5. East London

Wir verlassen Sunland nach dem Frühstück. Gestern Abend haben wir bis weit nach Mitternacht mit unseren neuen Nachbarn Ina und Erik draußen zusammengesessen und erzählt. Das sympathische Paar aus Holland war schon 2017 in Südafrika unterwegs und weiß Geschichten aus Regionen zu erzählen, die wir noch besuchen wollen. Elefanten sind Eriks Lieblingstiere und er kann sich nichts Schöneres vorstellen, als diesen Tag gemeinsam mit seiner Frau im Addo Park zu verbringen.

Die R72 verläuft durch grünes Hügelland und erst im malerischen Kenton-on-Sea treffen wir wieder auf die Küste. Mittags erreichen wir Port Alfred an der Sunshine Coast und machen eine Pause. Der Kowie River teilt die Stadt in zwei Hälften, einen eher touristischen Teil und einen für die dauerhaft hier Lebenden. Hier parken wir und laufen ein paar Straßen entlang. Städte, in denen viele Schwarze wohnen, sind viel lebendiger. Vermutlich liegt es daran, dass die wenigsten ein Auto besitzen und daher so viele Fußgänger unterwegs sind. Die älteren Damen laufen nicht so leger herum wie ich, sie tragen hübsche Kleider und dekorative Kopfbedeckungen. Nur die jungen Frauen verzichten darauf und stylen ihre meist mit farbigen Strähnen auf Hüfthöhe verlängerten Haare zu fantasievollen Zopffrisuren. Von der Brücke aus haben wir einen Blick flussaufwärts und zur anderen Seite auf den Yachthafen, der an einer breiten Stelle des Kowie River liegt.

Auf der anderen Seite liegen die langen Sandstrände. Heute weht ein stürmischer Wind und peitscht den Sand schmerzhaft um die nackten Beine. Ideale Bedingungen für Surfer, die sich gleich zu mehreren in die Wellen stürzen. Hinter dem Lokal, in dem wir Pause machen, steht eine Hüpfburg. Was für ein Spaß für die Kinder, zumal sie am Ende der Rutsche in einem Wasserbecken landen. Am Rand des Parkplatzes verkauft ein Mann bunte Tiere, die aus auf Draht gefädelten kleinen Glasperlen gefertigt sind. Schon oft habe ich die Kunstfertigkeit bewundert, konnte mich jedoch nie zum Kauf entschließen, weil ich sie für zu fragil gehalten habe. Das sag ich auch dem Verkäufer, der das empört verneint. Als er mir dann eins in die Hand drückt, bin ich überzeugt, der hält einiges aus.

Und ab sofort reist ein kleiner Wiedehopf – hier heißt er Hupp-Hupp – mit uns. Den haben wir hier schon öfter in freier Natur gesehen.

Auf dem nächsten Teilstück überqueren wir mehrere Flüsse und bewundern das an zwei Mündungen liegende Städtchen Kleinemonde. So wasserreich haben wir uns Südafrika nicht vorgestellt. Am späten Nachmittag erreichen wir unsere Wohnung in East London. Gegenüber liegt ein Rummelplatz. Er ist von einem Zaun umgeben und das Betreten des Geländes kostet 10 Rand, das hält offenbar unerwünschte Besucher ab. Spätestens um 21 Uhr schließt er seine Tore.

Ein großer Supermarkt liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Praktisch für uns zum Einkaufen. Der Gegensatz zu unseren Supermärkten in der Vorweihnachtszeit ist deutlich. Zwar hängt hier auch ein wenig Dekoration herum, es gibt geschmückte Weihnachtsbäume (einer in pink hat es uns besonders angetan) und die Kassiererinnen tragen Haarreifen mit Geweih, roter Schleife oder Weihnachtsmützen, aber es gibt kein Weihnachtsgebäck, keine Schokolade in Weihnachtsmannform und es dudeln keine Weihnachtslieder. Hier sieht man allerorten den Grinch. Ein bekannter Schokoladenproduzent aus der Schweiz versucht hier europäische Bräuche wie den Adventskalender einzuführen, besonders erfolgreich scheint er nicht zu sein. Dafür stehen in den Gängen „Weihnachtseimer“ herum, eine Art Präsentkörbe. Im Fleischregal gibt es Weihnachtspackungen, die drei verschiedene Sorten Fleisch enthalten. Immer dabei ist ein gepökelter Schinken, der noch gekocht oder gegrillt werden muss. Wir werden schwach und kaufen Toilettenpapier in der Luxusausführung: ZWEILAGIG. Wenn man für die Einkäufe eine Tragetasche braucht, wird von der Kassiererin auch noch alles sorgfältig eingepackt. Als wir am 24.12. – hier ein ganz normaler Tag mit üblichen Öffnungszeiten – einkaufen gehen, wünscht niemand „Frohe Weihnachten“.

