Punkt 10 Uhr stehen wir vor der Wäscherei „Wishy Washy“, die Mitarbeiterin schüttelt den Kopf, die Wäsche ist noch nicht fertig. Na gut, gehen wir frühstücken und kommen nochmal wieder. Jetzt ist die Besitzerin, eine Inderin wie in den meisten Waschsalons, da und bittet noch um 5 Minuten Zeit. Dann bekommen wir ein fast heißes Paket in die Hand gedrückt und noch eine Entschuldigung dazu.
Wieder unterwegs auf der N2 in sattgrüner Landschaft. An diesem Samstag sind deutlich mehr Fahrzeuge unterwegs als sonst. Die Sommerferien neigen sich dem Ende entgegen und viele Familien kehren aus dem Urlaub zurück. Ich weiß ja nicht, ob es in Südafrika Verkehrsfunk gibt, aber nach allem was wir bisher gesehen haben, könnten die Sender wegen ständiger Warnmeldungen gar keine Musik spielen. Menschen und Tiere befinden sich ständig auf der Fahrbahn. Dieses Mal sind am Rand der Straße auch noch jede Menge Verkaufsstände aufgebaut, Mangos und Ananas sind reif.
Die Straße führt kilometerlang durch Zuckerrohrfelder. Je näher wir Richards Bay kommen, umso mehr schwer beladene LKW müssen wir überholen. Nachdem die große Lagune 1976 zum zweitgrößten Tiefseehafen den Welt ausgebaut, und sowohl eine Eisenbahnlinie als auch Öl- und Gas- Pipeline bis zum Hafen verlegt worden waren, mutierte die Stadt für lange Zeit zum weltgrößten Kohleexporteur, inzwischen hat die australische Stadt Newcastle diesen Platz erobert. Doch noch immer wird von hier Kohle verschifft, und knapp 4 Millionen Tonnen gelangen pro Jahr nach Deutschland. Der Transport zum Hafen läuft längst nicht mehr über die Schiene. Zahlreiche Sabotageakte haben die Strecke nach und nach unpassierbar gemacht. Das soll auf das Konto der LKW-Lobby gehen. Kohle ist längst nicht alles, Aluminium aus den von weitem sichtbaren Hüttenwerken und viele andere Güter verlassen von hier aus das Land.
Bei der Weiterfahrt fallen uns etliche Langholztransporter auf. Kurze Zeit später fahren wir kilometerlang durch sterile Plantagenwäldern aus Eukalyptus, die zur Straße mit Elektrozäunen begrenzt sind, falls sich doch mal ein wildes Tier durch die Stämme wagt. Die Bäume sind hoch, gerade und in perfektem Abstand gepflanzt. Wir fahren durch ein paar Ansiedlungen. Vor und hinter der Straße, die in die Ortsmitte führt, sind im Abstand von ein paar Metern vier bis fünf Bodenschwellen angebracht, jede bestimmt 20 Zentimeter hoch. Oben drauf ist ein Zebrastreifen gemalt. Warum solch ein Nest so viele Fußgängerüberwege braucht, wissen wahrscheinlich nicht mal die Straßenplaner. Diese Autoschikanen gibt es natürlich nicht nur hier, wir haben schon hunderte überquert.
Endlich kommt Santa Lucia in Sicht, nur noch über die Brücke, dann sind wir in dem unerwartet lebendigen Ort. Ganz am Ende finden wir unsere gebuchte Lodge. André, der Besitzer führt uns zuerst durch den herrlichen Garten. Er ist stolz darauf, als Einziger der Anlieger keine Abgrenzung zum Fluss zu haben. Deshalb marschieren des Nachts immer mal wieder Flusspferde durch seinen Garten. Er deutet auf einen Busch, den ein Bulle als sein Revier markiert hat. „Dreht dem Weg nicht den Rücken zu wenn ihr draußen sitzt,“ mahnt er, „und wenn ein Hippo kommt, dann schnell hinter den Bungalow.“ Der kreisrunde Bungalow hat gut 25 m² Wohnfläche und einen lauschigen Sitzplatz mit Grill daneben. Alles ist sehr gepflegt. „Das mache ich selbst,“ erklärt der etwa 60jährige stolz. Er putzt, spült, macht die Betten und kümmert sich liebevoll um seinen paradiesischen Garten. „Hoffentlich habt ihr was zur Unterhaltung dabei, die nächsten Tag gibt es Regen,“ sagt André. Da muss er sich nicht sorgen, wir werden uns bestimmt nicht langweilen.
Die Fleischtheke im Supermarkt bietet ein ungewohntes Bild. Gleichmäßig dicke Scheiben liegen hinter Glas, es sieht aus, als sei das gefrorene Tier im Ganzen wie ein Toastbrot quer aufgeschnitten worden. Gegenüber ist der Obstmarkt, mit einer großen Tüte reifer Ananas und Mangos kehren wir zurück.
Am nächsten Tag bleibt es noch trocken, das nutzen wir für einen Ausflug in den iSimangaliso-Nationalpark, ein Feuchtgebiet. Gleich beim ersten Abzweig von der asphaltierten Straße sehen wir in einem Seitenarm Nasen und Ohren von bestimmt fünfzehn Flusspferden. Was für ein Glück. Durch die vielen Aussichtspunkte brauchen wir Stunden, bis wir am Ende das Cape Vidal erreichen, obwohl es nur 30 Kilometer entfernt ist. Auf dem Parkplatz reihen sich die Pick-ups aneinander. Wir sind direkt am Meer, hier wird gern gebadet und vor allem geangelt. An der Fischsäuberungsstation werden gerade mehrere fast einen Meter lange Fische filetiert und entweder auf den Braai (Grill) oder in die Kühltasche gelegt. So sieht ein perfekter Tag für Südafrikaner aus.









