2. Noch in Kapstadt

An einem Morgen überrascht uns unsere Gastgeberin mit Pfannkuchen zum Frühstück. Sie sind mit geschmorten Äpfeln gefüllt und mit Zimtzucker bestreut. So gut sind sie, dass wir uns die Finger ablecken. Wenn meine Enkel jetzt hier wären, müsste ich ernsthaft um meinen Ruf als Pfannkuchenkönigin bangen.

Klaus hat sich auf dem Tafelberg das Knie verdreht und muss im Schongang agieren. Unsere Vermieterin ist sofort mit Rat und Tat zur Stelle, sie bringt Salbe und Kühlpacks und empfiehlt uns einen Arzt. Die beiden ersten Dinge nehmen wir dankbar an, auf den Arzt will Klaus erstmal verzichten. Da auch das Wetter nicht besonders gut ist, fällt es uns nicht schwer, wenig herumzulaufen.

Und noch eine andere Sache bremst uns aus, schon seit ein paar Tagen zickt meine Kamera. Dummerweise habe ich vor zwei Jahren auf der staubigsten aller Straßen in Laos unbedingt fotografieren müssen und ihr damit den Garaus gemacht. Zwar ist sie in Phnom Penh gereinigt worden, aber seitdem hat sie etwas an Dynamik beim einschalten verloren und hier ist es mit jedem Tag schlimmer geworden. In dem Einkaufszentrum in der Nähe gibt es eine Reparaturwerkstatt, doch der veranschlagte Preis von 6.500 Rand (ca. 340 €) ist mir dann doch zu hoch, das ist mehr als die Kamera gekostet hat. Wir versuchen es in einem Spezialgeschäft in der Innenstadt, hier werden keine Digital-Kameras repariert, aber für 36.000 Rand kann ich ein vergleichbares Modell erwerben. Das ist natürlich erst recht keine Option. Annale schaltet sich ein und telefoniert herum. Sie findet eine Werkstatt, die sich auf digitale Fotoapparate spezialisiert hat. An einem sonnigen Samstag machen wir uns auf den 47 Kilometer langen Weg zum Cape Gate Shopping Center, einem riesigen verschachtelten Komplex. Schon auf dem Parkplatz ist es voll, Autos fahren kreuz und quer, die Mopeds mit den Lebensmittellieferungen summen an uns vorbei und eine Schlange von Einkaufswagen muss erst wieder an die richtige Stelle befördert werden. Zuhause nutzt man kleine Elektroschlepper, hier erledigen es vier farbige Männer.

Vor dem Einkaufszentrum hat der Weihnachtsmarkt seine Pforten geöffnet und eine Wichtelin in übergroßen Schuhen begrüßt uns und posiert begeistert für ein Foto. An den Ständen sind hunderte Geschenksorten zu finden, Weihnachtskleidung für Hund oder Katz, ess- und trinkbares, Kleidung, Spielzeug und jede Menge Dekoartikel, jedoch keine Christbaumkugeln. Die Menschen rundherum sind schon in Kauflaune. Vor und im Einkaufszentrum ist alles weihnachtlich dekoriert und hier gibt es bei den Besuchern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Hautfarben. In zwei Wochen wird eine Eisbahn für 3 bis 13jährige Kinder eröffnet. Für 3,50 € dürfen die Kinder mit den geliehenen Schlittschuhen, die im Preis enthalten sind, 50 Minuten aufs Eis. Diejenigen, die unsicher auf den Kufen sind, können sich an orangefarbenen Delfinen festhalten.

Der Digital-Service ist geschlossen, und wir entscheiden uns, weiter nach Stellenbosch zu fahren. Die zweitälteste Stadt Südafrikas (1679 gegründet) liegt inmitten berühmter Weingüter am Fuße des Stellenbosch-Bergs. Zwei Drittel der knapp 80.000 Einwohner in der Universitätsstadt sind weiß. In der Innenstadt sind noch viele Häuser im kapholländischen Stil zu finden. Wir parken vor einem der vielen Universitätsgebäude und laufen zur Hauptstraße, direkt auf den umzäunten Busbahnhof zu.

