Bei einer letzten Runde durch Oudtshoorn zeigt sich, warum dies die Welthauptstadt der Straußenfedern ist. Vor vielen Häusern werden Staubwedel in allen Farben des Regenbogens angeboten. Auch kräftiges Lila ist dabei, damit würde meine Enkelin vermutlich in der nächsten Zeit begeistert alles abstauben, was sie mit ihren knapp 90 cm Höhe erreichen kann. Wie einträglich der Handel mit Straußenfedern war, ist noch heute an den meist gut erhaltenen Villen der ehemaligen Straußenbarone zu sehen. Am Stadtrand schauen wir uns noch in einem Geschäft um, in dem es fast nur Dinge vom Strauß zu kaufen gibt.

Federn als Boa, Fächer oder Wedel, Leder in den schönsten Farben, Gürtel, Taschen, Schuhe, Fleischerzeugnisse und Eierschalen natur, gefräst oder bemalt. Übrigens ein Straußenei entspricht der Menge von 24 Hühnereiern. Die Schale ist so robust, dass sie das Gewicht eines erwachsenen Menschen aushält. Muss sie auch, denn die brütenden Eltern bringen bis zu 150 kg Gewicht auf die Waage.
Wir fahren zurück an die Küste nach George. Auf beiden Seiten fruchtbares Land, sogar Hopfen wird hier angebaut.

Eine frisch geschorene Herde Angoraziegen dreht neugierig die Köpfe in unsere Richtung. Aus der gewonnen Schur entsteht die begehrte Mohairwolle. Das klingt paradox, aber Angorawolle stammt vom Kaninchen. Südafrika ist der weltgrößte Mohair-Produzent. Gut 60 % der weltweiten Menge kommen aus dem Land.
Vor uns liegt wieder ein Pass. Der Outeniqua Pass überquert die gleichnamige Gebirgskette und ist in der Zeit von 1942 – 1951 unter tatkräftiger Mithilfe von italienischen Kriegsgefangenen entstanden. An einem der Aussichtspunkte gibt es einen Gedenkstein für sie.



In der 200.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt George treffen wir auf die Garden Route. Noch vor 20 Jahren konnte man mit der Eisenbahn von Mossel Bay bis Knysna durch die schöne Landschaft fahren, doch Erdrutsche haben die Strecke 2006 unpassierbar gemacht, und für einen Wiederaufbau fehlt das Geld. Wenigstens hat der Bahnhof in George eine neue Bestimmung gefunden, er ist jetzt ein Museum.
Aber auch mit dem Auto auf der N2 fahrend, sieht man die Schönheit der legendären Garden Route. Grüne Hügel mit blühenden Pflanzen, Lagunen, Meeresbuchten und hübsche kleine Ortschaften ziehen Jahr für Jahr Touristen aus dem In- und Ausland an. Obwohl es voller ist, als auf anderen Strecken, entsteht auch hier keine Hektik. Geschwindigkeiten von maximal 120 kmh und die Entspanntheit der Südafrikaner machen jede Autofahrt angenehm.
Nach 120 Kilometer biegen wir um die Mittagszeit in die Stadt Knysna ab. Die Stadt mit ca. 70.000 Einwohnern liegt an einer großen Lagune und hat ganzjährig ein angenehmes Klima. Wir empfinden die 25 Grad hier nach den 38 Grad in Oudtshoorn richtig erfrischend. Schöne Häuser direkt am Wasser, interessante Geschäfte und tolle Restaurants, was will man mehr. Kurz denke ich über „auswandern“ nach. Doch dann begnügen wir uns jeder mit einer Portion Austern, die direkt aus der vor uns liegenden Lagune kommen – lecker.





Nach weiteren 30 Kilometer sind wir schon in Plettenberg. Auch diese fast gleich große Stadt liegt an einer malerischen Bucht, doch das auf einer Landzunge erbaute große Hotel, das wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff aussieht, stört gewaltig. Hier entsteht kein Wunsch nach Bleiben und nach einer Runde durch die Stadt kehren wir zurück auf die N2.
Bei Kurland haben wir die Wahl, weiter auf der N2 zu bleiben und über die spektakuläre Bloukrans-Brücke zu fahren, von der Adrenalinjunkies einen Bunjeesprung machen können. Es ist weltweit der höchste Standort für diese Art von Vergnügen. Wir entscheiden uns für die zweite Möglichkeit, auf der R102 der alten Streckenführung zu folgen, die durch Nature’s Valley führt. Wir fahren durch dichten alten Urwald über einige Schluchten und einen Pass des Tsitsikamma-Gebirges. Und als wir wieder auf der N2 ankommen, können wir sogar noch auf der 100 m langen Paul-Sauer-Brücke über den Stormsrivier laufen, der 120 Meter unter uns durch eine enge Schlucht fließt.


