Phnom Penh (Kambodscha) 

Bereits um 5.45 Uhr stehen wir mit unserem Gepäck auf der Straße und warten auf den Bus. Als unsere Koffer hinten eingeladen werden, liegen dort bereits ein paar Säcke mit Reis. Das bleibt nicht das Einzige, was außer den Passagieren in die Hauptstadt transportiert wird. Der Fahrer sammelt Menschen und ihre Lasten (Holzkohle, Gemüse, Kartons, Reis, Zuckerrohr) während einer Runde durch Kratie ein und biegt dann auf die Hauptstraße ein. Bald geht die Sonne über den Reisfeldern auf und beleuchtet das frische Grün. Alle möglichen Fahrzeuge fahren in dieselbe Richtung wie wir, beladen mit Melonen und anderen Ernteerzeugnissen. Manche Mopeds haben einen geschweißten Beiwagen, an dessen Gestänge unzählige Tüten mit Essen hängen.

Nach zwei Stunden gibt es eine Frühstückspause, und gegen 11 Uhr kommt Phnom Penh (2,3 Mill. Ew.) in Sicht. Auf den ersten Blick kennen wir die Stadt, in der wir vor fünf Jahren schon einmal waren, nicht wieder. Was hier alles neu entstanden ist, kann man kaum glauben. Großzügig angelegte Wohnanlagen, Hochhäuser, breite Straßen, ein völlig neues Stadtviertel im am Westufer des Mekong entstanden. Mit aus dem Mekong gebaggerten Sand sind die Feuchtgebiete zugeschüttet worden, um neuen Baugrund zu erschließen. Die Menschen, die vorher am und vom Wasser gelebt haben, indem sie Wasserspinat geerntet und Fische gefangen haben, sind vertrieben worden. Das Geld für diesen gigantischen Umbau kommt aus China. 

Erst als der Bus am Ziel ankommt, das direkt neben der Art-Deco Markthalle liegt, kennen wir uns wieder aus. Wir wohnen nur ein paar hundert Meter entfernt, stellen unsere Koffer ins Zimmer und laufen direkt wieder los zum Fotogeschäft. Das hat am heutigen Sonntag bis 13 Uhr geöffnet und wir können noch die Kamera abgeben. Schon am Nachmittag wird uns per SMS mitgeteilt, dass eine Reparatur erfolgversprechend ist, 45 $ kostet und am nächsten Nachmittag beendet sein wird. 

Abends gehen wir in ein chinesisches Lokal. Bei so vielen Gerichten auf der Speisekarte fällt uns die Entscheidung schwer. Während wir unschlüssig blättern, bekommen wir Tee, geröstete Erdnüsse und Porzellangeschirr hingestellt. Die Gerichte kosten ab 5 US$, das ist mindestens doppelt so teuer wie in Laos, aber wir sind überaus zufrieden. Ähnlichkeiten mit chinesischen Restaurants in Deutschland sind vermutlich nicht beabsichtigt. 

Am Montag laufen wir durch eine gepflegte Grünanlage vorbei an neuen Hochhäusern, der amerikanischen Botschaft und schönen Hotels zum Wat Phnom, einem Stupa auf künstlichem Hügel. Um den Hügel herum liegt ein Park. Wir sitzen eine Weile auf einer Bank im Schatten und beobachten die Menschen. Viele laufen in gebückter Haltung an uns vorbei (Ehrfurcht vor dem Alter) und kaum ein Kind geht an uns vorbei, ohne zu grüßen oder zu winken. Dann laufen wir die von siebenköpfigen Kobras bewachten Treppen hinauf zum Tempel. Die hölzernen Wände sind mit Szenen aus Buddhas Leben kunstvoll bemalt und vermitteln das Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Ständig bringen Gläubige neue Opfergaben. Wat Phnom ist der wichtigste Tempel der Stadt.  

Wir laufen weiter zum Tonle Sap, dem Fluss, der den gleichnamigen See speist und der sich hier mit dem Mekong vereint. Das Hotel am Ende der Landzunge zwischen beiden Wasserläufen war bei unserem letzten Besuch noch im Bau.

Die Schiffe, die flussaufwärts fahren, kommen kaum von der Stelle und auch diejenigen, die in anderer Richtung unterwegs sind, haben Schwierigkeiten den Kurs in der starken Strömung zu halten. Auf der Promenade gibt es wenig Schatten, trotzdem sind viele Menschen unterwegs. Diejenigen die Zeit haben sitzen auf den Bänken, die anderen versuchen, ihnen etwas zu verkaufen. 

In einer Grünanlage ist schon alles für das chinesische Neujahrsfest vorbereitet. Rote Seidenlampions bilden Kegel und mehrere gigantische goldene Hasen stehen und sitzen bereit, um das Neue Jahr, das unter ihrer Obhut steht, willkommen zu heißen.  

Wir sind pünktlich am Fotogeschäft, aber die Kamera ist doch noch nicht fertig. Im Inneren ist mehr Staub, als es vorher den Anschein hatte. Den Mitarbeitern ist das unsagbar peinlich, aber ich hatte mich sowieso auf mehrere Tage eingestellt und versichere mehrfach, dass es kein Problem sei. Schon am nächsten Morgen kommt die Nachricht, dass die Reparatur erfolgreich ausgeführt worden ist. Wir machen uns gleich auf den Weg, kürzen die Strecke durch die Markthalle ab und sehen gerade, wie Stangeneis angeliefert wird. Eine Metallschiene führt vom Lieferwagen auf den Boden der Halle, der ein Stück weit von einer Plane bedeckt ist. Mit Schwung glitschen die ca. 1,20 Meter langen Eisstangen über Plane und nackten Boden bis zu einem Stand, wo sie mit einer Säge zerteilt und weiter zerkleinert werden, bevor sie in mehrere Gefriertruhen landen. Hoffentlich sollen sie nicht irgendwelche Getränke kühlen.  

Die Kamera ist fertig, ich mache gleich im Geschäft ein paar Bilder und bin sehr froh, dass alles funktioniert 

Mit der Kamera in der Hand geht es gleich weiter, Richtung Königspalast. Es ist eine große Anlage, ein Teil des Palastes kann besichtigt werden, der andere bleibt unzugänglich, seine Majestät legt verständlicherweise Wert auf Privatsphäre. König Sihamoni ist ein Feingeist, der seine Schulbildung in Europa erworben hat. Er hat Ballett getanzt und während der Zeit als sein Land von einem mordenden Diktator beherrscht worden ist als Lehrer in Paris gearbeitet. Seit 2004 ist er wieder als König eingesetzt.  Das vordere Gebäude ist schon festlich geschmückt, eine elektrische Wunderkerze gaukelt Funken vor. Die blitzsaubere Straße ist abgesperrt, und die Menschen sitzen auf den Bürgersteigen und schauen sich das Gebäude von außen an. Der Eintrittspreis von 10 US$ ist für die meisten wohl unerschwinglich. 

Auf dem Rückweg landen wir im Rotlichtviertel, wo die Frauen beisammensitzen und auf Kundschaft warten. Unbehelligt laufen wir durch die Straße. Ein Stück weiter setzen wir uns in ein Lokal und werden mit überschwänglicher Höflichkeit bedient. Der Tintenfisch mit frischem Kampotpfeffer ist schmeckt unglaublich gut.  

Vor einigen Läden wird jetzt abends noch der Bürgersteig geschrubbt, das Ladenschild poliert, aufgeräumt und alles mit roten Lampions und Bändern dekoriert. Alles für das kommende Neue Jahr.

Kampot (Kambodscha) 

Als wir aus unserem Hotel auschecken, will ich Klaus noch auf einem der geschnitzten Prunksessel fotografieren. Aber oh Schreck, auf dem Display erscheint alles rotgestreift. Eigentlich müssten wir sofort wieder zum Fotogeschäft laufen, aber die Busfahrkarten sind gekauft und das nächste Hotel ist auch bereits gebucht. Pünktlich um 9.15 Uhr sind wir am Busbahnhof, wo wir schon von einem Tuk Tuk und einem anderen Fahrgast erwartet werden. Das verspricht spannend zu werden, aber solche Dinge bringen hier niemanden aus der Ruhe. Das Tuk Tuk hat einen Dachgepäckträger, auf den kommen die Koffer, die Rucksäcke verschwinden hinter der Rückbank, Klaus und der andere Tourist sitzen auf der Rückbank und ich habe den Vorzug, direkt neben dem Fahrer zu sitzen. Zwar nur 5 Minuten lang, dann sind wir beim Minibus angelangt, aber das wollte ich schon längst mal ausprobieren. Nachdem alle Fahrgäste eingetrudelt sind, geht es Richtung Südwesten los. Es dauert, bis wir aus der Hauptstadt heraus sind, aber dann läuft es. Unterwegs finde ich heraus, dass auch in Sihanoukville ein Fotogeschäft mit Reparaturservice ist, eine Erleichterung.  Vier Stunden später erreichen wir  Kampot. Auch in dieser Stadt sind wir auf unserer ersten Reise schon gewesen und ich bin gespannt, ob wir noch etwas wiedererkennen. Der Kreisel mit der riesigen Durianfrucht in der Mitte ist zumindest unverändert.  

