3. Hermanus

Zwei Wochen sind seit unserer Ankunft vergangen und heute verlassen wir unser hübsches Apartment in Hout Bay. Statt für den kurzen Weg über die Autobahn entscheiden wir uns für die schöne Strecke entlang der Küste. Wieder fahren wir auf die R310, die uns am Strand entlang führt. Der Wind bläst kräftig vom Meer und weht den Sand bis über die Straße. Die an einigen Stellen aufgespannten Sandfänger können das gar nicht verhindern.

An einer Stelle ist die Straße komplett mit Sand bedeckt, so dass wir ins schlingern kommen.

Gerade noch rechtzeitig finden die Reifen auf dem Asphalt weder Halt. Ein Stück weit müssen wir die Autobahn nehmen und kehren in der angenehm grünen Stadt Strand wieder an die Küste zurück. Der 55.000 Einwohner-Ort, der zum Großraum Kapstadt gehört, ist bereits 1714 als Touristenort gegründet worden. 1970 wurden alle Nichtweißen aus dieser Stadt vertrieben. Das ist heute anders; knapp zwei Drittel der hiesigen Bewohner sind farbig. Noch heute ist der 5 km lange weißen Strand, der außer fast jeder Art von Wassersport noch viele andere Unterhaltungsmöglichkeiten bietet, die Hauptattraktion.

Die Straße um die False Bay bietet immer wieder die schönsten Ausblicke. Aber noch nie ist sie meines Wissens in irgendeinem Ranking um die schönsten Straßen der Welt genannt worden.

Gegen Mittag machen in einem Café Pause. Auch hier in Betty’s Bay gibt es einen Strandbereich, an dem Brillenpinguine leben. Von einem Holzsteg aus kann man sie beobachten. Früher war an diesem Punkt eine Walfangstation. Gut, dass die Menschen heute lieber lebende Wale sehen.

Wir hoffen auch auf dieses Glück. Bis Ende November – Anfang Dezember halten sich einige in der Bucht vor Hermanus auf. Hier hat man die Chance, diese riesigen Meeresbewohner schon vom Ufer aus zu sehen. Doch als wir am Samstag an der Bucht entlanglaufen, ist weit und breit keiner zu sehen. Dafür können wir Beobachtungen der anderen Art machen.

Am alten Hafen wird gebadet, rechts schwarz, links weiß. Hermanus ist ein hübscher, gepflegter Ort mit schöner Bucht und vielen Restaurants und Geschäften. Und er ist gut besucht, vielleicht ist das immer so, vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Sommerferien begonnen haben.

Zwei Tage später machen wir eine Rundtour, um auch etwas vom Landesinneren zu sehen. Auf der R320 fahren wir Richtung Caledon und schon nach ein paar Kilometern ist der erste Hinweis auf ein Weingut zu sehen. Weinanbau haben wir hier gar nicht mehr erwartet, immer ist von Stellenbosch die Rede. Jetzt kommen auch die Weinfelder links und rechts der Straße in Sicht und immer mehr Hinweise auf Weingüter. Bei zehn höre ich auf zu zählen.

Weit vor uns steht links eine dunkle Gruppe Tiere am Straßenrand, die ich für Ziegen halte. Erst als ein Nachzügler die Straße überquert, erkenne ich: Das ist ein Baboon (Bärenpavian). Und auf der rechten Seite auf einem Getreidefeld sitzen noch viel mehr. Baboons leben in Trupps von bis zu 80 Exemplaren, und dieser hat kaum weniger. Natürlich ist die Kamera in diesem Moment nicht einsatzbereit und auf dem Handy läuft die Navigation. Anhalten kann man mitten auf der Straße auch nicht. So kann ich diesen Moment mit niemandem teilen. Wie viele Warnschilder mit den Silhouetten dieser Raubtiere haben wir gesehen, und kein einziges Tier hat sich gezeigt. Hier war kein Schild, dafür die Affen. Bärenpaviane sind die größten in der Pavian-Familie und können bis zu 35 kg schwer werden. Die intelligenten Tiere sind keineswegs harmlos. Sie können Autotüren öffnen, setzen ihre Jungen durch ein Kippfenster in Häuser, um sich ein größeres Fenster oder eine Tür öffnen zu lassen und klauen alles, was essbar ist. Wozu sechs Stunden pro Tag mit Nahrungssuche verbringen, wenn man bei Raubzügen in kürzester Zeit alles bekommen kann, was ein Affe so braucht. Trotz Verbot können es einige Touristen nicht lassen, die Tiere zu füttern. Sie reisen wieder ab, die Einheimischen haben das Problem mit immer aggressiveren Tieren.

Wir erreichen Caledon, die Stadt mit den sieben Thermalquellen. Doch von Kurbetrieb ist weit und breit nichts zu sehen, dafür sieht man riesige Getreidesilos.

