8. Pathirappally Beach (Indien)

Wir sind keine Frühaufsteher, aber heute sitzen wir bereits um 8 Uhr am Frühstückstisch und mit uns noch die zwei französischen Paare mit ihren Kindern. Eine halbe Stunde später rollen nacheinander drei Rikschas in den Hof, wir wollen alle zum nahe gelegenen Bahnhof.

Midhun begleitet uns auf seinem Motorrad zum Bahnhof. Klaus kauft inzwischen die Fahrkarten, für die 90 Kilometer lange Strecke kosten sie 40 Rupien (0,40 €) pro Person. Der Zug fährt auf dem gegenüber liegenden Gleis ab und während wir noch überlegen, wie wir auf die andere Seite kommen, springt Midhun schon auf die Schienen und bringt das gesamte Gepäck nach und nach auf die andere Seite. Als einer der Franzosen ihm folgen will, schickt er ihn mit strenger Miene zum Ende des Bahnsteigs, wo es Treppen gibt.

Das Schienennetz ist in Indien gut ausgebaut und in sehr gutem Zustand. Während unseres Aufenthaltes in Munroe Island haben wir gestaunt, wie viele Züge täglich vorbeigekommen sind. Dreißig Waggons hängen fast immer an der Lok und der Güterzug der gerade durchfährt hat fünfzig Tankwagen.

Mit etwas Verspätung – über die deutsche Bahnkunden heutzutage lächeln würden – kommt unser Zug an. Wir haben zwei Bänke für uns allein und machen es uns an den Fenstern ohne Scheiben bequem. Ortschaften, Reisfelder und Wiesen ziehen an uns vorbei. Jede Kuh auf der Wiese hat ihren eigenen Reiher. Gibt es nicht genug Kühe, wird sie von zwei Reihern begleitet. Gibt es nicht genug Reiher, übernehmen Krähen den Job des Ungeziefer-Vernichters.

Nach gut zwei Stunden erreichen wir den Bahnhof Alapuzzha und lassen uns mit einer Rikscha zu unserem kleinen Hotel direkt am Strand bringen. Für einen winzigen Aufpreis bekommen wir eins der vier Zimmer mit Blick aufs Meer. Zusätzlich zur Terrasse gibt es noch einen mit Palmwedeln gedeckten Bereich auf geharktem Sand für eine Hängematte und einen Hängesessel pro Zimmer. Alles ist picobello sauber, vor und nach jedem Essen wischt eine der hier beschäftigten Frauen den Tisch ab. Anders als in manchen Restaurants, wo man befürchten muss, an der Speisekarte festzukleben. Jedes heruntergefallene Blatt wird weggefegt. Sogar die Ratte, die sich an einem Abend neugierig auf den Sand wagt, sieht aus wie frisch gebürstet.

Leider ist das Meer auch hier durch den stark abfallenden Strand gefährlich, aber es gibt einen kleinen Pool zum erfrischen. Wir genießen es, mit dem Rauschen der Wellen einzuschlafen und aufzuwachen.

Klaus hat Probleme mit der Haut, trotz verschiedener Salben will der Ausschlag einfach nicht verschwinden. So entschließt er sich eine Hautärztin aufzusuchen. Normalerweise arbeitet sie in einer Klinik, bietet aber dreimal die Woche eine offene Sprechstunde an. Die Innenstadt ist sechs Kilometer entfernt, doch irgendwann weiß der Fahrer nicht mehr weiter und sein Englisch ist mit unserem nicht kompatibel. Er hält am Straßenrand und sofort kommen drei Kollegen dazu und beratschlagen, bis sich alle auf das Ziel geeinigt haben. Die Praxis ist in einem ehemals schönen Haus untergebracht, der Wartebereich hat eine Doppelfunktion, große Stapel Fliesen und Sanitärobjekte werden hier aufbewahrt. Nach der Dicke der Staubschicht zu beurteilen liegen sie vermutlich schon seit einigen Jahren hier. Nach und nach füllt sich der Hof und dann erscheint die Ärztin. Hier wird nicht aufgerufen, es gibt auch keine Helferin. Kaum hat sie hinter ihrem Schreibtisch Platz genommen, marschiert der erste Patient barfuß ins Behandlungszimmer. Es gibt fliegende Wechsel, der herauskommende hat seine Schuhe noch nicht wieder angezogen, da sitzt der nächste bereits vor dem Schreibtisch. Als Klaus an der Reihe ist, betrachtet die Medizinerin die befallenen Stellen gründlich und schreibt eine lange Liste mit Medikamentennamen auf. Ihr Honorar (2,50 €) kassiert sie gleich und erklärt uns noch den Weg zur Apotheke. Dort wird genau die verordnete Menge Tabletten aus den Packungen genommen und von den Blistern abgeschnitten. Alles wird in zuvor mit Anweisungen beschriebene Papiertütchen gefüllt. Dieses Mal zahlen wir gut 8 €. Die Rechnung für Behandlung und Medikamente können wir unmöglich bei unserer Krankenversicherung einreichen, wir würden uns schämen.