Nachdem wir uns eingerichtet haben, packen wir unsere Schmutzwäsche zusammen und laufen zum Zentrum. Die Promenade, die ich in so angenehmer Erinnerung habe, ist von einem Bauzaun versperrt, sie wird neu gepflastert. Auf dem Bürgersteig ist mal wieder alles mit Garküchen und Autos oder Mopeds zugestellt, bleibt für uns nur die Straße. Und hier findet sich ein Stück weiter ein merkwürdiges Hindernis. Ein weißes Zelt – umgeben von Edelstahlgeländern – nimmt die Hälfte der Straße ein, hier wird später eine Hochzeit gefeiert. Während der Fahrt sind wir an einigen dieser Zelte vorbeigekommen. Und was machen die Autofahrer? Nichts! Geduldig passieren sie die Engstelle in beide Richtungen, nicht einmal wird die Hupe eingesetzt.  

Im Zentrum mit den französischen Häuserzeilen kommt mir keins der Lokale oder Geschäfte bekannt vor. Bestimmt mussten viele wegen der umsatzarmen Zeit in der Coronapandemie aufgeben und jetzt versuchen andere hier ihr Glück. Diese Stadt ist schon seit Jahren ein beliebter Wohnort für Menschen aus Europa oder Australien, deren Rente in der Heimat nicht zum Leben reicht. Während wir beim letzten Mal ausschließlich Männer gesehen haben, begegnen uns jetzt auch mehrere Paare. Sie nicken uns freundlich zu, ob sie in uns neue Gemeindemitglieder vermuten? In dieser bei Touristen aller Altersgruppen beliebten Stadt am Preaek Thom River, der nach 5 Kilometern in den Golf von Siam mündet, gibt es Restaurants mit Gerichten aus vielen Teilen der Welt. Eine schöne Abwechslung nach vielen Wochen mit asiatischem Essen. Ein Käsebrötchen zum Frühstück kann glücklich machen.  

Mit einem „Roemork“ – ein Moped mit Anhänger in Kutschenform- lassen wir uns zu einer 25 Kilometer entfernten Pfefferfarm bringen. In der Region wurde bis zur Machtergreifung durch die Roten Khmer 1975 in großem Stil Pfeffer angebaut. Pol Pot ließ nahezu eine Million Pflanzen vernichten, weil das Land entsprechend seiner Vision vom Bauernstaat für den Anbau von Reis und Gemüse gebraucht wurde. Der Pfeffer verschwand vom Weltmarkt. Erst im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts begannen Bauern wieder mit dem Anbau der Pflanzen. Heute hat sich der hier angebaute Pfeffer bei Köchen und Liebhabern guter Gewürze seinen Platz zurückerobert. Beim Rundgang über die Farm sehen wir, dass Pfeffer wie Hopfen an Stäben in die Höhe wächst. Jetzt in der Trockenzeit muss alle 3 Tage gewässert werden. Der Einsatz von chemischem Dünger oder Insektenschutz ist nach den strengen Regeln der KPPA (Kampot Pepper Promotion Association) verboten, beides muss aus natürlichen Materialien hergestellt werden. Geerntet wird zweimal im Jahr, und eine Pflanze kann 30 Jahre lang Früchte tragen. Wir verkosten alle vier Pfefferarten, grün, rot, weiß und schwarz. Erstaunlich, dass ein und dieselbe Frucht je nach Reifegrad so unterschiedlich schmeckt. Auf der Plantage wachsen außerdem Durianbäume. Sie brauchen allerdings noch eine Weile, bis die Früchte geerntet werden können. Noch hängen sie in kirschgroßen Büscheln an den Bäumen.  

Kleine Pfefferkunde:
Grün =        unreif, frisch bis zu drei Tage haltbar, leicht zitronig im Geschmack. Sonst wird er eingelegt oder gefriergetrocknet
Schwarz = unreif geerntet, kurz bevor er gelb wird. Auf Bambusmatten in der Sonne getrocknet hält er sich mehrere Jahre
Weiß =        reifer, geschälter Pfeffer. Die roten Pfefferbeeren werden eingeweicht, bis die rote Schale abfällt, danach mehrere Tage in der Sonne getrocknet
Rot =           reif, ungeschält. Muss geerntet werden, kurz bevor die Beeren zu faulen beginnen. In der Sonne getrocknet und handverlesen
Köche aus aller Welt sind wieder auf Kampot-Pfeffer aufmerksam geworden. Gleiches gilt für das Salz aus den umliegenden Salinen
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An Silvester laufen wir über den Marktplatz, verschiedene Fahrgeschäfte sind aufgebaut, einige werden noch mit Farbe ausgebessert und verschönert. In den umliegenden Geschäften nimmt die Anzahl der roten Kleidungsstücke wegen der Feierlichkeiten zu. Und um Mitternacht knallt es heftig, es ist kein Feuerwerkt mit Raketen wie bei uns, nur Böller werden begeistert gezündet, damit die bösen Geister gar nicht erst auf die Idee kommen, mit ins neue Jahr zu kommen. Und sollten es doch welche schaffen, muss der Hase mit ihnen fertig werden. 

Sihanoukville (Kambodscha) 

Am Neujahrstag fahren wir weiter nach Sihanoukville. Erst geht es flott voran, doch auf ca. 30 Kilometern ist die Asphaltdecke abgetragen worden, dadurch brauchen wir mehr als drei Stunden für die 100 Kilometer lange Strecke. Der Bus fährt zum Fähranleger, denn die meisten Leute wollen direkt weiter auf eine der vorgelagerten Inseln. Doch wir haben einen Zwangsaufenthalt wegen meiner Kamera. Drei Tage haben wir in dieser merkwürdigen Stadt eingeplant. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft lassen wir den Fahrer gleich am Fotogeschäft halten. Doch hier erfahren wir, Reparaturen werden nur in der Hauptstadt durchgeführt. Ich bin sehr enttäuscht, aber da kann man nichts machen.  

Die Strecke zu unserem Hotel im Stadtteil Otres führt auf guter Straße mit breiten Bürgersteigen vorbei an unzähligen Hochhäusern in allen baulichen Zuständen, fertig, neu begonnen, begonnen und niemals fertiggestellt. An den vielen Hotels und Casinos chinesische Schriftzeichen und rote Seidenlampions, doch dazwischen auch immer wieder kleine ärmliche Hütten mit Wellblechdach. Der Fahrer biegt auf die Straße ein, die am Meer entlangführt. Und hier ist kein Durchkommen mehr, die Menschen treffen sich in großen Gruppen am Strand, um den Neujahrstag zu feiern. Sie sitzen auf Decken mitten auf der Promenade und machen Picknick. Etliche stehen an den Garküchen an oder kaufen sich bei einem der fahrbaren Geschäfte Kleidung. Für uns geht es im Schneckentempo vorwärts, bis wir von der Strandstraße nach links abbiegen können. Einen knappen Kilometer vom Otres-Strand befindet sich unser Hotel. Eine neue betonierte Straße führt bis vor den Garten. Auch hier ist ehemaliges Sumpfgebiet zugeschüttet worden, nur ein hinter dem Hotel entlangfließende Flussarm ist verschont geblieben.  

Badefreuden

Der Hotelbesitzer ist Italiener und hat ein paar 100 Meter weiter ein zweites Hotel übernommen, hier treffen sich die Gäste abends, um bei Cocktails, Pasta, Pizza und Bier den Abend ausklingen zu lassen. Immer beobachtet von einem Halsbandsittich, der eine zweifelhafte Freiheit genießt. Seine Käfigtür steht immer offen, aber seine Flügel sind gestutzt worden. 

Klaus will den Fotoapparat auseinandernehmen und versuchen, ihn zu reparieren. Vorher macht er noch ein paar Probeaufnahmen und – oh Wunder, plötzlich geht er wieder. Weg sind die roten Streifen, die Aufnahmen sind klar und deutlich, welches Glück und welch eine Freude!  

