Dieses Mal also Afrika
Seit unserer Weltreise, die 2017 begann, ist einige Zeit vergangen. Zwei Enkelkinder sind in den Jahren 2020 und 2022 auf die Welt gekommen, Enkel Nr. 4 gesellt sich 2025 dazu. Und natürlich sind wir älter geworden – genau 7 Jahre. Mal sehen, ob wir noch alles bewältigen wie mit 140. Aber diese Reise wird keine 18 Monate dauern, sondern nur drei. Die Wahl, welcher Kontinent es sein soll, ist uns schwergefallen. Südostasien? Immer wieder gern, vertraut und einfach zu bereisen. Südamerika fortsetzen? Lange Zeit der Favorit, aber dann haben wir eine Sendung über Südafrika gesehen und sofort gesagt: „Da wollen wir hin“.
Wir landen Mitte November nach einem Nonstop-Flug morgens in Kapstadt. Eigentlich wollen wir wie immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, aber das ist in diesem Land nicht so einfach. Von der Benutzung der Minibusse, die uns in den bisher bereisten Ländern überall hin befördert haben, wird hier abgeraten. Nach vielen Überlegungen und Gesprächen mit Südafrikakennern haben wir uns doch für einen Leihwagen entschieden. Den wollen wir nach der Landung abholen, aber zuvor brauchen wir Bargeld. ATMs gibt es am Flughafen genug, aber erst der vierte ist bereit, ein paar Scheine herauszurücken.
Kapstadt
In der Leihstation lacht der Sachbearbeiter ungläubig: „Sie wollen mit dieser kleinen Kiste bis nach Johannesburg? Unmöglich! Ich gebe Ihnen einen besseren, wenn Sie mir mit einem kleinen Trinkgeld entgegenkommen.“ Wir nicken und händigen ihm draußen verstohlen einen 100 Rand-Schein (5,24 €) aus und alle sind zufrieden. So sitzen wir nun in unserem I10 und versuchen, uns nicht vom Linksverkehr verunsichern zu lassen. Klaus hat schon zuhause die Südafrika-Karte heruntergeladen, so dass wir jetzt ohne entsprechende SIM-Karte zu unserer gebuchten Unterkunft navigieren können. Mein armer Mann ist ganz schön gefordert, Linksverkehr ist das eine, aber bei den Autos ist ja auch alles falsch. Die Schaltung muss mit der linken Hand bedient werden, der Blinker sitzt an der falschen Seite und das Auto ist ihm fremd. Wenigstens kann ich ihm rechtzeitig die Richtungswechsel ansagen und so kommen wir übermüdet, hungrig und gestresst gegen Mittag in unserer vorgebuchten Unterkunft in Hout Bay an.
Annale und ihre drei Hunde begrüßen uns herzlich und lautstark. Das Appartement ist sehr liebevoll und praktisch eingerichtet und nach einer Führung über das blühende Grundstück mit dem Naturpool fallen wir erstmal ins bequeme Bett, um Schlaf nachzuholen. Danach packen wir aus und setzen uns gleich wieder ins Auto. Wir wollen essen gehen. Wir haben nur den Namen des empfohlenen Restaurants, keine Adresse. Und so landen wir am Strand der „Holzbucht“ vor dem falschen Fischlokal, wo schon etliche Autofahrer versuchen, einen Parkplatz zu finden; immer von den hilfreichen Farbigen unterstützt, die hin und her flitzen und mit den Armen rudern. Dieses Gewimmel ist zu viel für den ersten Tag. Wir verkrümeln uns zum nächsten Supermarkt, kaufen eine Grundausstattung und ein paar Leckereien und fahren zurück.
Annale ist erstaunt, uns so bald wiederzusehen, aber nach unserer Erklärung nickt sie und erklärt den Ansturm mit dem Beginn des Wochenendes. Wir essen ein paar köstliche Sushi, dann schmore ich ein paar Baby-Zucchini mit Knoblauch und brate zwei dünne Scheiben Fleisch. Kurz nach dem Essen liegen wir im Bett und schlafen unglaubliche 10 Stunden.
