Kontrastprogramm: Vom lebhaften Varkala Beach lassen wir uns heute mit einem Taxi noch einmal zu den Backwaters bringen. Ein französischer Tourist hatte uns vorgeschwärmt, dass es ihm dort sehr gut gefallen habe. Die acht kleinen Inseln liegen am Zusammenfluss vom Kallada-Fluß mit dem Ashtamudi-See. Sie sind im 19. Jahrhundert unter der Herrschaft des britischen Oberst Munroe durch Landgewinnung entstanden. Für die Wegstrecke von 50 Kilometern brauchen wir knapp zwei Stunden.
Unser Homestay ist ziemlich neu und bietet vier große Zimmer mit Bad und einer Terrasse. Zum ersten Mal stehen wir nicht ratlos vor der Klaviatur von Schaltern an der Wand. Jemand hat mitgedacht und kleine Symbole darüber geklebt. Sofort weiß man, welcher Schalter welche Lampe, die Klimaanlage und den Ventilator bedient.



Nur eine schmale Stichstraße trennt das Grundstück vom Flußufer. Während eines Spazierganges schauen wir uns in der Umgebung um. Elegante Häuser, ein paar Homestays und winzige einstöckige Häuschen wechseln sich ab. Ein Stück weiter zweigt ein Kanal ab und noch ein paar hundert Meter weiter steht ein kleiner schmuckloser Devi-Tempel (Devi = universelle Muttergöttin im Hinduismus), die „Energiequelle“ des Ortes. Als wir auf dem Rückweg sind, kommen einige Frauen, um die Lampen anzuzünden, damit die Energie der Göttin lebendig gehalten wird.



Im Mangobaum neben unserer Unterkunft hängen dicke Blattbälle, hier sind Weberameisen am Werk, die für die Aufzucht der Brut eine sichere Behausung gebaut haben. Die Mangos sind noch klein und grün, sonst hätten sich die Ameisen schon an den Früchten bedient.
Das Essen in diesem Homestay ist köstlich. Zum Frühstück gibt es so viele verschiedene Sachen, es ist nicht zu schaffen. Am ersten Morgen haben wir Puttu bekommen, das ist geschrotetes Reismehl vermischt mit Kokosraspeln und in zylindrischen Formen gedämpft. Dazu gibt es ein Kichererbsen-Curry. Es folgt Toast, der immer leicht süß ist und im Geschmack an Brioche erinnert, mit fluffigem Rührei. Und dann kommt noch ein üppiger Obstteller mit reifen Ananas, Wassermelone, Guave, Trauben oder Papaya.
Die Mutter unseres Gastgebers Midhun ist eine hervorragende Köchin. Der mit vielen Gewürzen zubereitete Reis ist allein schon ein Festmahl. Ihre Currys sind immer unterschiedlich gewürzt. Wir probieren sie mit Prawns, Hühnchen, Calamares und vegetarisch.

Einmal bestellen wir Kakka, das sind die kleinen Schwarzmuscheln, die wild in den Backwaters gedeihen. Die Muschelfischer am Vembanad Lake, wo wir vor einigen Wochen waren, haben allerdings große Sorgen, seit dem das Salzwassersperrwerk gebaut worden ist, geht der Bestand stark zurück. Der geringe Salzgehalt im Wasser schwächt die Population. Was den Reisbauern nutzt, schadet den Muschelfischern. Doch hier ist das anders, das Meerwasser strömt ungehindert in die Backwaters und bietet den Muscheln eine ideale Lebensgrundlage.
An einem Nachmittag leihen wir uns Fahrräder und machen einen kleinen Ausflug. Obwohl vieles an den Rädern rostet, lassen sie sich recht gut fahren, nur die Wegstrecke lässt zu wünschen übrig. Auf dem festgefahrenen Sand mit vielen spitzen Steinen darin ist es recht anstrengend. Und nach einer Weile geht es nicht weiter. Hier ist Erde zu großen Hügeln aufgeschüttet. Durch den steigenden Meeresspiegel sacken die Inseln ab, da muss immer wieder aufgefüllt werden. Das ist nicht das einzige Problem. Die Bewohner Munroe Islands haben in der Vergangenheit zum überwiegenden Teil von der Verarbeitung von Kokosfasern gelebt. Jetzt gibt es zwei Probleme, die Palmen vertragen das salzhaltige Wasser nicht und die Flächen, die bei der Verarbeitung der Fasern zum Trocknen in der Sonne gebraucht werden, sind regelmäßig überflutet. Viele Menschen leben jetzt von der Zucht von Tigerprawns oder vom Tourismus. Wir kehren zurück zur schmalen asphaltierten Hauptstraße. Es fährt sich soviel angenehmer, zumal auch wenig Verkehr herrscht.


Am Abend geht ein Gewitter nieder, im Nu steht das Wasser knöchelhoch im Hof. Nichts desto trotz gießt der junge Mann, der hier aushilft, am nächsten Tag eifrig den Garten.
Gemeinsam mit Midhun machen wir eine Kajaktour und weil wir gute Schwimmer sind, brauchen wir keine Rettungswesten. Zuerst biegen wir in den Kanal ein und vom Wasser aus sehen wir die Stelle, wo wir vor zwei Tagen bei unserer Fahrradtour umdrehen mussten. Nach und nach werden die Kanäle enger und wir freuen uns, dass wir mit den schlanken Booten überall durchfahren können. Es geht an Häusern vorbei, die komplett vom Wasser eingeschlossen sind, eines ist bereits zur Hälfte im Wasser versunken und wir paddeln durch den Flur. Aber das war noch nicht das größte Erlebnis, das kommt erst, als wir unter zwei Brücken durchfahren müssen. Wobei das nicht so ganz stimmt, wir legen uns in das Kajak und ziehen uns an der Brückenunterseite auf die andere Seite. Zwischen Stirn und Betondecke sind keine fünf Zentimeter Platz.









Immer wieder überlasse ich Klaus das Paddeln, weil ich aus dem wasserdichten Beutel meine Kamera heraushole, um die Umgebung und einige Vögel zu fotografieren.



Doch als wir auf den See kommen, traue ich mich wegen des Wellengangs nicht mehr, den Apparat aus seiner schützenden Hülle zu nehmen. Das Boot ist sehr flach und wir sitzen sowieso schon im Wasser. Nachdem wir eine Weile unterwegs sind, hält Midhun ein gelbes Seil in die Höhe. Zuerst verstehen wir nicht, was er damit vorhat. Er bietet an, uns zu ziehen. So ist er das von seinen Landsleuten gewohnt, länger als eine Stunde halten die nicht durch. Als wir nach 2,5 Stunden mit eigener Kraft und tropfenden Hosen wieder am Flussufer anlegen, sind wir stolz und Midhun fassungslos.
Während unseres Aufenthaltes treffen wir mehrere französische Familien mit Kindern. Sie nutzen die zweiwöchigen Winterferien, um ihren Kindern etwas von der Welt zu zeigen.
