12. Livingstone Sambia

Drei Taxifahrer müssen wir am nächsten Morgen bemühen, um 16 Kilometer zurückzulegen. Der erste fährt uns bis zur Grenzstation vor der Brücke, wo wir den Ausreisestempel in den Pass bekommen. Der zweite bringt uns über die Brücke bis zur Grenze Sambias. Für dieses Land brauchen Deutsche kein Visum, lediglich den Einreisestempel. Den dritten Fahrer brauchen wir für die Weiterfahrt zum Hotel in Livingstone. Vorher muss er noch an einem Geldautomaten halten. In der Warteschlange komme ich mit einem Engländer ins Gespräch, der schon seit 7 Jahren hier lebt. Er schwärmt von der Stadt und beteuert, dass es hier sicherer sei, als in seinem Heimatland. Die ca. 180.000 Einwohner zählende Stadt macht einen aufgeräumten Eindruck. Hier können Europäer bestimmt gut leben. Ich hole 3.000 Kwacha (gesprochen Quatscha) = 104 € und kriege das Portemonnaie kaum zu.

Das kleine Hotel liegt in einem tropischen Garten und hat in der Mitte einen schönen Pool. Gleich nach unserer Ankunft überredet uns einer der Mitarbeiter zu einer Fahrt in den Victoria Falls Nationalpark am nächsten Morgen. Auf sambischer Seite kostet der Eintritt nur 20 US $. Generell kosten hier Essen und Getränke nur noch halb soviel wie in Simbabwe.

Nachmittags laufen wir in die Innenstadt, um eine SIM Karte zu besorgen. An der genannten Adresse befindet sich jetzt ein Kleidergeschäft, die Verkäuferin schickt uns zur nächsten Querstraße, gegenüber vom Curio-Market, wo sich zwei kleine Verkaufsbuden befinden. Während zwei junge Frau unsere Handys einrichten, drängen sich von links immer wieder Kunden vor. Sie bekommen Geld ausgezahlt und werden in ein großes rosa Buch eingetragen. Die Telefongesellschaften haben Überweisungen von kleinen Geldbeträgen vereinfacht; das funktioniert ohne Konto, nur zwischen zwei Telefonnummern per SMS.

Wir sitzen gerade im Restaurant, als ein Gewitter losgeht. Bis wir mit dem Essen fertig sind, hört es auf zu regnen. Inzwischen ist es allerdings stockdunkel und auf der Straße zu unserem Hotel gibt es keine Straßenbeleuchtung. Mit der Taschenlampenfunktion des Handys finden wir den Weg zurück.

Obey, unser Taxifahrer holt uns um 9.30 Uhr ab. Er ist ein gut informierter Mann und hat Antworten auf alle Fragen, die wir haben. Er hält am Straßenrand, damit wir den Sambesi sehen können. „Habt ihr das Grunzen gehört,“ fragt er, „das sind Hippos.“ Wir sehen mehrere Köpfe dicht beieinander im Fluss.

Auf dem Parkplatz vor dem Mosi-oa-Tunya-Nationalpark (donnernder Rauch) gibt Obey uns seine Telefonnummer und den Rat, auf die Paviane zu achten. Wir folgen gut angelegten Wegen zu verschiedenen Aussichtspunkten an den Wasserfällen. Im letzten Herbst war er noch ausgetrocknet, jetzt stürzen sich wieder Wassermassen in die Schlucht. Libellenwolken schweben durch den Sprühnebel. Noch bildet die Gesamtlänge von 1708 Metern keinen kompletten Wasservorhang, aber dadurch können wir bis an die Abgrenzung laufen und fotografieren. Bei Hochwasser ist das nicht mehr möglich, da werden Menschen und Fotoapparate patschnass und vor lauter Gischt sind keine Einzelheiten erkennbar. Wir gehen zu jedem einzelnen Aussichtspunkt und sind gefangen genommen vom Rauschen des Wassers und den herrlichen Regenbögen, die sich bei diesem Sonnenstand in der Schlucht bilden. Das ist eines der beeindruckendsten Erlebnisse unserer vielen Reisen. Auch David Livingstone, der als erster Europäer diese Wasserfälle 1855 gesehen hat, beschreibt sie als: „Das Schönste, was ich in Afrika gesehen habe.“

Auf dem Pfad kommen uns hin und wieder Paviane entgegen. Wir beachten sie nicht, Blickkontakt kann von den Primaten als Aggression empfunden werden Als Klaus an einer Bank seinen Rucksack abstellt, kann ich ihn gerade noch vor dem Zugriff eines Männchens retten.

