5. Thiruvananthapuram (Indien)

Schon seit einigen Tagen lässt sich mein Tablet nicht mehr laden, deshalb kann ich weder schreiben, noch Fotos übertragen.

Doch heute fahren wir in Keralas Hauptstadt – auch Trivandrum genannt – und da gibt es ein paar Shops, die auch Computer reparieren. Klaus hat online die Tickets für den Bus bestellt, nur die gestern bestellte Rikscha kommt nicht. Kein Problem, ein Hotelmitarbeiter bestellt sofort eine andere und wir sind am Busbahnhof, bevor das Fahrzeug der Red Line Gesellschaft eintrifft. Der Bus gilt als komfortabel, aber das können wir nicht bestätigen. Es gibt kein Gepäckfach für unsere Koffer, die müssen mit in den Fahrgastraum und rutschen in jeder Kurve ungebremst hin und her, bis Klaus sie am Geländer des Ausstiegs festbindet. Die Sitze sind schmal, keine Sicherheitsgurte, keine Fußstützen, ganz zu schweigen von Wasser für die Fahrt.

Sechseinhalb Stunden soll die Fahrt dauern, und auf die Minute pünktlich sind wir unterwegs. Theoretisch hält der Bus nur an fünf Stationen, doch wenn einer der wenigen Fahrgäste auf den Halteknopf drückt, stoppt der Fahrer und lässt auch andere Leute zusteigen. Dafür versucht er, an den Busbahnhöfen die Zeit wieder reinzuholen. Ich kriege kurz Panik, als Klaus noch nicht wieder von den Waschräumen zurück ist und der Bus schon losfährt. Geht aber alles gut.

Seit Beginn der Fahrt werden wir mit Musik beschallt, meistens Wechselgesang, wobei die Frau in einer schrill hohen Stimme singt, für uns unerträglich, aber die „girlisch timbre“ genannte Stimmlage – sie geht zurück auf die Bollywood Filmmusik – gilt als Inbegriff von Unschuld und Reinheit. Solange sie den Fahrer wach und aufmerksam hält, ertragen wir sie klaglos.

Letztlich sind wir zwei Stunden länger unterwegs, obwohl die Straßen in einem wirklich guten Zustand sind. Es wird nie langweilig, weil es soviel zu sehen gibt. Meistens ist nicht zu erkennen, wo der eine Ort aufhört und der nächste anfängt. Höchstens die haushohen Werbeplakate lassen einen Stadtrand vermuten. Je näher wir der Millionenstadt kommen, umso dichter wird der Verkehr, vor allem rund um das Greenfield Stadion, das 50.000 Besuchern Platz bietet.

Zwei Kinder fest im Sicherheitsgriff

Rikschas und Mopeds quetschen sich in die kleinste Lücke, um sich einen Vorteil von Zentimetern zu verschaffen. In Indien herrscht Helmpflicht, aber nur für Erwachsene und für höchstens zwei Personen auf dem Zweirad. Kindersitze haben wir in keinem Auto gesehen.

Am Busbahnhof herrscht das übliche Gewimmel, wir weichen sofort nach links zur Straße aus, denn hier stehen genügend Rikschas bereit. Das gebuchte Homestay liegt direkt am Meer, doch zuerst müssen wir eine lange Barriere umfahren, den Flughafen. Die letzten 100 Meter geht es über eine Sandpiste, direkt am Meer. Die Besitzer erwarten uns schon, leider sprechen sie wenig oder für uns kaum verständliches Englisch. Das Haus ist schon alt und von innen wunderschön, die Erbauer waren bestimmt wohlhabend. Eine massive Holztür mit hoher Schwelle führt von der Terrasse in unser Zimmer, sie kann nur von innen mit einem dicken hölzernen Riegel verschlossen werden. Es gibt aber noch eine andere Tür ins Innere des Hauses. Wir trauen uns zuerst gar nicht dort raus, weil wir durch die Privaträume der Besitzer müssen, aber es ist der richtige Weg. Der Couchtisch aus massivem Holz ist mit geschnitzten Tierköpfen und einem ganzen Krokodil verziert. Was mag der wiegen, wenn man schon Schwierigkeiten hat, einen einfachen Stuhl zu tragen. Alle Möbel, die wir bisher gesehen haben, sind aus Massivholz. Sessel für Balkon oder Terrasse meist aus Rattan, manchmal aus Plastik.