Jetzt haben wir noch zwei Tage in der Stadt, die während der französischen Kolonialzeit den hier lebenden Besatzern die Cote d’Azur ersetzten sollte. Zwischenzeitlich von den Roten Khmer Kampong Saom genannt, bekam sie 1997 den Namen des verehrten König Sihanouk zurück und ist heute mit weit über 200.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Die kleinen Gästehäuser und Lokale an den eigentlich schönen Stränden mussten weichen, um Platz für den offenbar planlosen Städtebau mit gigantischen und teils unbewohnten Hochhäusern zu schaffen. Unsere Nachbarn, ein reizendes (geflüchtetes) russisches Ehepaar mit kleinem Sohn erzählen vom total zugemüllten Strand. Da müssen wir also nicht hin. Wir sitzen auf dem Balkon mit Blick ins Grüne, gehen Tickets für die Fähre am übernächsten Tag kaufen und besorgen uns am Geldautomaten genügend Bargeld für zwei Wochen auf Koh Rong.  

Koh Rong (Kambodscha) 

alle warten auf die Fähre

Um 11.30 Uhr ist Abfahrtszeit für die Schnellfähre auf die Insel. Wir sind überpünktlich und melden uns am Schalter der Schiffslinie in einer Wartehalle mit Parkmöglichkeit oder ein Parkhaus mit Wartebereich. Der Mann am Schalter murmelt etwas, aber wegen Maske und undeutlicher Aussprache verstehe ich nichts. Die Abfahrtszeit rückt näher und nichts tut sich. Deshalb gehen wir schon mal zur Anlegestelle. Nach und nach erfahren wir, dass zu hoher Seegang herrscht und die ersten beiden Fähren nicht ablegen konnten. Doch mangels Information setzt sich bei jedem ankommenden Schiff eine Karawane in Bewegung, in der Hoffnung, dass es jetzt endlich losgeht. Es wird 15 Uhr, bis die richtige Fähre kommt und sich die Passagiere auf das schwankende Deck wagen können. Die Überfahrt ist noch immer stürmisch, das Boot tanzt durch Wellentäler, das Wasser spritzt hoch und dringt durch die aufgespannten Planen ins Innere. Mit nassen Füßen und Hosen kommen wir an der Anlegestelle Long Set Beach an.

Anlegestelle Long Set Beach

Wir haben am Vortag ein Taxi bestellt und schon eilt ein Fahrer auf uns zu, verstaut unsere Koffer und Rucksäcke. Dann kommt noch ein Paar, und wir müssen wieder aussteigen. Dieses Fahrzeug fährt nur zum Resort, das neben unserem liegt (?).  

Nach 10 Minuten kommt dann das richtige Fahrzeug, ein Pick up mit Dach und Sitzbänken. Mit uns steigt eine junge Familie ein. Der Mann ist Holländer, seine Frau Chinesin, die gemeinsame Tochter ist 5 Jahre alt. Wegen der Corona Pandemie war der Mann 2 Jahre von Frau und Tochter getrennt, weil die sich gerade in China aufhielten und nicht ausreisen durften. Erst diesen Urlaub können sie wieder gemeinsam verbringen. Die Kleine hat in dieser Zeit die englische Sprache vergessen und spricht nur noch chinesisch, was der Vater nicht kann. Was die Pandemie alles nach sich zieht.  

Am Coconut Beach beziehen wir einen großzügigen Bungalow mit Holzboden und Terrasse. Weil es bislang nur Strom aus Generatoren gibt, ist das Wasser im Bad kalt und für Kühlung sorgt ein Ventilator. Nachts wird es auch ohne Klimaanlage recht frisch, und manches Mal legen wir uns ein Badetuch über das dünne Laken, das als Zudecke dient.  

Wir leihen uns Maske und Schnorchel und beobachten Fischschwärme, die sich um den stillgelegten Pier tummeln. Auf der Ostseite von Koh Rong wird immer wieder Müll angetrieben, aber fast alle Touristen sammeln Plastikflaschen und Tüten am Strand auf.  

Das Essen im Resort ist immer sehr gut, und auch die Gäste der Nachbarresorts kommen gern hierher. Mehrmals treffen wir ein Ehepaar aus Koblenz, mit dem wir uns gut unterhalten. Das Resort zur rechten Seite hat nur am Wochenende Gäste. Unsere Befürchtung, dass die neugebaute Kartbahn von den Gästen gestürmt und unser gemütliches Resort mit Lärm überflutet wird, erweist sich als unbegründet. Niemand von der Gruppe interessiert sich für diese Unterhaltung. Schließlich ist man zum Baden hergekommen. 

Nach einer Woche ziehen wir um auf die Westseite. Am Sok San Strand ist es noch schöner als auf der Ostseite. Kein Müll im Wasser, weißer Sand, der beim darüber Laufen quietscht, das Meer im Farbspiel von türkis zu dunkelblau. Wenn nur die Sandfliegen nicht wären. Je nachdem wie empfindlich man ist, machen sich die Stiche mit roten Pöckchen bis zu wassergefüllten Blasen bemerkbar. Wir haben zum Glück nicht viel zu leiden. Beim Spaziergang auf dem acht Kilometer langen Strand laufe ich mir eine offene Blase, die mich mehrere Tage hindert etwas anderes zu unternehmen, als zu schwimmen. Das Internet ist zu schwach, um am Computer zu arbeiten, bleibt also viel Zeit zum Lesen.  

Trat (Thailand) 

Und schon ist die Zeit auf Koh Rong vorbei. Noch eine Fahrt quer über die Insel und zum Fähranleger. Dort winkt uns schon jemand zu: Sabine haben wir im zweiten Resort kennengelernt und ein paar Abende miteinander verbracht. Auch sie verlässt heute die Insel, weil sie besonders unter den Stichen der Sandfliegen zu leiden hatte. Die Fähre kommt pünktlich, zuerst muss ausgeladen werden. Pakete mit Eiern, Säcke mit Gemüse, einer mit gepelltem Knoblauch, Trinkwasser, Treibstoff und noch viele andere Dinge; alles muss auf die Insel gebracht werden.  

beim ein- und ausladen hat der Kapitän Pause

Wir haben eine ruhige Überfahrt und verabschieden uns im Hafen von unserer Reisebekanntschaft. Sabine fährt weiter nach Phnom Penh, wir bleiben noch eine Nacht in Sihanoukville, bevor wir am nächsten Morgen den Bus nach Thailand nehmen. Unser Hotel ist unter chinesischer Leitung und hat sogar ein Casino. Das Personal überschlägt sich förmlich, ein Mann trägt die Koffer die Treppe hinauf, ein anderer besprüht am Eingang unsere Hände mit Desinfektionsmittel und die hübsche junge Dame an der Rezeption fragt, ob wir morgen ein Taxi oder ein Tuk Tuk brauchen. Ein schönes Zimmer mit moderner Einrichtung erwartet uns. Am Abend essen wir auf der Dachterrasse mit Blick auf die er- und beleuchteten Hochhäuser. 

Wir wundern uns, die Rezeptionistin weiß noch, dass sie uns ein Tuk Tuk bestellen soll. Am Busbahnhof steigen wir in einen Bus mit 24 Plätzen, und ausnahmslos alle werden von Touristen besetzt. Hinter Sihanoukville fahren wir auf die neue Autobahn, die bis Phnom Penh führt. Nur wenige Fahrzeuge sind unterwegs und der Fahrer kommt zügig voran. Auch die moderne Mautstation ist schnell passiert. Plötzlich ein Gerumpel, der Bus wird langsamer und hält auf dem Standstreifen. Einer der hinteren Doppelreifen ist geplatzt. Nachdem die Fetzen des kaputten Reifens entfernt sind, fahren wir langsam weiter. Nach 15 Kilometern Zwischenstopp an einer Werkstatt. In einer Viertelstunde ist alles erledigt und wir können wieder einsteigen und weiterfahren. Doch ab hier ist es vorbei mit der angenehmen Fahrt. Die nächsten 100 Kilometer sind eine einzige Baustelle. Die Fahrbahn hat keinen Belag, rechts und links finden Erdarbeiten statt, alles ist staubig. Die armen Menschen, die hier in ärmlichen Hütten wohnen, können diesem Staub nicht entrinnen. Er ist überall, dringt in die Häuser und liegt auf allem, was rundherum wächst.  

Kautschuk- und Palmöl-Plantagen wechseln sich über viele Kilometer ab. Wir überqueren einige Flüsse und sehen des Öfteren merkwürdige graue Häuser, groß, rechteckig, mehrere Stockwerke hoch, keine Fenster, lediglich Lüftungsschlitze.  

