6. Varkala Beach (Indien)

Zum letzten Mal fahren wir am Strand mit den Fischerbooten entlang und umrunden den Flughafen von Thiruvananthapuram. Vor uns fährt in einem chromglänzenden dunkelgrünen Mahindra ein Regierungsmitglied, erkennbar am Nummernschild und an der Standarte. „Mister Minister“, murmelt der Taxifahrer respektvoll.

Nach kurzer Strecke trennen sich unsere Wege. Unserer führt am Meer entlang nach Norden. Auch an diesem Küstenabschnitt gibt es viele zerstörte Häuser. Sie stehen kaum 10 Meter vom Meer entfernt und sind Opfer der Küstenerosion, durch die schon knapp 3 km² Land verloren gegangen sind. Die Regierung hat den betroffenen Familien über 330 neue Wohnungen übergeben und arbeitet an Lösungen, weil mit einer Verschärfung der Erosion gerechnet wird. Gerade errichten Bagger Wälle und Buhnen aus großen Felsblöcken.

Einmal kommt der Verkehr für eine Weile zum Erliegen, aber ich muss mich immer wieder wundern; nie hört man einen Fahrer schimpfen, wenn ihm jemand auf seiner Spur entgegen kommt oder sich vor einem herannahenden LKW noch haarscharf vor ihn schiebt. Bei vielen Situationen würden Autofahrer in Deutschland wahrscheinlich mit Fäusten aufeinander losgehen. Hier hat jeder Verständnis für den anderen und bleibt gelassen.

Mit einiger Verspätung erreichen wir Varkala, einen wichtigen hinduistischen Pilgerort mit ca. 40.000 Einwohnern. Der gut 2000 Jahre alte Janardanaswamy Tempel ist dem Gott Vishnu gewidmet und wird jedes Jahr von Tausenden Gläubigen besucht.

Auf einem Parkplatz ist die Fahrt zu Ende, doch von unserem Hotel ist nichts zu sehen. Der Fahrer fragt ein paar Kollegen, die bestätigen, dass das Hotel gleich um die Ecke liegt, und fährt los. Wir sind verunsichert, doch ein netter Mann, den wir fragen, schnappt sich meinen Koffer und läuft den schmalen Weg und eine Treppe runter über den etwas gammeligen Hinterhof zu unserem Hotel. Von der richtigen Seite sieht hier alles gut aus, nur der Name Sea View passt nicht ganz, vom Meer ist nichts zu sehen. Erst als wir im angeschlossenen Restaurant im ersten Stock sitzen, sehen wir sowohl Meer als auch Strand. Der feinsandige Strand von Varkala ist begrenzt von ca. 20 bis 30 Meter hohen Klippen aus rotem Laterit, die flache Mitte teilt sie in Nord- und Südkliff.

Am stärker besuchten Nordkliff zieht sich die Promenade über die gesamte Länge hin, das stabile Geländer ist nur an drei Stellen offen, wo Stufen hinunter zum Strand führen. Die für uns nächste Treppe hat 88 Stufen in beliebiger Höhe. Auf der anderen Seite der Promenade reihen sich Geschäfte, Cafés und Restaurants aneinander. Besonders nach Einbruch der Dunkelheit ist alles in bunten Farben beleuchtet und aus verschiedenen Lokalen dröhnt Musik. Den Touristen gefällt es, jeden Abend ist die an manchen Stellen nur einen Meter breite Promenade voller Menschen.

Am Wochenende ist es am Strand besonders voll , dann muss die Zufahrt zum großen Parkplatz schon an der Hauptstraße gesperrt werden. Nur Rikschas, die einen festen Standplatz haben, dürfen die Besucher dann noch hin- und herfahren. Dieser Strand an der Malabarküste besonders beliebt, weil er

  1. täglich gesäubert wird,
  2. der Zugang zum Meer flach abfallend ist und
  3. er als heilig gilt, durch das aus einer Quelle am Rand der Klippen fließende Wasser und das Meerwasser. Beiden werden heilende Kräfte zugesprochen.

Zu mir ist das Meer erst einmal brutal, beim rausgehen reißt mich eine heimtückische Welle um und schleudert mich auf die Schulter. Es entwickelt sich ein prächtiger blauer Fleck, zum Glück sind die Knochen heil geblieben, das war vielleicht das Heilige im Wasser.

Trotzdem gehen wir einen Tag später wieder zum Strand, das fast 30 Grad warme Wasser ist zu verlockend. Einfach rein laufen, ohne sich abzukühlen und hinterher am Strand sitzen und Menschen beobachten. Sehr selten sieht man die Einheimischen in Badekleidung, lediglich sehr junge Menschen scheinen nach und nach unsere Gewohnheiten diesbezüglich zu übernehmen.

Varkala ist ein Besuchermagnet, selbst aus Tamil Nadu reisend die Menschen an. Wenn die bunt bemalten Busse irgendwo stehen wissen wir, die kommen aus dem benachbarten Bundesstaat. Der Besuch hier setzt respektvolles Verhalten und angemessene Kleidung voraus, doch das haben nicht alle Touristen mitbekommen. Eigentlich sind wir von solchen Orten nicht besonders angetan, aber es hat auch Vorteile. Hier sprechen fast alle Menschen englisch, es gibt Bier und die Auswahl an Restaurants ist überwältigend. In vielen wird frischer Fisch angeboten, sogar zwei große Schwertfische liegen auf Eis. An einem Abend gehen wir in ein tibetanisches Restaurant und sind total begeistert. Klaus isst Datchi, ein Rindfleischgericht, das mit fermentierter Milch zubereitet wird und nach Gorgonzola schmeckt. Ich habe mich für Momos entschieden, mit Kartoffeln und Käse gefüllte Teigtaschen, die mit einer Schale Brühe und zwei Soßen serviert werden. Wir sind überaus zufrieden. Bei der Frühstücksauswahl fallen wir in westliche Gewohnheiten zurück. So lecker die Currys sind, hier wählen wir Toast, Eier und auch mal Bananenpfannkuchen.

Unsere SIM Karten, die wir in Kumily um 30 Tage verlängert haben, funktionieren nicht mehr. Airtel schickt uns ständig Aufforderungen, die Verlängerung mit unserer AADHAAR-Nummer zu bestätigen, doch die haben wir nicht, es ist eine Verschlüsselung verschiedener Daten, die die Einwohner Indiens brauchen, deshalb sind unsere indischen Telefonnummern abgeschaltet worden. Der erste Versuch in Varkala schlägt fehl, wir müssen am Montag wiederkommen. Wir zahlen noch einmal jeder 1,35 €, und mit vielen Tastendrucken und Anrufen bekommt die junge Frau in der Niederlassung, die wir wie die meisten Geschäften ohne Schuhe betreten, das hin. Bei der Gelegenheit fahren wir gleich noch in einen Computer-Shop. Hatte ich schon erwähnt, dass meine Tastatur kaputt ist? Aus drei vorhandenen wählen wir die teuerste (13,50 €) aus und hoffen, dass sich diese Investition lohnt.

Nach jedem Bad im Meer freuen wir uns über die warme Dusche im Hotel. Mit warmem Wasser lässt sich der Sand einfach besser abspülen. Dass hinterher alles im Badezimmer nass ist, gehört dazu. Duschabtrennungen gibt es nicht, aber immer eine Stufe, die verhindert, dass Wasser ins andere Zimmer läuft.

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