11. Victoria Falls Simbabwe

Wir starten bei blauem Himmel in Johannesburg. Je weiter wir nach Norden fliegen, desto mehr Wolken bilden sich, und als wir landen regnet es. Zuvor konnte ich noch eine Wolke am Horizont sehen, die Gischt über den Victoriafällen.

In der Ankunftshalle plätschert ein künstlicher Wasserfall über braune Steine. Die meisten Passagiere benötigen – wie wir auch – ein Visum für das Land. Ich reiche dem Grenzbeamten einen 100 US $ Schein, aber der winkt ab. Die vor 2010 gedruckten Geldscheine werden nicht angenommen, andere haben wir nicht. Zum Glück aber noch südafrikanische Rand, die in diesem Fall lieber als die überall noch gültigen alten Dollar-Scheine genommen werden.

In der Halle werden wir von einem Fahrer erwartet, der ein Schild mit meinem Namen hochhält. Im Regen fährt er uns in die 20 km entfernte Stadt und verlangt dafür stolze 30 US $. Den 100er Schein nimmt auch er nicht, und so bekommt er die allerletzten Rand, die wir noch haben. Simbabwe hat angeblich seit 2019 eine eigene Währung, den Zimbabwe Dollar (ZWL) aber alle Preise sind hier in US $ angegeben.

Wir wohnen in einer Backpacker Lodge am Rande der 35.000 Einwohner-Stadt. Hier und in den Restaurants funktioniert Kartenzahlung. Die Anlage macht einen guten Eindruck, zusätzlich zu den Zimmern mit Bad gibt es auch eine Reihe von Kuppelzelten für Menschen mit sehr knappem Budget. Es gibt einen großen Garten, ein Restaurant, eine Bar, einen großen Pool und viel nettes Personal. Dafür dass der Durchschnittsverdienst bei 2 – 3 US $ pro Tag liegt, sind die Preise astronomisch. Für eine simple Pizza zahlen wir 11 $, für einen Burger 12 $. Wenn wir einen Dollarschein als Trinkgeld geben, überschlagen sich die Menschen vor Freude.

Die Stromversorgung ist unzuverlässig. In Südafrika kommt „Load-Shedding“(Stromabschaltung) inzwischen kaum noch vor, aber hier dröhnt jede Nacht ein Generator, der schon Museumsreife hat.

Frühstück gibt es in unserer Anlage nicht, ein paar hundert Meter weiter finden wir ein hübsches offenes Lokal, das um einen großen Baum herumgebaut worden ist. Kaum sitzen wir, rauscht es in der Krone und kurz darauf springt ein Pavian auf die Brüstung der Empore. Rasch folgen ihm ein paar weitere. Sie rennen über Tische und Bänke, kippen ein paar Stühle um und sitzen dann auf dem Dach des Nachbarhauses, um noch mal einen Blick zurück zu werfen. Das Personal verzieht keine Mine, läuft die Treppe hoch, richtet alles wieder auf und dann sieht es so aus, als ob nie etwas gewesen wäre. Frühstück gibt es allerdings nicht mehr, dafür ist es dem Koch jetzt zu spät.

Wir versuchen unsere 300 US $ in neue Scheine umzutauschen. In der Wechselstube verlangt der Kassierer 10% Umtauschgebühr, in der Bank sind es dann noch 5 %. Der Angestellte im dunklen Anzug mit rosafarbenem Hemd, das exakt die gleiche Farbe wie seine gepflegten Fingernägel hat, bemüht den Computer, um auszurechnen, wieviel er abziehen muss. Jetzt haben wir kleine Dollarscheine, das macht vieles leichter.

Im Mango Café hat man keine Probleme mit der Uhrzeit und wir bekommen leckeres Frühstück und einen sehr guten Kaffee zu deutschen Preisen. Am Nachbartisch nimmt eine deutsche Reisegruppe Platz. Der Reiseleiter kündigt 2 Stunden freie Zeit an, in denen die Reisenden die Stadt erkunden können. Das tun die wenigsten, die meisten wollen lieber in der sicheren Obhut ihres erfahrenen Führers bleiben.

Der Eintritt in den Nationalpark kostet 50 US $, das finden wir unangemessen. Es gibt ein Café , das direkt an der U-förmigen Schlucht liegt. Wir laufen die paar Kilometer bis zum „Lookout-Cafe“. Es ist im afrikanischen Stil eingerichtet und bietet viele leckere Gerichte an. Als Bonus gibt es schöne Ausblicke zur Brücke und in die Sambesi-Schlucht.

Danach geht es zur Brücke, die über die Schlucht führt. Der Weg dahin ist wieder ein Spießrutenlaufen, zumal hier alle möglichen Andenken verkauft werden. Von winzigen Holzfiguren bis zu einen Meter hohen Steinskulpturen wird alles angeboten, was man sich unter afrikanischen Souvenirs vorstellt. Die Verkäufer können oder wollen nicht verstehen, dass man die meisten Dinge nicht mit ins Flugzeug nehmen kann.