Kurz hinter Koh Kong erreichen wir die Grenze. Unser Fahrer verabschiedet sich, auf der thailändischen Seite warten bereits die Busse derselben Gesellschaft, um uns an die verschiedenen Ziele zu bringen. Die Aus- und Einreiseformalitäten sind schnell erledigt, für Thailand ist kein Visum erforderlich. Ein Teil der Fahrgäste fährt weiter nach Bangkok, einige wollen auf die Insel Koh Chang, nur vier Personen wollen wie wir nach Trat. Auf der guten vierspurigen Straße geht es schnell voran, eineinhalb Stunden später sind wir am Ziel und kurz darauf per Songtheo in unserem schönen Hotel außerhalb der Stadt an einem See.  

Trat ist kein typisches Ziel für Touristen, nur auf dem Weg zu einer der vorgelagerten Inseln des Mu- Koh-Chang-Nationalparks wird die Stadt angefahren. Durch die Nähe zu Kambodscha ist Trat jedoch eine wichtige Handelsstadt. Im fruchtbaren Umland werden verschiedene Obstsorten angebaut. Und wer das normale Leben der Einwohner kennenlernen möchte, ist hier gut aufgehoben. Die Kleinstadt (gut 10.000 Einwohner) hat alles, was die Menschen zum Leben brauchen, Geschäfte, Märkte, ein Krankenhaus und mehrere Tempel. Es gibt z. B. einen königlichen Tempel und einen chinesischen Stadtsäulenschrein, der der Verehrung der Stadtgeister gewidmet ist.  

Wir leihen uns im Hotel Fahrräder aus und machen eine Rundfahrt um den See. Hier ist ein Weg angelegt worden, der zum großen Teil nur von Fußgängern und Radfahrern benutzt werden kann. An diesem Samstagmorgen begegnen uns weder die einen noch die anderen. Wir haben die zehn Kilometer lange Strecke ganz für uns. Was könnte das für ein Vergnügen sein, wenn die Fahrräder besser in Schluss wären. Öl haben die schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, die Pedalen sind verbogen, die Kugellager ausgeschlagen. Doch die Freude über die schöne Natur überwiegt. 

Abends essen wir – wie schon zwei Tage vorher – auf dem kleinen Food Court in der Nähe. Englisch spricht hier niemand, aber inzwischen haben wir unsere SIM-Karten wieder aktiviert und können mit Hilfe des Übersetzungsprogramms auswählen. Staunend sehen wir zu, wie eine junge Frau an einem Kochstand Knoblauch mit einem Messer – groß genug, um ein Schwein zu zerteilen – hauchdünne Scheiben von einer Knoblauchzehe schneidet. Wir bestellen unsere Gerichte wie üblich: “No spicy,”, die Bedienung lächelt und wiederholt nickend. Als das Essen kommt, speien wir Feuer. Es dauert, bis Mund und Zunge nicht mehr schmerzen. Ich hoffe nicht, dass Absicht dahinter steckt, weil wir so anstrengende Gäste sind. Vor lauter Ehrfurcht wegen unseres Alters läuft die Bedienung – auch mit vollbeladenem Tablett – immer in gebückter Haltung an uns vorbei.  

Die merkwürdigen großen grauen Häuser, die wir bei der Einreise gesehen habe, lassen uns einfach keine Ruhe. Mit Bildersuche und allen möglichen Suchanfragen gelingt es uns schließlich, das Geheimnis zu lüften. Es handelt sich um Häuser, in denen Schwalben ihre Nester bauen sollen. Nicht etwa, weil Thailand Vorreiter in Sachen Vogelschutz ist, das Ganze hat einen monetären Grund.  Nach dem die Nester gebaut sind und die Brut hoffentlich ausgeschlüpft und bereits flügge ist, werden sie für die besonders in China beliebte Schwalbennestersuppe “geerntet“. Gemessen an der Anzahl derartiger Häuser scheint es ein gutes Geschäft zu sein. 

Chanthaburi (Thailand) 

Auch die Stadt Chanthaburi, die wir am Sonntag erreichen, ist kein von Touristen überlaufener Ort. Sie liegt schön am gleichnamigen Fluss. Bekannt ist die Stadt für ihre Edelsteinmärkte und Schleifereien.  Die Edelsteinminen, in denen hauptsächlich Rubine und Saphire geschürft worden sind, liegen in der Nähe. Sie sind heute zum größten Teil erschöpft und der größte Teil der Steine wird zugekauft. Im weiteren Umfeld findet der Anbau von Durian, Mango, Ananas und Rambutan im großen Stil statt. Franzosen, Vietnamesen und Chinesen haben Teile der Stadt mit einigen typischen Bauwerken geprägt.

Die Kirchen Notre Dame und buddhistische und chinesische Tempel zählen zu den Sehenswürdigkeiten. Auch die Waterfront Community, deren Ursprung über 300 Jahre zurück reicht, und hauptsächlich Menschen aus Thailand, Vietnam und China beherbergt, ist einen Besuch wert. Vom 13. bis 15. Februar findet am anderen Flussufer der Moon-Market statt, Chanthaburi bedeutet Mondstadt. Zwischen den entsprechenden Markt-Angeboten finden sich immer wieder Hinweise auf den dazwischen liegenden Valentinstag. Herzen, Rosen- und Lichterbogen bieten die entsprechenden Fotohintergründe für Pärchen und Paare. 

Gegenüber von unserem Hotel liegt eine große Tempelanlage. Doch um dorthin zu kommen, müssen wir zur nächsten Brücke, den Chanthaburi Fluss überqueren und auf der anderen Seite den Weg noch einmal zurücklaufen.

Vor dem großen Wat Pa Khlong Kung steht ein riesiger metallener Kopf, ein Stück weiter liegen die dazugehörenden Hände. Die Statue von Pater Lee im Lotussitz ist zusammengebrochen. Ein Rudel Hunde stöbert herum und beobachtet uns. Der große Tempel ist geschlossen, doch der Stupa hat eine Tür und wir laufen barfuß über den glänzenden Holzboden und bestaunen die kunstvoll geschnitzten Türen und Fensterläden. Plastiken wilder Tiere stehen am Rand des Weges. Wir verlassen das Gelände durch ein anderes Tor und laufen weiter zum größten Park der Stadt.

Der Taksin-Park ist nach einem siamesischen König benannt, dessen Reiterstandbild den Mittelpunkt des Parks bildet. Das große Gelände ist am Abend Treffpunkt vieler sportbegeisterter Menschen. Auf einem freien Platz eifern Männer und Frauen der erhöht stehenden Vorturnerin nach. Links machen drei Frauen Thai Chi, rechts turnen Männer an Geräten, und ständig begegnen wir joggenden Menschen.

Hasenparade

Auf dem Rasen stehen Hasenfiguren, auch die Straßenlaternen sind mit ihnen geschmückt oder sogar auf einem Straßenschild sehen wir die Figur. Der Hase scheint nach dem chinesischen Horoskop eine wichtige Figur zu sein. Ob allerdings im nächsten Jahr alles gegen Drachen getauscht wird, bezweifele ich. 

Wir bummeln durch die Waterfront Community, essen etwas und laufen auf der anderen Flussseite an den vielen Marktständen vorbei bis zur jetzt erleuchteten Kirche Notre Dame. Unterwegs haben wir uns noch Mango Sticky Rice gekauft, den werden wir uns später im Hotel schmecken lassen. 

Am Mittwoch haben wir heftige Gewitter und planen im Hotelzimmer unsere Weiterreise. Pünktlich um 18 Uhr hört der Regen auf und es findet sich wieder ein großer Schwarm Redhawks über dem Fluss vor dem Hotel ein und fliegt dicht über die Wasseroberfläche. Die nächsten Stunden bleibt es trocken, so dass wir das Restaurant, in dem wir heute essen wollen, in trockener Kleidung erreichen. Uns hat es am ersten Abend in dem japanischen Lokal so gut geschmeckt, dass wir das wiederholen möchten; der Service-Roboter ist dabei nur ein amüsantes Detail. 

Chaman (Thailand) 

Wir lassen uns mit einem Taxi 30 Kilometer ins Landesinnere fahren. Die Gemeinde Chaman gehört zu Chanthaburi, aber zwischen beiden besteht ein großer Unterschied; dort die lebendige Stadt, hier wenige Häuser, dafür umso mehr Natur. Chaman liegt am Fuß der Khao Soi Dao Berge und umfasst ein großes Gebiet mit Obstanbau.

Alles entlang einer schmalen betonierten Straße, die in dieser Form sicher erst kurze Zeit existiert. Im Abstand von 50 Metern stehen solarbetriebene Laternen, die mit vergoldeten Hirschen geschmückt sind. 