Von hier bis bis Mosselbay erstreckt sich ein Anbaugebiet, das über 40 % des gesamten Weizenertrags hervorbringt und Caledon ist das Zentrum. Auf der Weiterfahrt nach Osten liegen abgeerntete Felder, soweit das Auge reicht. Wir biegen ab nach Stanford und von hier aus fahren wir an den Grotto Beach, einen zu Hermanus gehörenden Strand. Optimistisch haben wir unsere Badetasche mitgenommen, aber schon beim Verlassen des Autos spüren wir den kalten Wind. Die Sachen bleiben im Auto und wir laufen nur ein winziges Stückchen auf dem 18 Kilometer langen Strand. Tatsächlich gibt es Menschen, die sich schon bei 16 Grad Wassertemperatur ins Meer trauen, ich friere schon beim Hinsehen. Auf dem Weg zurück zu unserer Unterkunft übernehme ich hier zum ersten Mal das Steuer.

Und das war gut so, denn am nächsten Tag führt kein Weg an einem Arztbesuch vorbei. Klaus Knie will nicht besser werden. Jacquie, unsere Vermieterin, empfiehlt die Mediclinic. In der Notaufnahme sind wir die einzigen Patienten. Zwei Personen nehmen die Personalien auf und schon werden wir in den Bereich geführt, in dem die durch Vorhänge getrennten Untersuchungsbetten stehen. Ein kurzes Gespräch mit einer Krankenschwester, dann kommt auch schon die Ärztin und untersucht das Knie. Sie ordnet eine Röntgenuntersuchung an und sofort erscheint ein Pfleger mit Rollstuhl. Ich bleibe neben der Untersuchungsliege sitzen.

Die junge Ärztin kommt nochmal zurück und bietet mir Tee oder Kaffee an. Kurz darauf kommt Klaus wieder im Rollstuhl zurück. Die Ärztin bespricht mit ihm das Ergebnis und die entsprechende Behandlung. Dann gibt es noch einen vierfachen Verband ums Knie und wir sind entlassen. Jeder der sieben Mitarbeiter, mit dem wir es zu tun hatten, war freundlich, höflich, einfühlsam. Die Atmosphäre äußerst entspannt und alle tragen einheitliche Kleidung in grau. Erst jetzt merken wir, dass die normale Sprechstunde um die Ecke abgehalten wird, aber in der Notaufnahme hat uns niemand weggeschickt.

Abschied von Hermanus. Immer, wenn wir eine Wohnung verlassen, wartet schon eine schwarze Haushaltshilfe. Nachdem in diesem Jahr der Mindestlohn um 8,5 % angehoben worden ist, verdient sie nun üppige 1,47 € pro Stunde. Noch einmal nach Caledon und dort auf die N2. Die Autobahn führt durch endlose Weizenfelder fast immer in Küstennähe nach Osten. Kurz vor Swellendam wird die Landschaft wieder grüner und im Hintergrund erheben sich Berge. Die Stadt selbst macht einen einladenden Eindruck, aber für uns kommt das zu früh. Wir passieren Heidelberg und fahren bis Riversdale, wo wir uns im Supermarkt mit Lebensmitteln für die nächsten vier Tage eindecken, denn in unserem Zielort Boggomsbaai gibt es weder Restaurants noch Geschäfte. Auf den restlichen 80 Kilometern sehen wir häufig Schafherden mit vielen weißen Lämmchen. Beim Check-in in Boggomsbaai lernen wir Fred kennen, der in den 1960er Jahren damit begonnen hat, an dieser einsamen Küste reetgedeckte Häuser errichten zu lassen.

Inzwischen sind viele andere dazu gekommen, aber hier gibt es nichts außer Meer und Strand. Unsere Wohnung befindet sich über dem Garagenkomplex, ist ca. 20 m lang und bietet einer Großfamilie Platz. Das reetgedeckte Dach ist von innen nicht verkleidet, so dass wir die Konstruktion aus Balken und Halmen sehen können. Aber wir haben auch aus 6 Fenstern einen tollen Blick aufs Meer. Der Strand ist 15 Kilometer lang und als wir dort ein Stück laufen, sind außer uns nur fünf Menschen und zwei Austernfischer dort. Soweit das Auge reicht nur Wasser, Strand und bewachsene Dünen. Hier hat das Wasser immerhin schon eine Temperatur von 20,6 Grad, doch der frische Wind verlockt nicht dazu, ins Wasser zu gehen.

Am Samstag besuchen wir das 30 Kilometer entfernte Mossel-Bay. Über die N2 gelangen wir zügig in die Stadt. Autofahren ist in Südafrika eine entspannte Angelegenheit, man nimmt Rücksicht aufeinander und ich freue mich, dass ich inzwischen beim Abbiegen den Blinker richtig setze und nicht wild mit den Scheibenwischern wedele. Übrigens sind rund 90 % der Autos weiß, also genau entgegengesetzt zur Hautfarbe der Bevölkerung.

