Durch eine Modelleisenbahnlandschaft geht es am Morgen zurück Richtung Küste.

In Port Shepstone wollen wir Mittagspause machen. In der Innenstadt ein einziges Gewimmel, es ist Markttag. Menschen und Autos laufen und fahren kreuz und quer, ohne auf den Verkehr zu achten. Ich bemühe mich, unser Auto schnell aus diesem Knäuel herauszumanövrieren und wir fahren auf dem schnellsten Weg zurück auf die N2. Ein paar Kekse ersetzen den Mittagsimbiss.
An der Wild Coast in der Provinz KwaZulu-Natal (der Gartenprovinz) reihen sich die Urlaubsorte aneinander, hin und wieder erhaschen wir einen Blick aufs Meer. Die Straße ist vierspurig mit einem breiten grünen Mittelstreifen, der auf manche Kühe eine magische Wirkung hat, genau da wollen sie grasen. Etliche Menschen benutzen den Standstreifen als Fußweg.
Einige Zeit später erreichen wir den Stadtrand von Durban, mittlerweile zweitgrößte Stadt des Landes. Die Stadt mit ihren verschiedenen Baustilen und Alleen wirkt einladend.


Wir müssen noch weiter. Vorbei am Moses Mabhida Stadion, das für die Fußballweltmeisterschaft 2010 erbaut wurde, Platz für 70.000 Zuschauer hat und wie ein riesiger Henkelkorb aussieht. In Durban North haben wir für eine Woche eine Unterkunft. Für 15 Uhr sind wir angemeldet, und weil wir noch Zeit haben, fahren wir in ein Einkaufszentrum in der Nähe. Pick ’n Pay hat hier einen „Hypermarkt“ und wir verbummeln nach einem Cafébesuch hier die Zwischenzeit. Unglaublich die Größe des Marktes, 35 Kassen reihen sich aneinander und 80 % sind besetzt. Hier gibt es nicht nur Quengelware an den Kassen, eine Spielecke in rosa ist schon darauf ausgerichtet, Wünsche bei kleinen Mädchen zu wecken. Damit wird schon der Grundstein für spätere Kaufräusche gelegt. Für Jungen stehen in den Gängen ganz unauffällig Fahrzeuge herum, die an Ort und Stelle ausprobiert werden können und sollen.


Nach fünf Minuten Fahrt kommen wir bei unserer Wohnung an. Sie liegt in einem wunderbar grünen Villenviertel. Die Wohnung selbst kann mit der Umgebung nicht mithalten. Liegt vermutlich daran, dass die Besitzerin in Kapstadt lebt und sich andere Menschen um Ausstattung und Instandhaltung kümmern. Uns entschädigt der Pool, der drei Meter von unserer Eingangstür entfernt ist. Wir haben schon schlechter gewohnt. Im Haupthaus wohnt derzeit die Freundin der Besitzerin, eine freundliche schwarze Krankenschwester. Sie warnt uns gleich, dass sie eine Silvesterparty feiert und dass es laut werden könnte. Kein Problem für uns, wir gehen ja nicht mit den Hühnern ins Bett. Laut ist auf jeden Fall ihr kleiner Hund, ein Morkie (Mischling aus Yorkshire und Malteser). Der müsste abends heiser sein, denn mindestens einmal täglich läuft eine Gruppe grüner Meerkatzen durch den Garten und der Hund flippt aus. Die Affen lassen sich davon in keiner Weise stören, sie laufen auf der Grundstücksmauer entlang, springen in die Palmen, machen es sich gemütlich und fressen in aller Ruhe die sorgfältig ausgewählten reifen Früchte.




In den nächsten Tagen erkunden wir die nähere Umgebung, immer mit dem Auto, ich sage nur: „Knie.“ Es gibt viele nette Lokale, gute Geschäfte, traumhaft schöne Häuser, und die Vegetation versetzt uns immer wieder in Begeisterung. Gerade beginnen die Flamboyant-Bäume zu blühen und das intensive Rot sieht man schon von weitem leuchten. Laut einer Erhebung soll Durban die grünste Stadt der Welt sein, aber um diesen Ruf streiten sich noch ein paar andere Kandidaten.
Strände gibt es in und um Durban mehr als genug, doch vor den populären Stränden der Innenstadt sind wir gewarnt worden. In den Sommerferien werden die Touristen busweise herangekarrt, sie bringen Alkohol mit und der begünstigt Pöbeleien und Streitereien. Laut Wikipedia ist „Golden Mile“ eine Haupttouristenattraktion. An diesem Strandabschnitt mit goldenem Sand sollen die Hauptaktivitäten „Schwimmen, Surfen, Ertrinken und Angeln“ sein. Das wollen wir gar nicht erst ausprobieren.
Wir besuchen einen der Strände nördlich der Stadt, das Meer rollt in hohen Wellen an den Strand und hat den Sand zu einer Barriere aufgeschoben. Ein Pärchen hat sich hier niedergelassen und den Platz ringsherum mit vielen leeren Bierflaschen dekoriert. An den meisten Stränden herrscht Alkoholverbot, kontrolliert wird das jedoch kaum.
Die Altstadt von Durban, macht einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Das erste Parkhaus, das wir ansteuern, ist wegen Baufälligkeit geschlossen. Das zweite wirkt nicht viel vertrauenerweckender, aber wo wir schon mal drin sind, bleiben wir auch. Die anderen – ausnahmslos schwarzen Besucher – werfen uns erstaunte Blicke zu. Das setzt sich auf der Straße fort. Durch einen schmalen Durchgang, in dem unter offenen Zeltlingen frisiert und pedikürt wird, laufen wir zur West Street, die dicht an dicht mit Weihnachtsdekoration überspannt ist.