Gut 30 Kleinbusse stehen hier in Parkbuchten, über denen jeweils der Zielort angegeben ist. Hier und im angrenzenden Markt sind nur farbige Menschen zu sehen. Wir fahren ein Stück weiter in Richtung der Berge, die Landschaft zeigt üppiges Grün vor schroffen Felsen.

Als die Straße endet, müssen wir zurück fahren. halten noch mal zum tanken, bevor wir in Richtung Küste weiterfahren. In Südafrika greift man nicht selbst zum Zapfhahn, sondern wird bedient. Und ehe wir uns versehen, sind wir von vier Männern mit Eimern und Lappen umgeben. Es schäumt und plätschert, dann wird gewischt und poliert. Ich fühle mich, als ob ich in einem Rolls Royce sitze. Soviel Eifer muss belohnt werden und Klaus gibt ein großzügiges Trinkgeld. Im blitzsauberen Auto fahren wir auf die R310, zuerst durch ein schönes Wohngebiet, dann vorbei an weiteren Weingütern und zum Schluss sehen wir rechter Hand Khayelitsha (Neue Heimat), das zweitgrößte Township des Landes. Während der Apartheid wurde 1983 damit begonnen, auf einem tausend Hektar großen Gelände vier Städte mit Reihenhäuschen und Wohnblocks für 200.000 Schwarze zu errichten. Sie sind aus anderen Wohngebieten zwangsumgesiedelt worden. Diese Siedlung hat sich im Laufe der Jahre immer weiter ausgedehnt. Laut Schätzung leben inzwischen 2,5 Millionen Menschen teils in von der Regierung errichteten formellen Häusern, die Mehrheit jedoch in aus Blech, Pappe und Holz zusammengefügten Baracken. Auf einem km² sollen hier 55.000 Menschen leben. Und pro Jahr werden 10.000 neue Hütten gebaut. Das ist kaum zu ertragen, diese Enge, diese winzigen Häuschen, kein Baum der Schatten spendet, kaum ein Strauch, und erschwerter Zugang zu Strom und Wasser.

Fast genauso eng geht es gerade in den Dünen zu, dicht nebeneinander brüten Dominikanermöwen zu tausenden.

Auf der Küstenstraße ist jetzt immerhin das Meer auf der linken Seite zu sehen, rechts ziehen sich weiterhin die ärmlichen Behausungen entlang. Der Strand ist lang, weiß und feinsandig, hier können die Menschen der Enge ihrer Behausung entfliehen und endlich mal durchatmen.

Den Sonntag verbringen wir knieschonend in unserer Wohnung, wo es Klaus gelingt meine Kamera wieder nutzbar zu machen. Aber am nächsten Tag wollen wir wieder vor die Tür. Zwar sind die Berge ringsum in Wolken gehüllt, aber die werden uns in der Innenstadt schon nicht stören. Kaum sind wir fünf Minuten vom Auto entfernt, beginnt es zu regnen. Der kalte Wind macht alles noch unangenehmer. Wir flüchten in ein Café um uns mit heißer gewürzter Schokolade aufzuwärmen, bevor wir die restlichen 500 Meter bis Bo Kaap laufen.

Es ist eines der ältesten Viertel von Kapstadt, entstanden im 18. Jahrhundert, als Unterkünfte für die „Kapmalaien“ gebraucht wurden. Menschen aus Malaysia, Indonesien, Sri Lanka und Indien sind als Arbeitskräfte ans Kap verschleppt worden, um hier zu arbeiten. Mitte des 20. Jahrhunderts durften nur noch Muslime in diesem Viertel wohnen, alle anderen mussten umziehen. Mit dem Ende der Apartheid verschwand auch diese Verordnung, aber die Mehrheit ist noch immer muslimisch. Die kleinen bunt gestrichenen Häuser werden auf jeder Touristen-Rundfahrt angesteuert. Selbst an einem Regentag bekommt man hier direkt gute Laune. In vielen Häusern sind heute Galerien untergebracht. Die eine, vor der ein aus flach geklopften Flaschenverschlüssen hergestellter Elefant steht, zieht uns ins Innere, und hier können wir nicht anders, als ein kleines Bild mit plastischen Blechhütten zu erstehen.