In einem Resort mit mehr als 30 Zimmern sind wir die einzigen Gäste. Das Personal spricht kaum englisch, und es dauert, bis wir verstanden haben, dass das Restaurant bereits um 17 Uhr schließt. Spätestens 45 Minuten vorher müssen wir bestellen. Wäre nicht weiter schlimm, wenn es rundherum andere Alternativen gäbe, aber Fehlanzeige. Unmotorisiert sind wir auf das Angebot angewiesen. Aber man kann sich auf vieles einstellen. Kurz vor 17 Uhr bekommen wir unser Essen am Pool serviert. Punkt 17 Uhr wird das Lokal abgeschlossen, das gute Dutzend Mitarbeiter verschwindet und wir bewachen gemeinsam mit dem Nachtwächter die gesamte Anlage.

Die Lage ist wunderbar, wir blicken auf die hohen Berge, ein Bach fließt durch das gepflegte Gelände. Durch aufgeschichtete Steine sind einzelne Becken entstanden, in denen man inmitten von Fischen schwimmen kann. Wem das zu viel Natur ist, kann auf den großen Pool ausweichen.  

Am Wochenende ist es vorbei mit der Einsamkeit, gut 20 Gäste kommen und füllen das Resort mit Leben. Jetzt wird sogar der Wasserfall eingeschaltet und das Restaurant macht Überstunden.

Wir machen einen frühen Spaziergang zum nahegelegenen Tempel, Khao Banchob, der von vierköpfigen Löwen bewacht wird und dessen Blechdach von verzierten Säulen getragen wird. An diesem Samstag kommen einige Gläubige, binden Schleifen um Ornamente und kleben Blattgold auf alles, was heilig aussieht. Vor der Buddhastatue im Inneren liegen dicke Teppiche auf denen kniet es sich besser als auf dem blankpolierten Holzboden.  

In der Nähe stehen zwei riesige Brettwurzelbäume, die zu den Heiligtümern zählen. Einer hat einen mannshohen Durchgang, der andere fünf Brettwurzeln und ist dementsprechend der Wohnsitz von fünf Göttern. Auf einer schwankenden Hängebrücke laufen wir über den Fluss und ein Stück einen Trampelpfad entlang. Auf dem Boden finden wir dutzende Plattformen, ca. 2 m² groß aus   Betonstreifen. Mal liegen Blumen darauf, hier ein vergoldetes Gefäß, dort eine Kerze. Was mag das wieder bedeuten? Es sind Orte der Meditation erfahren wir später. Ein Stück vom Tempel entfernt steht ein hübsches Café am Flussufer. Hier sitzen wir eine Weile mit einem Eiskaffee im Schatten der hohen Bäume. 

An einem Abend machen wir einen Spaziergang zu den künstlich bewässerten Obstplantagen. Erst in der Dämmerung öffnen sich die Blüten der Durianbäume, die wie Brautbouquets gebündelt sind. An den Bäumen hängen gleichzeitig Blüten und Früchte in verschiedenen Größen. Sie werden so groß und so schwer, dass die Äste gestützt werden müssen, doch stinken können sie schon jetzt. Guaven und Litschi wachsen ebenfalls hier. Auch Mango- und Mangostanbäume entdecken wir, bei allen wird es noch etwas dauern, bis die Früchte reif sind. 

Am Mittwoch holt uns unser Taxifahrer Aunk vom Resort ab. Er findet fast keinen Parkplatz, denn ab heute findet hier ein Firmenmeeting statt. Gut 50 junge Menschen sind heute Morgen angereist, alle tragen fliederfarbene T-Shirts mit Logo. Schon vor zwei Tagen wurde das große Restaurant umgeräumt, alle Tische sind verschwunden und die Stühle bilden eine Art Stuhlkreis. Faszinierend, sie sitzen noch draußen in größeren Gruppen, und jede und jeder hält den Blick strikt auf das Handy in seiner Hand.  

Wir sind ein bisschen wehmütig, es war so schön inmitten der Natur. Jeden Abend saßen drei Tockays zuverlässig auf der roten Wand eines Toilettenhäuschens und außer ihren Rufen und dem Geheul der Hunde war nachts nichts zu hören. 

Rayong (Thailand) 

Eigentlich wollen wir uns nach Chanthaburi zum Busterminal fahren lassen. Doch Aunk macht uns das Angebot, uns für einen guten Preis bis zu unserem nächsten Hotel zu bringen. Eingelullt von klassischer Musik, angenehmer Temperatur und gemütlichen Sitzen in seinem bequemen Auto stimmen wir zu und sind knapp 2 Stunden später am Ziel. Rayong ist eine expandierende Großstadt am Golf von Thailand.

Viele internationale Firmen haben hier ihren Sitz, es gibt einen Tiefseehafen am fischreichen Meer und das umliegende Land ist fruchtbar. Touristen sind hier in der Minderheit, obwohl es genügend Strände und Hotels gibt. Wir wohnen 3 Kilometer vom Strand entfernt in einem Gebäudekomplex, der hübsche Zimmer für Kurz- und Langzeitaufenthalt bietet. Erfrischung finden wir im großen Pool, in dem wir fast immer allein sind.  

Unsere letzten Tage in Thailand lassen wir es ruhig angehen. Wir laufen zum 1,5 Kilometer entfernten Einkaufszentrum. Wieder stellen wir fest, Fußgänger gibt es hier eigentlich nicht. Das macht das Laufen so anstrengend. Wenn es Bürgersteige gibt, muss man mit Löchern, herumliegenden Kabeln, Stufen in unterschiedlicher Höhe, Schildern in Kopfhöhe und Hundedreck rechnen. Einfach gemütlich geradeaus laufen geht nicht. Im Einkaufszentrum laute Musik, noch lautere Ansagen und außer den vielen Restaurants noch Garküchen in den Gängen. Für den Rückweg bestellen wir uns ein Taxi. 

Auch zum Floating Market lassen wir uns fahren. Auf einem künstlich angelegten See stehen Holzhäuser, die mit Stegen verbunden sind. Vor der Corona Pandemie soll hier viel Betrieb gewesen sein, aber selbst an diesem Wochenende sind die meisten Geschäfte geschlossen. Ein paar Familien mit kleinen Kindern sind hier, die Spaß daran haben, die Fische zu füttern. Ein Zweijähriger in Schuhen, die ihm noch in 10 Jahren passen, strahlt uns an, dreht sich um und rennt davon. Er ist es anscheinend gewohnt, in den Riesenlatschen unterwegs zu sein. 

Direkt nebenan liegt das größte Einkaufszentrum der Stadt, das Central Plaza. In den Gängen stehen funkelnagelneue Autos; der Anteil an Elektro-Mobilen ist groß und die Preise für unsere Verhältnisse erstaunlich günstig.  Im Supermarkt verschlägt es uns die Sprache. Was es hier alles gibt, eine Bäckerei mit allen möglichen Brotsorten, Kuchen und Torten; ein Regal mit Fertigprodukten und direkt daneben einer Mikrowelle zum sofortigen Erwärmen. Auf der Fischtheke liegen Fische aus allen möglichen Weltmeeren und Meeresfrüchte aus Aquakultur in der Umgebung. Es gibt Obst und Gemüse aller Art, im Urzustand, geschält und geschnitten oder bereits gegart und noch heiß. Rundherum Restaurants mit Angeboten aus allen möglichen Ländern und auch wieder Garküchen in den breiten Gängen. Es gibt auch Geschäfte mit Kleidung, Schuhen, Taschen und Elektronik auf einer eigenen Etage, aber das Hauptangebot besteht aus allem, was essbar ist.

Altstadt Rayong

Wir laufen von hier aus zur Altstadt, in der noch einige uralte Holzhäuser stehen. In einem davon ist ein schönes Café. Wir stehen vor der Theke und suchen uns jeder zwei verschiedene Sachen aus. Serviert werden nur die beiden zuletzt bestellten. Getränke wollen wir uns aus der Speisekarte aussuchen, nur bekommen wir keine. Ich frage den Kellner danach, mache die Handbewegung, wie man ein Buch aufklappt, führe eine unsichtbare Tasse zum Mund. Der Kellner steht mit offenem Mund neben uns und zuckt die Schultern. Was könnten diese Ausländer hier im Café denn bloß wollen? Das Rätsel ist einfach zu schwer für ihn. Wir sehen im Nebenraum eine Speisekarte liegen und holen sie uns. Immerhin wird dann auch das serviert, was wir bestellt haben, und nach zweimaligem Nachfragen dann auch die beiden zuerst bestellten Gebäckstücke.  