Bis zum Meer sind es 500 Meter. An einem der Tage hier laufen wir dort hin, obwohl das wegen fehlender Bürgersteige meist kein Vergnügen ist. Dafür entschädigt ein mehrere hundert Meter langer – von einer Supermarktkette finanzierter – Holzsteg, der auf Stelzen am Strand errichtet worden ist. Von hier aus kann man den Menschen am Wasser zusehen. Im Abstand von 50 Metern sind zwei Fahnen in den Sand gesteckt worden und nur in diesem Bereich überwachen ein paar Rettungsschwimmer die Badenden. Ständig ertönt eine Trillerpfeife, wenn sich wieder jemand zu weit ins Wasser gewagt hat.

Die nächsten Tage sind nass. Die Regenzeit in Südafrika fällt in den hiesigen Sommer. In unserer hellen, luftigen Wohnung können wir es gut aushalten, zumal längeres Laufen momentan sowieso nicht auf unserem Tagesplan steht. Wir fahren in die Innenstadt von East London, wollen Kaffee trinken gehen, aber da ist nichts zu finden. Der Busbahnhof ist in der Nähe, es gibt viel Verfall und viel Schmutz.

Bestimmt gibt es auch schönere Ecken, aber die muss man erstmal kennen. Klaus findet im Internet ein Café am Strand. Dafür müssen wir an einem Kontrollposten anhalten und Rede und Antwort stehen, weil wir in ein Naturschutzgebiet fahren. Als wir dort ankommen, winken die schwarzen Arbeiter ab, das Gebäude wird renoviert.

Aber die Bucht allein hat schon die Fahrt gelohnt. Auf dem Rückweg fahren wir noch ins „Chinahaus“. Autos drängen in und aus dem Parkplatz, ein Gewimmel wie zuhause in der Vorweihnachtszeit. In dem ehemaligen Lagerhaus gibt es an die 100 Shops und in diesen die unglaublichsten Dinge aus fernnöstlicher Produktion. Klaus sucht ein Spezialöl für meine Kamera. Auf seine Frage nennt ihm ein Verkäufer in irgendeinem Laden Shop 15. Ich frage nach Wolle und erhalte als Antwort: „Shop 9.“ Woher wissen die Leute das? Wir finden beide nicht das Gesuchte, hatten aber unseren Spaß. Stricknadeln für die in Kapstadt gekaufte Sockenwolle finde ich dann doch noch in einem Wollgeschäft. Die Stricknadeln sind spottbillig, die hier angebotene Wolle ist uninteressant, sie besteht fast nur aus Acryl. Stricken ist ein seltenes Hobby, lediglich für wohltätige Zwecke wird gehandarbeitet, erfahren wir.

Der erste Weihnachtstag präsentiert strahlenden Sonnenschein. Wie viele andere Menschen sind wir am Strand. Man trifft sich mit Freunden, die Kinder spielen im Sand und später wird gemeinsam gegrillt, und wenn die Kinder Glück haben, dürfen sie noch auf den Rummelplatz. Vom Küchenfenster sehen wir etliche, die vor Aufregung und Vorfreude quietschen.

Am 26.12. brechen wir von East London auf in Richtung Durban. Zehn Stunden Fahrzeit sind für die Strecke angegeben. Zu lange, da übernachten wir lieber unterwegs. Das Strandcafé ist rappelvoll, wir entschließen uns, unterwegs zu frühstücken und fahren ins Landesinnere, wo wir wieder auf die bekannte N2 stoßen. Viel Grün, große Viehherden und jede Menge Häuser und Hütten, willkürlich verteilt, als hätte ein Kind mit Bauklötzchen um sich geworfen. Die Häuser der schwarzen Bewohner orientieren sich häufig an den früher üblichen runden Lehmhütten. Doch gemauert sind sie sechseckig. Und wenn es den Bewohnern finanziell etwas besser geht, haben sie noch einen von drei Säulen gestützten Vorbau.