Nach dem Frühstück wollen wir zum Einkaufscenter, wir brauchen SIM-Karten und noch einiges anderes. In der ziemlich neuen Mall gibt es auch einen Woolworth, erfahren wir. Doch anders als bei uns spricht die Kette Kunden mit gehobenen Ansprüchen an. Wir schlendern durch die Lebensmittelabteilung. Alkoholische Getränke gibt es in einer gesonderten Abteilung, dem Cellar. Eine gut sortierte Obst- und Gemüseabteilung hält neben vielen verschiedenen Sorten auch bereits geschältes, geschnittenes und gemischtes Obst und Gemüse bereit. Der Inhalt der vielen raumhohen Kühlschränke ist praktisch sortiert. Im ersten liegen frische Fleischbällchen von Huhn, Lamm, Schwein, Rind und Wildschwein. Im zweiten Schrank liegen nur Artikel, die in weniger als 30 Minuten zubereitet sind. Es folgen geräucherte Fleischsorten, marinierte zum Grillen, Bratwürste in den unterschiedlichsten Zusammenstellungen, Grillkäse, verschiedene Fleischsorten und dann kann man sich noch an den Metzger wenden, wenn bei diesem Angebot nicht das Richtige dabei ist. Vor den vielen Kassen reiht man sich in einer einzigen Schlange ein und bekommt die nächste freie mittels Leuchtziffer angezeigt. Vor dem Geschäft wartet eine Gruppe Mopedfahrer mit Transportbehältern. Was hier eingekauft worden ist, kann man sich in kürzester Zeit nach Hause liefern lassen.
Wir haben Wasser und etwas Proviant gekauft und im nächsten Laden kommen dann noch zwei SIM-Karten für 30 Tage dazu, die wieder aufzuladen sind.
Das Einkaufszentrum ist kein riesiger Klotz, in kleinen unterschiedlichen Gebäuden, die durch verwinkelte Wege getrennt sind, gibt es alle Arten von Geschäften und ein paar Restaurants und nicht zu vergessen, mehrere Bankniederlassungen. Vor den ATMs haben sich lange Schlangen gebildet. Vermutlich gibt es hier auch zur Monatsmitte Gehaltsauszahlungen. In diesem Einkaufsparadies ist die überwiegende Mehrheit der Kunden weiß, obwohl 90 % der Gesamtbevölkerung farbig ist.
Wir fahren an der Westküste Richtung Kap auf dem spektakulären Chapmans Peak Drive. Für die einfache Strecke werden 64 ZAR (3,37 €) fällig. Lange Zeit schien es unmöglich zu sein, hier eine Straße zu bauen, doch 1915 wurde unter Leitung eines Geologen damit begonnen und 1922 war es geschafft. Sowohl beim Bau als auch beim späteren Befahren kostete die Straße viele Menschen das Leben. Einige wurden von herabstürzenden Felsbrocken erschlagen, andere kamen ins Schleudern und stürzten den Abhang hinunter. Als im Jahr 2000 fast ein Drittel der Strecke verschüttet worden war, schien das das Ende zu sein, die Kosten für die Sanierung waren einfach zu hoch. Doch dann hat ein privater Investor die Straße für 30 Jahre gepachtet und finanziert die Instandhaltung über die Maut. Und seit die Autoindustrie hier Werbefilme dreht, kommt sicher noch mehr Geld herein. Auf der 9 km langen Strecke, die dem steilen Berg am Meer abgerungen worden ist, reihen sich 114 Kurven aneinander. Nach jeder scheint der Ausblick noch schöner zu sein, und damit die Menschen Zeit haben, das alles zu genießen, sind etliche Picknickplätze eingerichtet worden, wo man sich unter schattenspendenden Bäumen sattsehen kann. Mit dem Straßenbau wird man hier wohl niemals fertig. Zwar verhindern Fangnetze, dass Felsbrocken auf die Straße gelangen, aber irgendetwas bröckelt immer. An den unvermeidlichen Engstellen regeln Stop- und Go-Men den Verkehr. Und alle, wirklich alle Arbeiter sind farbig.

Über Noordhoek mit Stopp in einem Buchladen, wo wir endlich einen Straßenatlas von Südafrika finden, wechseln wir auf die Ostseite nach Glencairn.

Einige Menschen sind im Wasser, es scheint wärmer zu sein, als auf der gegenüberliegenden Seite, wo es nicht über 15 Grad wird. Diese Seite ist vor dem kalten Benguela-Strom geschützt. Wir fahren weiter Richtung Simons Town immer entlang der Bahnstrecke, die von Kapstadt kommend hier endet. Schon seit mehr als 200 Jahren ist die Stadt ein Marinestützpunkt und wichtige und reiche Männer haben sich im Laufe der Zeit schöne Häuser bauen lassen, die jetzt dem Ort den unverwechselbaren Charme verleihen. Heute ist die ehemals selbstständige Simons Town ein Stadtteil von Kapstadt, obwohl 40 km dazwischenliegen. Ein paar Kilometer weiter parken wir am Straßenrand am Meer und essen im Auto unseren Proviant. Draußen zu essen trauen wir uns nicht, überall wird vor Baboons (Pavianen) gewarnt, und dass es bei Strafe verboten ist, sie zu füttern. Aufgrund dieser Vorsichtsmaßnahme sehen wir keinen einzigen.