Zum Essen müssen wir ausgehen, der kürzeste Weg zu den Restaurants führt am Strand entlang. Hier sieht es einfach schrecklich aus, etliche Häuser sind so beschädigt, dass sie unbewohnbar geworden sind – und doch haben einige Menschen hier Unterschlupf gefunden. Der ganze Strand ist voller Müll, doch das kümmert niemanden. Als wir vom Essen zurückkommen, laufen wir in der Dunkelheit an Menschen vorbei, die im Sand sitzen oder liegen und der langen Lichterkette der Fischerboote zusehen, richtig romantisch.

„Breakfast rooftop“, ruft uns der Junge zu, als wir auf die Terrasse gehen. Wir gehen noch eine Treppe hoch und setzen uns auf die dortige überdachte Terrasse, doch nichts passiert. Als wir nach einer Weile nachhaken, werden wir ins Innere des Hauses geschickt. Dort warten die Frauen, die das indische Frühstück zubereiten, schon geduldig auf uns. Zusammen mit einem indischen Gast lassen wir uns die frisch zubereiteten Chapati schmecken. Er erzählt uns begeistert, dass er schon mal in Berlin war. Mehr verstehen wir nicht von seiner zehnminütigen Erzählung, er könnte genauso gut chinesisch sprechen oder eben indisch.

Klaus hat am Abend noch online einen Computer-Shop mit Reparaturservice angeschrieben und die Zusage erhalten, dass wir am nächsten Morgen kommen können. Wieder fahren wir um das Flughafengelände und staunen, dass heute so wenig Verkehr ist und viele Geschäfte geschlossen sind. Der Besitzer des Geschäftes ist nur unseretwegen hier, denn heute ist GENERALSTREIK, alles geschlossen und auch die meisten Taxi- und Rikschafahrer haben die Arbeit niedergelegt. Gegen einen Aufpreis fährt unser Fahrer uns zurück zur Unterkunft.

Wir haben schon Angst, dass wir am Abend hungrig ins Bett gehen müssen, aber da ist der Streik schon wieder vorbei und weiter hinten am Strand sind rund um ein großes Restaurant etliche Imbiss-Buden aufgebaut. Das Old Coffee House hat eine Terrasse über die gesamte Länge des Hauses und ein gutes Speiseangebot. Zum Essen wird hauptsächlich Wasser getrunken. Egal, ob man eine Literflasche im Lokal bestellt oder im Laden kauft, sie kostet immer 0,20 €. Während des Essens können wir das Meer und den Strand beobachten, wo Verkäufer schrill buntes, leuchtendes, blinkendes und quietschendes Spielzeug aufgebaut haben und gute Geschäfte machen. Kein Kind kann da widerstehen und viele Eltern erfüllen die Wünsche.

Am nächsten Tag holen wir das reparierte Tablet ab. Für die Reparatur sind 7,50 € fällig, wir runden auf 10 € auf – Streikzuschlag. In der Nacht hat Klaus E-Reader beschlossen, sich dem Streik anzuschließen. Eine schnelle Reparatur ist nicht möglich, das Gerät muss eingeschickt werden. Viel mehr Elektronik kann nicht kaputt gehen, wir beschließen unsere Smartphones ab jetzt besonders gut zu behandeln.

In der Innenstadt stehen noch viele Gebäude aus der Kolonialzeit. Thiruvananthapuram vereinigt viele Superlative, außer Hauptstadt mit wichtigem Hafen hat sie mehrere Technologiezentren und ist eines der Zentren für Forschung und Wissenschaft in Indien.

Wir lassen uns ins Lulu Einkaufszentrum bringen, um noch einige Besorgungen zu machen und etwas zu essen. Im zweiten Stock befindet sich auf ca. 8000 m² der größte Indoor Vergnügungspark Indiens. Außer den Klassikern Karussell, Riesenrad und Autoskooter gibt es verschiedene Achterbahnen, einen Turm, an dem Gondeln in die Höhe gezogen und wieder fallengelassen werden und noch andere Attraktionen für Adrenalin-Junkies.

Wir benutzen nichts von alledem, schließlich haben wir gerade eine leckere belgische Waffel verputzt.

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