Am Mittwoch scheint endlich wieder die Sonne, ein idealer Tag um ans Kap der guten Hoffnung zu fahren. Auf der westlichen Küstenstraße haben wir immer wieder einen guten Blick auf den Atlantik, der gegen die Felsküste donnert. Die letzten Kilometer vor der Zugangsstation fahren wir durch einen Eukalyptuswald. Die Bäume sind wegen des schnellen Wachstums gepflanzt worden, und jetzt weiß man nicht, wie man sie wieder los wird. Das letzte Stück der Halbinsel gehört zum Nationalpark Tafelberg und kostet für Ausländer 25 € Eintritt. Dafür haben die Besucher ein gutes Straßennetz, um Aussichtspunkte an Ost- und Westküste anzufahren und einen großen Parkplatz mit Spazierwegen am Ende.

Sportliche Menschen laufen entweder zum Aussichtspunkt auf den Berg oder runter zum Kap der guten Hoffnung. Wir sind nicht so sportlich. Aber auch von hier aus gibt es ringsherum viele Fotomotive. Ich muss an eine Rezension denken, die ich im Internet gelesen habe: Ganz nett, aber nichts besonderes. Ja was erwarten die Menschen denn, jonglierende Pinguine? An dieser Stelle endet ein Kontinent. Nur das Schild ist interessant und schnell bildet sich eine Warteschlange, damit jeder Einzelne sich dahinter fotografieren lassen kann.

Am Pegrams Point sehen wir links Seelöwen auf einem Felsen und rechts eine Gruppe Straußenhennen. Sie laufen am Ufer entlang und suchen Futter. Etliche Besucher zücken ihre Handys, aber was ist schon ein Strauß? Ein Selfie mit einem großen Federbusch im Hintergrund macht einfach mehr her. Auf der Weiterfahrt fällt uns ein großes schwarz-weißes Denkmal auf. Es ist dem portugiesischen Seefahrer Bartolomeu Dias gewidmet, der 1488 das Kap der guten Hoffnung umsegelt hat. Rings um das Denkmal grünt und blüht es, die Proteen, auch Zuckerbüsche genannt, öffnen ihre gelben Knospen. Strohblumen und Federüsche blühen weiß, Pelargonien pink.

Wir fahren an der Ostküste zurück und entdecken den Stadtteil Kalk Bay. Ein lebhafter touristischer Ort, an der Bahnstrecke nach Fish Hoeck gelegen. Nicht so elegant wie Camps Bay, aber mit buntgemischter Bevölkerung und kleinen individuellen Läden. Im Café werden wir von jungen weißen Frauen bedient. Und dann gibt es hier einen Bäcker, dessen Brot so gut riecht, dass wir es noch auf der Straße Stücke abreißen und verzehren.

Im Supermarkt holen wir uns noch eine Packung von den täglich frischen Gemüsemischungen, die geschält und geschnitten und mit Knoblauch und Kräutern versehen nur noch gekocht oder gebraten werden müssen. Jede Zusammenstellung, die wir ausprobiert haben, schmeckte uns gut. Kurz vor der Kasse kommen wir durch die Spielwarenabteilung und es ist unglaublich, es gibt nur weiße Puppen.

Den letzten Tag in Kapstadt fahren wir zu einer Wollmanufaktur. Ich habe im Internet nach Handarbeitsgeschäften gesucht und eine Wollmarke gefunden, deren Name mir aus Deutschland bekannt ist. Cowgirlblues färbt hier heimische Merinowolle in fantastischen Farbzusammenstellungen. Eine junge Frau führt uns durch den Betrieb und erklärt die einzelnen Arbeitsgänge. Hier muss ich einfach etwas kaufen.

Danach machen wir noch einen Abstecher auf den Signal Hill mit Ausblick in alle Himmelsrichtungen. Hier der Tafelberg und der Löwenkopf und auf der anderen Seite das Meer. Dazwischen der Innenstadtbereich der 5 Millionen Metropole. Auf dem Rückweg zum Parkplatz scheuchen wir eine Gruppe Perlhühner auf, die perfekt getarnt auf dem Boden liegen.

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