Nach einigen Stunden rufen wir unseren Fahrer an, damit er uns wieder zurück zum Hotel fährt. Abends bringt er uns zu einem Restaurant und am nächsten Tag ins Hospital. Die ganze Nacht haben mich starke Schmerzen auf der rechten Seite geplagt. Ich befürchte Gallensteine, doch der Ultraschall bestätigt das nicht. Der junge Arzt diagnostiziert eine Entzündung in der Leber und versorgt mich mit Antibiotika und Schmerzmitteln.

Wir haben Fahrkarten für den Bus nach Lusaka am Sonntag. Wider Erwarten überstehe ich die Fahrt ohne große Schmerzattacken. In acht Stunden, die der bequeme Bus für knapp 500 Kilometer braucht (Fahrkarte ca. 14 €), sehen wir viel vom Land. Es gibt mehrere Städte, viele Dörfer und dazwischen immer wieder eine Handvoll Hütten. Sie sind nicht größer, als bei uns ein Gartenhaus und dienen ganzen Familien als Wohnstätte. Wasser müssen sie in Eimern von irgendwoher holen. Die Menschen in unserem Heimatland müssten strahlend vor Glück über ihren Wohlstand und Komfort herumlaufen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Hier bittere Armut und überschäumende Lebensfreude, bei uns oft Unzufriedenheit und Verbitterung.

Bei der Ankunft in Lusaka sind wir geschockt, das „Internationale Busterminal“ ist riesig, chaotisch, schmutzig. Wir wimmeln alle hilfreichen Angebote ab, fragen uns zum Ausgang durch und bestellen ein Yango-Taxi, das Äquivalent zu Uber. Vier Tage verbringen wir in einem bequemen Haus mit 3 Zimmern, das auf einem großen Grundstück hinter dem Wohnhaus einer Ärztin errichtet worden ist. Wenn die Kinder mit ihren Familien aus Kanada oder Frankreich zu Besuch kommen, wohnen sie hier. An einem Abend sitzen wir zusammen und erzählen. Lusaka liegt auf 1.300 Metern Meereshöhe und hatte bis zum Anfang dieses Jahrhunderts angenehme Temperaturen um 25 Grad. Seit ein paar Jahren gibt es immer häufiger Spitzenwerte von über 40 Grad. Nach und nach haben die wohlhabenden Menschen sich Klimaanlagen angeschafft. Für das marode Stromnetz eine zusätzliche Belastung. Durch die häufigen Stromausfälle verdirbt den Menschen, die sich keine Generatoren leisten können, das Essen in den Kühlschränken.

Wir planen, mit dem TAZARA-Zug von Sambia nach Daressalam in Tansania zu fahren und suchen das Büro der Eisenbahngesellschaft auf. Doch seit Oktober 2024 gibt es die durchgehende Linie nicht mehr. Jetzt kann man in Sambia nur noch von Kapiri-Mposhi im Kupfergürtel bis in die Grenzstadt Nakonde fahren. Ob und wie es über die Grenze nach Tunduma geht, weiß niemand. Auch nicht, wann der Zug auf der tansanischen Seite abfährt. Das ist uns alles zu unsicher, zumal wir beide unsere Zipperlein haben. Als uns unsere Tochter dann noch erzählt, dass sie sich in den beiden letzten Schwangerschaftsmonaten sehr schonen soll, steht unser Entschluss fest:

Unsere Reise endete hier in Lusaka.

Am 30.1.2025 fliegen wir zurück und landen am nächsten Tag mittags in Frankfurt.

MUYE BWINO AFRIKA

PS: Eine Untersuchung meiner Ärztin hat den Befund aus Livingstone nicht bestätigt, ich habe lediglich eine Zerrung der Rippenmuskulatur. Überaus schmerzhaft aber ungefährlich.

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