Die Bloukrans-Brücke ist vier mal so lang und überquert sogar eine 216 Meter tiefe Schlucht. Aber wir finden diese auch großartig. Sie schwankt, wenn LKW darüber fahren, man bekommt eine leise Vorstellung, was Brücken aushalten müssen. Während wir die tiefe Schlucht bestaunen, schwirrt eine Drohne vor unseren Köpfen herum, es scheint, als ob sie uns beobachtet. Ich winke ihr zu, und als wir später zur Aussichtsplattform laufen, treffen wir zwei junge Männer, die uns zu kennen scheinen. Sie sind die Besitzer dieses technischen Geräts und wir unterhalten uns ein Weilchen. Ich verspreche ihnen, Sie mit Foto im Blog zu erwähnen. (Hi guys, nice to meet you.)

Nun sind es noch 65 Kilometer bis zu unserem Ziel: Jeffreys Bay, wo wir gegen 18 Uhr bei Marie, unserer umwerfend herzlichen Vermieterin eintreffen. Dieses Mal haben wir ein tolle Küche, mit großer Kühl-/Gefrierkombination, einen richtigen Herd mit vier Kochstellen (Gas) und sogar einen Backofen. Natürlich fehlt immer irgendwas, und wir haben uns schon Kochlöffel und eine Küchenzange angeschafft. Beides brauchen wir hier nicht, dafür fehlt ein Flaschenöffner.
Die Gründung von Jeffreys Bay geht auf einen Walfänger namens Jeffrey zurück, der vor ca. 170 Jahren hier einen Laden betrieben hat. Heute bringt der Name weltweit die Augen von Surfern zum Leuchten, er gehört einem der fünf weltbesten Surfreviere und jährlich findet ein großer Wettbewerb statt. In der übrigen Zeit leben die gut 50.000 Einwohner ein eher beschauliches Leben. Vor der Stadt und zu beiden Seiten erstrecken sich endlose Strände, wo Muschelsucher großartige Funde machen können. Auf dem Parkplatz im Osten der Stadt stehen einige gemauerte Grills und die sind alle in Benutzung, es riecht verführerisch. So genießt man in diesem Land gern die Freizeit, Meer, Strand und Gegrilltes. Zwei Tage haben wir starken Wind und so fällt der Strandbesuch flach. Der aufgepeitschte Sand an den Beinen ist ziemlich unangenehm.
Wir haben unsere Schmutzwäsche in den Waschsalon gebracht und die Besitzerin überschlägt sich fast vor Begeisterung, dass wir aus Deutschland sind. Sie erzählt uns alles Mögliche, was wir nicht verstehen, ihr stark afrikaans gefärbtes Englisch enthält viele Worte, die wie noch nie gehört haben.
Marie schickt mir jeden Morgen Vorschläge, was wir an diesem Tag unternehmen können. Heute zum Beispiel einen Stadtplan, wo besonders schöne weihnachtlich geschmückte Häuser zu sehen sind. Die von der Stadt gestellte Dekoration (Banner und Weihnachtsbaum) kommt uns ziemlich provinziell vor. Es ist noch nicht dunkel, es stürmt und wir haben keine Lust, noch länger herumzufahren. Wir haben ja schon in einigen Städten Weihnachtsschmuck gesehen, Leuchtschlangen in Form von: Walen, Schneemännern, Weihnachtsbäumen, Schneekristallen, Schlitten, Lebkuchen und mehr. Das meiste davon gibt es hier in Wirklichkeit nicht.