Am nächsten Tag, einem Sonntag wollen wir zur Waterfront fahren. Es geht auf guter Straße immer an der Küste entlang Richtung Camps Bay. An einem Aussichtspunkt halten wir an, um die Aussicht zu bewundern. Hier entdecken wir einen Gedenkstein für Pietro Ferrero, das ist doch ein italienischer Name. Später lese ich, dass es sich um ein Mitglied der Ferrero-Familie handelt, die bei uns jedes Kind mit einem Schokoaufstrich in Verbindung bringt. Der begeisterte Radfahrer erlag hier 2011 während einer Geschäftsreise beim Fitnesstraining einem Herzinfarkt. Noch während wir aufs Meer schauen, raschelt es vor uns im Gebüsch. Ein nur mit Shorts bekleideter dunkelhäutiger Mann kommt heraus und bettelt uns – anders als erwartet – nicht an. Schnurstracks läuft er zu den Mülltonnen, fischt eine Dose heraus, trinkt einen Schluck und verschwindet wieder, bevor ich ihm die Wasserflasche in die Hand drücken kann.

In Camps Bay ist es voll, überall. Die hübschen Lokale scheinen bis auf den letzten Platz besetzt zu sein, am Strand tummeln sich die Menschen und auf der Straße schieben sich die Luxuskarossen aneinander vorbei. Entsprechend lange dauert es, bis wir den Vorort durchfahren haben. Macht gar nichts, so können wir links die herrliche Küste und rechts die prachtvollen Villen bestaunen. Im weiten Bogen umfahren wir die Bergkette mit Tafelberg und Löwenkopf und und fahren von Westen in die Stadt. Kurz vor der Waterfront gibt es eine riesige Tiefgarage, dort parken wir unser Auto. Außer uns haben noch viele andere Menschen die Idee, den Sonntag hier zu verbringen. An vielen Stellen spielen Bands, alle Geschäfte sind geöffnet und die Restaurants gut besucht. Während in Hout Bay immer ein frischer Wind bläst, den wir zeitweilig sogar als kühl empfinden, knallt hier die Sonne und es weht kein Lüftchen. Einige Touristen haben einen heftigen Sonnenbrand. Bei oft kühlen Winden unterschätzt man leicht die Kraft der afrikanischen Sonne. Wir lassen uns treiben, bis uns der Hunger in den Time Out Market lockt. Lange Holztische mit Hockern stehen in der Mitte, ringsherum verschiedene Anbieter von Speisen. Es gibt u.a. Sushi, Nudelsuppen, Burger und moderne afrikanische Küche. Dafür entscheiden wir uns, bestellen und bezahlen und bekommen einen Pager, der blinkt wenn das Essen fertig ist. Forellen-Teriyaki und Geflügelleberspieß jeweils mit einem anderen Salat schmecken köstlich. Später lesen wir, dass namhafte Köche hier mitwirken. Natürlich ist das nicht billig, aber kein Vergleich mit den Preisen zuhause.










Nach einem langen Spaziergang durch das Hafengebiet holen wir unser Auto und staunen über den Preis im Parkhaus. Für 2,5 Stunden zahlen wir nur 25 Rand (1,31 €). Als wir zurückkommen sehen wir, dass der Tafelberg in Wolken liegt. Er hat ein Tischtuch aufgelegt, sagen die Einheimischen.
Am nächsten Tag liegt er wieder unbedeckt vor uns und wie beschließen, mit der Seilbahn nach oben zu fahren. Auch an einem ganz normalen Montag haben viele Menschen genau denselben Plan. Busse und Autos fahren die Serpentinen zur Talstation hinauf und genauso viele kommen uns entgegen. Auf Parkplätzen wird man hier eingewiesen, immer von Farbigen, und natürlich wollen sie dafür ein Trinkgeld. „Gebt ihnen eine große Silbermünze, nicht mehr,“ hat Annale uns eingeschärft. Zweimal hat das auch schon funktioniert, obwohl ich immer ein blödes Gefühl habe, 2 Rand (10 Cent) empfinde ich fast als Beleidigung. Und dieser Parkwächter weist die Münze zurück: „Das ist gar nichts, wenn ihr zurückkommt gebt mir mehr,“ sagt er. Ich verspreche es.