Wir machen Spaziergänge am Strand und lassen uns an einem Tag in die Innenstadt fahren, weil meine Sonnenbrille durchgebrochen ist und ich unbedingt eine neue brauche. Brillen sind in Indien unglaublich günstig. Gestelle gibt es häufig zum Nulltarif, oder zwei Stück für den Preis von einem. Der Preis für die Gläser ist anders als bei uns immer paarweise angegeben und fängt für Einstärkengläser bei 25 € an. Nach ausgiebiger Beratung verlassen wir das Geschäft mit einer Sonnen- und einer Sportbrille. Die Hitze treibt uns in ein kleines schattiges Café, und recht schnell wieder zurück zum Hotel, wo der Wind vom Meer alles gleich viel angenehmer macht.

Jeden Abend wird für uns gekocht, es gibt immer Reis und Fladenbrot als Beilage. Im Norden Indiens ist Brot die übliche Beilage, im Süden Reis. Nur in Kerala gibt es beides. Die Auswahl an Fladenbroten ist groß, Chapati, Naan, Porotta, Papadam oder Dosa, wir mögen sie alle. Als am Wochenende eine Familie mit zwei kleinen Mädchen neben uns einzieht, beobachten wir amüsiert, wie die Mutter den lebhaften Kindern mit einem Teller hinterherrennt und ihnen immer wieder einen Bissen in den Mund schiebt.

An einem Morgen kommt ein Mann mit merkwürdigen Metallschienen in den Hof. Er ist Kokospalmen-Kletterer und für die Pflege der Palmen verantwortlich. Zuerst befreit er die Stämme in Bodennähe von den verwelkten Wedeln, dann legt er die Schienen an den Stamm, schiebt seine Füße in die angebrachten Schlaufen und ist in Windeseile in der Krone in 15 Meter Höhe angekommen. Er schneidet die reifen Nüsse ab und wirft sie auf den Sand, das Blechdach über der Terrasse hat schon genug Dellen von heruntergefallenen Kokosnüssen. Anschließend behandelt er die Palmen noch mit einem Mittel gegen den roten Palmrüssler. Zum nächsten Frühstück bekommen wir köstlichen Kokossaft, gemixt aus Kokoswasser und Fruchtfleisch.

Kerala ist der Kokosnuss-Staat, das geht aus dem Namen hervor, Kera = Kokospalme und Alam = Land. Über lange Zeit haben viele Einwohner Keralas ihren Lebensunterhalt mit der Verarbeitung der Kokosnüssen verdient. Wasser und Fruchtfleisch werden in der traditionellen Küche verwendet, außerdem ist das gepresste Öl das am meisten verwendete in der indischen Küche. Aus den harten Schalen entstehen Schüsselchen, Löffel oder Schmuckgegenstände. Und dann gibt es noch die Fasern (Coir) aus denen Teppiche, Läufer, Fußmatten, Seile, Füllstoffe und noch einiges mehr entstehen. In unserer Nähe befindet sich das „Internationale Coir-Museum“, wo ein Eindruck von den Anfängen der Verarbeitung bis zum Beginn dieses Jahrhunderts vermittelt wird. Die heutige Produktion ist in neuen Gebäuden untergebracht, der Anteil der Handarbeit stark rückläufig. In verschiedenen Räumen sehen wir fertige Produkte und Geräte die zur Verarbeitung der Fasern verwendet werden, darunter massive Webstühle.

Viele der ehemaligen Kokosbauern haben sich inzwischen auf Aquakultur oder Tourismus umgestellt.

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