Letzter Tag, Klaus hat heftige Schmerzen in seinem Knie. Als ich Marie davon erzähle, macht sie sofort einen Termin beim Arzt aus, der trotz des Feiertags (Day of Reconciliation = Versöhnungstag) heute arbeitet. Hastig packe ich unsere Sachen zusammen und wir brechen überstürzt auf. In der Praxis warten schon ein halbes Dutzend Menschen. Einer von ihnen hat einen dick eingewickelten Fuß. Offenbar will er die Wartenden an seinem Leid teilhaben lassen und klappt das dicke Handtuch auf. Der Blick auf eine blutige Masse löst einen entsetzten Seufzer aus. Schwarz und Weiß sitzen hier im Wartezimmer einträchtig nebeneinander. Der junge Arzt in Shorts und Hemd, das mit Hula-Hula tanzenden Hawaiianerinnen bedruckt ist, untersucht noch mal das streikende Gelenk, stellt Fragen und gibt fröhlich und deutlich seine Diagnose bekannt. Er verordnet andere Medikamente und fragt nach unseren Plänen. Wir wollen anschließend zum Addo Elephant National Park. Begeistert erzählt der Arzt von mehreren Besuchen dort. Als ich ihn frage, wie gefährlich das Leben in Südafrika sei, meint er: „Das ist alles total übertrieben, wir leben in diesem wunderbaren Land friedlich zusammen.“
Jetzt brauche ich dringend ein Frühstück, ganz in der Nähe wird von engagierten jungen Leuten ein kleines Café geführt. Ich bestelle Flapjacks und bekomme drei fluffige Pfannkuchen mit geschmorten Bananen, Creme Double und einer zimtigen Soße. Sie sind knusprig, schmelzen aber förmlich auf der Zunge. Schade für Klaus, der sich mit Toast und Tee begnügen muss, weil sein Magen rebelliert.
Gesättigt können wir aufbrechen zu unserem neuen Ziel. Auf der N2 fahren wir durch Gqeberha (Port Elizabeth). Auch hier ist der portugiesische Seefahrer Bartolemeu Dias als erster Europäer an Land gegangen. Mehrere Jahrhunderte haben Schiffe auf dem Weg nach und von Asien hier ihre Vorräte aufgefüllt. Heute ist es der drittgrößte Hafen in Südafrika. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Automobilindustrie. Viele internationale Autokonzerne sind hier ansässig. Doch nicht nur die Industrie, auch Strände machen die Stadt zum beliebten Wohnort für Südafrikaner. Auch so eine unerklärliche Geschichte, Gqeberha trägt den Zusatz „freundliche Stadt“, aber das Auswärtige Amt rät zu erhöhter Vorsicht an Sonn- und Feiertagen in der Innenstadt.
In einer Nachricht von unserem Hotel werden wir aufgefordert, aus Sicherheitsgründen die Strecke über die N10 zu nehmen und nicht den kürzesten Weg zu fahren. Wir fahren ständig durch Orangenplantagen, das Anbaugebiet im Sunday River Valley ist 120 km² groß. Zur Blütezeit muss eine Duftwolke über dem ganzen Tal liegen. Es gibt eine große Fabrik, die Saft zu Konzentrat verarbeitet. Vereinzelt wird bereits geerntet, am Straßenrand liegen die aufgestapelten Säcke mit Früchten. Der Hauptanteil der Ernte wird nach Europa geliefert. Am Nachmittag erreichen wir sicher unser Hotel in Sunland.
Nachdem wir erfahren haben, dass wir den Nationalpark mit dem eigenen Auto befahren dürfen, machen wir uns gleich am nächsten Morgen auf den Weg. Bis zum Haupteingang fahren wir knapp 20 Kilometer. An der Eingangspforte werden unsere Personalien aufgenommen und das Kennzeichen unseres Autos notiert. An der Rezeption kaufen wir Eintrittskarten für einen Tagesausflug und zahlen 874 Rand (47,70 €). Wir bekommen eine Straßenkarte, Ein- und Ausfahrtticket und ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg. Am Kontrollposten fällt das erste Schild auf: Mistkäfer haben ein Recht auf Leben.

Die Hauptstrecken im Park sind asphaltiert, aber auch auf den Sandpisten kann man mit etwas Vorsicht gut fahren. Es dauert nicht lange, da sehen wir von einer Kuppe eine riesige Elefantenherde im dichten Buschwerk. An einem Rundweg darf man auf dem Parkplatz das Auto auf eigene Verantwortung verlassen. Da dort schon ein Safarifahrzeug steht und die Insassen allesamt draußen sind, steigen wir auch aus. Mehrere Holzbänke ermöglichen es, das Wasserloch hinter dem dichten Buschwerk zu sehen. Und da stehen mehrere Dickhäuter und trinken.




Ein Warzenschwein gesellt sich dazu, Kuhreiher sitzen auf den Bäumen und eine Nilgans schickt ihre Küken ins Wasser. Wir stehen noch da und beobachten, als das andere Fahrzeuge längst weitergefahren ist.
Langsam fahren wir über viele Nebenstraßen, da liegen zwei Kuhantilopen, das erste Zebra kommt in Sicht, eine Leopardschildkröte überquert die Straße. Sind wir anfangs noch bei jeder Sichtung elektrisiert, heißt es einige Zeit später: „Halt, was war das? Ach bloß ein Zebra.“

In den nächsten Stunden sehen wir die Tiere an allen möglichen Stellen im Park. Elefanten, so viele wie wir noch nie zuvor gesehen haben, Zebras, Vögel, Antilopen.





Als wir beschließen, jetzt langsam Richtung Ausgang zu fahren, trete ich auf die Bremse. Einige Meter vor uns liegen zwei prächtige Löwenmännchen regungslos am Wegesrand. Im ersten Augenblick halte ich sie für Plüschtiere, dann die Erkenntnis: Die sind echt.


Wir können unser Glück kaum fassen, diesen Augenblick haben wir nur für uns. Ganz langsam lasse ich das Auto noch ein Stückchen rollen, dann kommen von rechts, von hinten und vorn weitere Fahrzeuge. Alle halten an, bis auf das Safarifahrzeug. Mit lautem „Juhu“ lenkt die Fahrerin das hochbeinige Gefährt an den stehenden Autos vorbei, da reicht es den Löwen und sie verschwinden im Dickicht.



Auf den letzten Kilometern sehen wir überall Tiere, sie laufen vor uns auf die Straße, stehen am Straßenrand und lassen sich nicht stören. Wir haben so viele Fotos gemacht, dass wir einen ganzen Dia Abend mit Elefantenbildern gestalten könnten. Das war ein tolles Erlebnis.