Obwohl alle Speisekarten bebildert sind, bekommt man nicht immer das, worauf man gedeutet hat. Und eins haben wir gelernt: Nie, wirklich niemals das gleiche Gericht im selben Lokal zu bestellen. Wenn es einmal gut geschmeckt hat, sollte man es in guter Erinnerung behalten. Das nächste Mal fällt es garantiert anders aus. Ausgenommen sind hier die meist ausländischen Restaurantketten. 

An einem Abend gehen wir in ein koreanisches Restaurant. Zwanzig Tische sind bereits besetzt, doch man wäre nicht in Asien, wenn nicht ruckzuck Klapptische und Hocker herbeigezaubert würden. Auf jedem Tisch steht ein kleiner Gaskocher. Nachdem man bestellt hat, wird eine teflonbeschichtete Platte mit einem Loch in der Mitte aufgesetzt (damit das Fett abfließen kann) und Teller, Löffel und Stäbchen aus Metall hingestellt. Getränke gibt es nur in Plastikbechern. Jetzt kommen die Grillsachen, mariniertes rohes Fleisch und verschiedene Gemüsesorten. Dazu das typische koreanische Sauerzeug, Kohl (Kimchi), Sprossen und Rettich und verschiedene Soßen. In den ringförmigen Rand der Teflonplatte gießt die Bedienung flüssige Eimasse und Maiskörner in Soße. Und dann können wir loslegen und auf die Grillplatte legen, was immer wir mögen. Mit einer Küchenschere zerkleinern wir das gegrillte Fleisch. Die Metallstäbchen sind ziemlich rutschig, aber die Einheimischen mühen sich genauso wie wir, in Thailand wird traditionell nicht mit Stäbchen gegessen. Manchmal hilft es, das Fleisch oder Gemüse einfach aufzuspießen. Wann immer wir danach hier vorbeikommen, dieses Lokal ist stets voll besetzt.  

Überhaupt ist ausländisches Essen sehr beliebt. Die thailändische Regierung ist sehr besorgt, der jährliche Reisverbrauch von 100 kg/Person ist bereits 2020 um 30 % gesunken und in diesem Jahr wird eine weitere drastische Reduzierung erwartet. Die Bevölkerung wird dazu aufgerufen, sich weiterhin gesund – also mit viel Reis – zu ernähren. Auswirkungen sind bei den Menschen durchaus sichtbar, längst sind nicht mehr alle Thais gertenschlank. Im Central Plaza gibt es allein 7 Bäckereien, die üppige Torten, Törtchen und typisch westliche Gebäckstücke anbieten, und die gut besuchten Restaurants sind überwiegend ausländischer Herkunft. 

Viva Mexiko – Cancún und Telchac Puerto

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Wir haben es nochmal getan. Am 16. 1. 2019 sind wir in ein Flugzeug gestiegen, um unsere unterbrochene Reise fortzusetzen.

Unser Überraschungsbesuch bei der Hochzeit von Klaus Sohn Ende August und die Freudentränen der Enkelin waren die Unterbrechung auf jeden Fall wert. Dass der Wasserrohrbruch in unserem Haus genau in die Zeit der Rückkehr fiel, war ebenfalls Glück im Unglück. So konnten wir alle erforderlichen Maßnahmen selbst organisieren. Der Hausbau von Tochter und Schwiegersohn braucht noch ein paar Monate, ideale Voraussetzungen für uns, um noch einmal auf Reisen zu gehen.

Fürsorglich liefert uns Freund Max am Flughafen ab. Wir erwarten lange Schlangen und Verzögerungen wegen des gestrigen Streiks. Aber alles läuft normal. Pünktlich startet die A330 nach Cancún. Ein paar Stunden später – ich verlasse gerade die Toilette – drängt sich eine der Stewardessen an mir vorbei in die kleine Kabine. Und kurz darauf folgt eine Durchsage, die auf das absolute Rauchverbot im Flugzeug und den Toiletten hinweist und bei Zuwiderhandeln drakonische Strafen – bis hin zur Zwischenlandung auf dem nächsten Flughafen – androht. Ich bin mir jedenfalls keiner Schuld bewusst, schließlich rauche ich seit 40 Jahren nicht mehr.

Nach deutscher Zeit ist es bald Mitternacht, und noch immer fliegen wir im Hellen. Kurz nach der Landung gegen 21 Uhr Ortszeit in Cancún werden alle Passagiere aufgefordert, sich wieder hinzusetzen, weil gleich die mexikanische Polizei die identifizierten Raucher abholen wird. Und kurz darauf verlassen die Polizisten mit den Übeltätern die Maschine.

Nach den Einreiseformalitäten suchen wir einen Taxistand. Die geforderten überhöhten Preise wollen wir keinesfalls bezahlen und nehmen deshalb den Bus in die Innenstadt. Wir fahren durch hell erleuchtete Straßen mit Bars und Restaurants. Bei dröhnender Musik genießen Urlauber Essen, Cocktails und anderes. Die Fahrt endet am Busbahnhof, von dort ist es nur noch eine kurze Taxifahrt zum Hotel.

Am nächsten Morgen laufen wir bei angenehmen 24 Grad zum nächsten Geschäft, um zwei mexikanische SIM-Karten für unsere Handys zu besorgen. Anschließend wollen wir unsere Weiterreise organisieren. Dazu müssen wir wieder zum Busbahnhof. „Der Bus fährt morgens um 10 Uhr, aber Sie müssen um 9 Uhr hier sein,“ erklärt uns die Angestellte in spanischem Englisch oder englischem Spanisch und mit Händen und Augenrollen. Leider wird nur Barzahlung akzeptiert. Die Geldautomaten im Busterminal sind außer Betrieb, so müssen wir erst einmal eine Bank suchen. Aber dann können wir die 500 Pesos bezahlen und werden noch einmal ermahnt, pünktlich zu sein.

Jetzt ist ein Mittagsschlaf nötig. Unsanft werde ich durch einen Schrei geweckt. Klaus ist aufgestanden und steht im Wasser. Die Toilettenspülung ist undicht und hat schon das halbe Zimmer unter Wasser gesetzt. Leider sind auch ein paar Kleidungsstücke nass geworden. Zwei Frauen und ein Mann vom Hotelpersonal beheben den Schaden routiniert und nehmen auch die Sachen zum Trocknen mit.

In einem schönen Restaurant mit herrlichem Innenhof lassen wir den Tag ausklingen. Der Rückweg führt über den Nachtmarkt und bringt uns zu einer großen Eisbahn, die gerade abgetaut wird. Kinder springen jauchzend in den Pfützen herum. Mehrere Wochen lang konnte sich hier Groß und Klein auf Schlittschuhen tummeln. In der Natur haben sie so etwas in Mexiko bestimmt noch nie gesehen.

Viertel vor neun steigen wir am nächsten Morgen in unser Taxi und lassen uns zum Busbahnhof bringen. Ein Kontrolleur winkt uns zu sich, zeigt nach rechts, wo uns schon ein anderer Mann entgegenkommt. Im Eilschritt läuft er vor uns her, zeigt auf einen Bus. Unsere Koffer werden verstaut, und wir in den Bus gescheucht. Vorwurfsvolle Blicke mustern uns. Wir sitzen noch nicht richtig, da steuert der Fahrer um 2 Minuten nach neun aus der Parklücke. Puh, das war knapp.

Auf einer achtspurigen Straße verlassen wir im Regen die ca. 800.000 Einwohner zählende Stadt Cancún Richtung Westen. Vom Bus aus sind interessante Transportmittel beobachten. Der deutsche TÜV könnte sie gar nicht so schnell aus dem Verkehr ziehen, wie findige Tüftler wieder neue bauen.

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In Valladolid biegt der Bus nach Norden ab, um dann in Tizimin weiter nach Westen zu fahren. Dabei verlässt er immer wieder die Bundesstraße 176, um in jede einzelne Ortschaft abzubiegen. Unterwegs kommen wir an einem großen eingezäunten Platz vorbei.

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Blätter der Sisal-Agaven
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Sisal-Agaven
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Sisalfasern

An dem mehrere Meter hohen Zaun sind dicht an dicht lange, lanzenartige grüne Blätter befestigt. Erst als wir ein Stück weiter über Stäben hängende strohfarbene Fasern sehen wir mir klar, dass es sich um Sisal handelt. Diese aus einer Agavenart gewonnene Naturfaser wurde schon von den Mayas kultiviert und hat diesem Teil Yucatans Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts Reichtum und Wohlstand gebracht. Benannt ist die Faser – aus der bis heute Seile, Taue, Teppiche und ganz wichtig: Dartscheiben hergestellt werden – nach der westlich von Merida gelegenen Hafenstadt in Yucatan. Von dort wurde sie in alle Welt verschifft. Heute werden viele dieser Artikel aus Kunstfasern hergestellt, so dass neue Verwendungsmöglichkeiten für Sisal gesucht werden.