An der Seilbahn gibt es Tages- und ab 13 Uhr Halbtagestickets für einen reduzierten Preis von 420 Rand für Hin- und Rückfahrt. Der Boden in der runden Gondel dreht sich während der Fahrt einmal um 360 Grad, und da jedes zweite Fenster nicht verglast ist, kann man gut fotografieren. Einige besonders waghalsige Menschen sind unter uns zu Fuß unterwegs. Auf gut 1000 Metern Höhe weht ein angenehm frischer Wind und auf dem ebenen Terrain lässt es sich auf gepflegten Wegen gut laufen. Sehr oft hören wir unsere Muttersprache. Wir machen eine Pause auf einem flachen Stein und holen etwas zu essen aus dem Rucksack. Eine Minute später kommt ein erster Vogel und im Nu ist eine kleine Gruppe da und streitet sich um heruntergefallene Krümel. Die Rotschwingenstare sind so zutraulich, dass sie sogar aus der Hand fressen.






Von der letzten Aussichtsterrasse haben wir einen klaren Blick auf die 12 Apostel, die anders als ihre australischen Namensvettern nicht im Wasser stehen, sondern Gipfel der Bergkette sind. Als wir auf die Gondel warten, um wieder herunter zu fahren, sinkt neben mir eine etwas ältere Frau stöhnend auf die Bank. Sie ist am Morgen in Kapstadt gelandet und hat gleich die Fahrt auf den Tafelberg gemacht. „Es ist die einzige Chance,“ erklärt sie mir „heute Abend muss ich auf dem Schiff sein.“
Und noch einmal fahren wir den Chapmans Peak Drive nach Simons Town. Hinter dem Ort am Boulders Beach lebt eine Pinguin-Kolonie. 1983 ist ein Pärchen plötzlich an diesem Strandabschnitt mit den markanten Granitfelsen aufgetaucht. Inzwischen leben rund 3000 Exemplare hier. Für sie wurde ein Bereich eingezäunt, mit Nisthöhlen ausgestattet und mit Bohlenwegen versehen. Vor dem Kassenhäuschen hat sich eine große Menschentraube versammelt, und auf der Aussichtsplattform drängeln sich noch dreimal so viele Besucher. Da haben wir schon keine Lust mehr. Aber man kann die Tiere auch außerhalb dieses Resorts finden, denn einige sind recht unternehmungslustig und erkunden gerne das Gebiet rundherum. Wir entdecken ein paar und sind zufrieden, zumal sich auch noch ein Klippschliefer, genannt Dassie, dazwischen mogelt. Bei dem böigen Wind, der immer wieder Sand aufwirbelt, macht es auch keinen Spaß, sich länger am Strand aufzuhalten.







Auf dem Rückweg über Scarborough kommen wir durch eine Siedlung farbiger Südafrikaner. Links ist ein Markt, auf je zwei übereinandergestapelten alten Autoreifen liegt ein Brett und darauf die zum Verkauf bestimmten Waren. Die Bürgersteige sind voller Menschen, die vermutlich gerade von ihren Arbeitsstellen nach Hause kommen. Welch ein Unterschied zwischen diesen Häusern und denen am Camps Bay.
Auf der Rückfahrt müssen wir in einer Baustelle auf der rechten Seite fahren, Klaus ist begeistert. Welche Kleinigkeiten manchmal einen Menschen glücklich machen können.












































































































































































































































