Wie angekündigt regnet es am nächsten Tag. Es regnet in der Nacht und auch noch am übernächsten Tag. Danach gibt es zwischendrin immer wieder trockene Stunden. Doch draußen sitzen ist unmöglich, Mücken versuchen uns auszusaugen. Deshalb verpassen wir auch die Hippos, falls sie denn durch den Garten stampfen. Wenigstens ein Warzenschwein mit Warzenferkel hat seinen Auftritt im Garten. Und ein Rotringtoko hat sich unsern Baum auf der Terrasse als Schlafplatz erkoren und kommt zuverlässig jeden Abend. Und morgens kreischen uns die Hagedasch – eine Ibisart – wach.

Unser Gastgeber begleitet mich zu der von einer guten Bekannten geführten Wechselstube, wo ich Rand in US$ umtauschen kann. Die brauchen wir, um unsere Visa für Simbabwe und Tansania zu bezahlen. Ich bin erleichtert, als ich die 300 Dollar im Portemonnaie verstaut habe.
Seit dem Wochenende sind merklich weniger Touristen in der Stadt. Wir fahren zum Estuary boardwalk. Kurz vorher ist quer über die Straße eine Kette gespannt, Autofahrer werden kontrolliert, ob sie Alkohol dabei haben. Uns glaubt man das, ohne dass wir den Kofferraum öffnen müssen. Am Parkplatz sind einige Souvenirstände aufgebaut, aber niemand bedrängt uns, etwas zu kaufen. Der Plankenweg durch das Naturschutzgebiet ist gut 1000 Meter lang und führt in unterschiedlicher Höhe durch den Wald. An einer Ausbuchtung steht eine japanische Touristengruppe, alle haben Fotoapparate mit riesigen Objektiven aufgebaut und versuchen den einen Webervogel abzulichten, der im Schilf beim Hausbau ist. Als wir weiterlaufen, flüchten die Krabben auf den Holzplanken in alle Richtungen. Es ist verboten, den Steg zu verlassen, hier ist Krokodilgebiet. An einer Stelle ist der Weg allerdings abgesenkt und wir müssen durchs Wasser laufen. Diese Stelle ist für die Flusspferde, damit sie auf die andere Seite kommen. Andernfalls würden sie Gewalt anwenden. Hoffentlich kennen die Krokodile diese Stelle nicht. Am Ende beginnt der Strand, aber da müssen noch ein paar Dünen überquert werden, bevor das Meer erreicht wird.



Abends gehen wir zum Essen aus. Wir bestellen eine Fischplatte und sind begeistert. Unser Gastgeber hat uns das Lokal empfohlen, weil der Besitzer eine der raren Fischereilizenzen besitzt. Bevor wir gehen, erkundigt sich der Kellner noch bei seinen Kollegen, ob es draußen ungefährlich sei. Immer wieder laufen Flusspferde durch die Straßen der Stadt, dann heißt es für die Menschen: Drinnen bleiben. Gerade in der vorigen Woche hat ein Tourist aus dem Ausland die Warnung nicht ernst genommen und hat sich einem Tier für das perfekte Foto genähert. Das hat ihn kurzerhand umgeschmissen, er kann von Glück sagen, dass er mit ein paar Prellungen davon gekommen ist.
Am letzten Tag machen wir noch eine Bootstour auf den Santa-Lucia-Lake. Wir laufen zur Anlegestelle und erfahren, dass das Boot wegen Hochwasser heute jenseits der Brücke ablegt, wir schaffen es gerade so. Während der Fahrt erzählt uns der Kapitän alles über die Hauptattraktion – die Flusspferde. Die so tapsig wirkenden Tiere sind ziemlich gefährlich, jedes Jahr kommen durch sie ca. 500 Menschen ums Leben, Löwen und Elefanten schaffen je nur ein Fünftel davon. Tagsüber halten sie sich im Wasser auf, weil ihre Haut so empfindlich ist, dass sie Sonnenbrand bekommen. Dabei können sie gar nicht schwimmen, sie müssen immer Grund unter den Füßen haben. Die männlichen Tiere werden bis zu 3,50 Meter lang, 1,70 Meter hoch und wiegen bis zu 2 Tonnen. Die Weib(chen) sind etwas kleiner und leichter. Trotz dieser Masse können die Tiere bis zu 40 km/h Geschwindigkeit erreichen. „Nicht mal Usain Bolt könnte ihnen davonrennen,“ erklärt der Kapitän. Pro Tag vertilgen sie 40 kg Gras und laufen bei der Futtersuche bis zu 10 km weit. Und dann kommen wir an die Stelle, wo ein paar von ihnen im Wasser stehen. Alle zücken ihre Handys oder Kameras, für die meisten ist dann die weitere Fahrt uninteressant. Allenfalls ein Krokodil kann ihre Aufmerksamkeit kurz vom Smartphone ablenken.



Die Verabschiedung von André ist überaus herzlich, wie von einem lieben Freund.