Die Mossel Bay (Muschelbucht) ist schon 1488 von Bartolomeu Diaz entdeckt worden. Vor ca. 200 Jahren sind hier Wale gefangen und verarbeitet worden, heute wird 50 Kilometer vor der Küste Erdgas gefördert. Außerdem verfügt die 100.000 Einwohner Stadt über die größte Meerwasserentsalzungsanlage zur Trinkwassergewinnung in Südafrika. Auf den ersten Blick hat die Stadt nichts Besonderes, aber je näher wir dem Meer kommen, umso schöner die Häuser und die Umgebung. Es gibt einen Gezeitenpool, in dem sich die Kinder tummeln und draußen warten Surfer auf die perfekte Welle. Über all dem wacht der schneeweiße Leuchtturm.

Am Sonntag brechen wir schon wieder zu einem neuen Ziel auf. Oudtshoorn ist eine Stadt in der Kleinen Karoo, einer Halbwüste. Wir haben während der Vorbereitung so schöne Bilder aus dieser Region gesehen, dass wir uns das unbedingt ansehen wollen. Schon die Strecke, die hinter Mossel Bay ins Landesinnere abzweigt, begeistert uns. Auf guter Straße fahren wir durch die Ruiterbos Nature Reserve, wir überqueren in vielen Kurven den Robinson Pass und auf der anderen Seite geht es ebenso kurvig wieder bergab. Jetzt sind links und rechts große Straußenherden zu sehen. Unser Zielort ist die Welthauptstadt der Straußenfedern. Doch damit nicht genug, viele Farmer haben ringsherum Erlebnisparks mit allen wilden Tieren Afrikas angelegt, so dass man schon hier auf Safari gehen kann, ohne bis in einen Nationalpark fahren zu müssen.

Weil wir erst ab 14 Uhr in unsere Wohnung kommen können, fahren wir zum Einkaufszentrum, wo auch am Sonntag alles geöffnet hat. Zuerst setzen wir uns in ein Café, wo wir zum ersten Mal ein gemischtes schwarz/weißes Publikum antreffen. Als die Gruppe das Lokal verlässt, grüßt uns jeder mit einem Lächeln oder ein paar Worten. Mit einem Mal fühlen wir uns wirklich angekommen. Im großen Supermarkt kaufen wir wieder Vorräte ein und beziehen dann unsere Wohnung in einem hübschen Wohngebiet. Überall stehen jetzt die Jacarandabäume in voller Blüte und der Blick in die blauen Alleen erfreut uns immer wieder aufs Neue.

Wir fahren auf der Route 62, die Kapstadt mit Port Elizabeth (heute Gqeberha) verbindet und den Titel „längste Weinstraße der Welt“ führt, von Oudtshoorn nach Ladismith. Sie führt durch die kleine Karoo und wir sehen im späten Frühling noch viele blühende Pflanzen rechts und links der Strecke. In Calitzdorf, durfte der dort produzierte Südwein bis 2011 noch Portwein genannt werden, dann hat die EU dem einen Riegel vorgeschoben. Der kleine Ort hat ein hübsches Gemeinschaftshaus, das Dorpshus und ringsherum etliche Weingüter. Während der Fahrt über den Huisrivierpas halten wir ein paar Mal an und bewundern die Aussicht. In Ladismith besuchen wir ein Café, drehen eine Runde durch die Stadt und fahren dann zurück. Bei Amalienstein biegen wir links auf die R323 ein, eine Staubstraße, die durch eine atemberaubende Landschaft führt. Die Straße windet sich durch Bergformationen, die im Licht der Nachmittagssonne in verschiedenen Farben leuchten. Wir stauenen nicht schlecht, als in flottem Tempo ein LKW – eingehüllt in eine dicke Staubwolke – an uns vorbeirauscht. Vor einem wasserführenden Bachlauf wende ich das Auto, es ist auch sowieso zu spät für die ganze Strecke durch die Berge, aber wir reden noch während der Rückfahrt begeistert von der Schönheit der Landschaft.

Zwei entgegenkommende Autos warnen mit Lichthupe. Auf dem Huisrivierpas hat ein PKW die Kurven zu schnell genommen und liegt nun halb über dem Abgrund auf der Seite, was für ein Glück, dass hier stabile Leitplanken angebracht sind.

Am letzten Tag in Oudtshoorn fahren wir zu den Cangohöhlen. Das aus drei Abschnitten bestehende Höhlensystem in den Swartbergen zählt zu den schönsten der Welt. Von drei Abschnitten ist nur die erste für Besucher zugänglich. Eine der sechs besuchten Kammern ist 90 m lang, 50 m breit und an der höchsten Stelle 18 m hoch. Wir haben einen netten Guide, der viel von der Geschichte erzählen kann und uns sogar ein afrikanisches Lied vorsingt. Ein schöner Abschluss, morgen geht es weiter.

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