Als Autofahrer muss man hochkonzentriert sein, weil sich immer mal wieder Rind, Schaf oder Ziege entschließen, auf die andere Straßenseite zu wechseln. So geht eine Vollbremsung auch immer mit einem Griff zur Warnblinkanlage einher.

Als wir Butterworth erreichen, knurrt uns der Magen. Wir halten an und machen uns auf die Suche nach einem Lokal, erst in die eine, dann in die entgegengesetzte Richtung. Die Stadt ist schmuddelig und vernachlässigt aber voller Leben. Unter dem Reklameschild vom „Hungry Lion“ ist ein Gemischtwarenladen, das Café hat geschlossen. Ein junger Schwarzer spricht uns an und schickt uns zur Niederlassung einer Fastfoodkette, die ich nie wieder betreten wollte, aber wenn man Hunger hat gelten andere Regeln. Gut gekleidete Menschen sitzen hier und essen oder warten auf ihre Bestellung. Kaffee gibt es hier nicht, wir bestellen einen Burger mit Hähnchenfleisch und irgendein Kaltgetränk, zu süß um es zu trinken. Wir sind anscheinend im Lokal und der ganzen Stadt die einzigen Weißen. Überall Menschen mit dunkler Hautfarbe. Man bekommt eine leise Ahnung, wie sich ein Farbiger bei uns fühlt, obwohl der Vergleich hinkt. Niemand schaut uns feindselig oder missbilligend an, ganz im Gegenteil, wohin wir auch schauen, wir sehen in den Blicken der Menschen nur Interesse und Freundlichkeit.

Je weiter wir nach Osten fahren, desto tollkühner werden die Autofahrer; überholen vor scharfen Kurven, bei absolutem Überholverbot und kurz vor der immer wieder angekündigten Überholspur, die sich mal auf der linken, dann wieder auf der rechten Seite befindet. Mit der dunkleren Hautfarbe der Fahrer ändern sich auch die Farben der Autos. Es wird bunter, das kann uns nur recht sein. Es ist nicht einfach, unter Hunderten weißen Fahrzeugen das eigene wiederzufinden.

Kurz vor Mthatha müssen tanken. Eine Warteschlange hat sich vor den vielen Zapfsäulen gebildet. Wundert mich nicht, denn wenn die Pumpe abschaltet, tröpfelt der Tankwart den verbleibenden Hohlraum noch randvoll, das dauert. Hier zahlen wir den bisher höchsten Preis, 211 Rand (1,079 €) für einen Liter Benzin, Diesel ist etwas teurer.

Kurz hinter der Stadt wird der Himmel dunkler, Wolken türmen sich auf und wir nähern uns einer Gewitterfront. Plötzlich entlädt sich ein Wolkenbruch, und als wir Mount Frere erreichen, strömt links und rechts der Straße ein kleiner Bach bergab. Beim Überspringen verliert ein Mann einen Schuh, und noch ehe er sich bücken kann, ist der schon zwanzig Meter weiter. Wir würden uns nicht wundern, wenn der uns noch überholt.

Als wir gegen Abend Kokstadt erreichen, ist das Unwetter zwar vorbei, aber die abgerissenen Äste auf der Straße zeigen, dass es auch hier heftig gewesen sein muss. Im Hotel sind wir die einzigen Gäste, ein Angestellter hat auf uns gewartet und tut es auch weiterhin, als wir nochmal in die Stadt fahren, um etwas zu essen. Die drei angefahrenen Lokale haben geschlossen und so landen wir zum zweiten Mal an diesem Tag in einem Fastfood-Laden, dieses Mal mit dem goldenen M. „Wir möchten das Weihnachtsmenü,“ sage ich zu der jungen Frau. Der ist das ziemlich unangenehm, „sorry Maam, we don’t have, only normal food,“ stammelt sie und dann lachen wir alle drei.

Als wir zurück im Hotel sind, hat auch der junge Mann Feierabend. Er schließt die Tür und das eiserne Eingangstor und wir sind allein. Ein leichtes Gefühl von „Shining“ beschleicht mich, zum Glück habe ich einen starken Mann an meiner Seite.

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