In den kleinen Orten fallen die frisch gestrichenen Mauern auf. Ob verputzt, gemauert oder lose aus Steinen aufgeschichtet, alles erstrahlt blütenweiß. Auch der Bürgersteig und vorwitzig heraus schauende Pflanzen wurden nicht verschont.

Schon nach fünfeinhalb Stunden (wir haben 300 km zurückgelegt) erreichen wir die Stadt Motul. Als wir auf dem Marktplatz in ein Taxi steigen bin ich kurz verunsichert und vermute uns in der falschen Stadt. In bunten meterhohen Buchstaben steht dort JUTOM. Doch dann wird mir klar, dass ich den Namen der Stadt von der Rückseite her sehe. Nach 25 Kilometern sind wir am Ziel und können unsere Unterkunft direkt am Meer beziehen.

Luzma, die uns schon erwartet, fährt mit uns zum Einkaufen und setzt uns dann vor einem Lokal ab. Frisch gestärkt laufen wir zur unserem Domizil. Jetzt haben wir eine Woche Zeit, um uns ganz entspannt auf das erneute Nomadenleben vorzubereiten.

Nach einem zwölfstündigen Schlaf sind wir bereit, Telchac Puerto näher kennen zu lernen. Klaus macht mutig einen Ganzkörper-Wassertemperatur-Test. Ich muss verzichten, der Niedrigtemperaturmodus im Flugzeug ist mir nicht bekommen.

Die Einwohner des Ortes lebten auch von der Sisalverschiffung und bis heute vom Fischfang. Der kleine Ort wirkt widersprüchlich. Einerseits wunderschöne neue Villen, andererseits verlassene und verfallene Häuser. Nur die Hauptstraße ist asphaltiert, alle anderen bestehen aus weißem Sand. Am Wochenende ist Telchac Puerto ein beliebter Ausflugsort für die Einwohner aus Mérida, der Hauptstadt Yucatans. Nur so ist die große Anzahl von 15 Restaurants bei knapp 2000 Einwohnern zu erklären. In allen werden Fisch und Meeresfrüchte serviert, die meisten schließen um 19 Uhr.

Als wir nach dem Essen zurückgehen, läuft ein Aguti (mit dem Stachelschwein verwandt) vor uns über den Weg. Wir warten noch auf unsere neuen Nachbarn. Kathy kommt mit ihren drei jugendlichen Kindern aus Nevada, um ein Jahr in Mexiko zu leben. Sie ist nicht die einzige, die aus den USA ausreist. Viele ihrer Landsleute haben sich in Mexiko angesiedelt. Ich frage mich langsam, ob die von Trump geplante Mauer in Wirklichkeit eine Ausreise der Amerikaner verhindern soll. So etwas hat es doch schon mal gegeben.

Im Laufe der Woche gehen wir viel spazieren oder sitzen am Meer und beobachten die Pelikane. Ein Ausflug mit dem Mototaxi (ein auf Mopedbasis gebautes Transportmittel) zur Lagune in San Crisanto ist nicht erfolgreich.

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Wir wollten dort Flamingos sehen, aber hierher kommen sie nur im Oktober. Aber wir haben noch andere Möglichkeiten solche zu sehen.

Für den Tag unserer Abreise haben wir für halb zwölf ein Mototaxi bestellt. Für den Fall, dass der Fahrer uns nicht findet, rollen wir unsere Koffer durch den tiefen Sand bis zur Hauptstraße, aber nichts passiert. Wir sind schon zehn Minuten auf der Straße unterwegs, als es hinter uns knattert. Ein älterer Mann auf seinem selbst gezimmerten und geschweißten Mototaxi rollt vorbei. Unser heftiges Winken lässt ihn dann doch anhalten. So kommen wir mal wieder auf abenteuerliche Weise zu unserem Ziel, in diesem Fall zum Busbahnhof.

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Wie wäre es mit Maquech? Erlebnisse in Mérida (Mexiko)

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Pünktlich um 12 Uhr fährt unser Bus in Telchac Puerto ab.

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bis zur Abfahrt wartet man in der „gemütlichen“ Cafeteria

Klaus ist mal wieder der einzige, der die Lage im Bus überblicken kann. Alle anderen Fahrgäste, es sind Mayas, reichen mit ihren Köpfen nicht an den Rand der Sitzlehnen. Hier blicken fast alle Männer zu mir auf, auch mal ein schönes Gefühl. Wir fahren wieder durch kleine Ansiedlungen und haben vom Bus aus einen ungetrübten Blick auf die Gärten. Bepflanzte Beete, Spielplätze, Schrottsammlungen, Tierhaltung und auch private Müllhalden sind zu sehen, oft auch Variationen aus diesen Komponenten.

Wir fahren durch Baca. Ob diese Stadt nach dem bekannten polnischen Maler benannt ist?

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Als wir unserem Ziel Mérida näher kommen, fallen die mit bösartig spitzen Glasscherben gespickten Mauerkronen auf. Wahrscheinlich gab es mal eine Aktion: „Trinken für die eigene Sicherheit.“ Auf den Mauern, die nicht „bewaffnet“ sind, sonnen sich Leguane.

Im Busbahnhof fährt der Bus -scheinbar aus Zeitgründen- gleich zur Tanksäule und nicht an den Bussteig.  Leider scheint sie nicht ganz dicht zu sein oder es wird beim Tanken nicht richtig gezielt. Jedenfalls ist der Boden mit einer schmierigen, wie Teer aussehenden Schicht bedeckt. Egal, da müssen wir durch. Unser Taxifahrer fährt einmal am Hotel vorbei, beim zweiten Anlauf klappt es. Dabei findet man sich hier spielend zurecht. Als die Stadt im 16. Jahrhundert von den Spaniern zwischen den Überresten der ehemaligen Mayastadt T´ho gegründet wurde, hat man die Straßen schachbrettartig angelegt und mit Nummern versehen. Ungerade verlaufen von Nord nach Süd, gerade von Ost nach West. Unser Hotel liegt im historischen Zentrum. Wir lassen uns einen Plan geben und laufen erst einmal zum Hauptplatz mit der Kathedrale, die aus den Resten einer Maya-Pyramide gebaut wurde. Gerade ist Messe, wir bleiben an der Tür stehen und betrachten das recht schmucklose Innere.

Als der Priester zu singen beginnt, wähnt man sich in der Oper – was für eine tolle Stimme.

Draußen kann man wieder das pralle Leben beobachten. Freitag gegen Abend sind viele Familien mit Kindern unterwegs und so wittern Clowns, Verkäufer von quietschbunter Zuckerwatte, kleinem Spielzeug und Luftballons ein gutes Geschäft.

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Und die Tauben wissen auch genau, dass die Teile in den Plastiktüten kein Styropor sind sondern Knabberzeug.

Am nächsten Morgen brauchen wir Geld. Vor dem Automaten steht eine verzweifelte ältere Maya. Wieder und wieder versucht sie ihr Glück und bittet uns schließlich durch Gesten um Hilfe. Sie möchte den Betrag von 50 Pesos (2,28 €) abheben und scheitert jedes Mal, weil sie zwei Stellen nach dem Komma mit eingibt und der Automat daraus 5,000 macht. Klaus hilft ihr und sieht, dass ihr ganzer Kontostand vor dem Abheben aus 95 Pesos besteht. Als das Gerät schließlich den Schein herausschiebt, ist sie vor Dankbarkeit den Tränen nahe.

An diesem Samstag ist Slow Food Market in der Avenida Colon. Das klingt verlockend und wir nehmen für den Hinweg ein Taxi. Hier wird der Begriff „Slow Food“ allerdings anders interpretiert; vegan und glutenfrei ist das Motto. Interessant ist es allemal, vor allem da hauptsächlich Expats (hier lebende Ausländer) die Anbieter – unterstützt von mexikanischem Personal – sind und auch unter den Käufern sind Mexikaner eine ganz kleine Minderheit.

Nachdem wir alles angeschaut und auch einiges probiert haben, laufen wir zurück. Wie gesagt, ein Kinderspiel sich zurecht zu finden.

Einiges ist zu erledigen; beim Optiker die verbogene Brille richten lassen, einen neuen Akku für das Handy und eine gute Tastatur für das Notebook kaufen.

Das klappt alles. Auch Ersatz für das vergessene Nähzeug ist schnell gefunden. Dabei können wir gleich das große Stoffangebot für den bevorstehenden Karneval bewundern, der in Mérida groß gefeiert wird.