Viele Menschen sind unterwegs und besuchen die zahlreichen Geschäfte und Restaurants. Etliche Frauen reizen das Schönheitsideal – gut gepolsterte Hintern – bis zum geht nicht mehr aus. Wo findet Frau bloß die passenden Hosen?
In der Hitze laufen wir weiter zur City Hall, einem der Prachtbauten Alt-Durbans, ehemals Rathaus – jetzt Museum. Davor eine kleine Grünfläche – und glücklicherweise öffentliche Toiletten. Nach ein paar Minuten treffen wir uns unverrichteter Dinge wieder auf der Straße. Von 10 Toiletten sind 6 gesperrt, drei lassen sich nicht abschließen die letzte – naja. Klaus hat ähnliche Erfahrungen gemacht, nur dass man ihm noch ein eindeutiges Angebot gemacht hat, das er nicht annehmen wollte.




Gegenüber liegt die prächtige Central Post, ein Stück weiter die Workshop Mall (ehemalige Eisenbahnwerkstätten), heute ein klimatisiertes Einkaufszentrum und gegenüber der alte Bahnhof von 1898. Während der Apartheid ist er umgebaut worden, separate Wartehallen und Gleise garantierten die Trennung der Rassen. Heute hat die Touristeninformation hier ihren Sitz. Das Gebäude bietet ein Kuriosum: Das Dach ist so konstruiert, dass es eine 5 Meter dicke Schneedecke tragen kann. Warum? Das Londoner Architektenbüro hatte seinerzeit die für Toronto entwickelten Baupläne nach Durban geschickt. Ob der Bahnhof in Toronto irgendwann eingestürzt ist, weil das Dach die Schneelast nicht tragen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.
Eigentlich wollten wir noch den Hafen besuchen, den viertgrößten der Südhalbkugel. Was von hier aus in alle Welt verschifft wird, ist beeindruckend: bis zu 480.000 Autos pro Jahr, Kohle, Öl, Früchte, Holz, Fisch, Zucker. Die Liste ist nicht vollständig. Ganze 58 Piers ragen ins Meer, und natürlich legen hier auch Kreuzfahrtschiffe an. Wahnsinnig interessant, aber es ist so heiß, dass man es kaum aushalten kann. Deshalb fahren wir zurück in unsere klimatisierte Wohnung. Die Regenschauer, die in dieser Woche häufig fallen, bringen keine Abkühlung.


Silvester, den ganzen Nachmittag toben die Kinder, die im Haupthaus zu Besuch sind, im Pool. Es wird geplanscht, gequietscht und gelacht. Abends um 20 Uhr, als die Party losgeht, hören wir NICHTS. Keine Stimmen, keine Musik, kein Lachen. Erst Punkt Mitternacht treten einige der Gäste auf den Balkon. Wir wünschen uns gegenseitig ein Happy New Year. Dann ist oben wieder Totenstille. Da kennen wir aber andere Silvesterfeiern. Wir stehen mit unseren Sektgläsern draußen und bewundern das von der Stadt Durban am Strand gezündete Feuerwerk. Gut 15 Minuten lang steigen die Raketen in den Himmel und lassen Fontänen in allen Farben erglühen. Danach versucht ein Nachbar, die Veranstaltung zu überbieten. Feuerwerk ist Privatleuten zwar verboten, aber kontrolliert wird das kaum.
Wir fahren die Straße am Meer entlang in nördlicher Richtung und kommen nach uMhlanga, einer erst 2000 gegründeten Stadt, die sich von einem kleinen Urlaubsort zu einem florierenden Geschäftszentrum entwickelt hat. Dass hier Geld vorhanden ist, merken wir beim Besuch eines Restaurants, in dem wir die einzigen weißen Gäste sind. Hier treffen wir auf einen schwarzen Mittelstand, die Menschen sind sehr modisch gekleidet, die Frauen toll zurechtgemacht und alle machen einen äußerst selbstbewussten Eindruck. Man hat Geld und zeigt das auch. Im hochmodernen Einkaufszentrum im neuen Stadtteil gibt es einen Shop, in dem Wohnungen im Doppelhochhaus verkauft werden, ab 290.000 Rand (ca. 15.000 €) wird man glücklicher Besitzer.

Morgen geht es weiter, wir werden frühstücken gehen, unsere Wäsche aus der Wäscherei holen und auf der N2 weiter Richtung Nordost fahren.