Die Mitte der Brücke bildet die Grenze zwischen Simbabwe und Sambia. Einer der Männer, die ständig um uns herum sind, um uns irgendetwas zu verkaufen, hat zumindest den hilfreichen Tipp, dass man sich einen kostenlosen Brückenpass besorgen kann, um zu Fuß auf die andere Seite und zurück zu laufen. Das machen wir, der Grenzer fragt Klaus nach seinem Namen, kritzelt ihn auf ein Stückchen Papier, setzt eine 2 daneben und einen Schnörkel darunter und damit laufen wir los, noch immer umschwärmt von den hoffnungsvollen Männern, die uns irgendwas verkaufen wollen. Selbst die seit 2015 ungültigen Geldscheine wollen sie gegen US Währung tauschen.

Über die 1905 gebaute Stahlbrücke läuft der Schwerverkehr. Immer nur ein Auto darf die Brücke überqueren, egal ob LKW mit Anhänger oder PKW. Die Fahrer aus Simbabwe transportieren Kohle nach Sambia, diejenigen aus Sambia haben Kupfer geladen und fahren durch Simbabwe nach Südafrika. Aber auch Kleintransporteure mit Fahrrad oder Schubkarre betreiben einen kleinen Grenzverkehr mit Waren obskurer Herkunft. Bis zu 200 kg transportieren sie auf ihren Rädern. Während wir in die 110 Meter tiefe Schlucht blicken, wagt neben uns ein Mann einen Bungeesprung.

Danach steigen wir zu Paul in seine Fahrradrikscha und lassen uns bis zur Grenzstation in Simbabwe bringen und geben unseren Brückenpass wieder ab. Bis zu unserer Lodge werden wir erneut begleitet. Es ist verständlich, dass die Menschen Geld verdienen wollen, aber für uns ist das nur lästig, wir flüchten in ein Taxi.

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12. Livingstone Sambia

Drei Taxifahrer müssen wir am nächsten Morgen bemühen, um 16 Kilometer zurückzulegen. Der erste fährt uns bis zur Grenzstation vor der Brücke, wo wir den Ausreisestempel in den Pass bekommen. Der zweite bringt uns über die Brücke bis zur Grenze Sambias. Für dieses Land brauchen Deutsche kein Visum, lediglich den Einreisestempel. Den dritten Fahrer brauchen wir für die Weiterfahrt zum Hotel in Livingstone. Vorher muss er noch an einem Geldautomaten halten. In der Warteschlange komme ich mit einem Engländer ins Gespräch, der schon seit 7 Jahren hier lebt. Er schwärmt von der Stadt und beteuert, dass es hier sicherer sei, als in seinem Heimatland. Die ca. 180.000 Einwohner zählende Stadt macht einen aufgeräumten Eindruck. Hier können Europäer bestimmt gut leben. Ich hole 3.000 Kwacha (gesprochen Quatscha) = 104 € und kriege das Portemonnaie kaum zu.

Das kleine Hotel liegt in einem tropischen Garten und hat in der Mitte einen schönen Pool. Gleich nach unserer Ankunft überredet uns einer der Mitarbeiter zu einer Fahrt in den Victoria Falls Nationalpark am nächsten Morgen. Auf sambischer Seite kostet der Eintritt nur 20 US $. Generell kosten hier Essen und Getränke nur noch halb soviel wie in Simbabwe.

Nachmittags laufen wir in die Innenstadt, um eine SIM Karte zu besorgen. An der genannten Adresse befindet sich jetzt ein Kleidergeschäft, die Verkäuferin schickt uns zur nächsten Querstraße, gegenüber vom Curio-Market, wo sich zwei kleine Verkaufsbuden befinden. Während zwei junge Frau unsere Handys einrichten, drängen sich von links immer wieder Kunden vor. Sie bekommen Geld ausgezahlt und werden in ein großes rosa Buch eingetragen. Die Telefongesellschaften haben Überweisungen von kleinen Geldbeträgen vereinfacht; das funktioniert ohne Konto, nur zwischen zwei Telefonnummern per SMS.

Wir sitzen gerade im Restaurant, als ein Gewitter losgeht. Bis wir mit dem Essen fertig sind, hört es auf zu regnen. Inzwischen ist es allerdings stockdunkel und auf der Straße zu unserem Hotel gibt es keine Straßenbeleuchtung. Mit der Taschenlampenfunktion des Handys finden wir den Weg zurück.

Obey, unser Taxifahrer holt uns um 9.30 Uhr ab. Er ist ein gut informierter Mann und hat Antworten auf alle Fragen, die wir haben. Er hält am Straßenrand, damit wir den Sambesi sehen können. „Habt ihr das Grunzen gehört,“ fragt er, „das sind Hippos.“ Wir sehen mehrere Köpfe dicht beieinander im Fluss.

