds fahren einem fast über die Füße oder schrammen an der Kehrseite vorbei. Bremsen abrupt vor einem, und die Fahrer verstehen überhaupt nicht, was man von ihnen will, wenn man auf das grüne Licht deutet. Am Nachmittag des zweiten Tages bin ich so genervt, dass ich nur noch zurück ins Hotel will.

Bürgersteige sind – wer hätte das gedacht – für alles andere da, nur nicht für Fußgänger.

Die Anzahl der Suppenküchen ist unüberschaubar, hier wird vorbereitet, gekocht, serviert und gespült. Mittags sitzen elegant gekleidete Menschen neben ärmlich aussehenden auf kleinen Plastikhockern und verzehren Suppe, Gegrilltes oder was sonst so angeboten wird. Danach ziehen sie ihre Atemschutzmaske – gerne modisch auf die Kleidung abgestimmt – wieder an und laufen durch Lärm und Abgasgestank zurück zu ihrem Arbeitsplatz.

Wo keine Tischchen und Hocker stehen, wird der Platz als Parkplatz für die Mopeds gebraucht. Wer auf seinen zwei Beinen unterwegs ist, läuft Slalom. Zwischen allem durch, was auf dem Weg aufgebaut ist, und wenn man dort nicht weiterkommt und auf die Straße ausweicht wird man – siehe oben angehupt. Mopeds sind erschwingliche Fortbewegungsmittel für einen Großteil der Bevölkerung und transportieren nicht nur Menschen, sondern unglaubliche Mengen von Waren.

Wie die Fahrer es schaffen, sich vollbepackt durch den Verkehr zu schlängeln, ohne irgendwo hängen zu bleiben, grenzt an ein Wunder. Die vielen kleinen Läden in der Altstadt können wahrscheinlich nur so zu jeder Zeit beliefert werden. Autos kämen überhaupt nicht durch.

Auch in Hanoi treten die Geschäfte gruppenweise auf.

Erst die Schuhgeschäfte, dann die Jeansläden, dann Lichterketten und Lampen, danach Grabplatten, Obst, Blumen, Taschen, Papierwaren usw. Und als ob das noch nicht reichen würde, werden voll bepackte Fahrräder mit Ess- oder anderen Waren durch das Gewimmel geschoben, und wer keins hat kann immer noch zwei Körbe an einen Bambusstab binden und sein Kleinstunternehmen durch die Gegend tragen.

DSC01619Dass noch heute eine unbeschrankte Bahnstrecke mitten durch die Stadt führt, erstaunt nur die Touristen. Die Einheimischen nutzen die meist freie Fläche auf ihre Art. Man kann hier Wäsche trocknen, einen Verkaufsstand haben, sein Moped parken, Hauptsache man hat den Fahrplan im Kopf.

Vormittags sind wir an einem koreanischen Restaurant vorbei gekommen, das BBQ anbietet. Da wollen wir abends essen. In die Vertiefung im Tisch wird ein Eimerchen mit glühenden Kohlen gestellt. Rundum ist eine Absaugvorrichtung, damit die Gäste beim Essen nicht kollabieren. Darüber wird ein runder Rost gelegt, und dann geht es los. Auf den Tisch kommen kleine Schalen mit Salaten und Soßen, und auf den Rost werden verschiedene marinierte Fleisch und/oder Fischstücke gelegt.

DSC01651Der Gast muss nur zuschauen, wie geschickt das Grillgut hier gewendet und zum perfektem Garpunkt mit einer großen Schere zerteilt und wird. Anschließend kann er Fleisch und Gemüse in ein Salatblatt rollen, in eine der Soßen stippen und genießen. Es ist wirklich sehr sehr lecker. Am Nachbartisch wird ein Geburtstag gefeiert. Der Alkohol fließt reichlich, Schnaps, Bier und Wein, alles wird hoch geschätzt und eifrig konsumiert, die Gäste werden immer fröhlicher und lauter. Das überträgt sich auch auf die vier Kinder, die dabei sind und begeistert um den aufgestellten Tannenbaum toben. Irgendwann kommt ein zehnjähriges Mädchen an unseren Tisch und fragt uns nach Namen und Herkunft. Wir wiederum erfahren, dass sie schon seit der Vorschule regelmäßig Englischunterricht hat. Wir müssen uns schreiend verständigen, um die feiernden Erwachsenen zu übertönen.

Wir wollen ins französische Viertel.

Der Weg führt vorbei an einem Weihnachtsmarkt. Schon am Vorabend hatten wir Blasmusik gehört, nun wissen wir, was der Grund war. Im Eingangsbereich steht ein animierter lebensgroßer Weihnachtsmann mit Saxophon. Eine weitere Attraktion ist eine aufgebaute Weihnachtsstube mit Tannenbaum und Geschenken. Künstlicher Schnee aus Seifenschaum entzückt die Besucher, die hier eifrig fotografieren. Im französische Viertel gruppieren sich die vielen Botschaftsgebäude und hier sind die Bürgersteige wirklich zu benutzen.

Schöne alte Villen, ein Kaufhaus im Art Deko Stil, eine Kirche, wie sie französischer nicht sein kann, schicke Geschäfte und renommierte Cafés prägen das Bild dieses Stadtteils. Ein Café sieht so verlockend aus, dass wir hier eine Pause einlegen. Der Geschäftsführer lässt es sich nicht nehmen, uns zu zeigen wo die Kreationen hergestellt werden. Stolz erzählt er uns, dass das Hauptgeschäft in Ho-Chi-Minh-Stadt mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Der Kaffee schmeckt im Land des zweitgrößten Produzenten übrigens sehr gut. Für uns der beste, den wir während unserer Reise getrunken haben, leicht schokoladig mit geringer Säure.

Am Abend – es ist Freitag – laufen wir zum Hoan-Kiem-See, der zwischen Altstadt und französischem Viertel liegt. Am Wochenende sind die Straßen rundherum für Auto- und Mopedverkehr gesperrt. Welche Wohltat, auch die einheimischen Fußgänger sind offensichtlich glücklich und laufen kreuz und quer über die Straßen.

Sänger und solche, die sich dafür halten, präsentieren sich hier und werden mit wohlwollendem Beifall bedacht. Nicht alle Stilrichtungen empfinden unsere Ohren als wohlklingend.

DSC01676Der im See liegende Schildkrötenturm leuchtet geheimnisvoll. Nach einer Legende hat die im See lebende Schildkröte im 15. Jahrhundert einem Fischer ein magisches Schwert gebracht, der damit die chinesische Besatzung beenden konnte. Daraufhin wurde er zum König ernannt. Die Schildkröte bekam das Schwert zurück. Aus Dankbarkeit ließ der König den dreistöckigen Turm bauen. 1968 fand man im See eine über 2 m lange und 250 kg schwere Schildkröte, die 400 Jahre alt gewesen sein soll. Sie wurde präpariert und wird auf der Insel im See in einem Glaskasten präsentiert.

Hanoi ist keine Stadt, in die man auf den ersten Blick verguckt, aber uns hat es insgesamt gefallen und wir würden nochmal hinfahren.