Jeden Sonntag um zwölf Uhr gibt es im großen Theater eine Vorstellung. Zwischen den elegant gekleideten Mexikanern fallen ein paar westliche Touristen in zünftiger Outdoor-Kleidung auf. Wir fühlen uns jedenfalls nicht passend angezogen und verzichten auf das Konzert.

Stattdessen gehen wir zur gegenüber liegenden Universität. „Kommen Sie, heute können Sie alles besichtigen und es kostet auch nichts,“ ruft uns ein Mann zu. Wir schauen uns den schönen Innenhof an. Besagter Mann gesellt sich zu uns. Er spricht ein bisschen Deutsch und erzählt uns von der wunderbaren Wirkung der Sisalfasern, die von den Mayas seit langem kunstvoll verarbeitet werden, zu Hängematten zum Beispiel. Er schüttelt sich aus vor Lachen, als er uns erzählt, dass er von einem deutschen Studenten ungläubig gefragt wurde, ob die Mayas wirklich nur in Hängematten schlafen. Ja, das tun sie. Es ist platzsparend, hygienischer als eine Matratze und man kann sie überall hin mitnehmen, außerdem schützt Sisal vor Mücken. Deshalb müssten wir uns unbedingt einen Hipi-Hapa (den typischen Maya-Hut) kaufen. Und den gibt es als Originalarbeit nur in einem bestimmten Laden oder auf dem sonntags stattfindenden Markt in Mérida. Dann lädt er uns noch für den nächsten Abend zu einem Maya-Festival ein und gibt uns einen Zettel mit. „Um 20 Uhr beginnt das Fest,“ trichtert er uns ein. Wir machen uns auf den Weg zum Markt, als der Himmel plötzlich seine Schleusen öffnet. Die Temperatur fällt von angenehmen 26 Grad auf unter 15 und wir hasten durch den Wolkenbruch in unser Hotel.

Erst gegen Abend kann man wieder auf die Straße, die teilweise noch unter Wasser steht. Ich kaufe mir einen Hipi-Hapa. Er ist zwar teuer, aber wenn er gegen Malaria, Zika und Dengue hilft, ist das eine gute Investition. Und wenn nicht, habe ich etwas zum Lebensunterhalt der entsprechenden Familie beigetragen.

Im nächsten Geschäft wird mir etwas ganz besonderes angeboten: Eine Maquech (Makesch gesprochen), eine lebende Käferbrosche.

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In und um Mérida wird diese Brosche aus alter Tradition von Männern und Frauen an der Kleidung getragen. Der 3 bis 4 cm lange holzbohrende Käfer, der nicht fliegen kann, wird mit bunten Glassteinen und einer Kette beklebt, die man dann mit einer Sicherheitsnadel an der Kleidung befestigt. Wenn er nicht als Schmuck getragen wird, darf er sich in einem kleinen Terrarium erholen. Zurück geht diese Tradition auf eine alte Maya-Legende:

Die Lieblingstochter eines Maya-Herrschers war bereits einem Prinzen versprochen. Doch sie verliebte sich in einen ganz gewöhnlichen jungen Mann und der sich in sie. Als ihr Vater von dieser Beziehung erfuhr, wollte er den jungen Mann töten lassen. Die Prinzessin flehte jedoch um Gnade und versprach, ihren Liebhaber nie wieder zu sehen, wenn der Vater ihm das Leben schenken würde. In der Nacht kam ein Schamane zu ihr, der ihr einen Käfer brachte. Dieses sei ihr Geliebter, ließ der Schamane sie wissen. Der Vater habe auf der Verwandlung des Mannes bestanden. Die Prinzessin ließ den Käfer von ihrem Juwelier mit Edelsteinen bedecken und an einem der Beine ein goldenes Kettchen anbringen. Darauf hin befestigte sie das Insekt an ihrer Kleidung, damit es den Schlag ihres Herzens hören und die unendliche Liebe spüren solle.

Als wir am Montag Abend zur Universität laufen erfahren wir, dass das Maya-Festival bereits beendet ist. Entgegen der uns genannten Zeit hat es bereits um 18 Uhr begonnen. Stattdessen gehen wir zur Plaza de la Independencia vor der Kathedrale. Hier findet ab 21 Uhr eine Veranstaltung statt, die von der Tourismusbehörde organisiert wurde. Die Straße ist gesperrt, in einem großen Rechteck sind mehrere Reihen Stühle aufgestellt worden. Wir stehen direkt dahinter und sofort bietet uns das vor uns sitzende ca. 50 Jahre alte Paar seine Plätze an. Wir lehnen das nette Angebot dankbar ab. Im Stehen kann man alles viel besser überblicken. Als die Plätze später frei werden, hechtet eine junge Touristin nach vorne, um sie zu belegen.

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Es wird zuerst eine Maya Hochzeits-Zeremonie gezeigt,

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anschließend folgen typische Tänze zur Live-Musik aus Yucatan.

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Die Frauen tragen die üppig bestickten Kleider, die auch im Straßenbild noch hin und wieder zu sehen sind, die Männer weiße Hemden und Hosen.

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An jedem Abend findet irgendwo in der Altstadt eine Vorführung statt, die immer kostenlos ist, so wie auch die meisten Museen kein Eintrittsgeld verlangen.

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus in die 40 Kilometer entfernte Hafenstadt Progreso.

Die Hauptattraktion ist ein Pier, der 6,5 Kilometer weit ins Meer gebaut wurde. Er gehört damit zu den ängsten der Welt. Der Pier gehört zum Hafenbereich und ist für Fußgänger gesperrt. Stattdessen fahren LKW, um Waren aus und zu Containerschiffen zu befördern. Auch Kreuzfahrtschiffe legen hier an und die Passagiere werden mit Shuttlebussen hin und zurück gefahren. Gerade hat ein Riesenpott der amerikanischen Carnival-Line angelegt und die Passagiere überschwemmen den Strandbereich. Auf diese Touristen hat man sich hier eingestellt, denn in der Nähe des Piers gibt es alles, was das Touristenherz begehrt. Alkohol, Souvenirs und Massagen am Strand – zahlbar in US$. Auch die Einwohner Méridas nutzen die weiten Strände vor ihrer Haustür oft und gern.

Heute wollen wir die Paseo de Montejo in Mérida entlanglaufen. Diese vor über hundert Jahren errichtete Prachtstraße sollte der Mittelpunkt eines neuen Stadtzentrums werden.

Das ist zwar nicht passiert, aber diese Straße ist trotzdem sehenswert, allein der großen Villen wegen, die in verschiedenen Baustilen errichtet wurden.

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Am Ende kommt man zum Monumento a la bandera (Denkmal der Fahne), das in den 1960er Jahren von einem kolumbianischen Künstler geschaffen wurde.

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Es strotzt geradezu vor Symbolik. Auf dem Rückweg auf der anderen Seite der Allee kommen wir zu einer Bilderausstellung, die Fälle häuslicher und sexueller Gewalt in Yucatan thematisiert. Unter jedem Foto steht eine Information zu dem Opfer. Es sind fast alles Frauen, die älteste 35 Jahre alt, das jüngste Opfer ein 13 Monate altes Mädchen, das missbraucht, erwürgt und dann in eine Latrine geworfen wurde. Ich finde keine Worte, um Entsetzen, Wut und Trauer auch nur ansatzweise zu beschreiben.

Das kleine Museo de Arte Popular de Yucatan (Museum der Volkskunst) besuchen wir auf dem Rückweg.

Es befasst sich mit der handwerklichen Vielfalt Mexikos und Yucatans im besonderen. Stickereien, Werke aus Ton, Sisal, Metall und Holz werden liebevoll präsentiert. In einem separaten Raum läuft ein Film, der die Herstellung einzelner Kunstwerke noch genauer zeigt.

Zum letzten Mal laufen wir zur Plaza de la Independencia.

Die heutige Abendveranstaltung findet vor der Casa de Montejo statt, dem Haus des Gründers  von Mérida  Francisco de Montejo  im 16.Jahrhundert, das bis vor kurzer Zeit noch im Familienbesitz war. Inzwischen gehört es der Stadt und dient tagsüber als Museum (Eintritt frei) und zeigt noch Original-Einrichtungsgegenstände. Heute Abend bildet die Fassade den Hintergrund für eine großartige Lasershow die die Symbolik der Skulpturen und Friese auf der Fassade hervorhebt und erläutert. Die anschließende Theateraufführung thematisiert die Auseinandersetzung zwischen einem Maya Fürsten und Francisco de Montejo. Auf spanisch, aber mit auf die Nachbar- Fassade projizierten englischen Untertiteln.

Hasta pronto, Mérida. Schön war es; wir haben uns in dieser bunten quirligen Stadt sehr wohl und sicher gefühlt.