Auf dem Parkplatz vor dem Mosi-oa-Tunya-Nationalpark (donnernder Rauch) gibt Obey uns seine Telefonnummer und den Rat, auf die Paviane zu achten. Wir folgen gut angelegten Wegen zu verschiedenen Aussichtspunkten an den Wasserfällen. Im letzten Herbst war er noch ausgetrocknet, jetzt stürzen sich wieder Wassermassen in die Schlucht. Libellenwolken schweben durch den Sprühnebel. Noch bildet die Gesamtlänge von 1708 Metern keinen kompletten Wasservorhang, aber dadurch können wir bis an die Abgrenzung laufen und fotografieren. Bei Hochwasser ist das nicht mehr möglich, da werden Menschen und Fotoapparate patschnass und vor lauter Gischt sind keine Einzelheiten erkennbar. Wir gehen zu jedem einzelnen Aussichtspunkt und sind gefangen genommen vom Rauschen des Wassers und den herrlichen Regenbögen, die sich bei diesem Sonnenstand in der Schlucht bilden. Das ist eines der beeindruckendsten Erlebnisse unserer vielen Reisen. Auch David Livingstone, der als erster Europäer diese Wasserfälle 1855 gesehen hat, beschreibt sie als: „Das Schönste, was ich in Afrika gesehen habe.“

Auf dem Pfad kommen uns hin und wieder Paviane entgegen. Wir beachten sie nicht, Blickkontakt kann von den Primaten als Aggression empfunden werden Als Klaus an einer Bank seinen Rucksack abstellt, kann ich ihn gerade noch vor dem Zugriff eines Männchens retten.

Nach einigen Stunden rufen wir unseren Fahrer an, damit er uns wieder zurück zum Hotel fährt. Abends bringt er uns zu einem Restaurant und am nächsten Tag ins Hospital. Die ganze Nacht haben mich starke Schmerzen auf der rechten Seite geplagt. Ich befürchte Gallensteine, doch der Ultraschall bestätigt das nicht. Der junge Arzt diagnostiziert eine Entzündung in der Leber und versorgt mich mit Antibiotika und Schmerzmitteln.

Wir haben Fahrkarten für den Bus nach Lusaka am Sonntag. Wider Erwarten überstehe ich die Fahrt ohne große Schmerzattacken. In acht Stunden, die der bequeme Bus für knapp 500 Kilometer braucht (Fahrkarte ca. 14 €), sehen wir viel vom Land. Es gibt mehrere Städte, viele Dörfer und dazwischen immer wieder eine Handvoll Hütten. Sie sind nicht größer, als bei uns ein Gartenhaus und dienen ganzen Familien als Wohnstätte. Wasser müssen sie in Eimern von irgendwoher holen. Die Menschen in unserem Heimatland müssten strahlend vor Glück über ihren Wohlstand und Komfort herumlaufen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Hier bittere Armut und überschäumende Lebensfreude, bei uns oft Unzufriedenheit und Verbitterung.

Bei der Ankunft in Lusaka sind wir geschockt, das „Internationale Busterminal“ ist riesig, chaotisch, schmutzig. Wir wimmeln alle hilfreichen Angebote ab, fragen uns zum Ausgang durch und bestellen ein Yango-Taxi, das Äquivalent zu Uber. Vier Tage verbringen wir in einem bequemen Haus mit 3 Zimmern, das auf einem großen Grundstück hinter dem Wohnhaus einer Ärztin errichtet worden ist. Wenn die Kinder mit ihren Familien aus Kanada oder Frankreich zu Besuch kommen, wohnen sie hier. An einem Abend sitzen wir zusammen und erzählen. Lusaka liegt auf 1.300 Metern Meereshöhe und hatte bis zum Anfang dieses Jahrhunderts angenehme Temperaturen um 25 Grad. Seit ein paar Jahren gibt es immer häufiger Spitzenwerte von über 40 Grad. Nach und nach haben die wohlhabenden Menschen sich Klimaanlagen angeschafft. Für das marode Stromnetz eine zusätzliche Belastung. Durch die häufigen Stromausfälle verdirbt den Menschen, die sich keine Generatoren leisten können, das Essen in den Kühlschränken.

Wir planen, mit dem TAZARA-Zug von Sambia nach Daressalam in Tansania zu fahren und suchen das Büro der Eisenbahngesellschaft auf. Doch seit Oktober 2024 gibt es die durchgehende Linie nicht mehr. Jetzt kann man in Sambia nur noch von Kapiri-Mposhi im Kupfergürtel bis in die Grenzstadt Nakonde fahren. Ob und wie es über die Grenze nach Tunduma geht, weiß niemand. Auch nicht, wann der Zug auf der tansanischen Seite abfährt. Das ist uns alles zu unsicher, zumal wir beide unsere Zipperlein haben. Als uns unsere Tochter dann noch erzählt, dass sie sich in den beiden letzten Schwangerschaftsmonaten sehr schonen soll, steht unser Entschluss fest:

Unsere Reise endete hier in Lusaka.

Am 30.1.2025 fliegen wir zurück und landen am nächsten Tag mittags in Frankfurt.

MUYE BWINO AFRIKA

PS: Eine Untersuchung meiner Ärztin hat den Befund aus Livingstone nicht bestätigt, ich habe lediglich eine Zerrung der Rippenmuskulatur. Überaus schmerzhaft aber ungefährlich.

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